Was wäre, wenn …?

Geschichte von mir vorgelesen bekommen? Dann bitte Play-Button drücken.

An einem Morgen gehe ich noch schlaftrunken als erstes Richtung Küche, um Wasser für meinen Tee aufzusetzen. Ich schnappe meinen metallicrotglänzenden Wasserkocher, fülle und setze ihn auf und betätige den Schalter. Dann drehe ich mich um, um meinen noch müden Körper im Badezimmer mit einer kühlen Katzenwäsche zum Leben zu erwecken.

Kaum habe ich einen Schritt nach vorne gesetzt, stocke ich. Hatte sich da etwas an meiner Wand bewegt oder täuschte ich mich? Ich drehe mich um und von meinem Standpunkt aus sehe ich feine dunkle sich bewegende Striche auf meiner café-au-lait-farbigen Wand. Ich trete immer näher und meine müden Augen formen die sich bewegenden feinen dunklen Stricke langsam zu Ameisen!

Waaaaaaaaaaaaaas? Ameisen in meiner Wohnung?! Das kommt gar nicht in Frage! Die Katzenwäsche mit kaltem Wasser ist jetzt erst einmal vergessen, denn ich bin bereits auf einem Schlag hellwach und mein Fokus wendet sich nun von der Katze zu den Ameisen.

Okay, ich wohne in der Endetage eines dreistöckigen Hauses, meine Fenster sind verschlossen und vor dem Fenster befinden sich Fliegengitter. Anscheinend nehmen die ihren Aufgabenbereich sehr wörtlich und sind nicht für Ameisen zuständig.

Beindruckend, mit wieviel Disziplin, Ausdauer und Einsatz diese kleinen Räuber unterwegs sind.

Mein detektivischer Instinkt ist geweckt. Zuerst will ich herausfinden, wo diese Räuber hinwollen und verfolge eine der zweispurigen Ameisenstraße, die Richtung offener Küchenregal führt. Ich beobachte, wie eine nach der anderen Ameise ihren Weg in meine Kristallbonboniere finden und darin verschwinden. Diese Biester! Eine andere Ameisenstraße führt aus meiner Kristallbonboniere heraus. Diese Ameisen sind beladen mit kleinen Strängen der Süßigkeit, die ich vor zwei Tagen in die Bonboniere gefüllt habe.

Der relativ schwere geschliffene Glasdeckel, hielt keine Ameise davon ab, meine Süßspeise portionsweise aus ihr herauszutransportieren. Diese Räuberbande hatte nicht nur einen Weg gefunden um durch die klitzekleinste Ritze an meinem Fenster in die Wohnung zu dringen, sie hatte auch die klitzekleinen Ritzen zwischen Kristallschale und Kristalldeckel zu Nutze gemacht und gingen ganz selbstverständlich ihrem organisierten Verbrechen nach.

Bevor ich mich der Bonboniere zuwende, gehe ich Richtung Fenster, ziehe es hoch, um es zu öffnen, und beobachte die eindringenden und Raubgut heraustransportierenden Ameisen. Dann nehme ich langsam das Fliegengitter heraus, weil ich sehen möchte, woher die Ameisen kommen und wohin sie gehen.

Wow! Die zweispurige Ameisenstraße führt vertikal an der weißen Hauswand – soweit mein Sehvermögen reicht – nach unten. Das ist ein verdammt langer Weg für eine kleine Ameise und es sind verdammt viele Ameisen auf dieser Straße unterwegs. Beindruckend, mit wieviel Disziplin, Ausdauer und Einsatz diese kleinen Räuber unterwegs sind.

Nachdem dies geklärt ist, wende ich mich dem Hauptschauplatz des Verbrechens zu: der Bonboniere. Ich hebe langsam den Glasdeckel ab und beobachte wie die Ameisen ihren Weg rein- und auch bepackt herausfinden. Wie schon beim Fenster, lassen die Räuber sich von meinen Handlungen nicht davon beirren weiterhin ihre auszuführen.

Ich verfolge sie noch weiterhin aus dem Fenster, bis mein Auge sie nicht mehr wahrnehmen kann.

