Die Braut, die sich nicht traut

Geschichte lieber von mir vorlesen lassen? Dann bitte Play-Button drücken.


Ein Samstag. Der beliebteste Tag, um eins der schönsten Ereignisse des Lebens zu feiern. Aber auch der teuerste Wochentag, denn samstags sind die Mietkosten für Veranstaltungssäle am höchsten. Doch wer schaut auf die Kosten, wenn damit nicht nur das eigene Glück, sondern auch ein gewisser Status ausgedrückt werden möchte?

Seit dem späten Nachmittag füllt sich der Saal mit den Hochzeitsgästen. Nach über zwei Stunden sind die vorhandenen 1000 Stühle besetzt und die mehrköpfige Band heizt die tanzbereite Gesellschaft ein. Alles geht seinen Gang. Stunde um Stunde schwingen das Brautpaar, die Eltern, Freunde, Verwandte und Arbeitskollegen zum Viervierteltakt die Hüften, trinken, speisen, lachen und amüsieren sich.

Ein sehr altes türkisches Sprichwort aus einer noch nicht motorisierten Zeit der Menschheit lautet: Gelin ata binmiş, “ya nasip” demiş. Übersetzt bedeutet es: Die Braut steigt auf das Pferd und spricht: „Möge es vergönnt sein!“ Einer der Legenden nach stammt dieser Spruch aus einer Zeit, wo ein Gutsherr um die Hand einer jungen Dame bei ihrem Vater anhält und der Vater statusbedingt nicht widersprechen kann. Der Gutsherr bekommt die Tochter sogar ohne die Vereinbarung der üblichen Brautgabe. Am Tag der Hochzeit wird die Braut vom Bräutigam und seiner Gefolgschaft in ihrem väterlichen Zuhause abgeholt. Während der Bräutigam nun ganz vorn die Hochzeitsgesellschaft anführt und zu seinem Haus geleitet, wo die Hochzeitsfeier stattfinden wird, fällt die Braut vom Pferd. Die Bediensteten des Gutsherrn fragen ihn, was sie nun tun sollen. Lapidar antwortet er: „Wer von allein hinfällt, muss auch in der Lage sein, von allein wieder aufzustehen.“ Die Braut schafft es mit ihrem voluminösen Gewand ohne Hilfe wieder auf das Pferd zu steigen. Sie folgt jedoch nicht mehr dem Bräutigam, sondern kehrt zurück zu ihrem Vater. Die Bediensteten des Gutsherrn rufen ihm zu, dass die Braut umgekehrt sei. „Soll sie doch“, antwortet er „sie hat mich eh nichts gekostet.“

Diese Legende geht zwar weiter und endet märchenhaft mit einem wertschätzenden Happy End, doch wenden wir uns noch einer weiteren zu:  Nach dieser spielte wohl Liebe und familiäre Übereinkunft in gewissen feudalen Zeiten keine Rolle, wenn ranghohe Personen aufgrund ihres Status‘ ein sogenanntes Anrecht auf eine Heirat mit einer bestimmten Dame hatten. Nicht selten soll es vorgekommen sein, dass eine Braut an ihrem Hochzeitstag mit einem anderen Bräutigam verheiratet wurde. Bis vor dem Vollzug der Ehe konnte sich das Blatt also jederzeit wenden.

Das deutsche Pendant zum türkischen Sprichwort ist gut mit „Man sollte den Tag nicht vor dem Abend loben“ zu vergleichen, auch wenn der historische Kontext ein anderer ist.

Der Hochzeitstag in dieser Geschichte sollte ebenfalls nicht vor dem Abend gelobt werden, denn während die Gäste nach einer langandauernden Geschenkzeremonie für das Hochzeitspaar wieder die Hüften schwingen, erreichen die Feierlichkeiten einen unvorhersehbaren Höhepunkt: Die Braut ist spurlos verschwunden!

Diese Hochzeit wird stattfinden!

Was war passiert?

