Gute Taten

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Es sind die ersten Monate nach meinem Umzug ins Ausland. In der Nachbarstadt meines neuen Zuhauses wohnt eine Freundin, die ich bereits knapp zwei Jahre zuvor in Deutschland kennenlernte. Sie ist mit einem Sänger liiert, der kürzlich einen Grammy verliehen bekam. Er selbst lebt jedoch am anderen Ende des Landes und kommt sie in regelmäßigen, wenn auch größeren Abständen besuchen.

Die Freundin lädt mich mehrfach zu sich nach Hause ein, gerne mit ein paar Tagen Übernachtung. Das Haus wäre groß. Sie schlägt vor, mir die Umgebung zu zeigen, möchte mir Tipps geben, die mir bei meinem Neustart in dem Land behilflich sein können und einfach mehr Zeit mit mir verbringen, da die räumliche Distanz nach meinem Umzug nicht mehr so groß ist, wie vorher. Irgendwann nehme ich das Angebot an und besuche sie nach einer langen Busfahrt zum ersten Mal in ihrem Zuhause. Dass sie eine Liebhaberin und Sammlerin von Engeln ist, wusste ich bereits und bei einem früheren außerhäusigen Treffen beim Besuch vor meiner Auswanderung schenkte ich ihr sogar einen Engel aus Kristall. Bei ihr angekommen, erschlägt mich jedoch die Anzahl der Engel im Haus. Vor allem im Wohnzimmer.

Es erweckt den Anschein, als ob ich mitten in einer Konferenz gelandet bin, an der weltweit alle Engel teilnehmen. Bei so vielen Engeln, erdrückt mich die himmlische Atmosphäre, die hier wohl versucht wurde zu erschaffen. Vielleicht liegt es aber auch an einer weiteren undefinierbaren Energie, die ich hier im Haus spüre. Ganz und gar begreifen kann ich es jedoch vorerst noch nicht. Es ist einer dieser Momente im Leben, wo ich etwas erahne, aber nicht genau definieren kann, was.

Seit dem Tod ihrer Mutter, lebt auch der Vater der Freundin im Haus. Außer einer netten Begrüßung und etwas Smalltalk an der Zimmertüre, bleibt der Vater jedoch nicht präsent und hält sich ausschließlich in seinem Zimmer auf. Der Sohn studiert und kommt, wenn es passt zu Besuch. Es wird ein netter Nachmittag mit der Freundin, geprägt von vielen Gesprächen und neuen Eindrücken. … Wenn da nicht das undefinierbare Gefühl wäre, dass mich nicht loslässt.

Von außen betrachtet erscheint alles in einem sehr guten Licht: nette Konversationen, gutes Miteinander, eine freundliche und hilfsbereite Freundin. Innerlich fühle ich eine gewisse Art von Nervosität. Etwas, was ich vorher in der Form mit ihr nicht fühlte. Nachdem sich der Tag zu Ende neigt und es Zeit zum Schlafen ist, bietet mir die Freundin einen Schlafplatz bei sich im Schlafzimmer an. Nicht auf einer der drei Sofas im Wohnzimmer, nicht im Zimmer ihres Sohnes, der nicht zu Hause ist, sondern in ihrem Bett auf der Seite, wo ihr Freund normalerweise schläft. Noch bevor wir ins Schlafzimmer gehen, schreit meine innere Stimme laut: NEIN!!! Als ich das Schlafzimmer der Freundin betrete, erstarre ich. Im Gegensatz zum restlichen Haus, welches hell und zeitgemäß renoviert und eingerichtet ist, steht hier die Zeit wohl seit dreißig plus Jahren still. Neben der angestaubten Nostalgie in diesem Raum, starren mich von der Wand gegenüber aus unzähligen Porträts der letzten Jahrzehnte die Augen der Freundin an. Die Atmosphäre in dem Raum erdrückt mich. Sie erdrückt mich wesentlich mehr, als die Engel im Wohnzimmer. Nicht wissend, wie ich aus der Situation herauskommen soll, versuche ich mich freundlich herauszuwinden:

„Das ist wirklich sehr lieb von dir, dass Du mir Dein Bett anbietest, das ist mir jedoch viel zu persönlich. Ich schlafe lieber auf einer Couch im Wohnzimmer.“

Die Situation wird für mich zunehmend schwerer.

