20 Euro

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Es gibt Ereignisse im Leben, die immer unvergesslich bleiben werden. Sie werden unvergesslich bleiben, weil sie so lehrreich waren. Sie waren dermaßen lehrreich, dass ich auch heute nach so vielen Jahren immer noch davon zehre. Von einem dieser Ereignisse, erzähle ich heute:

Als in meinem Leben unfreiwillig ein Neubeginn startet, lebe ich zwangsgedrungen in einer fremden Stadt, in der ich mich nicht wohl fühle, in einer Wohnsitation, die alles andere als angenehm ist und besitze einen Koffer voller Kleidung, das günstigste Bettgestell, die günstigste Matratze, den günstigsten Tisch, den günstigsten Plastikstuhl und die günstigste Bodenleuchte, welches der Möbelmarkt anzubieten hat. Die Küche in der WG in der ich lebe, ist glücklicherweise gut ausgestattet.

Mein Teilzeitjob, der so weit unterhalb meiner Qualifikationen liegt, deckt gerade mal die laufenden Kosten. Zusätzlich arbeite ich (meistens von abends bis in die Morgenstunden hinein) online für einen Auftraggeber aus Übersee. Das wenige Geld, welches ich mit dieser Tätigkeit verdiene, lege ich zur Seite, weil ich – zum ersten Mal in meinem Leben – Geld von einem Freund geliehen habe, welches ich schnell wieder zurückzahlen möchte. Obwohl der Freund mich gar nicht drängt, sein Geld zurückzubekommen und mir mehrfach versichert, dass ich es irgendwann zurückzahlen kann, kommt dies für mich gar nicht in Frage. „Irgendwann“ kann vielleicht auch Jahre bedeuten, bis ich wieder finanziell auf die Beine komme. So lange möchte ich einem Menschen, der mich in der Not unterstützte nicht warten lassen.

Es ist genau eine Woche vor Ende des Monats und somit Zahltag des Minimaleinkommens aus dem Teilzeitjob. In meinem WG-Küchenfach herrscht außer Salz und einer halbvollen Flasche Pflanzenöl, gähnende Leere. Auch der Kühlschrank glänzt in meinem zugewiesenen Fach mit der Abwesenheit sämtlicher Lebensmittel. In meinem spartanisch eingerichteten WG-Zimmer ziehe ich mein Portemonnaie heraus. Ein 20 Euro Schein und etwas Kleingeld im einstelligen Cent-Bereich. Mehr nicht. Mein Bankkonto weist ein Guthaben von 1,23 Euro auf. Ein Betrag, den ich mir auch nach so vielen Jahren gut in Erinnerung rufen kann. Mein Konto kann ich nicht überziehen, denn ein Dispokredit ließ ich nie zu.

Auf meinem Plastikstuhl sitzend, schaue ich auf meinen Wochenplan. Glücklicherweise muss ich nicht zum Teilzeitjob in der Woche, was bedeuten würde, dass Fahrgeld von den vorhandenen 20 Euro abgerechnet werden müssten. 20 Euro für eine ganze Woche. Sieben volle Tage. Durchaus machbar, wenn ich mich nur von Nudeln und Tomatensauce ernähren würde. Aber das will ich nicht. Denn mein Großvater gab mir, als ich noch ein Teenager war, eine ganz wichtige Lektion mit auf meinen Weg. Egal wie knapp das Geld ist, es sollte immer gutes Essen auf den Tisch kommen. Man könne an allem sparen, aber sollte dies nicht beim Essen tun. Auch da müsse es nicht immer das Teuerste sein, aber gut und nahrhaft. „Unterschätze nicht den Einfluss guter Nahrung auf Dein gesamtes Wohlbefinden“, klingt es in meinen Ohren, als ob mein schon längst verstorbener dede – türkisch für Opa – gerade neben mir sitzen würde.

