Das Glück im Müll

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Es erreicht mich die E-Mail einer Kollegin. Ein junger Mann ist bei ihr in der Beratung und sucht nach abgebrochenem Studium einen Ausbildungsplatz im kaufmännischen Bereich. Seine zahlreichen Bewerbungen führten bisher nicht zum Erfolg. Sie fragt an, ob ich ihn an Unternehmen vermitteln kann, die ich betreue. Den jungen Mann kontaktiere ich daraufhin und wir vereinbaren einen Termin.

Im persönlichen Gespräch schießt mir sein Frust entgegen. Gutes Abitur, die Mathenote nicht mitgezählt, zwei Semester Rechtswissenschaften, dann Abbruch und nun die mühsame Suche nach einem Ausbildungsplatz, immer wieder mit Hoffnungsschimmer aber stets mit enttäuschendem Ausgang. Fragen stelle ich wenige. Der Redebedarf des jungen Mannes wird mehr als deutlich und in dem Gesagten meine ich zu erkennen, wo das Problem liegt.

Gemeinsam gehen wir über seine Bewerbungsunterlagen, die eher mittelprächtig sind. Vor allem empfinde ich eine starke Diskrepanz in seinem teils selbstbewussten Auftreten, seinen hohen Ansprüchen im Gegensatz zu der Qualität der präsentierten Bewerbung. Wie fast jeder zukünftige Arbeitnehmer träumt auch er von einer Anstellung in einem Unternehmen mit Rang und Namen. Prestige scheint wichtig zu sein. Wenn schon kein angesehenes Studium, dann schon ein Arbeitgeber, mit dem man prahlen kann. So zumindest meine ich es herauszuhören.

„Wenn ich Ihnen jetzt den Vorschlag unterbreite, sie in ein Unternehmen das Mülltüten vertreibt vermittelnd zu unterstützen, wie klänge das für Sie?“

Den Gesichtsausdruck des jungen Mannes nach dieser Frage werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Es ist eine Mischung aus angewidert sein und Genervtheit, vielleicht darüber, dass auch ich ihn und seine Bedürfnisse nicht richtig verstehe.  

„Nein, danke.“

„Das dachte ich mir.“

Ich pausiere für einen kurzen Moment. Auch der junge Mann sagt nichts.

„Mich beeindruckt, dass Sie so konkrete Vorstellungen haben“, beginne ich, die Stille zwischen uns beiden unterbrechend. „Es zeigt mir, dass Sie sich mit Ihrer beruflichen Zukunft intensiver auseinandergesetzt haben, als viele andere. Trotz der bisherigen Frustration erwecken Sie den Eindruck, kein Mensch zu sein, der leicht aufgibt. Das ist ein sehr großer Pluspunkt. Sie wissen, dass ich Arbeitgeber dabei unterstütze, passendes Personal zu finden. Viele Menschen erfüllen die Anforderungen in einer Stellenausschreibung, dass bedeutet jedoch nicht, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer auch zwangsläufig zusammenpassen. Diese Erfahrung machten Sie bereits zu genüge. Wenn ein angehender Arbeitnehmer wie Sie gewisse Vorstellungen und Ansprüche hat, möchte ich dies als vorgeschaltete Instanz in der Vermittlung auch beim Bewerber reflektiert sehen. Da beginnt für mich das Problem.“

„Warum?“ fragt er erstaunt.

„Weil Sie zum Beispiel Ihr abgebrochenes Studium drei Mal falsch in den Bewerbungsunterlagen geschrieben haben. Der Studiengang heißt Recht-s-wissenschaft und nicht Recht-wissenschaft.“

„Oh, das tut mir leid.“

„Das muss Ihnen nicht leidtun. Sie fragten sich, warum sie bisher keinen Erfolg hatten und ich versuche Ihnen die Seite eines Arbeitgebers zu reflektieren. Wenn Sie hohe Ansprüche stellen, sich jedoch so präsentieren, wie Sie es tuen, kann das ein Grund dafür sein, dass es bisher nicht funktioniert hat.“

Der junge Mann wirkt nun sehr nachdenklich.

Das Unternehmen vertreibt Mülltüten.


