Am Ende – Teil 1

Geschichte lieber von mir vorlesen lassen? Dann bitte Play-Button drücken.

Meine mündliche Abschussprüfung im zweiten Hauptfach Strafrecht steht bevor. Wenn ich sie bestehe, werde ich bald meinen Magister in den Händen halten und die Strapazen der letzten drei Jahren werden endlich ein Ende nehmen.

Kurzer Rückblick: Schaut man sich meine Gesamtsemesteranzahl an, kommt man auf Sage und Schreibe acht Jahre Studium. Dabei belegte ich alles in der Regelstudienzeit von neun Semestern, also viereinhalb Jahren, doch das Leben anderer und meine Abhängigkeit zu diesen Personen legte letztendlich fest, wann ich tatsächlich einen Abschluss erzielen konnte. Durch die Krankheit der einzigen Professorin in meinem ersten Hauptfach Turkologie erhielt ich meine notwendigen Scheine für bereits mehrfach abgegebene Hausarbeiten fast drei Semester später, dafür alle auf einmal. Endlich reichte sie auch mein Thema für die Magisterarbeit ein, die ebenfalls schon komplett fertiggestellt war. Zehn Tage später verstarb sie. Es dauerte fast ein weiteres Semester, bis eine vorübergehende Nachfolgeregelung getroffen wurde. Während die Interimsperson nun meine Magisterarbeit begutachtete, zog mein Zweitgutachter weg und lehrte nun an einer anderen Universität. Er brauchte über zwei Semester meine Magisterarbeit zu lesen. Mit wie vielen Anrufen, Nachrichten, E-Mails und Einwurfeinschreiben mit Rückantwort ich ihn in dieser Zeit bombardierte, um ihn endlich dazu zu bringen, das Gutachten zu erstellen, möchte ich gar nicht mehr wissen.

Als ob das nicht schon alles nervenaufreibend genug ist, gab es zwischenzeitlich eine neue Strafrechtsreform, so dass ich wieder Vorlesungen und Seminare belegen musste, da meine Kenntnisse mittlerweile veraltet waren. Außerdem erinnerte sich natürlich kein Professor mehr an eine Studentin, die im zweiten Hauptfach Strafrecht studiert und seit knapp fünf Semestern nicht mehr anwesend ist. Also musste ich mich wieder in ihr Gedächtnis rufen. Lange Rede, kurzer Sinn, die Magisterarbeit war zwischenzeitlich bewertet, die mündliche Prüfung im ersten Hauptfach bestanden und die allerletzte Hürde musste nun genommen werden.

Eine Woche vor der Prüfung nehme ich mir Urlaub von der Vollzeittätigkeit, die ich ausübe, um mich finanziell zu versorgen und stürze mich intensiv auf die Materie. So richtig konzentrieren kann ich mich jedoch nicht. Das Hin und Her der letzten drei Jahre zerren an meinen Nerven. Zudem kriselt es in meiner Beziehung gewaltig. Dann halten mich Studienkollegen für suizidal, weil ich mir einen Prüfer aussuchte, der für alles bekannt ist, nur nicht für seine milde Art. „Bist Du von Sinnen? Der wird Dich in der Luft zerfetzen!“ ist nur einer der zahlreichen Kommentare, die ich mich anhöre. Da ich meine neuesten Seminare jedoch bei diesem Professor belegte, halte ich es für die beste Möglichkeit, die sich mir bietet. Der zweite Professor, also Beisitzer und Protokollant gehört zu den sozialeren Professoren, wird mich jedoch nicht prüfen.

Körperlich, wie auch geistig völlig am Ende sitze ich am Abend vor der Prüfung über meinen handschriftlichen Notizen. Als ich mit dem Lesen am Ende der ersten Seite angekommen bin, breche ich plötzlich, ohne aktuellen Anlass, in Tränen aus. Meine Augen produzieren Wasserfälle, die nicht aufhören in Strömen zu fließen. Eine sehr lange Zeit weine ich ganz bitterlich. Als ich langsam wieder zu mir komme, sind meine Notizen dermaßen durchnässt, dass die Buchstaben in königsblauer Tinte auf den DIN-A4-Blättern einer experimentellen Batikarbeit gleichen. Jetzt könnte ich erst recht heulen, da meine Unterlagen, an denen ich über eine Woche intensiv arbeitete und die mich auf die Prüfung vorbereiten sollen, nicht mehr brauchbar sind.

Der Zweitprüfer lässt auf sich warten und zwar über eine halbe Stunde!


Es ist mittlerweile mitten in der Nacht. Weder lernen noch schlafen ist möglich. Notgedrungen setze ich mich vor die Glotze und zappe herum, bis ich bei einer Dokumentation über Ehrenmorde in der Türkei hängenbleibe. Traurigerweise korrespondiert mein Gemüt mit der präsentierten thematischen Aufbereitung und ich lasse mich von einem schrecklichen Thema berieseln. Schlimmer kann es wohl nicht mehr werden.

