Hornochse

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Ein Wochentag. Im Veranstaltungssaal proben auf der Bühne die Studenten der hiesigen Universität ein Theaterstück, welches am Wochenende Premiere feiern wird. Das Stück heißt „Istanbul“ und es werden diverse Alltagsszenen der 90er-Jahre aus der Millionenmetropole dargestellt. Am anderen Ende des Veranstaltungssaals, von der Bühne aus gesehen links hinten, befindet sich die Theke. Vor und hinter ihr gemütliches Treiben. Vorbereitungen für die kommenden Veranstaltungen, Planungen, Gespräche oder einfach nur nettes Beisammensein.

Während die Studenten proben, schaut meine zuckersüße Nichte, damals im Alter eines Dreikäsehochs, gespannt zu, was da so vorgespielt wird. Sie selbst befindet sich auf der linken Querseite der höhergestellten Bühne, die ihr bis unter die Achselhöhlen geht, hat ihre Oberarme daraufgelegt und stützt ihren Kopf auf ihren Händen.

Proben auf der Bühne, eine kleine süße Zuschauerin und ein paar Aktivitäten um die Theke herum. Alles geht seinen Gang. Nichts Ungewöhnliches. Bis zu einer gewissen Szene … die Szene, die alles für eine gewisse Zeit aus der Bahn werfen wird.

Während die Studenten vor sich hin proben, ertönt ein Heulen, welches immer lauter wird. Meine zuckersüße Nichte rennt von einem Ende des Veranstaltungssaals quer zum anderen, also zur Theke und zieht sämtliche Aufmerksamkeit auf sich. Die Studenten proben zwar weiter, doch schauen immer wieder Mal einige von ihnen, was am anderen Ende des Saals so los ist. Schließlich weint ein Kind ganz bitterlich.

In den Armen der Mutter, heult sich mein süßer Dreikäsehoch erstmal so richtig in Rage. Keiner weiß, was passiert ist. Hatte sie sich gestoßen? Sich verletzt? Was war passiert? Keine äußerlichen Anzeichen eines Sturzes oder ähnlichem. Es fließt kein Blut, aber unsäglich viele Tränen. Alle Erwachsenen fragen sich gegenseitig, was wohl passiert sei. Ob jemand etwas gesehen hat. Nichts. Nichts außer einem ganz fürchterlichen Weinen aus der Tiefe des Herzes eines Kindes, welches alle anderen Anwesenden mit sich zieht.

Unter strömendem Heulfluss deutet meine süße Nichte nun zur Bühne hin. Sie zeigt mit ihrem kleinen Fingerchen Richtung des Studenten, der sie ihrer Meinung nach angeschrien hat.

Rückblick:

Auf der Bühne sitzen die Studenten gerade im Dolmuş, ein Sammeltaxi. Der Zuschauer sieht von links nach rechts auf der Bühne einen Querschnitt. Der Dolmuş ist komplett überfüllt und dürfte gar nicht so viele Passagiere befördern. Aber das ist jetzt nicht von Interesse. Die Fülle im Innenraum ausnutzend, genießen ein paar der Männer, die ungebührliche Nähe zu den Frauen. Aber auch das ist für unsere Geschichte nicht von Interesse. Von Interesse ist, dass der Dolmuşfahrer auf einmal eine der üblichen Vollbremsungen bei dem Stadtverkehr hinlegt. Alle Insassen, ob nun sitzend oder aneinanderklebend stehend, schleudern kollektiv einmal vor und zurück. Der Dolmuşfahrer, hält mit der rechten Hand am imaginären Lenker fest, streckt seine rechte Faust zum imaginären Fahrer vor sich und brüllt:

„Mach die Augen auf, du Hornochse!“

Der imaginäre Fahrer, der den Dolmuşfahrer zur Vollbremsung zwang, ist genau an dem Platz, von der meine süße Nichte die Probe des Theaterstücks mitverfolgt.

Die Erwachsenen an der Theke realisieren so allmählich, was passiert ist. Eigentlich könnte man jetzt schmunzeln, wenn meine süße Nichte nicht so bitterlich über die Ungerechtigkeit, die man ihr zuteilwerden ließ, weinen würde. Mittlerweile steht auch die Probe still, denn die Studenten realisieren, dass der Dolmuşfahrer unbeabsichtigter Weise übelst zum Heulkrampf eines kleinen Mädchens beigetragen hat.

