Ehefrauenchaos

Geschichte lieber von mir vorlesen lassen? Dann bitte Play-Button drücken.



Während des Besuchs bei einem geliebten Freund, der mit Alzheimer seit geraumer Zeit in einer spezialisierten Einrichtung lebt, gibt es wieder einiges zu erleben. Mit seiner charmanten Art fiel es ihm nicht schwer, schnell Bekanntschaften zu schließen. Auch eine neue Beziehung ging er ein, obwohl er verheiratet ist. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Seine Freundin ist ebenfalls im Zimmer, als ich mit Speiseeis bewaffnet hereinschneie. Die beiden begrüßen mich mit großer Freude. Beim Schlecken der süßen kühlen Köstlichkeit in der Waffel unterhalten wir uns zu dritt über alles Mögliche. Viel Sinn braucht man in der Konversation nicht zu suchen. Sie ist geprägt von kindlicher Naivität, dreht sich nicht selten mit Kreis, ist jedoch locker, ausgelassen und irgendwie auch albern.

Zwischendurch schaut eine der Nachbarinnen vorbei. Sie ist eine quirlige kleine Frau vom Typ Wirbelwind. Ihre Freude mich hier ebenfalls zu sehen wirkt echt, vielleicht liegt dies auch daran, dass sie insgeheim weiß, dass es immer Eis gibt, wenn ich zu Besuch komme. Während sie genüsslich am Eis schleckt, erzählt sie, wie immer im Actionmodus, dass sie sich an der Tankstelle mit ihrer Schwägerin treffen und noch ein Telefonat führen wird. In ihrer Welt scheint es nämlich nur einen einzigen Ort zu geben, welches mit einem Telefon ausgestattet ist: Die örtliche Tankstelle. Erfahrungsgemäß trifft sie sich dort mehrmals täglich mit ihrer Schwägerin und führt ein ganz spezielles Telefonat. Mit wem verrät sie nie. Auch diesmal nicht, als ich sie frage, während sie mit dem Eis in der Hand schon wieder Richtung Tür stürmt. Sie lächelt wie immer nur schelmisch verlegen, wie jedes Mal begleitet von einer leichten Rötung auf ihren Wangen.

Nachdem wir die gewohnte Dosis Wirbelwind überstehen, geht es wieder ruhiger weiter und der Freund entschuldigt sich und geht ins Bad. Die Freundin wendet sich mir zu. Wir beide sitzen uns schräg gegenüber.

„Wie schön, dass wir etwas allein sein können“, beginnt sie das Gespräch.

„Liegt Dir etwas auf dem Herzen?“ frage ich, den mir ist nicht entgangen, dass sie seit meiner Ankunft etwas loswerden möchte, sich jedoch zurückhält.

„Ja“, klingt es fast schon erleichtert aus ihrem Munde. „Er bedeutet mir sehr viel“, beginnt sie und meint den Freund. „Wir verstehen uns wirklich sehr gut. Er ist ein wahrer Gentleman. Wir beide sind gute Freunde“, versichert sie. „Ich bin nämlich verlobt.“

„Mit dem gutaussehenden Piloten“, schiebe ich schmunzelnd ein.

„Genau. Er baut uns gerade ein Haus am Ozean. Der Blick ist atemberaubend. Sobald wir es beziehen können, werden wir heiraten.“ Da ist er wieder der verliebte Blick, der ihr Gesicht wie eine Sonne erstrahlen lässt, wann immer sie von ihm erzählt. Ich stelle mir die beiden kurz vor, wie schon oft, er der gutaussehende Pilot, sie die bildhübsche Stewardess. Beide stets über den Wolken schwebend.

„Ich freue mich wirklich sehr für euch beide“, sage ich und nehme dabei ihre Hände in meine.

„Danke. Du bist immer so nett, deshalb möchte ich nicht, dass Du dir sorgen machst.“

„Worüber sollte ich mir den Sorgen machen?“ frage ich erstaunt.

„Das ich Dir deinen Mann wegnehme“, erwidert sie, während der Freund wieder aus dem Bad kommt und sich auf seinen Sessel setzt.

„Ihn?“ frage ich erstaunt und deute Richtung des Freundes. „Wir beide sind nicht verheiratet“, versichere ich ihr.

Verwirrt schaut sie einige Male zwischen mir und dem Freund hin und her.

„Sie ist nicht Deine Frau?“ fragt sie ihn danach erstaunt.

„Wer? Sie?“ wundert er sich. „Natürlich nicht! Das ist doch noch ein Kind!“ empört er sich und erzählt ihr, wer seine Frau ist.

„Wo ist sie eigentlich?“ fragt er mich daraufhin. „Ich kann mich nicht erinnern, dass ich sie heute gesehen habe.“

„Zu Besuch bei ihrer kranken Mutter“, antworte ich wie üblich. Diese Lüge erzählen wir alle, seitdem er in dieser Einrichtung lebt. Sie funktioniert jedes Mal. Seine Ehefrau ist derweil für ein paar Tage unterwegs im Ausland und geht familiären Verpflichtungen nach.