„Es gibt da einen Arbeitgeber den ich betreue, wo ich Sie mir wirklich gut als neuen Auszubildenden vorstellen kann. Ein Traditionsunternehmen. Wachsen jährlich rasant und expandieren fortwährend. Es wäre nicht gelogen, wenn ich sage, dass die Firma aus allen Nähten platzt, was Büros und Lagerflächen betrifft. Ständig wird dazu gemietet. Geplant ist ein Umzug in eigene Räumlichkeiten mit genügend Lagerfläche, um die Bedürfnisse der Mitarbeiter und Kunden zufriedenzustellen. Obwohl das Unternehmen rein vom Vertrieb lebt, besitzt sie ein eigenes Forschungslabor. Die Bodenständigkeit der Mitarbeiter ist gepaart mit Innovationsfreude. Die Auszubildenden erhalten viel Freiraum für Entfaltung. Werden gefordert und gefördert. Das Unternehmen strebt an, dass die Azubis auch nach Beendigung der Ausbildung im Unternehmen bleiben. Dafür investieren sie viel Zeit und Geld. Wäre das ein Unternehmen, welches Sie interessieren würde?“

„Auf jeden Fall, ja!“

„Sehr schön. Das Unternehmen vertreibt Mülltüten. Ich erwähnte es am Anfang unseres Gespräches.“

Der junge Mann schaut mich entsetzt an.

„Zum Abschluss würde ich folgendes vorschlagen. Sie beschäftigen sich intensiv mit dem besprochenen Unternehmen und lesen sich die Website durch. Treffen Sie danach Ihre Entscheidung. Nach dem, was Sie mir erzählten und wissend, wen der Arbeitgeber sucht, passen Sie meiner Meinung nach sehr gut zusammen. Die Entscheidung liegt bei Ihnen. Es muss nicht das Unternehmen sein. Ich möchte Ihnen nur mitgeben, dass Sie ihren Blickwinkel etwas erweitern und andere Optionen, die sie kategorisch auszuschließen scheinen, zumindest in Betracht ziehen. Falls Sie sich für das besagte Unternehmen entscheiden sollten, dann unterstütze ich Sie bei der Vermittlung, auch wenn ich keine Einstellungsgarantie geben kann. Falls Sie sich dagegen entscheiden, lassen Sie mich wissen warum, aber bitte kein Prestigedanken und Ego als Erklärung. Das scheint Sie gerade sehr zu behindern. Wir werden dann gemeinsam nach passenden Unternehmen suchen. Wollen wir so verbleiben?“

„Ja.“

Er steht auf, geht Richtung Tür. Mit der Hand auf der Klinke dreht er sich leicht zu mir um und sagt: „Wissen Sie, Sie sind die erste Person, die solch klare Worte mit mir gesprochen hat. Sie werden von mir hören.“

Der junge Mann verlässt den Raum und ich weiß nicht, wie ich das letztgesagte deuten soll. Von einem unausgesprochenen Danke bis eine Beschwerde ist alles drin. Drei Tage später ruft er an. Ganz aufgeregt. Er hätte über alles nachgedacht, was ich sagte. Es hätte ihm die Augen geöffnet. Er bedankt sich und ich freue mich mit ihm. Auch habe er sich die Homepage des besagten Unternehmens angeschaut und bittet darum, ihn dabei zu unterstützen, dort eine Ausbildung zu beginnen. Sogar die Bewerbungsunterlagen hat er zwischenzeitlich komplett überarbeitet.

Ich bin mehr als begeistert und setzte mich für ihn in der Vermittlung ein, indem ich ein sehr positives Bewerber-Exposé verfasse und es dem Unternehmen samt seinen Bewerbungsunterlagen zukommen lasse. Er wird eingestellt. Ein Erfolg für alle Beteiligten.

In der Folgezeit frage ich beim Arbeitgeber immer wieder mal nach, wie sich der junge Mann so im Unternehmen macht. Er schafft es, seine dreijährige Ausbildung aufgrund guter Leistungen um ein halbes Jahr zu verkürzen. Zudem ist er einer der wenigen auserwählten in einem beliebten Ausbildungsprogramm, das ihm die Möglichkeit bietet, für ein halbes Jahr ins Ausland zu gehen. Was will man mehr?

Mich prägt das Zusammentreffen mit diesem jungen Mann bis heute noch nachhaltig, weit über die damalige erfolgreiche Vermittlung hinaus, denn das war schließlich meine Arbeit. Besonders deutlich machte es mir, dass unser Glück nicht immer dort zu liegen scheint, wo wir unseren Blick hinwenden. Unsere Vorstellungen versperren uns nicht selten die Sicht, auf das, was ebenfalls existiert und vielleicht das größere Glück für uns bereithält. Seit dieser Zeit, bei bedeutenden Fragestellungen und Entscheidungen in meinem Leben, frage ich mich symbolisch selbst, ob ich im Müll nachgesehen habe. Also an allen anderen möglichen „Orten“, die ich sonst nicht in Betracht ziehen würde. Genau dies machte ich mir bei der Beratung des jungen Mannes wohl auch selbst zum ersten Mal so deutlich bewusst. Die Anwendung dieser Denkweise ist bis heute mein ständiger Begleiter.

