Ein Mensch

Berufsschule. Die Schülerinnen die keiner Religion angehören oder muslimisch sind, werden aufgrund der gleichmäßigeren Verteilung dem evangelischen Religionsunterricht zugeteilt. Schon zur ersten Stunde ist eine Mitschülerin genervt davon, dass die Lehrerin die muslimischen Schülerinnen etwas über ihre Religion erzählen lässt, damit ein besseres Verständnis füreinander aufkommt. Lautstark diskutiert sie mit der Lehrerin und verlässt den Raum mit den Worten: „Ich gehöre eh keiner Religion an und mit denen hier will ich keinen Unterricht machen!“

In der nächsten Woche, nachdem die Schülerin erfolglos versucht hatte, sich vom Religionsunterricht freistellen zu lassen, lässt die Religionslehrerin jede Schülerin einen Zettel ziehen. Auf diesem steht eine Zahl. Jede Schülerin soll sich mit der Schülerin zusammentun, die die gleiche Zahl gezogen hat.

Mein Glück fällt auf die Mitschülerin, die eine Woche zuvor den Unterricht verließ. Unsere Aufgabe lautet: „Schreiben Sie eine Bitte auf den Zettel und geben es Ihrer Mitschülerin. Lesen Sie die Bitte Ihrer Mitschülerin und kommen dann ins Gespräch.“

Die Bitte der Mitschülerin an mich lautet: „Lass‘ mich in Ruhe, ich will nicht reden!“

Meine Bitte an die Mitschülerin lautet: „Sehe in mir keinen Ausländer. Sehe in mir einen Menschen.“

© Serap Yıldırım / 2021

Beitragsbild: Jeswin Thomas on Unsplash

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