Buchstäblich

Geschichte lieber von mir vorlesen lassen? Dann bitte Play-Button drücken.

Noch zu meiner Teenagerzeit, wo Telegramme zu den Kommunikationsmitteln gehören, möchte ich telefonisch eins aufgeben. Der Sohn von Bekannten heiratet in der Türkei und dies ist der schnellste Weg, um die Glückwünsche der Familie kundzutun.

Der kurze Text, den ich übermitteln lassen will steht auf einem Zettel, ich wähle die Rufnummer des Amts und eine Dame am anderen Ende der Leitung wird mein Telegramm aufnehmen. Zu Anfang des Gespräches teile ich mit, dass der Text in türkischer Sprache sein wird und ich ihn Wort für Wort buchstabieren werde. Dies ist schließlich von Nöten, wenn die Hochzeitswünsche nicht nur phonetisch niedergeschrieben beim Empfänger ankommen sollen.

Die Dame am anderen Ende der Leitung möchte erst den Text aufnehmen. Also beginne ich mit dem Buchstabieren nach dem Buchstabieralphabet:

„Heinrich, Anton, Ypsilon, Ida, Richard, Ludwig, Ida, neues Wort, Ulrich, Gustav, Ulrich, Richard, Ludwig, Ulrich, neues Wort, Otto, Ludwig, Siegfried, Ulrich, Nordpol, Punkt, Anton, Ludwig, Ludwig, Anton, Heinrich, neues Wort, Berta, Ida, Richard, neues Wort, Ypsilon, Anton, Siegfried, Theodor, Ida, Konrad, Dora, Anton, neues Wort, Konrad, Otto, Cäsar, Anton, Theodor, Siegfried, Ida, Nordpol, neues Word, Martha, Ulrich, Theodor, Ludwig, Ulrich, Ludwig, Ulrich, Konrad, Ludwig, Anton, Richard, neues Wort, Dora, Ida, Ludwig, Emil, Richard, Ida, Zacharias, Punkt.“

Da die Dame jeden Buchstaben wiederholt, bin ich sicher, dass der Text stimmt. Nun kommt die Frage nach der Empfängeradresse und auch diese wird von mir Wort für Wort buchstabiert. Danach kommt die Frage nach dem Absender. Dies ist mein Vater, auf dem die Telefonnummer registriert ist, die für die Abrechnung des Telegrams von Nöten ist. Als letztes kommt die Frage nach dem Übermittler, also mir und auch mein Nachname wird buchstabiert:

„Ypsilon, Ida, Ludwig, Dora, Ida, Richard, Ida, Martha. So wie der Absender des Telegramms.“

„Und jetzt Ihren Vornamen, bitte.“

„Siegfried, Emil, Richard, Anton, Paula.“

„Serap?“ fragt die Dame vom Amt verwundert.

„Das ist korrekt.“

Aber, Sie sind doch keine Türkin!


„Sie müssen mich falsch verstanden haben. Ich brauche Ihren Namen, nicht einen weiteren Namen als Absender.“

„Das ist mein vollständiger Name“ erwidere ich.

„Sie heißen doch nicht Serap Yildirim!?“ klingt es mir schroff durch den Hörer entgegen.

„Doch, das ist mein Name“ versichere ich.

„Aber, das ist doch ein türkischer Name“, stellt die Dame folgerichtig fest.

„Genauso ist es“, bestätige ich.

„Ich brauche Ihren Namen, nicht einen weiteren Namen des Absenders!“ fordert sie mich auf.

„Das ist mein Name. Mein Vater ist der Absender und ich bin Serap Yıldırım.“

„Aber, Sie sind doch keine Türkin!“ empört sie sich am anderen Ende der Leitung.

„Doch, bin ich“, versichere ich.

