Auf Umwege zu Gott?

Geschichte lieber von mir vorlesen lassen? Dann bitte Play-Button drücken.



Zu Besuch in der Hauptstadt eines südamerikanischen Landes schlendern meine Freundin und ich durch die Gegend. Beim Vorbeigehen erweckt ein sehr großes Gebäude, welches neu errichtet zu sein scheint, mein Interesse. Ein modernes Einkaufzentrum in orientalischem Touch? frage ich mich innerlich selbst. Doch warum sollte ein Einkaufszentrum Minaretten besitzen? Während wir an dem Gebäude entlanggehen, sehe ich am Eingangstor zwei Soldaten. Jetzt bin ich völlig verwirrt. Was genau ist das hier?

„Eine Moschee“, antwortet meine in dieser Hauptstadt lebenden Freundin.

„Wie viele Muslime leben denn hier, dass eine derartig große Moschee gebaut wurde?“ frage ich verwundert.

„Schon etliche. Aber diese Moschee hat auch eine andere Bedeutung“, antwortet sie.

„Welche denn?“ frage ich.

Meine Freundin erklärt, dass der ehemalige Präsident muslimischer Herkunft sei, aber die Verfassung des Landes vorsieht, dass die Präsidenten der Kirche angehören müssen. Vor seiner Kandidatur zum Präsidenten trat er zum römisch-katholischen Glauben über. Das Grundstück sei eine Schenkung an einen islamischen Staat, welches hier nun eine Moschee erbaute.

Interessant, denke ich und möchte sie gerne besuchen. Da ich der Landessprache nicht mächtig bin, fragt meine Freundin, einen der Soldaten, ob und wie dies möglich sei. Nach einem langen Gespräch kommt die Freundin zurück, während ich etwas abseits auf sie warte.

„Also, es ist folgendermaßen“, beginnt sie „Du musst zur Botschaft des Landes, die die Moschee erbaut hat. Dort wird überprüft, ob Du Moslem bist. Mit der Bestätigung der Botschaft kannst Du zu den Gebetszeiten in angemessener Kleidung die Moschee betreten. Es wird dich ein Soldat begleiten. Nach dem Gebet musst Du die Moschee wieder verlassen. Ein Rundgang ist nicht möglich.“

Mit großen Augen schaue ich meine Freundin an und wiederhole in eigenen Worten, als ob ich nicht verstanden hätte, was sie sagte oder um einfach sicher zu gehen, ob ich es tatsächlich verstanden habe, was sie gerade von sich gab.

„Ich soll zur Botschaft des Landes, die diese Moschee erbaut hat.“

„Richtig.“

„Die wird mir bestätigen, dass ich Moslem sei.“

„Genau.“

„Dann kann ich wieder hierher und in angemessener Kleidung zu den Gebetszeiten die Moschee zum beten betreten, während ein Soldat über mich wacht. Danach muss ich die Moschee wieder verlassen.“

„So ist es.“

Ich bin baff. Wo gibt es denn so etwas?

„Und wie soll die Botschaft feststellen, ob ich Moslem bin? Soll ich das Glaubensbekenntnis aufsagen oder was wird erwartet?“ frage ich völlig irritiert. „In meinem Ausweis steht, dass ich dem muslimischen Glauben angehöre, reicht das den Soldaten nicht?“

„Sie sagten, dass sie definitiv eine Bestätigung der Botschaft brauchen. Ich sagte ihnen bereits, dass Du Moslem bist, aber das reicht wohl nicht aus.“

„Und wo soll den der Soldat warten während ich bete? Im Frauenbereich? Da darf er doch gar nicht hin! Wäre ja noch schöner, wenn er einen Bereich betritt, der den Frauen gehört. Kommt gar nicht in Frage!“ echauffiere ich mich.

„Oh, das weiß ich nicht“, erwidert meine Freundin. „Möchtest Du, dass ich ihn frage?“

„Nein, danke. Das ist nicht nötig. Ich werde nicht bei irgendeiner Botschaft beweisen, welcher Religion ich angehöre, um ein Gotteshaus unter Bewachung betreten zu dürfen.“

Meine Freundin und ich ziehen weiter und widmen uns dem Programm, welches wir für den Tag planten.

Unvergesslich bleibt die Geschichte für mich bis heute. Dass ich ein Gotteshaus trotz passender Glaubensrichtung nicht ohne Weiteres betreten durfte, ist damals dem Fakt geschuldet, dass die Moschee wohl noch gar nicht offiziell eröffnet war. Dies ist verständlich. Was bei mir jedoch seit über einer Dekade hängengeblieben ist, ist die Frage, was eigentlich Religion bedeutet. Nicht Religion im ganz persönlichen individuell betrachteten Sinne, sondern ganz generell. Was ist Religion und wie austauschbar ist sie?

