Glück

Geschichte lieber von mir vorlesen lassen? Dann bitte Play-Button drücken.


Vorlesungsfreie Zeit an der Uni. Nun wäre der Moment zum Durchatmen könnte man meinen, wenn ich nicht andere Pläne hätte. Damals besitzen nur wenige Studenten einen Computer, ganz zu schweigen von einem eigenen Drucker. Der Computer in meinem Besitz, den ich Jahre zuvor gebraucht geschenkt bekam, ist so alt, dass sogar die wenigen Studenten, die einen Computer ihr Eigen nennen, darüber Müde lächeln. Zu einer Zeit, wo die Schnelllebigkeit elektronischer Geräte noch nicht so gegeben ist wie heutzutage, spricht diese Rückmeldung Bände. Mein Ziel ist es, einen neuen Computer mit augenfreundlicherem Monitor und einen Drucker zu kaufen. Dafür brauche ich Geld. Viel Geld.

Nachdem ich den größten Teil der vorlesungsfreien Zeit mit dem Fertigstellen von Hausarbeiten verbringe, will ich in den letzten vier Wochen, bevor das nächste Semester beginnt, so viel wie möglich arbeiten, um Geld für die geplante Elektronik zu sparen. Beim damals so genannten Arbeitsamt, stoße ich auf eine befristete Tätigkeit bei einer fünftägigen Messe. Mit einer weiteren Studentin stehe ich an einem Stand und verkaufe gekörnte Gemüsebrühe in Ein-Liter-Eimern. In großen Pumpthermosflaschen steht die Brühe bereit zur Verköstigung, dann liegt es am verkäuferischen Talent, diese nun so zahlreich wie möglich unter die Messegäste zu bringen. Geschmack, Inhaltsstoffe und auch Messepreis sprechen für sich. Am Ende des Tages bekomme ich 10% des persönlichen Tagesumsatzes. Der erste Messetag läuft dermaßen schleppend an, dass nicht einmal 10 Mark pro Stunde, der damalig übliche Stundensatz für studentische Arbeiten, ausgezahlt wird. Über 10 Stunden auf den Beinen, keine Sitzgelegenheit, sich stundenlang den Mund fusselig reden und dann das frustrierende Ergebnis.

Glücklicherweise laufen die darauffolgenden Tage besser und die prozentuale Auszahlung der individuellen Tagesumsätze sind zufriedenstellend. Wenn ich abends, meine Beine nicht mehr spürend, im Studentenwohnheim ankomme, herrscht reges Beisammensein in der großen Gemeinschaftsküche auf dem Flur. Mir fehlt jedoch jegliche Energie, mich an dem quirligen Treiben zu beteiligen. Den ganzen Tag mehr Menschen um sich herumzuhaben, als einem lieb ist, das Non-Stopp-Gerede und der generelle Lärmpegel der Messe setzt mir bereits genug zu. Die berühmten Semesterferienfluraktivitäten fallen also für mich vorerst weg. Die meisten Studenten arbeiteten in der ersten zwei Monaten der Semesterferien still vor sich hin, um für anstehenden Klausuren zu lernen oder Hausarbeiten zu schreiben, jetzt haben fast alle freie Zeit und genießen das Studentendasein in vollen Zügen. Doch ich halte fest an meinem Ziel. Temporär nicht am bunten Studentenleben teilzunehmen ist der Preis den ich zahlte. Durchaus verkraftbar, wie ich finde.

Nach einer sehr anstrengenden Zeit auf der Messe mit durchschnittlich gesehen gutem Verdienst komme ich meinem Ziel schon näher, aber trotzdem brauche ich noch weitaus mehr Geld, als mir zur Verfügung steht. Ein weiterer Job muss her und mein Weg führt wieder zum Arbeitsamt. Die Dame, die mich bereits in den Messejob vermittelte und gute Rückmeldungen vom Aussteller bekam, ist mir dabei behilflich einen weiteren Einsatz in Aussicht zu stellen. Diesmal für zwei Wochen als Urlaubsvertretung für die Betreuung eines neugeborenen, vier Wochen alten Jungen, als nächtliche Unterstützung für die minderjährige Mutter, die in einer Spezialeinrichtung für Jugendliche lebt. Da die zuständige Sozialarbeiterin im Urlaub sein wird, ist hier der Bedarf sehr groß, jedoch müsse gewährleistet sein, dass ich mit Säuglingen umgehen kann.