Mit meinen 20 Euro marschiere ich zum einzigen Supermarkt in der Gegend. In meinem Kopf der Wochenplan für alle meine Gerichte. Jedoch ist nichts fest eingeplant. Alles kann sich ändern, je nachdem, wie die Preise sein werden. Vor allem steht Gemüse und Getreide auf dem Plan. Da ich kein Zwischenmahlzeitentyp bin, reichen mir drei Mahlzeiten am Tag. Sehr lange halte ich mich in der Gemüseabteilung auf. Was ist gerade im Angebot, weil Saison ist? Welche Gemüsesorten kann ich mehrfach variieren, so dass ich nicht sieben Tage lang das Gleiche esse? Ich kombiniere immer wieder in meinem Kopf die Möglichkeiten, rechne centgenau mit und nach etwas längerer Einkaufszeit als üblich, zahle ich 19 Euro irgendwas an der Kasse für eine bevorstehende Sieben-Tage-Woche.

In der WG angekommen, nutze ich die Gelegenheit, dass kaum jemand zu Haus ist und bereite schon mal mein Essen für die kommende Woche vor. Es wird geputzt, gewaschen, geschnibbelt, gekocht, gebraten. Nach circa zwei Stunden bin ich fertig. Alles Nötige ist vorgekocht, portioniert und für die Kühlung vorgesehen. Alles wird verwertet, nichts verschwendet und ich erschaffe kleine kulinarische Köstlichkeiten für die gesamte Woche. Vieles davon wird noch mehr an Aroma gewinnen, wenn es schön durchgezogen ist.

Mit all den Mahlzeiten, die auf dem Küchentisch auf etwas Abkühlung warten, steigt eine Zufriedenheit in mir auf. Meine Planung und Kreativität liegen wie kleine Meisterwerke vor mir. Während ich die Küche aufräume, erscheint eine meiner Mitbewohnerinnen in der Küche.

„Wie toll sieht das den aus? Hast Du etwa vorgekocht?“ fragt sie mich mit großen begeisterten Augen.

„Ja, bin gerade fertig geworden. Ich räume gleich alles in den Kühlschrank, damit Du Platz hast.“

„Dein ausländischer Auftraggeber scheint Dich ja echt gut zu bezahlen, wenn Du dir solches Essen leisten kannst! … Das sieht wirklich alles verdammt lecker aus.“

Ich grinse in mich hinein. Sollte ich der Mitbewohnerin erzählen, dass ich nicht einmal die Hälfte ihres monatlichen Gehalts verdiene? Nein, lieber nicht.

Meine Kochvorbereitung wird in der WG zum Thema des Abends. Natürlich erzähle ich nichts davon, dass ich alles mit 20 Euro hinbekommen musste, weil mir gar keine andere Wahl blieb.

In der vorliegenden Woche, jedes Mal, wenn ich eine der vorbereiteten Mahlzeiten zu mir nehme, denke ich an meinen dede, an seine Worte und wie recht er hatte, als er mir diese besondere Lektion mit auf den Lebensweg gab. Meine Nahrung wird zu meiner Quelle der Inspiration, meine Inspirationsquelle eröffnet mir neue Wege und die neuen Wege führen zu mehr innerlichen Zufriedenheit. Die innerliche Zufriedenheit breitet sich nach Außen aus und lassen meine Lebenssituation in einem ganz anderen Licht erscheinen.  

Ich forme mein Überleben in ein Leben. Ein Leben mit äußerlichen Limitierungen, aber innerlichem Potential diese zu sprengen. Ein Leben aus dem Wenigen zu erschaffen und sogar andere damit – wenn auch nicht geplant – so köstlich zu blenden.

Ist das Glas halbvoll oder halbleer? Schaffe ich viel, wenn die Ressourcen zur Verfügung stehen oder erkenne ich die Chancen in dem Wenigen? Not macht erfinderisch, heißt es so schön. Vielleicht ist dies auch Nötig, um sich selbst bewusst zu werden, was alles möglich ist, wenn man die richtige Einstellung in sich trägt.

Was für ein wertvolles Erbe mir mein dede mit auf den Lebensweg gegeben hat. Ich sollte ihm danken: Teşekkür ederim, canım dedeciğim!