Für die Freundin kommt es jedoch gar nicht Frage, dass ich im Wohnzimmer die Nacht verbringe. Das Bett sei gemütlich und daher der beste Schlafplatz. Mir fehlen handfeste Argumente, um hier nicht zu schlafen. „Zu persönlich“ ist für mich zwar Grund genug, aber wohl nicht für die Freundin. Da ich jedoch selbst nicht einordnen kann, was mich tatsächlich an der gesamten Situation stört, mangelt es deswegen auch an der Artikulation meinerseits. Auch wenn ich in Worte fassen könnte, was ich tatsächlich fühle, würde die Freundin überhaupt mitziehen?

Als die Lichter ausgehen und wir beide im Bett liegen, schiebe ich meinen Körper in Seitenlage an den äußersten Rand des Bettes. Einen Millimeter mehr und meine Landung auf dem Boden ist gewiss. In der Stille und Dunkelheit der Nacht wird mir kurz vor dem Einschlafen bewusst, dass ich hier nicht als „eine Freundin, die zu Besuch ist“ im Bett liege, sondern als Freundersatz. Ich scheine ein Mittel zu sein, dass die Freundin ihre Einsamkeit in dieser Nacht wenigstens nicht spürt. Je klarer der Gedanke wird, desto unwohler fühle ich mich. Auch wenn die Freundin es sicherlich nicht absichtlich so ausführt, fühle ich mich ausgenutzt. Ein derartiges Einverständnis liegt meinerseits nicht vor. Ob es ihr so klar ist, wie jetzt mir, bezweifle ich. Erträglicher wird die Situation für mich dadurch nicht. Glücklicherweise fallen mir schnell die Augen zu.

Am nächsten Morgen ist mein erster Gedanke nach dem Aufwachen: So schnell wie möglich nach Hause! Raus aus der Situation. Manchmal ist es doch besser, Menschen nur flüchtig zu kennen. Gute Bekannte sind vielleicht nützlicher, als sich als merkwürdig entpuppende Freunde. Als einen Gut-Wetter-Freund halte ich mich zwar nicht, dass – wenn auch unbewusste – überstülpen von gewissen Gefühlen und das Vereinnahmen empfinde ich jedoch nicht als gesunde Basis in jeglicher Beziehung.

Am Frühstückstisch werde ich, wie am Tag zuvor auch, fürsorglich bemuttert. Was ich bisher als Gastfreundschaft empfand, empfinde ich nun als Bevormundung. Freundlich versuche ich mitzuspielen, um die Freundin nicht zu verletzen. Ihre sanfte Seele, die den Tod ihrer Mutter auch nach den vielen Jahren nicht verkraftet zu haben scheint, möchte ich so sanft wie möglich behandeln, ohne sie in Watte zu packen. Die Situation wird für mich zunehmend schwerer.

Als die Freundin nach dem Vater schaut und ihn nicht im Zimmer vorfindet, herrscht Panik. Sie rennt aus dem Haus heraus, um den Vater im Vorgarten beim Briefkasten anzutreffen. Ein Drama beginnt.

„Wie kannst Du nur so rausgehen, Vater?“ schimpft die Freundin verzweifelt.

„Ich habe doch nur nach der Post geschaut“, erwidert er ruhig.

„Aber doch nicht so!“ Die Freundin deutet auf sein Outfit. „Immer wieder sage ich Dir, dass Du nicht so rausgehen sollst. Was sollen denn die Nachbarn denken?!“

„Mich hat doch überhaupt niemand gesehen. Auch wenn, ich bin doch nicht nackt.“

„Aber in Pyjama.“

„Na und? Hör‘ doch auf, Dich immer über solche Dinge aufzuregen. Das ist doch völlig unnötig.“

„Ich zwinge mein Gegenüber so lange, bis ich glücklich bin“.

