E oder O

Geschichtsunterricht. Der Lehrer, der auch Direktor des Abendgymnasiums ist, schreibt mehrere Länder an die Tafel. Eins davon falsch: Tschecheslowakei. Ich mache ihn auf den kleinen Fehler aufmerksam. Es müsse Tschechoslowakei heißen. Der Direktor rümpft die Nase.

„Es mag ja sein, dass es in ihrer Muttersprache so ist“, sagt er. „In der deutschen Sprache heißt das Land genau so, wie ich es aufgeschrieben habe. Schließlich heißen die Menschen, die dort leben auch Tschechen und nicht Tschechon.“

Ein leises Raunen geht durch die gesamte Klasse. Der Direktor fährt mit dem Unterricht fort. Alle Kommilitonen schauen sich gegenseitig an und schütteln die Köpfe. In der 5-Minuten-Pause holt eine Kommilitonin einen Atlas aus dem Sekretariat und legt es dem Direktor vor. Er rümpft die Nase und ändert schweigend das e in ein o.

© Serap Yıldırım / 2021

Beitragsbild: Nejc Soklič on Unsplash

24 Kommentare

  1. kleinlaute

    3. Abitursemester, Frau Dr. K., Doktor der Philosophie, gibt die durchgesehenen Kunstklausuren zurück, Thema: sakrale Architektur. Frau Dr. zu mir: „Deine Klausur habe ich im Gegensatz zu den anderen 5 Mal gelesen. 1. Warum weisst du so viel übers Christentum? 2. Warum hast du so wenig Fehler? 3. Rück lieber gleich raus damit: Wer hat dir die Arbeit vorgeschrieben?“…es ist zum Schießen mit den Lehrern!

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      1. mynewperspective

        Frage an Frau Dr. K.: 1. Wann wird jemand mit Ihrem kulturellen Hintergrund endlich die Vorurteile ablegen, die sie sich so schön aufrechterhalten? 2. Was für eine Pädagogin sind Sie, wenn sie bis zur Klausur das Potential Ihrer Schülerin nicht erkannt haben? 3. Welchen Anspruch stellen Sie an sich selbst als Lehrkraft, wenn Sie Menschen mit Migrationshintergrund gleich jegliche Kompetenz absprechen? … Kopfschüttel!!!

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        1. mynewperspective

          Ja, leider gibt es das aber heute immer noch. Eine Bekannte erzählte letztens erst, dass die Lehrerin ihre türkische Schülerin vorletztes Jahr fragte, was sie den über die Weihnachtsfeiertage machen würde, weil sie doch kein Weihnachten feiert. Die Schülerin meinte daraufhin, sie würden zu Hause Weihnachten feiern und die Lehrerin begann dann eine Diskussion mit ihr, warum sie den Weihnachten feiern würden, da sie doch kulturell gesehen gar nicht Weihnachten feiern dürften. … Soll mir mal jemand vorschreiben, welche Feiertage ich kulturell gesehen persönlich feien darf und welche nicht! Unglaublich. 😉

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          1. kleinlaute

            🤣 jaheiiii! Ich werde das auch manchmal gefragt. Ich sag dann immer: „Ich wurde bei meiner Einbürgerung dazu verpflichted.“ 😋 …da fällt mir ein, ich hab schon lange Lust „Migrantendialoge“ zu schreiben, nach dem Motto: „Wer hat die dolleren Geschichten“ 🙂 vielleicht lade ich dich dazu ein, liebe Serap.

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          2. mynewperspective

            „Bei der Einbürgerung dazu verpflichtet“ ist klasse! 🤣 Gefällt mir.
            Vielleicht könnte ich bei einer derartigen Frage zukünftig auch erzählen, dass die Eingebürgerten jährlich nach Zufallsprinzip angeschrieben werden und als einer der Heiligen Drei Könige am 6. Januar ihrem Pflichtdienst nachkommen müssen. 🤣
            „Migrantendialoge“ ist eine super Idee. Wenn es soweit ist, lass‘ es mich gerne wissen. Vielleicht kann ich etwas dazu beitragen.

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