„Hören Sie, das ist jetzt wirklich nicht lustig. Bitte nennen Sie mir Ihren Namen. Ich brauche das für die Annahme des Telegramms.“

Die Dame vom Amt scheint nicht zu verstehen. Also setze ich erneut an:

„Mein Name lautet Serap mit Vornamen und Yıldırım mit Nachnamen. So, wie ich es Ihnen buchstabiert habe.“

„Aber, Sie sind doch Deutsche! Sie haben doch dann sicherlich eine deutsche Mutter, die den Nachnamen des Vaters angenommen hat!“ klingt es mir mit einer Mischung aus Verzweiflung und Genervtheit entgegen.

„Nein. Meine Eltern sind beide Türkisch“, versichere ich.

Ich möchte dem Ganzen nun ein Ende setzen.

„Das kann doch nicht sein! Sie sind doch keine Türkin! Woher können Sie so gut Deutsch?“

„Ich bin in Deutschland geboren.“

„Hören Sie, das ist doch egal. Ich weiß wie Türken sich anhören, die in Deutschland geboren sind. Sie hören sich nicht so an wie sie. Sie sind doch eine Deutsche!“

„Nein, bin ich nicht“, gebe ich immer noch ruhig und wohlwollend von mir.

„Das gibt es doch nicht. Das kann doch nicht sein. Woher können Sie denn das Buchstabieralphabet so gut?“

„Das habe ich in der Schule gelernt.“

„Also wirklich! Sie wollen mich doch auf den Arm nehmen. Sie sind doch keine Türkin! Das kann doch gar nicht sein! Irgendein Elternteil muss doch Deutsch sein! Woher sollen Sie denn sonst so gut Deutsch können? Das stimmt doch etwas nicht!“

Die Dame vom Amt lässt sich nicht überzeugen. Egal, wie sehr ich es ihr versichere. Das wäre nicht das erste Mal, das ich derartige Konversationen führen muss. Da ich jedoch von früh auf gelernt hatte, Botschafterin zwischen den Kulturen zu sein, versuche ich in meinem jugendlichen Alter so diplomatisch wie möglich vorzugehen. Nicht immer bringt es viel. Auch diesmal nicht. Also frage ich irgendwann:

„Brauchen Sie noch weitere Informationen von mir?“

Ich möchte dem Ganzen nun ein Ende setzen. Das alles dauert nun schon viel zu lange und wir drehen uns nur noch im Kreis.

„Nein.“

„Dann können wir das Gespräch doch hiermit beenden, oder nicht? Je länger wir telefonieren, desto teurer wird das Telefonat!“

„Selbstverständlich. Weitere Informationen brauche ich nicht.“

„Dann vielen Dank. Auf Wiederhören.“

„Auf Wiederhören.“

Ich lege auf. Verwundert, ausgelaugt, nicht verstehend. Erst soll ich mich anpassen, die deutsche Sprache korrekt lernen, keinen Akzent haben, nicht ungebührlich auffallen – schließlich bin ich Gast in diesem Land – mich integrieren und nach all den Mühen stellt man mich als Lügnerin dar, die sich einen Scherz mit der Dame vom Fernmeldeamt erlaubt?

Nein, den gab es gratis zu meiner Geburt mit.

Fast drei Jahrzehnte später möchte ich telefonisch einen Termin vereinbaren. Nachdem die Details besprochen wurden, fragt mich die Ansprechpartnerin am anderen Ende der Leitung nach meiner Telefonnummer, die ich ihr samt meinem buchstabierten Nachnamen zweimal schon aufs Band sprach. Nach der Telefonnummer erfragt sie meinen Nachnamen:

„Mein Nachname ist Yıldırım. Darf ich es buchstabieren?“

„Ja bitte, sehr gerne.“

„Ypsilon, Ida, Ludwig, Dora, Ida, Richard, Ida, Martha.“

„Frau Yildirim?“

„Korrekt.“

„Das ist ein türkischer Name, nicht wahr?“

„Ja, der Name ist türkisch.“

„Sie haben also einen türkischen Namen angenommen“, stell die Dame am anderen Ende der Leitung eher für sich selbst fest.

