Schubladen

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Auf dem Weg nach Hause. Die Straßen leer. Parkende Autos im regungslosen Tiefschlaf. Nur wenige Laternen gehen ihrer Arbeit nach. Die Kleidung passt sich farblich der Nacht an. Jedes Zusammentreffen von Blockabsatz und Kopfsteinpflaster hallt in der Stille nach. Die Atmung korrespondiert mit der Gehgeschwindigkeit. Keine weitere Menschenseele weit und breit. Keine weitere Menschenseele.

Etwas nähert sich von hinten. Lautlos, jedoch deutlich wahrnehmbar. Die anfänglich größere Distanz verringert sich sekündlich. Der Blockabsatzrhytmus kommt zunehmend in Schwung. Die Atmung schließt sich diesem an. Die Frische der Nacht wandelt sich zur Eiseskälte. Im Rücken zunehmend ein an Macht gewinnendes Etwas. Stiller als die Nacht. Dunkler als die Nacht. Größer als die Nacht.

Etwas lässt sich nicht abhängen. Es hält Schritt, ohne die Atmung anpassen zu müssen. Etwas verhindert einen Ausweg aus der Situation. Es scheint kein Entrinnen zu geben. Etwas hält die Zügel in der Hand. Es wird höchste Zeit zu handeln.

Genau in dem Moment, als Etwas zum finalen Angriff übergeht eröffnet ein erstickter Schrei eine Tür. Eine Tür zwischen Albtraum und Realität.

Es ist zu der Zeit des Geschehens nicht der erste Albtraum meines Lebens. Wie alle anderen wenigen zuvor, gerät er in Vergessenheit nicht lange nach dem Erwachen. Dieser Albtraum erarbeitet sich jedoch einen Sonderstatus. Er scheint mich zu mögen und kehrt immer wieder an den Ort des Geschehens zurück. Regelmäßig grüßt somit das Murmeltier. Manchmal mehrfach in der Woche, manchmal mit längeren Unterbrechungen dazwischen, aber unzählige Male über ein halbes Jahr lang.

Nach anfänglicher Ignoranz im Alltag, beginne ich nach knapp zwei Monaten zu überlegen, ob der wiederkehrende Albtraum mir nicht gegebenenfalls einen wichtigen Hinweis liefert. Der Heimweg in der Dunkelheit ist wochentags für mich Realität, nur dass ich nicht per pedes unterwegs bin, sondern mit meinem Drahtesel. Mein Weg führt zeitweilig je nach Wahl entweder durch den nicht beleuchteten oder am wenig beleuchteten Park vorbei. Lauert hier vielleicht eine Gefahr, die ich unterschätze? Trotz der Albträume verspüre ich kein Unbehagen, wenn ich nach Hause fahre, frage mich aber hin und wieder, ob ich es vielleicht sollte. Auch andere Überlegungen von Macht- und/oder Ausweglosigkeit bringen mich nicht weiter. Eine Parallele zum realen Leben eröffnet sich mir nicht. Vielleicht fehlt mir diesbezüglich auch die Ernsthaftigkeit in der Betrachtung. Vielleicht schenke ich aber etwas auch nicht die Aufmerksamkeit, die der Sache eh nicht gebührt.

Immer und immer wieder kehrt er zurück in meine Träume, der Alp. Als er nach über einem halben Jahr zum wiederholten Male als ungebetener Gast meine Nachtruhe stört, passiert folgendes. Genau in dem Moment, wo das Etwas mich angreifen will spalte ich mich selbst von dem Alptraum ab und sage noch im Schlaf genervt zum Etwas: „Ja, ja, ja, ich sach jez ma wie dat weitageht. Gleich stoß ich‘n lautlosen Schrei aus und wach auf. Wie oft woll wa dat den noch spielen? Seit Monaten dat selbe. Hab ech keine Lus mehr.“ Danach falle ich im Schlaf wieder in meinen Schlaf ohne mit einem erstickten Schrei aus einem Alptraum zu erwachen.   

Damit ist es vorbei. Der Alptraum kehrt nicht wieder zurück.

Der ein oder andere lobt mich sogar für die Fähigkeit, dass ich meine angeblichen unterdrückten Ängste, bravourös durch luzides Träumen bekämpfen konnte.