„Du bist verheiratet?“ fragt nun die Freundin empört, nachdem wir die kurz eingeschobene Echt-Ehefrau-Konversation beenden.

„Ja!“

„Das hätte ich von Dir nicht erwartet. Das hat nichts mit Anstand zu tun. Was wird denn jetzt aus mir?“

Nach dieser Frage herrscht für einen kurzen Moment Stille.  

Wir stecken in einem komplexen Ehefrauenchaos. Auf der einen Seite eine sich verlobt glaubende Frau, die angeblich kurz vor der Ehe mit einem Piloten steht. Auf der anderen Seite ein Mann, der mit dieser Frau in einer außerehelichen Beziehung lebt, während er mit einer anderen Frau verheiratet ist. Die wiederum von der Beziehung ihres Mannes zu der Frau, die sich mit einem anderen Mann verlobt zu glauben scheint, weiß und glücklich darüber ist, dass er eine Lebensgefährtin an seiner Seite hat. Kommt noch irgendjemand mit? Gut! Was ist mit mir? Ich, die Nicht-einmal-ansatzweise-Ehefrau und – fürs Protokoll – übrigens die Einzige in dieser Geschichte, die ausschließlich eine rein freundschaftliche Beziehung zu dem besagten Mann pflegte und pflegt, auf einmal mittendrin. Also mal ganz ehrlich, warum bin ich überhaupt im Rennen?

Vielleicht hätte ich mich an die Hacken von der Wirbelwindnachbarin kleben sollen und würde jetzt mit ihr und der Schwägerin an der Tanke abhängen und sicherlich auch herausbekommen, welcher Telefongesprächspartner die Röte in ihrem Gesicht entfacht. Ob ich zu der Zeit, wo sich diese Geschichte abspielt überhaupt auf der Welt war, bezweifle ich. Aber hier reisen alle in der Vergangenheit herum, warum ich nicht. Ach ja, dann haben wir auch noch nicht geklärt, dass die sich verlobt glaubende ehemalige Stewardess, die ihre Beziehung zum bereits verheirateten Mann als reine Freundschaft ausgibt, um die Nicht-Ehefrau von dieser angeblich platonischen Beziehung zu überzeugen, sich später darüber empört, dass dieser besagte Mann verheiratet ist, nicht mit der Nicht-Ehefrau, also mir, sondern mir der Echt-Ehefrau und sie jetzt ganz allein dasteht.

Irgendjemand sollte jetzt etwas sagen.

„Aber Du hast doch selbst gerade gedacht, dass sie meine Frau ist“, unterbricht der Freund die Stille und deutet auf mich. Er scheint die kurze Pause genutzt zu haben, um Sinn in den Unsinn zu bringen. „Also muss ich Dir doch erzählt haben, dass ich verheiratet bin“, schlussfolgert er.

„Ich bin jetzt etwas verwirrt“, erwidert sie leise und senkt ihren Blick nach unten.

„Das sind wir alle“, versichere ich ihr und schlage vor, im Aufenthaltsraum zu puzzeln. Die Freundin ist über diesen Vorschlag mehr als begeistert. Der Freund schließt sich uns an, da er der Meinung ist, dass wir ohne ihn sicherlich nichts fertigbringen werden. So einfach ist das Problem gelöst und schon längst vergessen.

© Serap Yıldırım / 2020

Beitragsbild: Photo by JD Mason on Unsplash
Musik / Sound für Audio: http://www.orangefreesounds.com/chopin-waltz-in-a-minor/

8 Comments

  1. pflanzwas

    Herrlich, dieses Durcheinander und die verschiedenen Ansichten 🙂 Erst ist es okay, daß der mit dem und dann doch nicht….das wirkt wie bei Loriot. Schön, daß sie dann so schnell umschalten können und nicht nachtragend sind. Da gibt es auch andere Charaktere, die sowas leider lange übelnehmen.

    Gefällt 1 Person

  2. Karin Hartel

    Liebe Serap, dieser Beitrag ist nicht nur ein literarisches Highlight, sondern auch eine wunderbare Hilfe, wenn ich meine „vergeßliche“, alte Freundin besuche. Ab heute werde ich ihr nicht mehr erklären, wer ich wirklich bin, sondern sie in dem Glauben lassen, dass ich die bin, die mir Unbekannte, die sie in mir zu sehen glaubt. Dann bin ich eben diese Unbekannte für eine kleine Weile. Danke! Karin, die mit der Kunst vom HOf

    Gefällt 1 Person

    1. mynewperspective

      Liebe Karin,
      genau das ist der Punkt. Gerne etwas zurechtrücken, aber nicht drängen, sondern einfach „mitspielen“, wenn es nicht anders geht. Wichtig ist es, die Zeit mit dieser Person so gut wie möglich zu gestalten. Es ist egal, wer wer ist, Hauptsache, gemeinsam genießt man die Zeit, die man miteinander verbringt. Für mich war die Zeit mit diesen Menschen eine ganz wertvolle. Nichts hat mich so nachhaltig geprägt, wie der Umgang mit diesen ganz besonderen wertvollen Menschen.
      Herzliche Grüße
      Serap

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