Am nächsten Tag, mit nur sehr wenig Schlaf, falls ich es überhaupt so nenne kann, begebe ich mich zu einem Bewerbungsseminar von 12- 18 Uhr, welches für Studenten angeboten wird, die kurz vor Ihrem Abschluss stehen. Es ist gerade die beste Ablenkung, die ich bekommen kann, um 19 Uhr bin ich dann hoffentlich bereit für die letzte Prüfung an der Uni. Nur wenige Minuten vor Prüfungsbeginn, sitze ich im Büro des Professors. Der Zweitprüfer lässt auf sich warten und zwar über eine halbe Stunde! Ein Student hätte eine längere Präsentation gehalten, als geplant, da war es dem Professor nicht möglich, ihn zu unterbrechen! Im Ernst? Soll das ein Scherz sein? Ich bin doch eh schon am Ende!

Als wir endlich mit der Prüfung beginnen, ist für mich alles schon vorbei. Mein allgemeiner Energiehaushalt befindet sich geschätzt im Negativbereich, angemessen vorbereitet fühle ich mich nicht, aber ich bin durch die unverschämte Verspätung des Beisitzers gerade auf 180!

Mir wird die erste Frage im Bereich des internationalen Strafrechts gestellt. Der Professor gibt mir einen kurzen Fall und will wissen, wie ich nun vorgehe und warum. Die Antwort auf die Frage bzw. den Fall zielt auf den Paragrafen ab, den ich am Abend zuvor – noch vor meinen Heulkrampf – lesen konnte. Es beruhigt mich innerlich ein wenig, dass ich zumindest etwas sagen kann. Ich nenne also den Paragraphen, die entsprechenden zwei Absätze, erläutere meine Entscheidung während beide Professoren auf ihre Papiere blicken und mitschreiben. Mich irritiert es, dass der Prüfer mich nicht mal anschaut. Dass er mitschreibt, ist üblicher Vorgang, aber er könnte doch hin und wieder mal aufschauen oder nicken oder irgendeine Regung zeigen, um mir zu signalisieren, ob ich richtig oder falsch liege. Aber nein, nichts dergleichen passiert. Das alles treibt mich weiter rauf auf die Palme und ich rede pausenlos weiter, während beide Professoren pausenlos mitschreiben.

Nachdem ich die Einordnung und ausführliche Erklärung des nötigen Paragraphen abschließe, gehe ich lang und breit dazu zur über, wie die herrschende Meinung in der Rechtsfrage ist. Danach schließe ich an, welche Mindermeinungen in diesem Diskurs ebenfalls in Betracht gezogen werden können. Noch immer schauen mich beide Professoren nicht einmal ansatzweise an und ich werde zunehmend wütender. Da mein Prüfer dafür bekannt ist in folgender Reihenfolge zu lehren: Herrschende Meinung, Mindermeinung, Meine Meinung(!), triggert mich die Wut in mir nun darzustellen, was wohl die persönliche Meinung des Professors zu diesem Thema sein könnte. Dabei berufe ich mich auf seinen Aussagen in den Seminaren, seine übliche Denkweise, die unterschiedlichen Ansätze, die er gewöhnlich in Betracht zieht und hänge mich dabei ganz weit aus dem Fenster, um irgendeine rückmeldende Reaktion zu erzielen. Doch beide Professoren schreiben ohne eine Miene zu zucken weiter und würdigen mich nicht einmal eines kleinen Blickes. Kein gutes Zeichen, denke ich und rede ohne Punkt und Komma weiter. Da nun alles abgehakt ist, was es zu diesem Fall zu sagen gibt, aber ich mich nicht in Sicherheit fühle, wage ich mich mir den finalen Todesstoß zu versetzen, damit es die Profs nicht tun müssen und sage ihnen, wie meine Meinung zu der Sachlage ist! Jawohl, ich bin eh schon weit über die 180 hinaus, also warum nicht jetzt noch meinen eigenen Senf dazugeben, damit das Ganze wenigstens ein würziges Ende bekommt?!

Den Professoren, die immer noch schreiben und mich keines Blickes würdigen, rufe ich in Erinnerung, dass ich im Hauptfach Turkologie studiere, selbst mit unterschiedlichen Kulturen aufgewachsen bin, mich im Zuge meines Studiums mit diversen ausländischen Rechtssystemen befasst habe und gerade gestern Nacht noch eine Reportage zum Thema Ehrenmorde sah und fange an, die vorgegebene Thematik aus meiner ganz persönlichen Perspektive zu beleuchten und darzulegen. Nachdem ich alles in ein ganz anderes Licht rücke und Fragen stelle, die ich durch das vorgegebene Rechtssystem nicht beantworten kann, aber eigentlich sollte, beende ich die Beantwortung meiner ersten Prüfungsfrage damit, indem ich das gesamte Rechtssystem und somit auch indirekt meine langen Jahre an der rechtswissenschaftlichen Fakultät in Frage stelle.

Während ich nun endlich schweige, sind die Prüfer immer noch damit beschäftigt zu schreiben.