Das der Vater einen Pyjama trägt, wäre mir gar nicht in den Gedanken gekommen. So edel und chic wirkt es eher wie ein teurer Hausanzug oder Lounge Ware, wie es heutzutage so schön heißt. Und auch wenn es aussehen würde, wie ein Pyjama, sehe ich es genauso wie der Vater. Wen interessiert es, was die Nachbarn denken? Die Freundin sieht es ganz anders.

Als der Vater wieder in sein Zimmer geht und die Freundin sich an den Frühstücktisch setzt, fängt sie an, sich in Rage zu reden und klappt dann in sich zusammen. So gut würde sie sich um ihn sorgen, aber er würde sie einfach immer wieder blamieren.

„Warum blamiert er dich denn?“ frage ich sie.

„Hast Du denn nicht gesehen? Er ist im Pyjama rausgegangen!“

„Ja, aber erstens nur bis vor die Tür zum Briefkasten und zweitens sieht man diesem Pyjama nicht mal an, dass es ein Pyjama ist. Wo also liegt das Problem?“

„Was sollen den die Nachbarn denken?“ fragt sie.

„Was denkst Du denn, was sie denken könnten?“ lautet meine Gegenfrage.

„Na, dass ich eine schlechte Tochter bin und nicht auf meinen Vater aufpasse“ antwortet sie.

„Es geht also im Grunde genommen darum, was die Nachbarn über Dich denken könnten und nicht über Deinen Vater?“ frage ich.

Die Freundin stutzt.

Später, als es Zeit wird, dem Besuch ein Ende zu setzen, geht es mit der Freundin in die Garage. Sie besitzt Möbel, die sie momentan nicht benutzt, also will sie sie mir ausleihen. Trotz gähnender Leere in meiner der Wohnung, lehne ich dankend ab. Die Freundin lässt nicht mit sich reden. Nach langer Diskussion landen zwei Stühle und ein Bücherschrank im großen Auto und nach einer langen Heimfahrt später in meiner Wohnung. Samt Pflegehinweise für die Holzmöbel inklusive Politur und dazugehörigen Tüchern, bekomme ich alles aufgedrückt.

Als die Freundin meine Wohnung wieder verlässt, nehme ich Platz auf einen der beiden Stühle und blicke auf den letzten Tag zurück. Ich realisiere, dass die aufgedrückte Hilfsbereitschaft der Freundin im Wesentlichen darin wurzelt, sich selbst gut zu fühlen, weil sie etwas Gutes gut. Es ist weniger ein „Ich zwinge mein Gegenüber zu seinem Glück“, sondern eher ein „Ich zwinge mein Gegenüber so lange, bis ich glücklich bin“.

In der Folgezeit versuche ich so wenig wie möglich den Kontakt aufrechtzuerhalten. Als ich zwei Jahre später das Land wieder verlasse, um nach Deutschland zurückzukehren, telefoniere ich mit der Freundin, um einen Termin für die Rückgabe der ausgeliehenen Möbelstücke, die ich vorsorglich so gut wie nie nutzte, zu vereinbaren. Die Freundin erinnert mich daran, dass sie mir damals nicht nur Möbel, sondern auch Politur, einen Polierlappen und Bodenschoner mitgab. Auch die möge ich wieder zurückgeben. Sie hoffe auch, dass ich nicht zu viel von der Politur benutzt hätte, die Flasche wäre nämlich noch kaum angebrochen gewesen. Ich versichere der Freundin, dass ich auch alle anderen geliehenen Dinge mitbringen werde. Ihre Politur, ihren Polierlappen und die Bodenschoner kamen bei mir gar nicht zum Gebrauch. Sie wurden von mir in einen Beutel gepackt und fein säuberlich aufbewahrt. Denn eine innere Stimme sagte mir, dass die Freundin sie sicherlich zurückhaben möchte. Ich behielt recht und war froh, meine eigens gekaufte Politur, Polierlappen und Bodenschoner verwendet zu haben.

