Erzähl‘ es keinem

Unsere Nachbarin erzählt mir, dass sie gerade dabei ist ihren Führerschein zu machen. Sie möchte, dass ich es für mich behalte und es keinem weitererzähle, damit sie nicht von anderen Personen ständig gefragt wird, wie es läuft. Nach bestandener Prüfung sitzen anne, türkisch für Mutter, und ich bei der Nachbarin und feiern den frischgebackenen Führerschein. Genau zu dem Zeitpunkt finden anne und ich heraus, dass wir beide durch die Nachbarin zwar eingeweiht wurden, aber es uns gegenseitig nicht erzählten, weil die Nachbarin jede von uns darum bat, es keinem weiterzuerzählen. Genau das taten wir. Wir behielten die Information für uns selbst.

Die Nachbarin kann nicht glauben, dass anne und ich es tatsächlich so wörtlich genommen haben. Sie sagt selbst, dass sie es auf jeden Fall jemandem erzählt hätte, dem sie vertraut. An dem Tag lerne ich, dass „Erzähl‘ es keinem“ in unserer Familie sehr wörtlich genommen wird, andere Menschen jedoch dies als dehnbare Interpretationszone sehen.

© Serap Yıldırım / 2021

Beitragsbild: Kristina Flour on Unsplash

6 Comments

  1. gkazakou

    Ja, so ist es wohl, mit dem „erzähl es niemand“ öffnen sich oft die Türen des Klatsches weit. „Ich soll es ja nicht weitersagen, also bitte, sag es niemandem, dass die XY ihren Führerschein macht“ etc pp. Warum hat sie es euch gesagt? Und auch noch getrennt? Vielleicht WOLLTE sie, dass es alle erführen – unter dem Siegel der Verschwiegenheit natürlich?
    Ich habe es niemandem gesagt, als ich mit 57 meinen Führerschein machte – nicht mal meinem Mann, den ich mit unserem ersten Auto überraschte, (Er selbst fährt nicht).

    Gefällt 4 Personen

    1. mynewperspective

      Mir ist Verschwiegenheit sehr wichtig. Man könnte natürlich behaupten, dass ich ja auch einiges in meinen Geschichten preisgebe, aber kaum jemand wird wissen, um wen es eigentlich geht, außer die Personen selbst. Vielleicht auch ein Vertrauensbruch, auch wenn ich selten Namen, Orte, Länder etc. nenne, dann auch nur von Personen des öffentlichen Lebens.
      Mittlerweile denke ich, dass Menschen diese Verschwiegenheit zwar einfordern, aber selbst genügend Gründe finden, um es anders zu handhaben. Leider zeigt das meine mannigfache Erfahrung, über die ich mindestens ein Buch füllen könnte. Ich handhabe es wie Du: Wenn ich nicht will, dass etwas verbreitet wird, erzähle ich es auch keiner Person.
      Es gibt viele, die ganz erstaunt sind, dass ich mit „KEINEM“ auch die EhepartnerInnen und LebensgefährtInnen meine. Da sind doch einige ganz erstaunt, dass die Verschwiegenheit so weit gehen muss. Aber das ich keiner Menschenseele etwas davon erzähle, wenn sie EhepartnerInnen betrügen und sich bei mir ausheulen wollen, da wird mit zweierlei Maß gemessen. Mittlerweile sage ich in solchen „ich nutze Dich mal als Müllhalde für meine Schandtaten“ Gespräche, dass man mir nichts erzählen soll, denn ich werde es weitererzählen, weil ich die moralische Last anderer nicht tragen möchte.
      Früher war ich da mitfühlender, aber die Kiste an Fremdgeheimnissen ist mittlerweile überfüllt.
      Liebe Grüße

      Gefällt 5 Personen

  2. Spinnradl-Sabine

    Schöne Geschichte 😊
    Aber ich bin auch eher der Mensch, der lieber nichts erzählt anstatt „erzähl es niemand“ anfügen zu müssen.
    Außer ich habe irgendwelche Sorgen und Nöte und brauche jemand, der sie mit mir teilt. Aber das sind Menschen, denen muss ich das nicht sagen – die wissen, was Vertrauen bedeutet.
    Liebe Grüße
    Sabine vom 🕷 🕸

    Gefällt 1 Person

    1. mynewperspective

      Danke Dir sehr, liebe Sabine.
      Es ist schön, wenn man Menschen hat, mit denen man Nöte und Sorgen teilen und sich sicher sein kann, dass es auch nicht weitererzählt wird. Ich machte leider sehr oft gegenteilige Erfahrung. Daher behalte ich Dinge lieber für mich oder ich würde es eh erzählen und es wäre mir egal, wer was erfährt.
      Herzliche Grüße
      Serap

      Gefällt 1 Person

  3. Karin

    Das erinnert mich an die Kinderspiele „Stille Post“, da mußte es ja weite erzählt werden und heraus kam etwas ganz anderes…
    Ich handhabe das ganz unterschiedlich – es gibt Freunde, die sich da 100%ig auf mich verlassen können und es gibt andere, von denen ich sowieso weiß, das ich nicht allein Geheimnisträgerin bin, die vlt. sogar erwarten, dass ich etwas weiter erzähle; sie kommen sich dann wichtiger vor -:))

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    1. mynewperspective

      Das ist ja auch interessant, dass Dir etwas erzählt wird, damit Du es eigentlich weitererzählen sollst, obwohl es ein Geheimnis sein sollte. Die Variante kannte ich noch nicht. Zumindest dachte ich, dass dies eher nur in der Prominentenwelt (als Marketingstrategie) vorkommt. Ich nehme Dinge doch sehr wörtlich und dachte, dass es andere auch tun, aber dem ist wohl nicht so.

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