„Nein, den gab es gratis zu meiner Geburt mit“, scherze ich.

Eine kurze Pause entsteht.

„Aber, sie sind doch keine Türkin?“ werde ich verwundert gefragt.

„Doch, eine waschechte!“ versichere ich.

„Aber, dann sind sie sicherlich hier aufgewachsen“ stellt die Dame wieder eher für sich selbst fest.

„Ja“ bestätige ich.

„Ja, anders könnte es nicht sein“ stellt die Dame erneut für sich selbst fest.

Etwas anderes scheint für sie nicht in Frage zu kommen.

Wie sagte Albert Einstein doch so schön: „Es ist leichter, einen Atomkern zu spalten als ein Vorurteil.“

Was die Atomkerne betreffen, kann ich nicht mitreden. Was die Vorstellungen von Menschen gegenüber Fremden betrifft, sehr wohl. Zumindest, was meine ganz persönliche Erfahrung betrifft. Es ist egal, wieviel Zeit vergeht, irgendetwas läuft immer noch in den Köpfen der Menschen in der Gesellschaft, in der ich lebe, buchstäblich schief.

© Serap Yıldırım / 2019

Beitragsbild: Sandra Tan on Unsplash
Musik /Sound für Audio:
http://www.orangefreesounds.com/beethoven-5th-symphony-piano/

50 Comments

  1. Susanne Haun

    Liebe Serap,
    oje, mit was du dich da herumschlagen musst!
    Ich kenne diese Vorurteile auch und versuche immer als Dritte in einem Gespräch dagegen zu steuern. Das ist nicht einfach, die Menschen glauben ganz fest, dass Türkinnen und Türken kein Deutsch sprechen. Ich möchte mal wissen, wo dieses Vorurteil herkommt!
    Wie ist es eigentlich, wenn du türkisch sprichst? Wirst du dann auch von deinen Gesprächsteilnehmerinnen und -teilnehmer darauf angesprochen, dass du gut türkisch sprichst?
    Ich weiss von Freunden, dass die Ausgrenzung in beiden Richtungen läuft. Man ist in der Türkei keine Türkin mehr und in Deutschland keine Deutsche.
    Liebe Grüße von Susanne

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    1. mynewperspective

      Liebe Susanne,
      nun, mein Alltag wird eben nie langweilig! *Lach*
      Ich denke, dass wir alle Muster in unseren Köpfen haben, nach denen wir leben und handeln und wenn da jemand aus der Reihe tanzt, den wir aber schon genau kategorisiert hatten, dann kommen derartige Situationen zu Stande. Wahrscheinlich meint man trotz guter Sprachkenntnisse, bei einem Ausländer immer noch einen Akzent heraushören zu müssen. Meist kommt eben dieses „Aber alle anderen, die ich je getroffen habe, hatten immer einen Akzent“ oder so ähnlich.
      Ja, die Ausgrenzung läuft tatsächlich in beide Richtungen. Es gibt da auch die ein oder andere Geschichte auf meinem Blog, wo dies Thema wurde. Da ich der türkischen Sprache sehr gut mächtig bin, kommt es immer wieder auch von der Seite zu derartigen Äußerungen.
      Was beide Seiten verbindet ist zum Beispiel, dass die, die einem das alles nicht glauben wollen, tatsächlich nach dem Fehler in der Konversation suchen, damit sie eine Bestätigung dafür finden, dass ich doch nicht fehlerfrei spreche. Mir wird das dann zwar vorgesetzt, aber im Grunde genommen geht es nur darum, dass sie für sich selbst eine Bestätigung gefunden haben, dass ich nicht perfekt bin im Sprachgebrauch. Aber, das behaupte ich auch gar nicht … und mal ganz ehrlich, wer ist das schon?
      Vor einiger Zeit wurde ich von einem türkischen Herrn bei der Abgabe eines Pakets im Paketshop angesprochen, ob ich türkisch sei. Er war ganz erstaunt, als er meinen Namen auf dem Paket las. Er meinte, ich würde gar nicht so türkisch wirken. Komisch, dass sehen die Deutschen aber ganz anders.
      (Du müsstest gerade hören, wie ich schallend lache!)
      Herzliche Grüße
      Serap