Der Tag der Retoure wird zum letzten Tag unseres Kontakts.  

Serap Yıldırım / 2019

Beitragsbild: Lukas Meier on Unsplash

25 Comments

  1. Reiner

    Im Grunde tun wir alles nur für uns selbst

    Der Satz stammt von einer Therapeutin, vor vielen Jahren. Damals habe ich geschluckt und mir kamen Zweifel an meiner vermeintlichen Selbstlosigkeit, um die es ging. Es gibt eine große Grauzone …

    Gut, dass deine damalige Freundin nicht mehr in deinem Leben ist.

    Sei herzlich gegrüßt, liebe Serap.

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    1. mynewperspective

      Ein wahrhaft sehr guter Satz, lieber Reiner. Vor allem auch ein sehr wertvoller. So ist es ja auch tatsächlich, auch wenn es nicht immer eine „bewusst egoistische“ Handlung ist. Wenn man sich einmal dessen bewusstwird, dann kann man sich sicherlich auch in den sehr helleren Bereichen der Grauzone aufhalten.
      Es war eine sehr gute Lernerfahrung für mich. Schade ist es um die andere Person, sie scheint, wie auch in einem anderen Kommentar steht, wahrhaft gefangen in ihren Handlungen zu sein. Hoffe, dass auch sie mittlerweile eine andere Perspektive auf ihr Verhalten hat.
      Herzliche Grüße
      Serap

      Gefällt 2 Personen

  2. Annuschka

    Oje. Ich kann dich gut verstehen, dass du den Kontakt abgebrochen hast. Solche Freundschaften sind toxisch, und solche Menschen haben die Gabe, alle Kraft aus ihren umgebenden Menschen herauszusaugen. Ich kenne das.
    Trotzdem kann ich nicht umhin, dass diese Frau mir sehr leid tut. Denn im Grunde genommen ist sie eine Gefangene. Aber du hättest ihr nicht zur Befreiung helfen können.
    Denn zumindest zu dem Zeitpunkt hat sie ihre Gefangenschaft überhaupt nicht als solche empfunden…
    LG Annuschka

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    1. mynewperspective

      Liebe Annuschka,
      herzlichen Dank für Dein beidseitiges Mitfühlen.
      Wie Du auch schreibst, ist es für alle Beteiligten keine schöne Situation. Ich konnte mich aus dem Ganzen herausziehen, aber konnte sie es aus ihrem eigenen Verhalten auch? Sicherlich nicht so einfach. Daher verstehe ich Dein Mitgefühl und hoffe, dass keine Person in sich derartig dauerhaft gefangen ist, wie diese Freundin damals.
      Herzliche Grüße
      Serap

      Gefällt 2 Personen

  3. TeteGina

    Liebe Serap, aus irgendeinem Grund ist sie so geworden. Wir können nie wirklich wissen warum sie so agiert. Ich hätte nichts von dem angenommen; behutsam aber auch mit Nachdruck hätte ich mich herzlichst bei ihr für ihr Angebot bedankt und wenn sie mich weiter „bearbeitet“ hätte, dann wäre ich noch deutlicher geworden.
    Wahrscheinlich hat sie dir auch sehr leid getan und deshalb hast du letztendlich ihr Angebot angenommmen. Liebe Güße Tete

    Gefällt 4 Personen

    1. mynewperspective

      Liebe Tete,
      mittlerweile, würde ich es auch so lösen, wie Du es geschrieben hast. Damals gab es zu viele Fronten, an denen ich quasi „kämpfen“ musste. Außerdem auch eine meiner ersten Erfahrungen dieser Art, so dass ich etwas überfordert war. Aber, man lernt mit der Zeit und wird immer früher deutlicher und zieht Grenzen für sich selbst. Nur so lernen wir und ich hoffe inständig, dass auch diese Freundin mittlerweile bessere Wege vor allem im Umgang mit sich selbst gefunden hat.
      Herzliche Grüße
      Serap