Rückwirkend erfährt man, dass die Braut ganz und gar nicht daran interessiert war, den Bräutigam zu heiraten. Die Familie des jungen Mannes hielt offiziell bei dem Vater der jungen Frau um ihre Hand an und dieser willigte ein, ohne auch nur daran zu denken, seine Tochter zu fragen. Der zukünftige Bräutigam schien eine gute Partie zu sein und der Vater konnte sich wohl keinen besseren Schwiegersohn vorstellen.

Die Tochter offenbarte ihren Eltern, dass sie bereits einen Freund habe, den sie liebe und es für sie nicht in Frage kommen wird, diesen für sie auserwählten Mann zu heiraten. Sie bittet den Vater, dass die Eltern ihres Freundes ebenfalls um ihre Hand anhalten und er sich umentscheidet. Der Vater verneint. Die junge Frau spricht daraufhin mit dem auserwählten Bräutigam und stellt klar, dass sie nie seine Frau werden wird und er doch bitte von der ganzen Sache absehen soll. Der angehende Ehemann verneint. In ihrem Bestreben, diese arrangierte Ehe nicht Wirklichkeit werden zu lassen, spricht die junge Frau mit ihrer Mutter, die ihrem Ehemann ins Gewissen reden soll. Die Mutter verneint.

Die junge Frau lässt nicht locker, nochmal und in aller Deutlichkeit macht sie ihrem Vater klar, dass diese Ehe für sie nicht in Frage kommt. Während beidseitig die Emotionen in der Diskussion hochkochen, möchte die klagende Tochter von ihrem Vater wissen, was dieser von ihr erwartet.

„Diese Hochzeit wird stattfinden!“ brüllt er. Das ist seine Erwartung.

„Du willst, dass diese Hochzeit stattfindet?“ fragt sie ihren Vater.

„Ja. Genau. Diese Hochzeit wird stattfinden!“ wiederholt er.

Monate später findet die Großhochzeit an einem Samstag statt. Noch vor der standesamtlichen Trauung der beiden jungen Menschen. Tausend Gäste im Saal. Doch wo ist nun die Braut?

Nach der Geschenkzeremonie begab diese sich mit zahlreichen Freundinnen in die Waschräume. Dort zog sie sich um und verließ mit dem geschenkten Geld und Goldschmuck den sie trug oder welches an ihr Hochzeitskleid provisorisch angepinnt wurde den Hochzeitssaal und setzte sich in das Auto ihres Freundes, den Mann den sie liebte, der, der stundenlang auf sie draußen wartete und fuhr in ein neues selbstbestimmtes Leben.

Als die Mutter der Braut nach über 20 Minuten die Waschräume betritt, um nach ihrer Tochter zu schauen, ist von ihr nur das in sich zusammengesackte Brautkleid in einer der Toilettenkabinen übrig. Die Freundinnen berichten, dass die Tochter weg sei. Doch eine letzte Nachricht für den Vater steht noch aus. Durch die beste Freundin lässt die entlaufene Braut ihm ausrichten, dass sie seinem Wunsch nachgekommen sei: Die Hochzeit, an der im so viel lag, fand statt.

© Serap Yıldırım / 2020

Beitragsbild: Kenny Luo on Unsplash

10 Comments

    1. mynewperspective

      Ja, die Geschichte macht tatsächlich nachdenklich. Hoffe, der Vater dachte auch lang und breit darüber nach, was er tat.

      Leider kann ich Dir kein türkisches Märchenbuch empfehlen. Als Kind mochte ich die Geschichten von „Nasrettin Hoca“ und die Schattenspiele von „Hacivat & Karagöz“. Höre / Schaue ich mir heute noch an.

      Gefällt 1 Person

      1. Susanne Haun

        Danke für den Tipp zu Nasrettin Hoca, Serap. Ich habe einen Link dazu beim googeln von „Nasrettin Hoca und deutsch“ im Internet gefunden: „Sammlung von Hekaya“, sie enthält 2800 Texte von Fabeln, Märchen und Sagen aus aller Welt. Da werde ich zwischendurch immermal wieder reinschauen. 🙂
        Viele Grüße von Susanne