      Gefällt 5 Personen

      1. Susanne Haun

        Ich höre dich laut lachen, Serap!
        Gerade lese ich das Buch Herkunft von Sasa Stanisic. Hast du es schon gelesen? Dieses Buch handelt genau von der „Problematik“ / den „Begebenheiten“ von denen du sprichst.
        Ich berliner übrigens relativ doll – also Mülsch, Isch etc.
        Liebe Grüße von Susanne

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          1. Susanne Haun

            Meine Mutter hat versucht, mir Hochdeutsch beizubringen, aber auch sie war in einigen Dingen wie das „sch“ ihrer Umgebung verhaftet. 🙂
            Ich habe es inzwischen aufgegeben und will eigentlich auch nicht mehr auf mein berlinerisch 😉 verzichten.
            Ich mag ja das ruhrpöttische 🙂
            Viele Grüße von Susanne

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    2. gkazakou

      ich musste jetzt wegen Susannes Frage grinsen, ob Türken sich wundern, dass du so gut tükisch sprichst. Immer wieder ist es uns in Griechenland passiert, dass Kinder in Dörfern uns mit einem Hällow begrüßen, und wenn dann mein Mann ihnen in bestem Umgangs-Griechisch antwortet „zum Glück kann ich Griechisch“ und ihnen versichert, dass er Grieche sei, sie ihn glatt auslachen. Er KANN ja gar kein Grieche sein, wo er doch mit einer Ausländerin unterwegs ist. Er sieht wohl auch nicht so aus, wie die griechischen Kinder meinen, dass Griechen aussehen.
      Und darin gleichen sie den Deutschen. In Deutschland wurde mein Mann oft für einen Holländer, Norweger, Franzosen … gehalten, denn Griechen sind kleinwüchsig und haben einen runden Kopf, einen Schnauzbart, schwarzblitzende Augen und betreiben eine Taverne.

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      1. mynewperspective

        *Lach* … Sehr schön, liebe Gerda. Genauso ist es. Man mag es kaum glauben, aber mein Vater war sehr hellhäutig mit Sommersprossen und hatte grüne Augen. Also kein Türke … so die Annahme. Ich scheine da mehr in das typische Bild zu passen.
        Wir Menschen denken einfach in Kategorien und können schwer davon abweichen.
        Herzliche Grüße
        Serap

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      2. Susanne Haun

        🙂 🙂 🙂
        Ich habe deinen Mann vor Augen, Gerda und eigentlich habe ich mir am meisten, den Schalk in seinen Augen und seine kluge Kommunikation gemerkt.
        Es ist schon eigenartig, welche Vorstellungen die Menschen voneinander haben.
        Ein schönes Wochenende euch beiden von Susanne

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    1. mynewperspective

      Vielen herzlichen Dank, liebe Mona.
      Geduld ist nun wirklich einer meiner Stärken. Dinge mit Humor zu nehmen (mittlerweile) auch. Ich kann mir die Gedanken anderer Menschen nicht derartig zu Herzen nehmen. Es ist ihre Welt, nicht meine.
      Eine sehr gute und berechtigte Frage, die Du da stellst. Vor allem, dass es u. a. unterschwellig um Angst geht ist eine sehr gute Beobachtung. Das ist auch oftmals so. Grundsätzlich ist man als Ausländer in einer Außenseiter Position (gesellschaftlich, finanziell, beruflich, sprachlich, …) und vielleicht somit auch (in den Köpfen der meisten) nicht konkurrenzfähig. Je näher man aber an die Anforderungen, die an die Ausländer meistens viel höher liegen, herankommt, desto ebenbürtiger wird man! Möchte die andere Seite dies überhaupt?
      Bin mir nicht mehr sicher, wer das gesagt hat. Es war bei einer Preisverleihung, wo ein Ausländer nominiert wurde und letztendlich das Rennen machte. Die Dankesrede ging sinngemäß so: „Zuerst haben wir Eure Arbeit weggenommen, dann Eure Frauen und jetzt Eure Preise.“ Vielleicht liegt genau da der Hund begraben.
      Herzliche Grüße
      Serap