Im Vorstellungsgespräch werde ich von zwei Sozialarbeitern auf Herz und Nieren geprüft. Schließlich geht es hier um das Wohl eines Babys. In einer Intensiveinrichtung für insgesamt vier Jugendliche beschäftigt zu sein, ist eine Erfahrung, die ich nicht mitbringe. Aber ich kann gut mit Babys und Kindern umgehen und bin durch die intensive Zeit mit meinen beiden Nichten ein kleiner Profi. Die Anstellung bekomme ich, vor allem nachdem man sieht, wie ich mit dem klitzekleinen Erdenbürger umgehe.

Doch daran darf er sich nicht gewöhnen, denn in Kürze bin ich weg.


Zwei Wochen lang beginnt meine Nachtschicht um 18 Uhr und endet um 6 Uhr des darauffolgenden Tages. Den gerade mal vier Wochen alten jungen Mann schließe ich sofort in mein Herz. Die erst 16-jährige völlig überforderte Mutter ist täglich froh mich zu sehen und will das Baby sofort abgeben, sobald ich den Raum betrete. Nicht selten muss ich auf freundliche Weise klarstellen, dass ich noch gar nicht im Dienst bin, Zeit zum Ankommen brauche und sie ihren Sohn gerne sanft auf den Übergang von ihr zu mir vorbereiten kann. Während des Tages, also von 8 – 16 Uhr kümmert sich eine Sozialarbeiterin gemeinsam mit der Mutter um das Baby. Doch zwischen 16 und 18 Uhr ist die Mutter weitestgehend auf sich selbst gestellt, da die männlichen Sozialarbeiter sich vornehmlich um die Jungs in der Einrichtung kümmern. Genauso verhält es sich morgens zwischen 6 und 8 Uhr.

Die junge Mutter, das Baby und ich sind auf der dritten und somit Endetage der Einrichtung untergebracht. Hier im Dachgeschoss gibt es zwei große Räume. In einem dieser befindet sich das Zimmer der jungen Mutter, im anderen steht das Babybett und das Bett der Sozialarbeiterin, also temporär meins. Mit einem neugeborenen Kind, dass alle zwei Stunden in der Nacht aufwacht und schreit, liegt eine angemessene Nachtruhe weit in der Ferne. In den zwei Wochen meines Einsatzes gibt es keine einzige Nacht, in der ich auch nur ansatzweise irgendwie einen halbwegs vernünftigen Schlaf bekomme. In den meisten Nächten schläft der junge Mann nur dann ein und hört somit auf zu weinen, wenn ich ihn auf den Arm nehme und er meine Nähe spürt. Doch daran darf er sich nicht gewöhnen, denn in Kürze bin ich weg. Wer wird ihn dann in den Armen halten, ihm vorsingen, ihn sanft in den Schlaf wiegen? Die Mutter? Die Sozialarbeiterin? Viele Fragen, die mir zusätzlich die nächtliche Ruhe rauben. Nach zwei Wochen ist die Bindung an diesen kleinen Menschen für mich besonders groß und der Abschied mit Tränen verbunden. Wie wird wohl seine Zukunft aussehen?

Nach fast drei Wochen Ausnahmezustand in meinem Leben, bin ich stolz darauf fast 1000 Mark verdient zu haben. Eine ganze Menge Geld. In den letzten freien Tagen vor Semesterbeginn kaufe ich mir für genau 999 Mark ein Supersonderangebotspaket mit Tower, Monitor, Tastatur, Maus und Drucker. Mein Ziel ist erreicht. Da natürlich kein Geld mehr übrig ist, fahre ich zwei Mal zurück zum Händler um alle Teile meines Elektronikgroßpakets einzeln im Bus ins Studentenwohnheim zu transportieren. Ein Taxi kann ich mir nicht leisten.

Mein neuer Computer wird tagelang zum Gesprächsthema auf dem Studentenwohnheimflur. Vor allem die Herren Studenten begutachten den Computer ausgiebig und führen Fachgespräche in meinem 9qm Zimmer, während ich auf meinem Bett sitze und mich einfach nur freue. Einen meiner Mitbewohner treffe ich an einen dieser Tage allein in der großen Gemeinschaftsküche. Während ich damit beschäftig bin ein recht spätes Mittagessen zu mir zu nehmen, setzt er sich Wasser für einen Tee auf. Gesprächsthema wird, wie sollte es sein, mein neuer Computer. Dabei bin ich für ein Fachgespräch gar nicht zu haben. Ich wollte einen Computer und kaufte einen, den ich mir nach harter Arbeit leisten konnte. Mehr gibt es für mich zu diesem Thema gar nichts zu sagen. Mein Mitbewohner aber ist an Details interessiert und gesteht letztendlich seinen großen Neid auf meinen Kauf.

