Besuch aus dem Jenseits

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Es ist ein Wochentag. So circa zwischen 14:00 und 15:00 Uhr. Eine besondere Stille breitet sich in mir aus. Sie fühlt sich wohlig an, ist von außen nach innen zentriert und anders, als ich je Stille empfunden habe. Zu diesem Empfinden passt ein sanfter Jasmintee, denke ich und entschließe mich einen zuzubereiten. In meiner Küche fülle ich meinen hochglanzmetallicroten Wasserkocher, setze ich ihn zurück auf die Basis und betätige den Knopf. Während das Wasser langsam anfängt zu kochen, entscheide ich mich für meinen Becher mit dem Engelmotiv.

Der Teebecher ist aus feinem weißem Porzellan, besitzt eine etwas bauchige, rundlichere Form und einen ungewöhnlich geschwungenen Henkel. Ein schönes Engelmotiv ziert diesen Becher von außen und ein wunderschönes Herz von innen. Aus meiner, mit japanischen Motiven verzierten Teedose, steigt der sanfte Duft von Jasminteeperlen in meine Nase auf, sobald ich sie öffne. Allein schon dieser Duft reicht aus, um mich noch tiefer in die angenehme Stille in mir zu führen.

Meine Teevorfreude steigt immer mehr. Nach der Zubereitung begebe ich mich mit meiner Engeltasse Richtung Couch und setze mich im Schneidersitz mittig drauf. Normalerweise ist dies nicht, wie ich es mir sonst auf dem Sofa gemütlich mache. Aber heute scheint ein anderer Tag zu sein.

Meine Sitzposition passt zu meiner inneren Haltung und Stille. Eine aufrechte Yogaposition auf der Couch mit meinem Engelbecher, welches ich mit beiden Händen umfasst, meine Unterarme auf den verwinkelten Beinen ausruhend, mittig vor mir halte. Eigenartig, denke ich. Irgendwas ist anders. Meine Couch ist direkt vor den zwei Fenstern, die den Raum erhellen. Es ist ein zauberhafter, sonniger Tag und der warme, sanfte Sonnenschein, der durchs Fenster hineinströmt, wärmt meinen Rücken und hüllt mein Zimmer in ein sanftes Licht. Der warme Duft des Jasmintees steigt mir in die Nase. Es ist ein Zen Moment, wie es bilderbuchhafter gar nicht sein kann. Langsam, fast schon in Zeitlupe, hebe ich mein Engelbecher hoch und nehme einen kleinen Schluck vom wohlriechenden, sanften Tee. Die Wärme des Tees korrespondiert harmonisch mit der leichten Sonnenwärme und der innigen Stille in mir. Noch ein weiterer Schluck und der Moment wird perfekt. Für ein paar Sekunden schließe ich meine Augen, während sich meine Unterarme auf den Oberschenkeln wieder ausruhen und meine beiden Hände weiterhin den bauchigen Engelbecher sanft umschließen.

Als ich meine Augen wieder öffne, sehe ich im rechten Gesichtsfeld, etwa in Höhe meines Kopfes, wie das verstorbene Kaninchen meiner Freundin langsam einen kleinen Bogen um mich herum hoppelt und etwa einen Meter entfernt rechts vor mir zu stehen kommt.  

„Die Menschen sehen vieles nur einseitig. Die Existenz von vielen Dingen wird einfach ignoriert.“


Ein Lächeln breitet sich auf meinem Gesicht aus.

„Hallo Kaninchen!“ strahle ich sie an, als ob dieser unerwartete Besuch aus dem Jenseits das Natürlichste der Welt sei.

„Hallo.“

„Schön, dass Du mich besuchen kommst. Was führt Dich den hierher?“ frage ich in völliger Selbstverständlichkeit, als ob mich ständig frühere Lebewesen aus dem Jenseits besuchen würden. Was sollte daran jetzt so unnatürlich sein?!

„Ach, ich war in der Gegend und dachte, ich schaue mal vorbei“, antwortet mir das Kaninchen.

„Wie schön“, freue ich mich. „Ich hab‘ einen Tee zubereitet und war gerade dabei, die Stille zu genießen, die sich auf wundersame Weise anfing in mir auszubreiten“, beginne ich die Konversation mit meinem speziellen Besuch.

„Das weiß ich“, erwidert das Kaninchen, „deshalb wollte ich bei Dir vorbeischauen.“

Es redet weiter. Anscheinend hat es mir einiges zu erzählen, doch nur an das Ende des Gesagten erinnere ich mich:

„Die Menschen sehen vieles nur einseitig. Die Existenz von vielen Dingen wird einfach ignoriert. … Ich muss jetzt aber gehen! … War schön, Dich zu besuchen!“

Das verstorbene Kaninchen meiner Freundin hoppelt langsam wieder einen kleinen Bogen um mich herum und verschwindet aus meinem Gesichtsfeld. Vielleicht aus dem Fenster heraus? Genau weiß ich es nicht, denn ich schaue ihr nicht nach.