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      1. abenteuer50

        Liebe Serap , meist sind es die Menschen , die sich zu Hause nur von dem Fernsehen unterhalten lassen , in der Partnerschaft eine langweilige Routine vorherrscht und das Geld gerade so bis zum nächsten 1. reicht . Und da kommen Ängste auf und auf einmal schaut man , He da ist ein Ausländer der hat viel mehr als ich und kann mehr . Dann kommt noch die afd ins Spiel und schon beginnt der Kreislauf . Schlimm…
        Diese Menschen muss man ignorieren , alles andere raubt nur Energie .
        Ich arbeite viel in Wien und bin dort ja auch Ausländerin 😄jedoch ist mir noch nichts passiert , das ich mich hätte erklären müssen . Im Gegenteil , die Menschen sind sehr offen und ich fühle mich dort sehr wohl .
        Liebe Grüße Mona

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        1. mynewperspective

          Liebe Mona,
          Du bringst es auf den Punkt. Warum verhalten sich Menschen so und wie verhält man sich dann selbst? Das Letztere ist auch das Entscheidendere. Eine grundlegende Attitüde, die ich auch gerade an Dir und an Deinen Blogbeiträgen sehr schätze.
          Ich glaube, es gibt auch unter den Ausländer mehrere Kategorien. Die, die einen irgendwie näherstehen und daher eher akzeptiert werden und die anderen, die keinen guten Stand haben. Gerade deshalb ist es wichtig, sich mit den Menschen zu umgeben, die die gleichen Werte teilen, ohne sich auf die Unterschiede zu fokussieren.
          Herzliche Grüße
          Serap

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  2. Reiner

    Liebe Serap,

    Mein langjähriger Kollege ist Palästinenser, seit seinem 7ten Lebensjahr hier und die Liebste als Armenierin seit ihrem 4ten Lebensjahr in Deutschland. Beide kennen sie genau solche Geschichten, nach dem lesen der ersten Zeilen war mir klar, das konnte nur in die Hose gehen 🙂

    Beide mir nahe stehenden Menschen berichten übereinstimmend ähnliche Geschichten aus dem Alltag. Da wird LAUT gesprochen, weil Ausländer anscheinend stets nicht nur der deutschen Sprache nicht mächtig sind, sondern obendrein auch noch schwerhörig zu sein scheinen. Da meinte ein Lehrer mit Blick in die Augen der Liebsten, sie möge sich selbige mal waschen … Schwarzköppe, Ölaugen, dummes Zeug in Menge. Heute sind die Erscheinungsformen des Rassismus diffiziler, angefangen bei schlechterer Benotung hin zu ungleichen Einstellungschancen bei Bewerbungen.

    Vorurteile – selbst ich bin nicht frei davon und darf mich gelegentlich daran erinnern lassen…

    Lieben Gruß dir.

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    1. mynewperspective

      Lieber Reiner,

      keiner ist von Vorurteilen befreit. Wir Menschen denken nun mal in Schubladen. Ob man es immer so offensichtlich kundtun muss, ist dabei eine Frage, die man sich stellen sollte und natürlich, warum wir so handeln und ob es immer gerechtfertigt ist.

      Anfeindungen bekommen immer eine subtilere Form … politisch korrekter sozusagen. Da muss man manchmal sogar zwischen den Zeilen lesen.