Da konvertiert ein Mensch damit er Präsident werden darf zu einer anderen Religion, weil es das Gesetz des Landes vorschreibt, damit er sein Ziel erreichen kann. Was ist der Ausgleich? Einem anderen, (seiner alten Religion nahekommenden) Staat ein Stück Land zu schenken, damit dort ein Gotteshaus für die Religion entsteht, der er einmal angehört hat? Ist dies ein Versuch, einen Gott wieder günstig zu stimmen, weil man Religionen als Mittel zum Zweck nutzt?

Die Geschichte der Menschheit bietet etliche derartige Beispiele. Religion als Instrument. Aber, warum lassen sich Menschen derartig instrumentalisieren? Von Anfang bis zum Ende des persönlichen Lebens sind wir ein Mensch. Nicht mehr und nicht weniger. Das ist das Einzige was alle vereint und zum Kollektiv macht. Warum also auf Unterschiede schauen, wenn die große Gemeinsamkeit uns verbindet?

© Serap Yıldırım / 2019

Beitragsbild: Photo by Fahrul Azmi on Unsplash
Musik / Sounds für Audio:
https://www.zapsplat.com/sound-effect-category/world/page/2/

12 Comments

  1. Reiner

    Religion ist die Sucht nach Unterscheidung, einerseits. Und immer auch ein Machtfaktor, im so genannten Abendland nicht mehr so stark wie in muslimischen Ländern. Obwohl, wenn ich an die Rolle der orthodoxen Kirche in Russland denke …

    Für mich ist Religion eine Interpretation des Glaubens. 2007 habe ich mich taufen lassen, bin der evangelische (Amts-)Kirche beigetreten. Das war ein Stück weit eine pragmatische Entscheidung, weil ich gute Erfahrung mit der Arbeit der örtlichen Diakonie gemacht habe – und weil einige Geistliche hier in der Stadt sich nicht scheuen, öffentlich politische Missstände anzuprangern. Auch mit der Unfehlbarkeit des Papstes stimme ich nicht überein, darum lagen die Evangelen nahe. Seit dieser Zeit unterstütze ich die Gemeinde wenigstens mit meiner Kirchensteuer, wenn ich nach dem Ende meiner Erwerbstätigkeit mehr Zeit habe, auch anderweitig.

    Für mich gibt es nur eine höhere Macht, einen liebenden Gott, dem ich mich zuwenden kann – oder mit dem freien Willen abwenden. Einen Gott mit vielen Namen … wobei mir persönlich sein Sohn recht nahe steht 😉

    Sei herzlich gegrüßt, liebe Serap!

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  2. Anna-Lena

    Unglaublich!
    Du wolltest doch keinen Hochsicherheitstrakt besuchen, oder?
    Auf der einen Seite Machtansprüche mit allen Konsequenzen, auf der anderen Seite eine Ignoranz sondersgleichen.

    Von Gemeinschaft, Religionsfreiheit, Ökumene und Toleranz meilenweit entfernt. Willkommen in der Steinzeit!

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    1. mynewperspective

      Ja, aber – wie auch geschrieben – wohl dem geschuldet, dass es damals noch gar keine offizielle Eröffnung gab. Ob es die Situation besser macht, ist wohl Interpretationssache. Mittlerweile ist es ein kultureller / religiöser Treffpunkt und offen für alle.
      Wobei für mich immer noch die Frage besteht, wie austauschbar Religion für uns Menschen ist. Aber das ist eine sehr sensible und sicherlich nicht generell zu beantwortende Frage.
      Herzliche Grüße
      Serap

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      1. Anna-Lena

        Wenn es nun offenund ein Treffpunkt für alle ist, finde ich das schon einen guten Schritt.

        Wie einfach wäre es doch, wenn es nur eine einzige Religion gäbe … , vielleicht würde es dann auch weniger Fanatismus in der Welt geben.

        Ich grüße dich lieb zurück 🙂 .

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        1. mynewperspective

          Liebe Anna-Lena,
          oh, dies wäre in der Tat schön. Vielleicht sogar auch nur eine Nationalität. Auch das würde einiges aus der Welt schaffen. 🙂
          Vielleicht aber sollten wir uns immer wieder – egal welche Religion und/oder Nationalität – ins Gedächtnis rufen, dass unser Gegenüber ein Mensch ist. Nicht mehr und nicht weniger.
          Herzliche Grüße
          Serap

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