Wieder in der Realität angekommen, falls ich überhaupt weggewesen sein sollte, weicht die Stille und macht Platz für die Verwirrung, die sich nun in mir ausbreitet. Was genau war gerade passiert? Hatte ich geträumt? Oder war ich gar tiefenentspannt? Hochmeditativ, sozusagen?

Wo sind die tatsächlichen Grenzen zwischen Realität und Fiktion?

Mein Blick richtet sich nach unten zu meinem Engelbecher, welches ich immer noch mit beiden Händen sanft umschließe. Alles ist wie vor dem Besuch, nur der Tee im Becher ist signifikant weniger geworden. Wann trank ich den so viel Tee? Nur an die ersten beiden Schlucke erinnere ich mich sehr genau. Trank ich während des Besuchs etwa weiter, ohne mich daran zu erinnern? Langsam, fast schon ein klein wenig ängstlich hebe ich den Engelbecher hoch und rieche an meinem bereits erkalteten Jasmintee. Ja, es ist eindeutig Jasmintee. Nichts anderes. Nichts, was mich hätte in einen Rauschzustand versetzen können. Ein weiteres Mal riechen bringt auch nicht mehr Klarheit darüber, was mich in einen anderen Bewusstseinszustand versetzt haben könnte. Am Jasmintee kann es also nicht liegen. Schließlich trinke ich ihn tagtäglich. Was war also passiert?

Immer noch in meiner Yogasitzposition auf der Couch, entschließe ich mich, dass dies ein Geheimnis bleiben wird. Wem könnte ich so etwas auch erzählen, ohne für verrückt gehalten zu werden? Nein, dies müsse ein Geheimnis bleiben. Es passierten schon einige merkwürde Dinge in meinem Leben, die keinen Sinn ergaben.

Auf jeden Fall warf diese Art von Erfahrung viele Fragen auf. Herrschte in der Welt, in der ich lebte, weitaus mehr, als ich je vorher zu glauben vermag?

„Die Menschen sehen vieles nur einseitig. Die Existenz von vielen Dingen wird einfach ignoriert.“ Die Worte eines verstorbenen Kaninchens. Erlebte ich tatsächlich etwas „verrücktes“ oder lebte ich nur in einer Welt, in der wir uns alles mit der Zeit logisch „zurechtrückten“ und ich dies, wie wahrscheinlich viele Menschen auch, als Standard ansah?

Wo sind die tatsächlichen Grenzen zwischen Realität und Fiktion? Dem wahren Leben und dem Traum? Dem Diesseits und dem Jenseits?

Vielleicht besteht die Welt aus weitaus mehr, als wir es sehen wollen. Vielleicht sind die Linien, die wir ziehen, selbst auferlegte Schranken. Vielleicht ist nicht alles, was bisher nicht wissenschaftlich fundiert bewiesen ist, die reinste Täuschung. Vielleicht bedarf es nicht einmal jahrelanger, intensiver meditativer Praxis, die ich übrigens nicht ansatzweise besitze, um sich und dem wahren Leben mit ihren fließenden Grenzübergängen derartig nahezukommen. Vielleicht ist es wirklich so, wie das verstorbene Kaninchen meiner Freundin sagte. Vielleicht ist alles nicht so, wie wir es meinen, tatsächlich zu sehen.

© Serap Yıldırım / 2019

Beitragsbild: Gustavo Zambelli on Unsplash
Musik / Sounds für Audio:
http://www.orangefreesounds.com/meditation-music-for-relaxation-and-dreaming/
weitere Sounds: Privat

23 Comments

  1. macalder02

    Aveces la percepción visual del cerebro nos hace pasar cosas que están delante de nosotros y somos capaces de verlo. Como el cerebro es quien construye la visión, la conciencia la puede borrar y la omitimos. Ya por conveniencia, por egoísmo o porque simplemente no queremos tenemos problemas, dejamos pasar momentos que son importantes para nuestra vida. Buscamos la felicidad en sitios equivocados si solo miramos lo exterior, las apariencia y lo superfluo. El relato de la visión del conejo y la descripción de los hechos, está magistralmente narrada. Uno nos e puede perder detalles porque desde un principio nos involucras en la historia. Lo que más me llamó la atención fue todo lo relacionado con tu yo interior. Una reflexión para tomarla muy en cuenta dado la profundidad de tus pensamientos. Una buena semana para ti.