© Serap Yıldırım / 2020

Beitragsbild: Gary Chan on Unsplash
Musik/Sounds für Audio: http://www.orangefreesounds.com/debussy-arabesque/

18 Comments

  1. Heidrun Regina

    Liebe Serap,
    ein wirklich anschauliches Beispiel für einen gelungenen Perspektivwechsel.

    Vielleicht kennst Du diesen Film schon: Beauty in the Broken.

    Hier geht es auch um „Müll“ und wie dort die Liebe erblüht.

    Herzensgrüße an diesem Morgen zu Dir
    von Heidrun

    Gefällt 1 Person

  2. pflanzwas

    Ich finde es toll, daß du dir diese Offenheit bewahrst und deine Perspektive immer wieder wechselst! Ich hinterfrage zwar des öfteren meine Standpunkte, aber es ist sicherlich auch so, daß es Themen / Bereiche gibt, die ich gerne kategorisch ausschließe. Dabei kann uns dadurch so viel entgehen, wie du mit deiner Geschichte zeigst. Ich werde versuchen, nächstes Mal genauer hinzusehen und offener zu bleiben 🙂

    Gefällt 2 Personen

    1. mynewperspective

      Danke sehr. Es ist wahrscheinlich die Frage, was man warum kategorisch ausschließt. Wenn es nur vorgeschobene „gute Gründe“ sind, dann ist es sicherlich nützlich, da mal hinzusehen. Viel über sich selbst lernen, mutiger werden und sich generell öffnen sind nur einige gute Gründe dafür, es zu tun. Es gibt so viel, was es zu entdecken gibt.

      Gefällt 2 Personen

    1. mynewperspective

      Liebe Susanne,
      „im Müll“ hast Du gefunden, dass das Lesen der Geschichte intensiver war, als das hören 😉 So einfach kann es gehen, sich von dem gewohnten einmal zu lösen. „Benita Wiese“ machte es mit diesem Beitrag umkehrt. Sie hat sich zum ersten Mal einer meiner Geschichten angehört. Es ist spannend, wenn man mal den Blickwinkel wechselt und zu Erkenntnissen kommt, die vorher gar nicht auf dem Radar erschienen.
      Viel Spaß beim Zukünftigen experimentieren!
      Ein schönes Wochenende & herzliche Grüße
      Serap

      Gefällt 1 Person

        1. mynewperspective

          Das freut mich, liebe Susanne. Man kann mit ganz einfachen Änderungen, immer wieder etwas Neues entdecken.
          Zum Beispiel mag ich es bei Seminaren/Workshops, mich jedes Mal woanders hinzusetzen, was viele irritiert, weil die meisten sich wieder dahin setzen, wo sie am Tag / die Woche zuvor saßen. Aber jeder Platzwechsel, bietet immer wieder neue perspektivische Blickwinkel.
          Dir einen guten Start in die Woche
          Herzliche Grüße
          Serap

          Gefällt 1 Person

          1. Susanne Haun

            Eine gute Idee, Serap. Ich kann mir gut vorstellen, dass das für den Dozenten irritierend ist. Da würde ich mich auch einschließen. Ich verknüpfe den Ort an dem Namen. Es ist immer schwer, als Dozentin die Namen in kürzester Zeit zu merken. Und wenn man es endlich geschafft hat, dann ist das Seminar auch schon wieder vorbei.
            Viele Grüße von susanne

            Gefällt 1 Person

          2. mynewperspective

            Danke Susanne. In einem Kreativworkshop fand das die Dozentin ganz toll und schaute jede Woche, wo ich wieder sitze, weil andere durch mich teilweise auch an einem anderen Platz sitzen mussten 😉 Da wir Namensschilder hatten, war es wohl diesbezüglich kein Problem. Ich kann mir auch keine Namen merken und daher finde ich Namensschilder ganz sinnvoll. So kann man auch die Handschrift sehen und auch das gibt ja schon einen anderen Blick auf die Menschen.
            Herzliche Grüße
            Serap

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  3. gruenschreiber

    Was für eine schöne Geschichte. Einer Sache einen anderen Rahmen geben ist wichtig im Leben. Den Blickwinkel ändern und etwas völlig neu bewerten zu können. Lange Zeit war es mir auch nicht bewusst, wie sehr fixiert wir manchmal auf „unser Glück“ sind und glauben zu wissen, wo exakt es zu finden ist. Und dann reicht manchmal ein Wechsel des Blinkwinkels und man erkennt plötzlich, dass sich das Glück direkt vor der eigenen Nase befindet. Oder wie in diesem Fall: Im Müll 🙂

    Gefällt 1 Person

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