Am Ende – Teil 2

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Am Ende – Teil 1
Am Ende – Teil 2

„Mehr fällt mir dazu nicht mehr ein.“ Schiebe ich nach kurzer Pause nach und meine eigentlich damit: „Können Sie verdammt nochmal aufhören zu schreiben und mich endlich mal anschauen?“

„Puh!“ ertönt es aus dem Mund des Prüfers, während er endlich seinen Kopf hebt und mich nun ansieht.

Na also, geht doch!

„Eine Verständnisfrage hätte ich noch.“ Er sucht in seinem Protokoll die passende Stelle und ich beantworte seine Frage kurz und knapp.

„Gut, Frau Yildirim. Dann bitte ich Sie, vor der Tür ein wenig zu warten. Wir werden uns beraten und sie danach wieder reinholen.“

Völlig verdutzt stehe ich auf und verlasse den Raum. Mir ist klar, was das bedeutet: Ich bin durchgefallen! Sie stellten mir nur eine einzige Frage. Ich bin durchgefallen! Ich schaue auf meine Armbanduhr und stelle fest, dass gerade einmal 12 Minuten vergangen sind. Die Prüfung dauert jedoch eine volle Stunde! Ich bin durchgefallen! Ich hätte mich nicht so weit aus dem Fenster lehnen dürfen! Wer bin ich eigentlich dem Professor zu sagen, was wohl seine Meinung wäre? Man, der Prof wird doch deshalb Richter Gnadenlos von uns genannt! Ich bin durchgefallen! Aber vielleicht könnte ich noch verhandeln. Nicht mit dem Prüfer, aber dem Beisitzer. Er ist ein ganz sozialer. Ein ausreichend wäre völlig akzeptabel für mich, dann wäre die Prüfung wenigstens bestanden. Mehr brauche ich doch wirklich nicht. Ich will doch einfach nur, dass es ein Ende hat. Heute! Hier und jetzt! Keine weitere Verlängerung mehr! Verdammt ich bin durchgefallen!

„Frau Yildirim, kommen Sie bitte rein.“

Gefasst setze ich mich hin und erzwinge ein kleines Lächeln, während ich den Prüfern nun erneut gegenübersitze und wir uns ansehen.

„Frau Yildirim, wir sind beide der Ansicht, dass das eine exzellente Leistung von Ihnen war und genau so haben wir es auch bewertet. Herzlichen Glückwunsch.“

Er schieb mir den verschlossenen DIN lang Briefumschlag mit dem Ergebnis herüber, der für das Prüfungsamt bestimmt ist.

„Ich versteh nicht ganz, wie meinen Sie das?“

„Sie haben Ihre mündliche Prüfung soeben mit „sehr gut“ bestanden.“

An diesem Punkt breitet sich eine völlige Überforderung in mir aus. Gerade noch dachte ich, dass ich durchgefallen sei und jetzt wird mir erzählt, dass ich nicht nur die Prüfung bestanden, sondern auch eine Note bekam, die in der Rechtswissenschaft so selten vergeben wird. Hier konnte doch etwas nicht stimmen.

„Warum?“ frage ich verdutzt allen Ernstes, anstatt mich zu bedanken, den Umschlag zu schnappen und den Raum zu verlassen. „Sie stellten mir nur eine einzige Frage, wir haben nicht einmal ein Viertel der Prüfungszeit hinter uns und dann eine Bewertung, die sich kaum in diesen Fachbereich verirrt.“

Frau Yildirim, vertrauen Sie uns und gehen nun endlich feiern!