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    1. mynewperspective

      Muchas gracias. La complejidad de nuestro cerebro y el uso de sólo una pequeña fracción del mismo, junto con la aún no exhaustiva investigación de nuestro mundo, cierra nuestra visión. O, para decirlo de forma positiva, nos permite descubrir mucho más. Que tengas una buena semana.

      Gefällt 1 Person

  2. Reiner

    Wir laufen auf einer dünnen Kruste dieses immer noch größtenteils flüssigen Planeten und haben die Illusion, auf festem Grund zu stehen. So ist das mit dem „Rest“ auch, glaube ich. Unter der Oberfläche des Alltags ist unvorstellbar mehr, als wir, gebunden im Tagesgeschäft, wahrnehmen können. In der Ruhe öffnen sich allmählich die Türen …

    Ich freue mich für, die liebe Serap!

    Grüße 🙂

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  3. mailpro

    Liebe Serap,
    vielleicht ist wirklich alles nicht so, wie wir glauben, es tatsächlich zu sehen!
    In unserer wissenschafts-überzeugten Wirklichkeit meinen wir alles erfasst zu haben. Dabei gibt es immer wieder –wenn wir sie sehen wollen– Hinweise, die auf mehr schließen lassen. Dafür ist Deine Erzählung vom Besuch des Kaninchens ein wunderbares Beispiel! Herzlichen Dank dafür!
    Lieben Gruß und ein gutes neues Jahr, Michael

    Gefällt 2 Personen

    1. mynewperspective

      Lieber Michael,
      vielleicht ist es so, wie Du es bereits geschrieben hast. Vielleicht aber auch, dass wir zu unserer Essence zurückkehren müssen/sollten. Oder eine Mischung aus beidem.
      Besonders ist es, derartige Momente tatsächlich mal zu erleben. Denn dann können sie immer wieder auch abgerufen und geteilt werden, wie diese Geschichte.
      Möge es ein besonderes neues Jahr für Dich werden.
      Herzliche Grüße
      Serap

      Gefällt 1 Person

  4. finbarsgift

    Wundervoll notiert und erzählt, liebe Serap.
    Vielleicht ist der Jasmintee schon auch ein Zaubertrank, aber entfaltet seine Zauberwirkung nur ab und zu, zum Beispiel, wenn du so richtig bereit bist, Grenzüberschreitungen in deiner Realität zu tolerieren?!
    *lächel*
    Herzlich, Lu

    Gefällt 2 Personen

    1. mynewperspective

      Vielen Dank, mein lieber Lu.
      Wahrscheinlich waren es nur diese ganz speziellen Jasminteeperlen, die den Trank so zauberhaft machten. 🙂 Aber die Offenheit, tatsächlich seine eigenen Grenzen zu sprengen und in ein noch nicht bekanntes Terrain zu treten, spielt sicherlich (wenn auch gar nicht geplant) mit eine entscheidende Rolle.
      Herzliche Grüße
      Serap

      Gefällt 3 Personen

  5. gkazakou

    Schön ist das: die Art deines Vortrag, die Musik, die Erzählung, das weise Kaninchen. Mich erinnerte das an den Hasen, von dem ich vorgestern Nacht las: W.G.Sebald, „Des Häschns Kind, der kleine Has – über das totemtier des Lyrikers Ernst herbeck“, in Sebald, Campo Santo, Fischer Taschenbuch 2013,S. 171 ff. Herbeck war fast sein Leben lang wegen Schizophrenie in Anstalten untergebracht. er hatte eine mehrfach operierte Hasenscharte – Symbol der nicht ganz vollzogenen Spaltung, weshalb der Hase als Vermittler zwischen Diesseits und Jenseits gilt.

    Gefällt 1 Person

    1. mynewperspective

      Herzlichen Dank, liebe Gerda.
      Ein interessantes Zusammentreffen mit Deiner gestrigen Lektüre.
      Das der Hase als Vermittler zwischen Diesseits und Jenseits gilt, wusste ich nicht. Dies gibt meiner besonderen Erfahrung eine weitere bedeutungsvolle Note.
      Herzliche Grüße
      Serap

      Gefällt 2 Personen

  6. Jules van der Ley

    „Die Menschen sehen vieles nur einseitig. Die Existenz von vielen Dingen wird einfach ignoriert“, ist ein Gedanke, den ich unterschreiben kann. Diese einseitige Sicht ist zweckbestimmt, nämlich nötig, um alltägliche Anforderungen zu erledigen. Du hast dich mit deiner kleinen Teezeromonie und der Yoga-Position aus der Zweckbestimmung gelöst. Das erlaubt dir, dich zu öffnen für all das Transzendente, das rings um uns herum ist.
    Danke für dieses schöne Exempel, liebe Serap.

    Gefällt 3 Personen

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