Meine süße Nichte lässt sich nicht davon beeindrucken, dass die Studenten auf der Bühne gerade für ein Theaterstück proben und das alles nur ein Spiel ist. Der Dolmuşfahrer zeigte ihr die Faust und schrie sie an. Das ist Fakt, zumindest für sie. Alle Versuche, sie davon zu überzeugen, dass sie nicht Ziel dieses Wutausbruches war, prallen an ihr ab. Der Student entschuldigt sich mehrfach bei meiner immer noch bitterlich weinendenden süßen Nichte und versichert ihr, dass sie nicht gemeint war. Meine Nichte interessiert das ganz und gar nicht.

„Du kannst nicht einfach Hornochse zu mir sagen!“ weint sie ihn an.

„Nein, natürlich nicht. Du warst gar nicht gemeint. Das ist alles nur gespielt“ versichert ihr der Student.

Das alles lässt meine Nichte kalt. Wenn man dies in der Situation überhaupt so sagen kann.

„Ich bin kein Hornochse!“ gibt sie ihm immer noch weinend aber unmissverständlich zu verstehen.

„Selbstverständlich nicht“ versucht der Student sie zu beruhigen.

Aber meine zuckersüße kleine Nichte ist noch lange nicht mit ihm fertig. Sie lehnt sich mit ihrem Rücken an ihre Mutter an, zeigt mit ihrem kleinen rechten Zeigefingerchen in Richtung des Übeltäters, damit es klipp und klar ist und brüllt noch weinend laut und deutlich:

„Duuuu bist ein Hornochse!“

Die Studenten auf der Bühne grölen vor Lachen. Auch um die Theke herum kommt Gelächter auf. Natürlich versucht man sich zurückzunehmen, schließlich spielt sich hier, im Herzen eines süßen kleinen Mädchens, ein Drama ab.

Irgendwann findet dieses Drama ein Ende und meine süße kleine Nichte versteht, dass alles nur Theater war.

Aber, warum erzähle ich diese Geschichte?

Ich erzähle sie, weil es eine Seite an ihr gibt, die mich geprägt hat. Ein kleines süßes Kind, weiß ganz genau, wie es nicht behandelt werden möchte. Ein kleines süßes Kind sorgt unter all den Erwachsenen dafür, dass sie ihren Standpunkt sehr deutlich macht. Ein kleines süßes Kind findet aus der Trauer heraus genügend Kraft, um für sich selbst zu kämpfen. Ein kleines süßes Kind lässt sich nicht davon einschüchtern, was alle anderen sagen und denken, ja sogar über sie oder die Situation lachen.

Es sind nicht immer die Alten und Weisen, von denen wir viel lernen können. Die Reinheit des Kinderherzens hatte zwar meine zuckersüße Nichte etwas missverstehen lassen, jedoch wusste sie ganz genau, wie sie als klein David gegen groß Goliath aus diesem Drama als Gewinnerin herauskommt.

Eine kleine süße Nichte als eine sehr große Inspiration im Leben ihrer sie liebenden Tante!

Serap Yıldırım / 2019

Beitragsbild: Githinji Wanjohi on Unsplash
Musik/Sounds für Audio:
https://www.zapsplat.com/music/road-to-ankara-turkish-theme-with-a-dark-undertone-oud-lute-and-saz-zither-driven-melodies-with-asian-percussion/
https://www.zapsplat.com/music/classical-piano-music-taylor-howard-a-short-walk/

29 Comments

    1. mynewperspective

      Ich wollte ausdrücken, dass es gut ist, wenn man seine eigenen Grenzen kennt und sich nichts gefallen lässt, auch wenn der andere (in der Geschichte größer / stärker / erwachsener ist).
      Selbstverständlich war es ein großes Missverständnis, aber wie sich ein kleines Kind derartig für sich einsetzt ist meines Erachtens bemerkenswert.
      Die Weisheit, die Du erwähnt hast, gefällt mir übrigens sehr. Vielen Dank!
      Herzliche Grüße
      Serap

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      1. pflanzwas

        Ich bin abends oft zu spät hier unterwegs, um noch besonders aufnahmefähig zu sein. Gestern kam mir dann die Idee, es doch nachmittags zur Arbeit anzuhören. Klar, dafür sind sie da, aber ich hatte es nie so richtig auf dem Schirm 😉 So paßte es dann! Liebe Grüße, Almuth

        Gefällt 1 Person

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