Du, schau mal. Ich habe nicht ein einziges Mal über die Linien hinausgemalt.


„Du besitzt doch einen Computer, der neuer ist.“

„Aber nicht so neu wie Deiner.“

„Aber auch definitiv nicht so alt, wie meine vorheriger. Der war ja die Lachnummer schlechthin.“

„Deiner ist aber besser als meiner.“

„Dann mach‘s doch wie ich, geh‘ in den nächsten Semesterferien arbeiten und kauf‘ Dir ‘nen neuen.“

„Wie soll das denn gehen? Da schreibe ich doch die ganzen Hausarbeiten.“

„Fange doch schon vorher damit an und leg‘ längere Schichten ein, dann bleibt zum Ende der Ferien noch Zeit zum Arbeiten. So machte ich es auch.“

Meine naiven Versuche, meinen Mitbewohner Tipps zu geben, wie er an einen neuen Computer kommen kann, prallen an seinem Frust über das, was ich besitze und er nicht ab. Mir wird im Laufe des Gespräches klar, dass es ihm nicht darum geht, eine Lösung zu finden, sondern einfach nur seinen Frust an mir abzuladen. Ich höre mir eine Ausrede nach der anderen an, bis zu dem Punkt, an dem er behauptet, dass ich eben Glück habe und mir alles leisten könne und er nicht.

„Glück?“ frage ich. „Ich setze mir ein Ziel und habe alles dafür getan, was in meiner Macht stand, um dieses Ziel zu erreichen. Längere Tage eingelegt, um die Hausarbeiten in kürzerer Zeit fertigzustellen. Jobs gesucht und gefunden. Ja, das war Glück, dass es so funktioniert hat, wie es mir wünschte. Während ihr jedoch Partys gefeiert habt, konnte ich meine Beine nicht mehr spüren, weil ich über zehn Stunden auf der Messe stand. Während ihr nach ausgiebigem feiern bis mittags geschlafen habt, war ich nachts damit beschäftigt ein weinendes Baby zu versorgen. Während ihr euch beim trinken lustige Geschichten erzählt habt, hörte ich mir an, wie eine 16-jährige, leicht geistig behinderte Jugendliche von einem über 20 Jahre älteren Familienvater mit bereits fünf Kindern vergewaltigt wurde. Aber er nennt es natürlich Liebe. Während das junge Mädchen nun selbst Mutter ist und sich nicht mal ansatzweise um ihr eigenes Baby kümmern kann, geschweige denn um sich selbst, ruft der Vater des Kindes regelmäßig an, um am Telefon von ihr befriedigt zu werden. Und weißt Du was dann passiert? Dann setzt sie sich hin, malt Ausmalbilder für dreijährige und präsentiert es mir danach stolz mit den Worten: „Du, schau mal. Ich habe nicht ein einziges Mal über die Linien hinausgemalt.“ Lustig, oder? Weißt Du was noch lustiger ist? Das dieses junge Mädchen wohl keine andere Form von Liebe kennt und mit ihrem 14-jährigen Mitbewohner Sex hat, weil sie sich „lieben“. Sie bringt ihm bei, wie ein Mann eine Frau behandelt! So wie sie es kennt behandelt zu werden! Oder sollte ich sagen misshandelt zu werden? Und dieses Baby? Ein pädophiler Vater und eine Mutter die Liebe und Zuneigung mit sexueller Misshandlung gleichzusetzen scheint. Kann es einen besseren Start ins Leben geben? Aber hey, Du hast recht! Was für ein Glück ich doch habe, all das erleben zu dürfen, um mir dann einen nagelneuen Computer zu kaufen. Etwas Glücklicheres im Leben kann man sich doch gar nicht vorstellen! … Das ist der emotionale Preis, den ich zusätzlich für das von Dir sogenanntes Glück bezahlte! … Und, willst Du weiterhin darüber debattieren, wer von uns beiden glücklicher aus dieser Geschichte hervorgeht?“

Das vom Mitbewohner aufgesetzte Wasser kocht mittlerweile im Kessel. Mit ihm auch ich. Der Mitbewohner füllt stillschweigend seinen großen Kaffeebecher und verlässt die Gemeinschaftsküche.