      Zu meiner Schulzeit war ich sprachlich anscheinend so schlecht, dass ich eine Empfehlung für die Hauptschule bekam. Meiner Mutter verdanke ich, dass ich die Realschule besuchte. Aber auch da war ich anscheinend sprachlich so schlecht, dass ich in Deutsch mich notenmäßig über Wasser halten konnte. Oft fanden meine Schulkammeraden meine Aufsätze ganz toll. Waren sogar etwas neidisch, weil ihre nach eigener Meinung gar nicht so gut waren. Aber ich bekam meistens ein „ausreichend“, sie ein „gut“. Ich werde nie den Satz meines Deutschlehrers vergessen, der mir mal sagte, ich müsse das alles nicht können, dies sei schließlich nicht meine Muttersprache. Einen Hinweis, wie ich mich sprachlich verbessern kann, hat er mir nie gegeben. Erst Jahre später wurde mir bewusst, dass meine Noten gar keine Reflektion meiner Leistung waren. Schade! Das sollte nicht der Auftrag von Lehrern sein.

      Herzliche Grüße
      Serap

      Gefällt 4 Personen

    1. mynewperspective

      Lieber Jules,
      wie heißt es doch so schön: Das Leben ist kein Ponyhof. Gut ist es, mit Humor zu nehmen.
      Das Buchstabieralphabet ist tief in mir verankert. Das werde ich wohl nicht wieder wegbekommen. Dada-Qualität ist ein Kompliment, dass ich diesbezüglich gerne annehme. Schließlich steckt viel Arbeit drin.
      Herzliche Grüße
      Serap

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  3. menuchaprojekt

    Geschichten gibt es. Fast zu schräg, um wahr zu sein. Mich haben auch schon Menschen mit süddeutschem Akzent ungläubig angeschaut als ich gesagt habe, dass ich aus den neuen Bundesländern komme. ‚Aber du sprichst doch gar kein sächsisch.‘
    Gruss Hendrik

    Gefällt 2 Personen

    1. mynewperspective

      „Fast zu schräg, um wahr zu sein.“ Genauso denke ich jedes Mal, wenn so etwas passiert, auch wenn ich mich mittlerweile daran gewöhnt haben sollte. Nein, ich bin jedes Mal aufs Neue überrascht. 🙂
      Menschen und ihre Vorurteile. Scheint in unseren Genen zu liegen.
      Herzliche Grüße
      Serap
      PS: Warum Du, als eine Person, die aus den neuen Bundesländern kommt, nicht fließend sächselst, ist mir jetzt aber auch ein Rätsel. 😉 … Oje, oje, oje. Kopfschütteln und weitergehen.

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        1. mynewperspective

          Wie interessant. Dialekte sind nun mal auch eine Gattung für sich und haben ihren eigenen Charme. Das man jedoch denkt, jeder aus den neuen Bundesländern müsste sächseln ist schon komisch. Schließlich bestehen die neuen Bundesländer nicht nur aus Sachsen. Komisch, wie Menschen manchmal ticken.
          Sei herzlich gegrüßt,
          Serap

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  4. finbarsgift

    Irgendwie hörte ich mir das an, liebe Serap, und sagte dabei immer öfter vor mich hin: das darf doch einfach nicht wahr sein. Mannomann, die Deutschen und ihr Deutschspleen! Ich kanns echt nimmer ab!!
    Deswegen bin ich ja schon mal ausgewandert … und wegen Europa nach drei Jahren wieder zurückgekehrt, aber manchmal denke ich, wärst du doch für immer fort geblieben!!!
    Dankeschön fürs Vorlesen; deine Geduld muss sagenhaft sein. (Angenehm waren die vielen Ludwigs beim Buchstabieren *hehe* ).
    Herzlich, Lu

    Gefällt 3 Personen

    1. mynewperspective

      Herzlichen Dank, mein lieber Lu.