Mein Blick richtet sich auf das Innere der Bonboniere und ich bin beeindruckt. Vor zwei Tagen hatte ich eine türkische Süßspeise, Pişmaniye genannt, hier reingefüllt. Pişmaniye ist eine Süßigkeit, in der zuckerhaltige feine engelshaarähnliche Stränge zu Würfeln gepresst werden. Aber von diesen Würfeln war jetzt keine Spur mehr in der Kristallschale. Die Ameisen hatten – wie es scheint – sehr lange daran gearbeitet, die Würfel in der Bonboniere komplett zu zerlegen, um den Abtransport aus der kleinste Ritze einer geschlossenen Schale überhaupt möglich zu machen.

Um dem kriminellem Treiben in meiner Küche ein Ende zu setzen, nehme ich die Kristallschale aus dem Regal, was die ankommenden Ameisen in eine Sackgasse führt. Die in der Schale befindenden Ameisen setze ich auf das Außenfensterbrett. Die jeweils ankommenden und abtransportierenden Ameisen drehen verwirrt wenige Runden, scheinen untereinander aber gut zu kommunizieren und ziehen langsam aus meiner Küche ab. Ich verfolge sie noch weiterhin aus dem Fenster, bis mein Auge sie nicht mehr wahrnehmen kann. Meine zerlegte Süßspeise wandert in den Abfalleimer.

Höchste Zeit für meinen Tee!

Jahre später, um genau zu sein während ich jetzt diese Geschichte schreibe, stelle ich mir die Frage: Was wäre, wenn … ich eine Ameise wäre?

Was wäre, wenn …
… mir kein Weg zu weit ist, um meine Wünsche zu erfüllen?
… Hindernisse mich nicht davon abhalten, gesetzte Ziele zu erreichen?
… die Größe der Aufgaben mich nicht abschreckt, sie nach und nach anzugehen?
… ein Verlust in meinem Leben nicht das Ende bedeutet?
… es nicht tragisch ist, wenn meine langwierige Arbeit zunichte gemacht wurde?
… die Sackgassen, die mir gesetzt wurden, zu neuen Wegen führen?
… ich mich einfach umdrehe und gehe, wenn man mir die Ressourcen entzieht?
… mich nichts langfristig aus der Bahn wirft?

© Serap Yıldırım / 2018 – Revision 2020
Beitragsbild: Photo by Vlad Tchompalov on Unsplash
Sounds für Audio entnommen unter:

Shadow Tag – sneaky cartoon music with bursts of liveliness

Classical piano music, ‘Panjshir’

21 Kommentare

  1. Canan Uzerli

    Ich habe es mir mit großem Vergnügen, Schmunzeln und Lachen angehört, so fein und passend formuliert, ein Genuss!! So schön erzählt und die Musik passte mal wieder so richtig gut! Und ja, das Ende regte zum Nachdenken an….vielleicht können wir von den Ameisen auch lernen, dass es im Team besonders gut klappt und dass man nicht alles alleine schaffen muss! Alle für einen und einer für alle!

    Gefällt 3 Personen

  2. Spinnradl-Sabine

    Ja die Ameisen 😄
    ich fand die schon als Kind faszinierend.
    Bei meiner Oma gabs im Garten viele davon. Ich nahm dann altes Obst, legte es in die Nähe und schaute zu, wie sie es zerlegten. Währenddessen platzierte ich immer wieder Hindernisse in die Ameisenstraße – das war superspannend.
    Viel Grüße
    Sabine vom 🕷 🕸

    Gefällt 3 Personen

    1. mynewperspective

      Oh, wie toll, liebe Sabine! Ich stelle mir gerade alles bildlich vor, wie Du Hindernisse auf die Ameisenstraße baust und wie das Obst von den fleißigen Ameisen zerlegt wird. Es ist tatsächlich faszinierend.
      Als Kind faszinierte mich mal das Phänomen, dass ein Wassermelonenkern sich selbstständig bewegen kann, bis ich entdeckte, dass unter dem Kern eine Ameise am Werk war. 😉
      Herzliche Grüße
      Serap

      Gefällt 1 Person

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