„Das ist wohl wahr, dass wir sehr selten eine eins vergeben, sie haben eine bekommen. Warum kann ich Ihnen sehr genau sagen: Sie haben eine simple Eingangsfrage so detailliert seziert, was sich in der sehr umfassenden Antwort widerspiegelte. Was uns ganz besonders gefiel, war die Tatsache, dass sie neben der ausführlichen juristischen Auseinandersetzung auch noch weitere Aspekte einbrachten, die wir sonst nie hören. Weder von unseren Hauptfachstudenten, noch von denen, die dieses Fach als Neben- oder zweites Hauptfach studieren und eine andere Basis mitbringen. Wir hören immer nur das, was in den Lehrbüchern steht. Ich kann mich nicht erinnern, dass bisher jemand sich die Mühe machte, sich gedanklich auch mit meiner Meinung in der Prüfung zu befassen. Auch müssen wir zugeben, dass die berechtigten Fragestellungen zum Schluss Ihrer Ausführungen von uns nicht beantwortet werden können. Wir haben gerade darüber gesprochen, dass wir uns bisher noch nie mit derartigen Gedankengängen beschäftigt haben, aber sollten. Sie haben Ihre Prüfungsfrage erschöpfend beantwortet, wir können auf Ihre Fragen jedoch keine Antworten geben. Zu guter Letzt, hätte es keinen Sinn ergeben, Ihnen weitere Fragen zu stellen. Sie hätten nicht besser werden können, daher gab es keinen Anlass, die Prüfung unnötig in die Länge zu ziehen. Wir hoffen, dass diese Note Ihren Gesamtdurchschnitt aufwertet.“

„Mein bisheriger Durchschnitt liegt bei „sehr gut“. Also bleibt es bei diesem Ergebnis. Das ist meine letzte Prüfung.“

„Na, das ist doch dann ein weiterer Grund, Ihren Erfolg zu feiern! Nochmals Herzlichen Glückwunsch!“

Nicht glaubend, was soeben passierte verlasse ich den Raum. Kehre jedoch nach ein paar Schritten wieder zurück und frage die Professoren allen Ernstes, ob in dem verschlossenen Umschlag für das Prüfungsamt nicht eventuell eine andere Note steht.

„Frau Yildirim, vertrauen Sie uns und gehen nun endlich feiern!“

Zum Feiern ist mir in dem Moment nicht zu mute. Denn die letzte Energie, die ich hauptsächlich aus der Wut auf den Beisitzer zog, ist ebenfalls aufgebraucht. Gefeiert wird irgendwann später.

Immer noch nicht fassen könnend, was, wie, warum und weshalb so gelaufen ist, begebe ich mich über den Campus Richtung Auditorium. An dem Abend wird, wie es jedes Jahr Tradition ist, der Filmklassiker die Feuerzangenbowle gezeigt. Viele meiner Freunde arbeiten dort. Sie fragen mich, wie es gelaufen ist. Ich verkünde ausgelaugt die gute Botschaft. Von Gratulation, über Erstaunen bezüglich der Note, bis zur bissigen Bemerkung, dass andere auch lernen und keine „eins“ bekommen und ich alle Einser einsammle, ist alles dabei. Auch hier wieder eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Noch ist es gefühlt kein glückliches Ende, schon gar nicht, wenn so eine Art Neid einem entgegengeschleudert wird. Er überschattet alle ernst gemeinten Glückwünsche.

Erst Wochen später, realisiere ich nach und nach, dass am Ende alles nicht nur gut, sondern „sehr gut“ ausgegangen ist. Am Ende freue ich mich über meinen Erfolg, der viel, wirklich sehr viel von mir abverlangte. Am Ende merke ich ebenfalls, dass der Neid, meiner erreichten Note, aber nicht dem beschwerlichen Weg gilt, den ich dafür gehen musste. Am Ende weiß ich nicht einmal, welche Fragen ich den Professoren stellte, die mir diese außergewöhnliche Note einbrachte. Am Ende glaube ich sogar daran, dass es doch so etwas wie eine Magie des Lebens gibt, die mich dazu brachte, die Dokumentation mitten in der Nacht zu schauen, um in der Prüfung entscheidende Schlüsse daraus zu ziehen. Am Ende lerne ich ebenfalls, dass auch ein Richter Gnadenlos vielleicht gar nicht so gnadenlos ist, wie wir Studenten alle dachten. Am Ende erfahre ich, dass sich Mut durchaus auszahlen kann im Leben. Am Ende mache ich die Erfahrung, dass Wut eine Energie ist, die ich zu meinen Gunsten nutzen kann. Am Ende verstehe ich, dass das Leben eine andere Zeitvorstellung für das Ende verbirgt, als ich es selbst tue. Am Ende sehe ich, wieviel Energie noch in mir steckt, auch wenn ich sie nicht mehr spüre. Am Ende bin ich stolz auf meine Leistung, die punktgenau zur Hochform auflief. Am Ende vertraue ich, das das Leben die besseren Pläne für mich macht, als ich manchmal selbst. Am Ende öffne ich eine neue Tür zu neuen Abenteuern in meinem Leben.