Das Gras ist nicht immer grüner auf der anderen Seite. Es erscheint nur so. Und auch wenn das Gras tatsächlich grüner auf der anderen Seite sein sollte, so stellt sich immer die Frage, was die gegenüberliegende Seite alles dafür getan hat bzw. tun musste, damit das Gras so grün wird und ob man selbst bereit ist, dies ebenso zu tun. Das eigene Glück am Leid anderer zu messen, ist keine Lösung. Das eigene Leid an dem scheinbaren Glück anderer zu messen, ist definitiv keine Lösung. Während wir die funkelnden Fassaden anderer mit Neid betrachten und zulassen, dass dieser Neid uns innerlich auffrisst, sollten wir uns fragen, welche Geschichten hinter diesen Glitzerfassaden stecken, von denen wir wünschen, sie nie zu hören.

© Serap Yıldırım / 2020

Beitragsbild: XPS on Unsplash

18 Comments

  1. Elke

    Guten Morgen, liebe Serap,

    ich erfreue mich immer wieder an deinen so zauberhaft, erzählten Geschichten. Welch FÜLLE von LEBEN darf man/frau da von dir empfangen! DANKE von Herzen für´s Teilen… 🙏

    Hab einen ganz wundervollen Tag…

    Herzliche Grüße
    Elke

    Gefällt 1 Person

  2. Jules van der Ley

    Diese Geschichte hast du geschickt erzählt, liebe Serap. Man versteht das hervorgehobene Zitat erst, wenn du deinem MItbewohner schilderst, wie du dir den neuen Computer verdient hast und welche emotionale Belastung damit verbunden war. Da tut sich plötzlich ein Abgrund auf, der die Episode deiner Messearbeit verblassen lässt.

    Gefällt 1 Person

    1. mynewperspective

      Vielen Dank, lieber Jules. Abgründe taten sich tatsächlich auf, als ich dort tätig war. Alles davon hätte ich gar nicht hören sollen, aber ich bekam es mit. Mich hat die Geschichte gelehrt, wie wichtig es ist, nicht immer auf das Geld oder Endergebnis zu schauen, sondern sich vor Augen zu führen, welchen Preis man ebenfalls bezahlt auf dem Weg zum Ziel. Seitdem habe ich einen großen Respekt vor Menschen, die in den sozialen Bereichen tätig sind und dies tagtäglich erleben und es nicht nur eine Kurzepisode in ihrem Arbeitsleben ist, wie es bei mir der Fall war.

      Gefällt 1 Person

  3. Karin Hartel

    Liebe Künstlerin, da ist Dir wieder ein Meisterstück gelungen. Was Du – und vor allem, wie Du – das Erlebte festgehalten hast, ist wunderbar. Wunderbar? Der Inhalt der Geschichte ist so schwer, dass es mir für einen Moment den Boden unter den Füßen weghaute. Danke dafür, denn nun bin ich wach.

    Gefällt 1 Person

    1. mynewperspective

      Liebe Karin,
      herzlichen Dank. Ja, die Geschichte hat es in sich! Die Überschrift täuscht … oder zeigt uns, dass wir vielleicht mehr Glück im Leben haben, als wir denken. Je nachdem, wie man es sehen möchte.
      Schöne Grüße
      Serap

      Liken

  4. C. D. Anders

    There are so many that have had similar experiences but for some reason, many still judge surface deep. I admit that I am guilty of it at times too. Your post was succinctly put a d a good reminder that there’s stories in peoples pasts that provide context for where they are.

    Gefällt 1 Person

  5. pflanzwas

    Sehr wahr, deine letzten Worte. Man sollte genauer hinsehen, bevor man urteilt. Ich glaube, das paßt für viele Situationen, die uns im Alltag begegnen. – Was für eine krasse Geschichte. Tragisch und vermutlich ohne Happy End für die Mutter. Hoffentlich ist es wenigstens für den kleinen Jungen besser weitergegangen im Leben…

    Gefällt 1 Person

    1. mynewperspective

      Vorurteilsfrei ist sicherlich kein Mensch. Doch denke ich, dass wir unsere (Vor-)Urteile erst betrachten und dann ausprechen sollten.
      Das Baby wäre heute schon 25 Jahre alt. Ich denke immer wieder mal an ihn und hoffe, dass er ein gutes Leben hat, genauso, wie ich es für die Mutter hoffe.

      Gefällt 1 Person

      1. pflanzwas

        Das sollte man. Leider urteilen wir stets und ständig über andere (und damit auch über uns selbst). Ist halt leichter, als drüber nachzudenken, was da noch sein könnte. Die Schule des Lebens hört eben nie auf 😉 – Ja, hoffentlich hat es sich für beide zum Guten gewendet.

        Gefällt 1 Person

Schreibe eine Antwort zu pflanzwas Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.