      In einem vorherigen Kommentar hatte ich bereits geschrieben, dass ich es selbst (immer noch!!!) nicht fassen kann, wenn mir so etwas passiert … und das kommt fast wöchentlich vor! Ich bin immer wieder aufs Neue überrascht. Vielleicht hält das die Beziehung zu diesem Land frisch 😉

      Herzliche Grüße
      Serap

      PS: Hm, komisch, dass es Dir die zahlreichen Ludwigs angetan haben. Woran das wohl liegt? 😉

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  5. deingruenerdaumen

    Ein Erlebnis einer Österreicherin (mir) mit einem Türken gefällig? Es ist ca. zwanzig Jahre her, es war an einem 8. Dezember, einem kirchlichen Feiertag in Österreich. Ich nahm einen älteren Mann im Auto mit in die Landeshauptstadt, Fahrtdauer 15 Minuten. Er erzählte mir, dass er Türke sei, Bauarbeiter „bei Priesna“ (einer örtlichen Baufirma). Er fahre nun in die Stadt um sich mit seinen türkischen Freunden zu treffen und mit ihnen türkisch zu sprechen denn, „die Anderen alle Tschuschen (politisch unkorrekter Ausdruck für Exjugoslaven). Er erzählte, dass er bis Weihnachten hier arbeiten und dann nach Anatolien zu seiner Frau fahren werde. Er habe sie mit siebzehn Jahren geheiratet, weil sein Opa es so gewollt habe, „aber“ sprach er weiter „ich lieben“. Dieses Erlebnis ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Ich hatte ein unglaublich warmes Gefühl für diesen Mann, für das was er mir erzählte und die schlichte Herzlichkeit, mit der er mir so wesentliche Eckpunkte seines Leben erzählte. Ich fühlte mich beschenkt. Ich schicke diesem türkischen Arbeiter und Mitösterreicher einen Herzensgruß. Er wird bestimmt schon lange in Pension sein und in seiner Heimat leben, bei seiner Frau, die er liebt. Gott segne ihn und seine Frau. Möge diese Liebe auch bei ihren Kindern weiterleben und Früchte tragen.
    Liebe Grüße sendet die Gärtnerin mit dem gruenen Daumen

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    1. mynewperspective

      Eine sehr herzliche Erinnerung und Begegnung, die Du mit uns hier teilst, liebe Gärtnerin mit dem grünen Daumen. Vielen lieben Dank dafür. Menschen können sich gegenseitig bereichern. Das zeigt mir Deine Geschichte und genau so sollte es sein. Wie schön, dass Dir das noch so lebendig in Erinnerung geblieben ist. Die Liebe und die Wärme wurde beim Lesen spürbar.

      Herzliche Grüße
      Serap

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  6. buchpost

    Hallo Serap,
    da weiß man beim Lesen manchmal nicht, ob man lachen oder weinen soll. Aber immerhin kommen dann so schöne Geschichten dabei heraus, die du hier mit uns teilst und die vieles so gut auf den Punkt bringen. Ich musste dabei an das Buch „Der ewige Gast“ von Can Merey denken, das ich gerade lese. Schüler mit türkischen Wurzeln erzählen mir auch hin und wieder von unangenehmen oder schrägen oder diskriminierenden Erfahrungen, die sie in der Schule gemacht haben, da könnte ich immer in die Tischkante beißen. Als ich meiner Nachbarin erklärte, dass während unseres Urlaubs ein junger afghanischer Mann sich um das Blumengießen kümmern würde, war sie ganz entsetzt: Habt ihr denn da keine Angst, wenn der so zu euch kommt und ihr seid nicht da? Das besonders Schräge dabei: Sie ist selbst erst seit ca. 30 Jahren in Deutschland und der junge Afghane spricht hundertmal besser Deutsch als sie…
    Es bleibt also noch einiges zu tun. Deine Geschichten und dein Humor/deine Geduld/Schlagfertigkeit sind da ein schöner Baustein.
    Liebe Grüße, Anna

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    1. mynewperspective

      Liebe Anna,

      wie sehr ich mich über Deinen Kommentar zu diesem Beitrag freue.

