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Ein Freitag. Noch ein paar Stunden Unterricht und danach starten die Weihnachtsfeiertage. Es ist die erste Woche in einer vierwöchigen Weiterbildung. Ich sitze in der ersten Reihe am Tisch an der Wand. Vor mir der Schreibtisch des Dozenten. Es ist gerade Pausenzeit. Der Dozent fragt mich, wohin ich verreisen wolle und zeigt dabei auf den Koffer unter meinem Tisch.

„Mit dem Zug zu meiner Familie“, antworte ich. „Ich werde mir eine Woche lang den Bauch vollschlagen.“

„Auf die Kochkünste meiner Mutter hätte ich auch wieder Lust. Aber meine Frau kocht ebenfalls ausgezeichnet, wie man unschwer an meiner Figur erkennen kann“, sagt er und fast sich dabei mit beiden Händen an den unübersehbaren Bauch.

Eine Kursteilnehmerin, ebenfalls aus der ersten Reihe zwei Tische weiter, klinkt sich in die Konversation mit ein. Bisher hatten sie und ich uns lediglich während einer Gruppenarbeit miteinander unterhalten.

„Sag mal, kann Deine Mutter auch Götzleme?“ fragt sie. Gözleme ist eine türkische Teigwarenart, die es mit vielen unterschiedlichen herzhaften Füllungen gibt.

„Ja, aber das steht nicht auf dem Menü. Meine Mutter kennt meinen Geschmack und weiß, was sie für mich kochen wird.“

„Also ich liebe Götzleme. Mit Schafskäse und die mit der Spinatfüllung“, erzählt sie weiter.

„Ist lecker.“

„Könnte Deine Mutter welche machen und Du bringst sie mir dann mit?“ fragt sie.

„Verstehe nicht ganz“, erwidere ich verdutzt. „Wie ist das gemeint?“

„Kannst Du nicht Deine Mutter fragen, ob sie Götzleme für mich machen kann, die Du dann mitbringst?“

Immer noch bin ich verdutzt. Irgendetwas scheine ich nicht ganz zu verstehen. Vielleicht hatte die Teilnehmerin nicht mitbekommen, dass ich mit dem Zug unterwegs sein werde und auch hatte sie in ihrer Liebe zu den Teigwaren nicht verstanden, dass meine Mutter sie nicht zubereiten wird. Also setze ich nochmal an.

„Verstehe ich Dich richtig … Du möchtest, dass ich meine Mutter frage, ob sie extra für Dich Gözleme zubereitet, welches ich es dann im Zug mitbringen soll?“

„Ja“, erwidert sie selbstverständlich klingend. „Mit Schafskäse und Spinatfüllung“, fügt sie ergänzend hinzu, um anscheinend sicherzugehen, dass ich die Bestellung auch korrekt aufnehme. Danach erst bemerkt sie meinen verdutzten Gesichtsausdruck und fragt: „Geht das nicht?“.

„Selbstverständlich nicht“, antworte ich so ruhig wie möglich in dieser Situation. „Der Bäcker an der Ecke verkauft übrigens türkische Teigwaren, dort kannst Du Gözleme kaufen“, füge ich hinzu.

„Aber die sind doch nicht hausgemacht“, erwidert sie ein wenig empört.

„Und meine Mutter ist keine Köchin, die man privat beauftragen kann und ich kein Lieferservice.“

„Ihr seid doch sonst immer so gastfreundlich“, sagt sie, steht auf und verlässt den Seminarraum. Noch ist Pausenzeit.

Erstaunt blicke ich zum Dozenten.

„Meinte sie das wirklich ernst?“ frage ich ihn.

„Es sah ganz und gar danach aus“, antwortet er und schüttelt danach leicht den Kopf. Mit so einem Pausendialog hatten wir wohl beide nicht gerechnet.

Leider ist die Geschichte kein Einzelfall in meinem Leben. Nicht immer verläuft es so derartig absurd, aber immer wieder staune ich nicht schlecht bei solchen Ereignissen – nur nicht im positiven Sinne. Der gemeinsame Nenner in diesen Vorkommnissen ist, dass Menschen der Ansicht zu sein scheinen, dass ich für – ich nenne es mal – dienenden Arbeiten zur persönlichen Verfügung stehe. Das dabei direkt, wie in dieser Geschichte, oder indirekt auf die Gastfreundschaft oder gar generell auf das zuvorkommende Wesen der Orientalen hingewiesen wird, ist keine Seltenheit. Es ist ein durchschaubares Ablenkungsmanöver vom eigenen ungebührlichen Verhalten, das auf das Gegenüber projiziert wird, weil dieser nicht wie gewünscht pariert. Selbstverständlich zeigen sich Menschen mit ausländischer Herkunft immer wieder mit ihrer Art der Gastfreundschaft, die hierzulande in dieser Form nicht üblich zu sein scheint. Jedoch besteht ein Unterschiedlich zwischen gastfreundlich sein, weil es sich gehört und gastfreundlich sein müssen, weil dies mit einer Selbstverständlichkeit zur Bedürfnisbefriedigung einfordert wird.

