Dazugelernt

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Kurz nach dem Studium bewerbe ich mich mit meinem frisch gebackenen Magister im Fach Turkologie bei einer Bundesbehörde, die genau diesen Abschluss als Anforderung in ihrer Stellenausschreibung sucht. Das Thema meiner Magisterarbeit passt ebenfalls zum Aufgabengebiet der neuen Arbeitsstelle und ich bin guter Hoffnung, was eine Einladung zum Vorstellungsgespräch betrifft.

Es dauert geraume Zeit und ich erhalte keine Nachricht. Ungewöhnlich lange, auch für eine Bundesbehörde, finde ich, und beschließe, mich telefonisch über den Stand des Auswahlprozesses zu informieren. Die Dame am anderen Ende der Telefonleitung will nach meiner Bewerbung suchen und bittet mich für einen Moment um Geduld. Ich warte.

„Ja … also … ihre Bewerbung liegt vor“, gibt die Dame bestimmt von sich. „Eine Entscheidung bezüglich der Stelle wurde bisher nicht getroffen!“

„Fanden Bewerbungsgespräche bereits statt oder stehen diese ebenfalls noch aus?“ frage ich, um herauszufinden, ob es überhaupt eine Chance für mich geben wird.

Die Dame berichtet, dass noch gar keine Gespräche stattfanden. Gut für mich, also bin ich noch im Rennen. Denke ich. Falsch gedacht! Die Dame schaut sich während des Telefonats meine Bewerbungsunterlagen an und stellt fest:

„Aber Sie haben ja gar nicht angegeben, dass Sie Kurdisch können.“

„Das ist richtig“, bestätige ich. „Die Ausschreibung richtet sich an Turkologen.“

„Ja, aber wir brauchen Bewerber mit Kurdischkenntnissen.“

„Von dieser Anforderung steht nichts in der Ausschreibung“, erwidere ich.

Das sei richtig, bestätigt die Dame am anderen Ende der Leitung. Die Ausschreibung hätte sich geändert. Sie bräuchten jemanden mit Kurdischkenntnissen.

„Aber die Ausschreibung richtet sich weiterhin an Turkologen?“ frage ich erstaunt.

„Ja, Turkologen mit Kurdischkenntnissen.“

„Verstehe“, erwidere ich, obwohl ich rein gar nichts verstehe. Denn es ergibt gar keinen Sinn. Also frage ich weiter: „Warum richtet sich den die Ausschreibung an Turkologen, wenn Sie jemanden mit kurdischen Sprachkenntnissen suchen?“ frage ich erstaunt.

„Weil wir jemanden suchen der die kurdische Sprache spricht!“ erwidert die Dame am anderen Ende der Telefonleitung energisch.

„Welche kurdische Sprache ist den gefordert?“ frage ich neugierig.

„Na, das Kurdisch, das die Kurden sprechen!“ erklärt mir die Dame.

„Verstehe“, erwidere ich erneut, obwohl ich rein gar nichts verstehe. Denn es ergibt gar keinen Sinn. „Es ist so“, erkläre ich, „dass Kurdisch gar keine Sprache, sondern eine Sprachgruppe ist. Daher meine Frage, welche kurdische Sprache als Anforderung gestellt wird.“

Die Dame am anderen Ende der Leitung fängt langsam an, unsicher und verwirrt zu klingen. „Also, wir suchen jemanden mit turkologischem Abschluss der Kurdisch spricht. Es gibt doch Türken, die Kurdisch sprechen!“ fügt sie fast schon etwas verzweifelt klingend hinzu.

„Verstehe“, erwidere ich, obwohl ich rein gar nichts verstehe. Denn es ergibt gar keinen Sinn. „Vielleicht darf ich Ihnen das kurz erklären. Die Turkologie beschäftigt sich mit der Sprachgruppe der Turk-, also türkischen Sprachen. Die kurdischen Sprachen gehören zur großen Gruppe der indogermanischen Sprachfamilie. Mit der Turkologie besteht dort sprachlich gesehen gar keine Verbindung. Die kurdische Sprachfamilie besteht aus drei Sprachen. Es kann sein, dass es einen Turkologen gibt, der eine oder mehrere der kurdischen Sprachen beherrscht, aber das hat er dann nicht in der Turkologie, sondern im Fach Iranistik oder ähnlichem erworben, vielleicht auch durch den eigenen familiären Hintergrund. Meine Frage ist nun, suchen sie tatsächlich einen Turkologen, der zufällig auch einer oder mehrerer kurdischen Sprachen mächtig ist oder einen Iranisten oder Orientalisten mit dem Schwerpunkt kurdische Sprachen?“

Eine kurze Zeit herrscht Stille am anderen Ende der Leitung. Meine Gesprächspartnerin scheint nun völlig verwirrt zu sein.

„Aber es gibt doch Türken, die Kurdisch sprechen!“ schießt es mir energisch und doch verzweifelt klingend durch den Telefonhörer entgegen.