© Serap Yıldırım / 2019

Beitragsbild: Thought Catalog on Unsplash
Musik fürs Audio: http://www.orangefreesounds.com/reverie-debussy/

13 Comments

  1. Reiner

    Liebe Serap,

    dein Opa war ein kluger Mann. Auch ich lebe in dieser Art, ohne gehaltvollen „Treibstoff“ kommt kein Mensch halbwegs ausgeglichen und gefestigt durch den Tag. Auch ich verzichte auf Zwischenmahlzeiten, beschränke mich auf derer drei am Tag, liebe gut vorzukochende Eintöpfe mit viel Gemüse. Und ja – viel Geld braucht es dazu nicht.

    Liebe Grüße!

    Gefällt 4 Personen

    1. mynewperspective

      Lieber Reiner,
      vielen Dank! Ja, dede kannte ich zwar kaum, aber dafür hat er mir sehr wertvolle Gedanken mit auf den Lebensweg gegeben.
      „Treibstoff“ ist glaube ich in erster Linie das was aus uns herauskommt. Wenn wir dies dann mit den äußeren Lebensumständen verbinden, können eben auch die Dinge entstehen, die man selbst vorher nicht für möglich hielt.
      Nicht immer braucht es viel, um viel für sich selbst zu erreichen.
      Herzliche Grüße
      Serap
      PS: Yummy … Eintopf mit viel Gemüse … soooo was von lecker! 🙂

      Gefällt 4 Personen

  2. Jules van der Ley

    Um zu tun, was du getan hast, liebe Serap, braucht man Kenntnisse. In vielen prekären Haushalten fehlen sie und es mangelt an der Überzeugung, dass unverarbeitete Lebensmittel wie Gemüse und Obst billiger sind als verarbeitete wie Industriepizza und dergleichen. Letztlich ist es aber auch eine Frage der Lebenshaltung. Lässt man sich von einer prekären Situation niederdrücken oder nicht. Wer nur phasenweise hineingeraten ist wie du, kann sich darin behaupten. Wer aber nur Armut und Mangel kennt, wem vor allem Perspektiven fehlen, wird kaum hinbekommen, was du mit 20 Euro geschafft hast.

    Gefällt 1 Person

    1. mynewperspective

      Da ist was Wahres dran, lieber Jules. Wer nur prekäre Situationen und Lebensumstände kennt, hat es sicherlich schwerer. Jedoch frage ich mich immer wieder auch, wie aus derartigen Situationen, immer wieder auch etwas Neues entstehen kann. Beispiele gibt es auf beiden Seiten sicherlich zu genüge. Vielleicht ist es eben doch eine Frage der inneren Einstellung? Eine generelle Antwort habe ich darauf nicht. Sicherlich gibt es sie auch nicht. Die Frage wäre ja auch, ob es mir nicht hätte schwerer fallen müssen, da ich dies ja in der Form gar nicht so gewohnt war? Eine Standardantwort wird es wohl nie geben.
      Herzliche Grüße
      Serap

      Gefällt 1 Person

    2. deingruenerdaumen

      Ich hörte diese Deine Argumentation auch schon öfter, wenn ich erzählte, wie ich mit wenig Geld gut zu leben vermag. Aber ich bin zutiefst überzeugt, dass man Menschen viel zutrauen darf, das stärkt. Mit Entschuldigungen füttert man das sich Kleinfühlen und damit auch das Abhängigsein. Liebe Grüße von der Gärtnerin mit dem gruenen Daumen, die gerade ihre Ernte aus dem eigenen Garten eingebracht hat.

      Gefällt 2 Personen

    1. mynewperspective

      Danke dir sehr, lieber Lu.
      Ich mache das heute noch. Nicht, weil ich muss, sondern weil ich es immer wieder spannend finde, was daraus alles an neuen Kreationen entsteht. Es gibt nichts Schöneres, als das Leben immer wieder mit all seinen Facetten aufs Neue zu entdecken und zu erforschen.
      Herzliche Grüße
      Serap

      Gefällt 3 Personen

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