        Gefällt 2 Personen

  1. Benita Wiese (Pseudonym)

    Liebe Serap,
    Vielleicht sollte dabei stehen, dass es eine aktuelle, wahre Geschichte ist, weil es ist kaum zu glauben, dass im 21. Jh. derlei arrangierte Ehen mit so viel Ignoranz in unseren Breiten noch stattfinden. Erschreckend. Unsere Hochachtung für die Braut und das Beste für das junge Liebespaar. Danke für diese Erzählung.
    Herzliche Grüße
    „Benita“

    Gefällt 2 Personen

    1. mynewperspective

      Liebe Benita,
      diese Geschichte liegt zwar gut 25 Jahre zurück, aber so oder in ähnlicher Form wird es sicherlich noch hin- und wieder „praktiziert“. Auch im 21. Jahrhundert in unseren Breitengraden. Leider gibt es immer wieder in allen Kulturen, auch in Deutschland, viel, was gegen Recht, Moral und Anstand verstößt, aber irgendwie hingenommen wird. Meine ehemalige Mitbewohnerin, damals, vor gut sieben Jahren, gerade mal Anfang/Mitte zwanzig musste aus ihrer Wohnung ausziehen, weil ihre Vermieterin sie rausschmiss und sie „liederliches Weibsbild“ nannte, weil sie innerhalb eines Jahres schon den zweiten Freund hatte. Sie hetzte sogar die ganze Ortschaft gegen sie auf, so dass sie sich eine neue Wohnung suchen musste. Ähnliche Geschichten sind auch von anderen deutschen Freunden berichtet worden. Das ist unfassbar, aber leider passiert das öfters, als wir es mitbekommen und vielleicht wahrhaben wollen.
      Herzliche Grüße
      Serap

      Gefällt 1 Person

      1. Benita Wiese (Pseudonym)

        Liebe Serap,
        Ja, vor ca. 30 Jahren habe ich über eine solche Zwangsheirat auch in meiner damaligen Nachbarschaft in Wien gehört. Ich hatte aber zu wenig Einblick, wie das abläuft. Die Sache mit deiner Mitbewohnerin ist ekelhaft, ist für mich aber eine ganz andere Situation. Unmögliche Menschen mit Pseudomoral wird es immer geben, wenn aber die eigenen Eltern das erwachsene Kind in eine Ehe zwingen wollen und keinerlei Bereitschaft zum Zuhören und Empathie zeigen, ist das eine Tatsache, die kaum zu ertragen ist. Aber ja, das wird es auch heute noch geben. Traurig aber wahr. In dem Film „Womit haben wir das verdient!“ der vor ca. zwei Jahren herauskam, geht’s in einer Nebenhandlung darum, dass ein junger Mann zwangsverheiratet werden sollte, weil sein Vater entdeckt hatte, dass er schwul ist und einen Freund hat. (keine wahre Geschichte, könnte aber so vorkommen) ….. Vermutlich bekommen wir vieles nicht mit in den Blasen in denen wir leben.
        Herzliche Grüße
        „Benita“

        Gefällt 1 Person

        1. mynewperspective

          Liebe Benita,
          da stimme ich Dir zu. Das Menschen von den Eltern gezwungen werden, eine Ehe einzugehen, die sie nicht wollen ist schrecklich. Es erzählte mir mal (noch während meiner Studienzeit) eine Zimmernachbarin bei einem Krankenhausaufenthalt, dass die ganze Ortschaft, inklusive Eltern, darauf warten, dass sie endlich mal ihren Freund, mit dem sie seit fast drei Jahren eine Beziehung hatte, heiraten. Der Druck auf die beiden sei so groß, dass es kaum auszuhalten sei. Damals fragte ich mich auch, ob das nicht eine Art Zwang ist, die eher auf einen passiven Charakter aufbaut und zur Aktion zwingt. Es ist Schrecklich … so oder so.
          Das schwule Männer von ihren Familien zur Heirat mit einer Frau gedrängt werden, scheint nicht unüblich zu sein. Nicht nur in gewissen Königsfamilien und bei Staatsoberhäuptern ist es so, sondern auch beim „ganz gewöhnlichen Volk“. Auch das ist leider schreckliche Tatsache.
          Herzliche Grüße
          Serap

          Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.