Fortsetzung folgt nächste Woche Dienstag, 27. Oktober 2020 …

© Serap Yıldırım / 2020

Beitragsbild: Alex on Unsplash

19 Comments

  1. theatrealtair

    And now ? tell me that it is a happy end 🙂 – As a teacher – and examiner for so many years…. writing is a pretty good sign. And as a teacher always, I will tell you that every music has its tempo, every student has his rhythm and it is not the years that count, but how, at the end of your studies, you are ready to enter the scene as a professional, thinking: I am not ready at all! 🙂 All the best to you, Serap ❤ Barbara

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    1. mynewperspective

      Sorry, no spoiler alert! You need to wait until next Tuesday for part 2 and the end. 😉
      It was a struggle to graduate (almost 15 years ago) because I was ready, but the bureaucracy made it impossible to get the final degree. However, you all have to wait until next week to see, what the outcome was.
      With Love,
      Serap

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  2. f e e r l u w a

    das mit der Palme kann ich absolut nachvollziehen … keine Rückmeldung in Gestig, Mimik oder Wort zu erhalten ist in solchen Prüfungs-Situationen (von denen das Leben nicht nur theoretische, sondern auch praktische bereit hält) die Hölle …. bin gespannt …

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    1. mynewperspective

      Ja, so was war ich von den anderen Prüfungen zuvor gar nicht gewohnt. Kann aber auch daran gelegen haben, dass ich ohne Punkt und Komma geredet habe und die Profs, einfach keine Zeit hatten, irgendeine Regung zu zeigen, außer alles mitschreiben zu können. 🙂

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  3. romantickercarolinecasparautorenblog

    Das klingt alles sehr leidenschaftlich, fachlich begründet und sicher anders als gewohnt. Dazu noch ein Aufzeigen/Sehen der Grenzen der Gesetzgebung bzgl. Gerechtigkeit in bestimmtem Kontext. Also mich hätte das sehr beeindruckt.
    Ich wünsche jedenfalls zum Ausgang alles Gute.
    Wobei mich besonders die Sicht auf Ehrenmorde sehr interessieren würde, weil mir das Schwarz-Weiß-Denken hierzu missfällt.

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    1. mynewperspective

      Vielen Dank! Selbstverständlich werde ich nichts verraten, was nächste Woche veröffentlicht wird. Ich bin ein, wenn man es so nennen will, „Risiko“ eingegangen, weil es sich so ergeben hat in dieser Situation, aber sicherlich auch, weil ich einfach so ticke, wie ich ticke. Einseitige Betrachtungsweisen scheinen nicht mein Ding zu sein.
      Bezüglich der Ehrenmorde gibt es sicherlich viel Material zum Lesen. Vertieft habe ich das Thema nicht wirklich, aber mein Ansatz war damals eher der rechtsphilosophischen Natur gepaart mit den einzelnen kulturell-historischen Hintergründen. Ein Schwarz-Weiß-Denken diesbezüglich verkauft sich zwar ganz gut in den Medien, aber führt selten zu konstruktiven Veränderungen in der Gesellschaft bzw. in der rechtlichen Verankerung.

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  4. pflanzwas

    Was für ein Cliffhanger! Mein Gott, all diese Jahre mit dem Hin und Her. Das ist ja ein richtiger Studienkrimi gewesen. So manch einer hätte das Handtuch geworfen. Da hast du viel Geduld bewiesen. Die Prüfungssituation ist ja auch hammerhart, dieses Ignorieren und nicht Anschauen, da möchte man doch auf den Tisch hauen! Ich bin gespannt, wie dein „Selbstmordkommando“ weitergeht. Ich hoffe, daß du diese merkwürdigen Profs noch aus der Fassung bringen wirst 😉

    Gefällt 3 Personen

    1. mynewperspective

      Bei diesem Kommentar musste ich schallend lachen, liebe Almuth. Vielen Dank dafür! Ein Studienkrimi, das Selbstmordkommando, … köstlich, einfach nur köstlich! Sofort sah ich die Schlagzeile und den Bericht in der Boulevardpresse: „Türkische Studentin stürzt sich in den Selbstmord während einer Strafrechtsprüfung. Noch ermittelt die Polizei, ob es sich um einen vertuschten Ehrenmord handelt! Die Professoren berichten, dass die Studentin das Thema mit in die Prüfung brachte. Alles nur Zufälle ohne Kausalzusammenhang? Weitere Details werden nächste Woche bekanntgegeben. Wir werden berichten.“
      Herzliche Grüße
      Serap

      Gefällt 3 Personen

      1. pflanzwas

        Das war mir gar nicht bewußt, daß ich es sooo drastisch formuliert hatte, hihi, aber deine Geschichte hatte schon viel Pulver für eine brandheiße Geschichte 😉 (ich hänge gerade bei der Redewendung, aber du weißt, was ich meine, hoffe ich). Wie gesagt, ich bin gespannt!!! Liebe Grüße
        Almuth

        Gefällt 2 Personen

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