„Ja, es gibt türkische Mitbürger, die mindestens einer kurdischen Sprache mächtig sein können“, erkläre ich, „aber dies ist nicht Bestandteil ihrer Ausschreibung. Sie richten die Vakanz an Turkologen und nicht an Türken, die als Bonus noch kurdischer Sprachen mächtig sind.“

Mit all den Ausführungen scheine ich meine Gesprächspartnerin nun völlig aus dem Konzept gebracht zu haben. Sie möchte Rücksprache halten und klären, was die entsprechende Abteilung nun tatsächlich sucht. Ich bedanke mich für das Gespräch und wir beide legen auf.

Mein damaliges Kopfschütteln hält lange an. Wie kann eine Bundesbehörde an so einer kritischen Stelle nicht wissen, welche fachlichen Kompetenzen gesucht werden? Hier geht es schließlich nicht um eine 08/15 Arbeitsstelle. Es geht um die Sicherheit eines Landes und anscheinend ist man nicht einmal im Klaren, welche fachlichen Fähigkeiten von Nöten sind, um diese Sicherheit zu gewährleisten.

Mehrere Monaten später erhalte ich eine Absage für die ausgeschriebene Position. Wahrscheinlich aufgrund meiner fehlenden Sprachkenntnisse, die ich laut Studium gar nicht besitzen kann. Erst viele Jahre später entdecke ich wieder eine Ausschreibung der Bundesbehörde, wo die Anforderungen angepasst wurden. Wie heißt es doch im türkischen so schön: „Bilmemek değil, öğrenmemek ayıp.“ Heißt: Es ist keine Schande, etwas nicht zu wissen, aber eine Schande etwas nicht zu erlernen.“ Wenn auch mit Verspätung hatte es sogar diese Bundesbehörde geschafft.

© Serap Yıldırım / 2019
Beitragsbild: Mari Helin on Unsplash

19 Comments

    1. mynewperspective

      I guess we all experienced those types of bureaucratic nightmares. Unfortunately.

      So great you liked the Turkish saying. My dad told me this when I was a child. It always encouraged me to look behind the obvious and don’t get anything for granted and continue to learn.

      Gefällt 1 Person

  1. mailpro

    Liebe Serap,
    sehr plastisch beschrieben, diese Inkompetenz mancher Verwaltung-Abteilungen! Mir ist so etwas ähnliches auch schon passiert. Mehrere damit befassten „Fachleute“ wussten über ihre eigenen juristischen Grundlagen nicht Bescheid. Da es dabei um viel Geld ging, blieb ich hartnäckig und machte mich selbst schlau. Auch dann, als ich ihnen die zutreffenden Paragrafen am Telefon benannte und vorlies, glaubten Sie, weiterhin im Recht zu sein. Es gab dreimal (!) einen abschlägigen Bescheid! Letztendlich landete ich bei der zuständigen Landesministerin. Die gab mir dann recht!

    Ich finde es schlimm, dass man immer wieder sein Recht erkämpfen muss, obwohl es eindeutig geregelt ist und die Behördenmitarbeiter das eigentlich wissen müssten ….

    Dir einen schönen Tag!
    Herzlichen Gruß, Michael

    Gefällt 3 Personen

    1. mynewperspective

      Lieber Michael,
      tja, dass „Fachleute“ nicht immer was vom Fach verstehen, ist leider nicht selten. Gut ist es, wenn man sich dann selber hinter klemmt. Aber, nicht jeder mag diese Kompetenzen besitzen und auch nicht verstehen, was sich hinter dem Fachchinesisch verbirgt. Da kann es dann eben auch sein, dass man verlassen ist, wenn man sich auf andere – die angeblich vom Fach sind – verlässt.
      Herzliche Grüße
      Serap

      Gefällt 2 Personen

    1. mynewperspective

      Von der Dame aus der Personalabteilung erwarte ich gar nicht so viel Fachwissen, aber von der Abteilung, die sucht schon. Die hätte es präzise weiterleiten müssen. Wie gesagt, es war kein 08/15 Job! Da musste ich tatsächlich den Kopf schütteln.
      Ich hatte schon Bewerbungen, wo die Absage nach 1,5 Jahren kam. Da musste ich erst mal überlegen, auf was ich mich da überhaupt beworben hatte. 😉
      Herzliche Grüße
      Serap

      Gefällt 2 Personen

  2. pflanzwas

    Ist es nun amüsant oder erschreckend, wenn an solchen Stellen Inkompetenz waltet? Die Frau am Telefon hatte bestimmt nur Halbwissen, aber wie du schon sagst, hätten die Auftraggeber sich schlau machen müssen. Du hast es dann ja schön aufgedröselt. Wer weiß, vielleicht haben sie von dir gelernt 🙂 LG
    Almuth

    Gefällt 2 Personen

    1. mynewperspective

      Vielleicht erschreckend amüsant oder amüsant erschreckend?
      Wie dem auch sei, vielleicht hätte ich dieser Behörde meine Rechnung für die Beratung senden sollen. Schließlich sorgte ich für Aufklärung und einen Job habe ich nicht bekommen. 🙂
      Herzliche Grüße
      Serap

      Gefällt 2 Personen

      1. pflanzwas

        Ja genau, erschreckend amüsant 😉 In der Tat. Gibt es die Abteilung noch? Vielleicht könntest du eine verspätete Rechnung senden. Die haben schließlich auch Zeit gebraucht, dir abzusagen. Sowas sollte für die nicht überraschend kommen 😉 LG
        Almuth

        Gefällt 2 Personen

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