Als man mir die übliche Frage: „Und wann geht es wieder nach Hause?“ nicht mehr stellte, war ich zirka 25 Jahre alt. Schließlich gehörte ich zu den Nachkommen der Gastarbeitergeneration und es war wohl naheliegend zu fragen, wann der Gast wieder das Land verlassen wird. Von den Nachbarn, über die Eltern von Freunden, den Lehrern, die freundliche Kassiererin im Supermarkt, bis zu der süßen Oma, die ein Schwätzchen mit der Türkin an der Haltestelle genießt, stellten sie alle diese Frage. Ich hörte sie ich ein paar Hundert Mal. Vielleicht sogar mehr. Man zählt irgendwann einfach nicht mehr mit. In dieser Zeit lernte ich von der deutschen Gesellschaft, dass ich als Gastarbeiter den Vorstellungen und Regeln meiner Gastgeber Folge zu leisten habe. Das tat ich auch.

Die ersten plus/minus 25 Jahre meines Lebens verbrachte ich also damit, Dauergast in meinem Geburtsland zu sein und mich nach den Regeln des Gastgebers zu richten. Weitere plus/minus 25 Jahre verbrachte ich in diesem Land damit, meinem nicht-mehr-Gastgeber eine Gastfreundschaft zu versagen, wenn sie derartig eingefordert wurde. In den nächsten plus/minus 25 Jahren meines Lebens, wäre es mein Wunsch, dass sich nicht-mehr-Gastgeber und nicht-mehr-Gäste auf Augenhöhe begegnen können.

© Serap Yıldırım / 2020

Beitragsbild: Theme Photos on Unsplash
Musik / Sound für Audio: http://www.orangefreesounds.com/chopin-ballade-4/

12 Comments

  1. mailpro

    Liebe Serap,
    das ist aber sehr schade! Ich dachte, ich könnte bei Dir auch eine Portion Götzleme bestellen, natürlich von Deiner Mutter hausgemacht! Es wir Dir doch nichts ausmachen, das für mich in Deinem Koffer mitzubringen …
    (-Ironie Ende-)

    Es ist ja schon ziemlich unsensibel, eine solche Anforderung an Dich zu stellen. Aber es gibt solche Menschen, die so distanzlos sind und es selbst garnicht merken.

    Gut, dass Du hier davon berichtest! Du schreibst das in einer sehr lebendigen motivierenden Art. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich eine Deiner Geschichten lese!

    Ich wünsche Dir alles Gute!
    Lieben Gruß, Michael

    Gefällt 1 Person

    1. mynewperspective

      Lieber Michael,

      also wenn Du schon eine Bestellung aufgibst, dann bitte richtig! Woher soll ich denn jetzt wissen, welche Füllung Du gerne hättest? Für das nächste Mal bitte konkretere Anweisungen, sonst wird das nichts! Ich kann ja schließlich nicht mitdenken und eigene Entscheidungen treffen. 😉

      Scherz bei Seite. Es sind immer wieder Kopfschüttel-Momente. Manchmal frage ich mich, was in den Köpfen dieser Menschen vorgeht. Mittlerweile sehe ich es als eher amüsant an, aber muss zugeben, dass die Häufigkeit ähnlicher Ereignisse auch sehr nervig ist. Aber, wer hat gesagt, dass ein Leben nicht nervig sein kann?

      Schön, dass es Dir gefallen hat und ich diese Geschichten mit Euch allen teilen kann.

      Herzliche Grüße
      Serap

      Liken

    1. mynewperspective

      Worauf wartest Du? 🙂 … Wenn Interesse vorhanden ist, dann kann ich Dir die Sprache tatsächlich ans Herz legen. Sie ist nicht einfach in der Aussprache für europäische Zungen, aber klar gegliedert und strukturiert und wesentlich einfacher in der Grammatik als die deutsche Sprache. Außerdem fühle ich in jeder Sprache anders, deshalb gefällt mir Sprachenvielfalt ebenfalls, da ich neue Facetten an mir selbst entdecke.

      Gefällt 3 Personen

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