      „Der ewige Gast“ ist und bleibt man tatsächlich. Wie unterschiedlich die individuellen Geschichten auch sein mögen, in der Essenz tragen sie die Gemeinsamkeit, des ewigen nicht Ankommen Könnens – egal, was man auch tut.

      Meines Erachtens hat dies nicht nur persönliche Folgen, sondern auch soziale und ökonomische. Viel Potential bleibt auf der Strecke, das Humankapital, dass qualifizierte Ausländer in Unternehmen bringen können, wäre enorm, aber an die Positionen, die mit Leitung und Führung zu tun haben, kommen nur die wenigsten heran, weil ein Team nicht von einem Ausländer geleitet werden möchte oder andere Führungsmitglieder einen „ebenbürtigen“ Ausländer nicht in der Riege aufnehmen. Meistens sind davon auch die Ausländer betroffen, die aus nicht EU-Ländern stammen und denen man eine bestimmte Religion oder Kultur zuspricht, die mit der eigenen weniger vereinbar ist. Wie Du es auch treffend schreibts: es bleibt einiges zu tun und ist auch ein fortwährender Prozess, der immer wieder durchlaufen werden muss.

      Deine kleine Geschichte mit dem jungen afghanischen Mann ist sehr typisch. Viele Ausländer, die meinen „es geschafft zu haben“ reagieren so gegenüber anderen Ausändern. Diese Erfahrung machte ich auch schon öfters. Es ist, glaube ich, ein Selbstbetrug, dem man sich aussetzt. Man gesteht sich eine höhere Stellung zu und schaut nieder auf die anderen, weil dies ein sehr bekanntes Muster ist, das einen selbst sehr geprägt hat und man nun denkt, diesem so entkommen zu können.

      Herzliche Grüße
      Serap

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  7. macalder02

    En primer lugar tu historia, a pesar del mal rato que pasas, se torna divertida al tratar de hacerle entender a la señora tu habilidad para el idioma. Por otro lado, por esta parte del continente, no tenemos ese prejuicio con los extranjeros. No tenía la menor idea que un nombre podía causar tremendo alboroto. Creo que es parte de la idiosincrasia de cada país. También pienso que la cultura determina el comportamiento humano. En fin, no sería sincero de mi parte dar una explicación certera del asunto sin base para juzgar. Lo único que me indigna es que se tenga que desconfiar por el simple hecho de llevar un nombre diferente al país donde se vive. A todas luces es una descriminación y lamentó que te hicieron pasar un mal rato en tu juventud. Admiro tus aplomo para sortear esa dificultad personal. Por lo que veo armaste un debate muy intenso entre tus lectores y eso demuestra que eres una mujer con una gran personalidad y con el don de llegar a los demás de manera convincente a través de la palabra. Bien por ti.

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    1. mynewperspective

      Es importante para mí una y otra vez proporcionar a estas historias con cierto humor. Cualquier otra cosa no sería justa para mis lectores, que no están entre los que tienen una opinión limitada sobre temas como éste. También es importante que yo personalmente mire las cosas desde diferentes perspectivas, que no tome nada realmente personal y que me comunique tanto como sea posible. No es fácil, sobre todo si te enfrentas constantemente a ella y también hace la vida en este país más difícil. Pero todo tiene más de un lado y es importante diferenciarse siempre bien para no caer en la trampa de la condenación. En efecto, la paciencia es necesaria para no desesperar. Pero afortunadamente estoy bendecido con eso.

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  8. pflanzwas

    Sachen gibts, die einen kopfschüttelnd zurücklassen. Wie du sagst, kaum jemand ist völlig frei von Vorurteilen, aber diese Frau war ja wohl besonders obstinat! Was nicht sein darf, darf nicht sein, oder so… Ist vermutlich schwer zu ertragen, wenn ein Ausländer dieses Buchstabieralphabet besser kann, als so mancher Eingeborene 😉

    Gefällt 1 Person

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