Zu der Zeit und die Jahrzehnte darüber hinaus, erzähle ich hier und da auch mal anderen – weil es irgendwie passt – von dieser Erfahrung und höre mir danach alles Mögliche an, woran es liegen mag, wobei ich gar nicht gezielt nach Erklärungen suche. Von gut gemeinten Ratschlägen, die noch furchterregendere Schreckensszenarien ausmalen, als der eigentliche Alptraum, bis zu Bemerkungen, dass in gewissen noch nicht ganz entwickelten Kulturen der Glaube an Geisteswesen weit verbreitet ist und daher sicherlich auch ins Unterbewusstsein sickert, welches sich in derartigen Träumen ausdrückt, ist alles dabei. Selbstverständlich gibt es auch die fachmännischen Versuche von Laien, mein Leben zu der Zeit psychologisch zu beleuchten. Der ein oder andere lobt mich sogar für die Fähigkeit, dass ich meine unterdrückten Ängste, bravourös durch luzides Träumen bekämpfen konnte. Sozusagen eine beglückwünschende Laien-Psychoanalyse To Go.

All die Theorien, Ratschläge und Kommentare resonieren über die Jahre hinweg in ihrer Gänze gar nicht mit mir. Die wiederkehrenden Alpträume und das abrupte Ende bleiben jedoch ein unvergesslicher Teil meines Lebens. Fast dreißig Jahre später stoße ich im Internet auf eine Dokumentation. Es handelt von drei Menschen, die über ähnliche Alpträume, wie ich sie damals hatte, berichten. Einige Experten zu dem Thema kommen ebenfalls zu Wort. Einer dieser gibt an, dass negative Entitäten sich gerne an Menschen anheften, um sich ihre Stärke zu eigen zu machen. Schmarotzer aus der Geisteswelt sozusagen. Sie ernähren sich durch die Energien, die durch die Angst in den Alpträumen freigesetzt werden. Äquivalent zum wahren Leben, zumindest was meine Lebenserfahrung betrifft.

Ein neuer Erklärungsansatz bietet sich für meine damaligen wiederkehrenden Albträume. Ob es tatsächlich so ist oder war, spielt für mich keine Rolle. Mir gefällt die neue Perspektive auf das Geschehen. Sie bietet eine Alternative, mit der ich resonieren kann. Interessant wird das Ganze für mich jedoch erst, als ich die Kommentare zu der Dokumentation lese: „Was für ein Schwachsinn“, „Geschichten aus dem Biergarten“, „Wenn ich sie vor dem Schlafengehen richtig bearbeitet hätte, hätte sie sicherlich keine Alpträume mehr“, „Pseudowissenschaft“, „Ich dachte, hier geht es um etwas echtes“, „Wer es glaubt …“.

Nach dem Lesen der Kommentare und meinen persönlichen Erfahrungen stelle ich mir die Frage, warum wir Menschen eigentlich eine Schublade haben, in die wir alles reinstecken, was nicht unseren Vorstellungen entspricht, entsprechen kann, entsprechen darf oder gar entsprechen soll. Jeder von uns besitzt sie, die Schwachsinn-Schublade. Alles was außerhalb unseres Radius‘ zu sein scheint, kann wohl nur schwachsinnig oder ähnliches sein. Alles und jeder kommt in unsere Schwachsinn-Schublade, was entweder nicht fundiert wissenschaftlich bewiesen ist, nicht unserer Vorstellung von Fortschritt und Modernität entspricht und, und, und.

Wenn die Erfahrungen dieser Menschen in der Dokumentation oder auch meine in einem Horrorfilm aufbereitet wären, gäbe es sicherlich nicht wenige der oben genannten Kritiker, die dafür Geld ausgeben würden, um dieses Gruselereignis hautnah mitzuerleben. In der Realität fehlt jedoch wohl die nötige Fiktion. Fiktionen basieren jedoch nicht selten auf den, wenn auch ausgeschmückten, Realitäten. Mir stellt sich die Frage, ob unsere Schwachsinn-Schubladen vielleicht nicht auch negative Entitäten sein können, die wir brav mit uns mittragen. Unsere Befangenheiten verhindern nicht selten einen Blick auf andersartige Ansätze und lassen keine parallel existieren Erklärungen zu. Stellt sich doch die Frage, wieviel schwachen Sinn wir für gewisse Dinge im Leben mit uns tragen, die wir zur passenden Zeit großartig auf andere Menschen und Gedanken projizieren.

© Serap Yıldırım / 2020

Beitragsbild: Photo by Ashkan Forouzani on Unsplash
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4 Comments

  1. Elke

    Wie wundervoll geschrieben, liebe Serap!!!
    Ich DANKE dir!

    Das wahre LEBEN, es kennt keinerlei Schubladen… Wäre ja auch schade, wir würden in einer solchen begrenzten – wenn auch „gut“ gemeinten – liegenbleiben! 😉

    Na dann auf ins LEBEN! Ich wünsche dir und deinen Lesern einen LEBENS-FROHEN Tag! 😃

    Herzlichst
    Elke

    Gefällt 2 Personen

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