© Serap Yıldırım / 2020

Beitragsbild: Alex on Unsplash

22 Comments

  1. Jules van der Ley

    Wie immer erstaunt mich die detaillierte Erinnerung nicht nur der Dialoge, sondern auch der Erwägungen. Wenn auch nicht alles authentisch sein kann, dann ist es sehr gut und passend erfunden. Übrigens fand ich die Schilderung des Prüfungsverlaufs gut geschriebenen und zwar so, dass du deine Befürchtungen, nicht bestanden zu haben, in den Vordergrund stellst, wiewohl man als Leser längst merkt, dass die geschilderte Leistung nur sehr gut bewertet werden kann.

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    1. mynewperspective

      Was das Geschehene und das Gesagte betrifft, scheine ich ein Elefantengedächtnis zu besitzen. Würde man mich jedoch danach fragen, wie die Personen aussahen, kann ich höchsten berichten: Die Professoren waren Männer um die 50. Da hört es aber schon auf. Auch mit Namen habe ich meine Probleme. Früher, zur Schulzeit wusste ich meist nach den Ferien nicht mehr, wie die Lehrer und die Klassenkameraden hießen, aber wer, wann, was gesagt und getan hat, kann ich auch nach Jahrzehnten wiedergeben. Meine Familie und Freunde nutzen mich nicht selten als Informationsquelle, was das betrifft. Müsste ich meine eigene Mutter beschreiben, müsste sie entweder vor mir sitzen oder ich müsste ein Bild von ihr haben, um dies zu tun.
      Ehrlich gesagt, frage ich mich heute noch, wie ich zu der Note kam, bei diesem Professor und meiner gefühlt miserablen Verfassung. 😊

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  2. pflanzwas

    Ende gut, alles gut! Ich war richtig erleichtert, als der Prüfer dich endlich angesehen hat. Das war so krass, so, wie du es beschrieben hast! Interessant aber auch, was dein Eindruck von der Situation war. Sie waren also nur hochkonzentriert (trotzdem wäre ein Blick doch mal drin gewesen oder?). – Wow, und dann hast du so super abgeschlossen. Ja, manchmal geht vorher alles schief, man zweifelt an allem und plötzlich fügt sich alles und das noch zum Besten 🙂 Oft geht es leichter, wenn man loslassen kann, wenn einem alles egal ist.

    Deine Schlußfolgerungen aus der Situation damals haben sich also positiv auf dein weiteres Leben ausgewirkt. Auch das eine tolle Erfahrung / Entdeckung. Was einem mal wieder zeigt, daß etwas negatives sich zu etwas positivem wandeln kann. Schön, daß der „Krimi“ so ein Happy End genommen hat. Da kann ich gut schlafen heute 😉 LG Almuth

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    1. mynewperspective

      Herzlichen Dank, liebe Almuth.
      Ja, ich denke, weil ich aus der Wut heraus pausenlos ohne Punkt und Komma geredet habe, blieb den Profs wohl nichts anderes übrig, als schreibend „mitzukommen“. Ich erinnere mich, dass mein Prüfer schon bei der vierten DIN A4 Seite angekommen war, wobei er keine große Schrift hatte. Gar nicht auszumalen, was passiert wäre, wenn die mich tatsächlich hätten eine Stunde lang reden lassen. 😉
      Manchmal sind die Pläne des Lebens eben anders, als unsere. Interessant ist, dass meine Prüfung im ersten Hauptfach auch nicht ohne war (vier unterschiedliche Sprachen in einer Stunde, plus ein Literatur- und ein Geschichtsthema), aber eine derartige Leistung im Fachbereich Rechtswissenschaften bei genau diesem Professor zu erzielen, war und ist für mich immer noch ein unglaubliches Phänomen. Für alle anderen, die diesen Professor kennen auch. … Aber, ich werde mich nicht beschweren und bin glücklich über den Happy End im Studienabschlusskrimi.
      Herzliche Grüße
      Serap

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