      Gefällt 3 Personen

    1. mynewperspective

      Mein Elefantengedächtnis hat eben auch gute Seiten, dass ich derartige Geschichten und Details nicht vergesse. Manchmal wäre es aber auch ganz wünschenswert, sich an weniger zu erinnern.
      Ja, die Rückforderung des Kleinkrams hat tatsächlich was. Schon interessant, dass ich die Möbel zwar richtig pflegen, aber alles auch fast ungenutzt zurückgeben musste. Paradox.
      Herzliche Grüße
      Serap

      Gefällt 1 Person

  4. gkazakou

    Liebe Serap, bis auf den letzten Abschnitt mit dem Polierzeug kannte ich die Geschichte schon (hast du sie schon mal hier gepostet?); aber ich habe es genossen, sie nun von dir vorgelesen zu bekommen.

    Das Thema der „guten Taten“ ist unerschöpflich, es ist immer eine Gratwanderung – und zwar für beide Seiten. Was darf man anbieten, ohne aufdringlich zu sein – was darf man annehmen, ohne in Dankesschuld zu geraten? Zu viel Guttat, zu wenig Guttat. Zu großzügig, zu knauserig, Wer ist schon frei davon, dass er eine gewisse Dankbarkeit erwartet, wenn er jemandem etwas Gutes tut – auch wenn der andere es gar nicht gefordert hat? Und was ist das für eine Guttat, wenn man es tut, weil der andere es erwartet? (Ich erinnere mich an die Geschichte, die eine andere Bloggerin erzählte, von einer Nachbarin, die erwartete, dass sie sich um deren kranken Ehemann kümmerte, während sie selbst auf Reisen ging). Falsch ist es, Hilfe aufzudrängen, wo sie nicht gefragt wird, genauso falsch ist es, Hilfe zu verlangen mit Appell an die Großzügigkeit des anderen. …. Auch ist es interkulturell sehr verschieden, was als „normale Gastfreundschaft“, was als Zumutung erlebt wird.

    Hätte die Freundin gesagt. war nett,dass du gekommen bist – nach Hause schaffst du es sicher auch allein? wie wäre dann wohl deine Reaktion gewesen?

    Immer interessant, deine Geschichten, sehr anregend, drüber nachzudenken.

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    1. mynewperspective

      Liebe Gerda,
      bis auf den letzten Abschnitt wurde die Geschichte im geschlossenen Bereich veröffentlicht. Daher kanntest Du die Geschichte schon weitestgehend. Es freut mich, dass Du die erweiterte und vorgelesene Form genossen hast.
      Spannend sind Deine Fragen, die je nach Situation natürlich in Betracht gezogen werden sollten. Ein Mehrfaches „Nein“ sollte aber auch akzeptiert werden. Sonst könnte man das Wort auch aus dem Wortschatz abschaffen. 🙂
      Was Deine Frage betrifft: Da ich selbst ohne Probleme zur Freundin mit öffentlichen Verkehrsmitteln fand (erwähnte ich in der Geschichte), hätte ich auch genauso wieder nach Hause zurückgefunden. Einen anderen Anspruch hätte ich gar nicht. Hoffe, dass Deine Frage damit beantwortet ist, denn ich verstand sie zwar inhaltlich, aber die Intention dahinter nicht.
      Herzliche Grüße
      Serap

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      1. gkazakou

        Ah, daher also kannte ich sie! Meine Intention war, ein paar Gedanken zu den von dir aufgeworfenen Themen beizutragen, liebe Serap. Sie wollte die Berechtigung deines mulmigen Gefühls keineswegs in Frage stellen. Ich hätte es sicher auch gehabt. Auch deine Überlegungen, wodurch es ausgelöst wurde, finde ich überzeugend

        Zur letzten Frage: sie hat einen persönlichen Hintergrund. Ich hatte hier mal ne deutsche Frau zu Besuch, die ich auf einer Reise kennenernte,wo wir uns anfreundeten, einen Briefwechsel führten und schließlich uns gegenseitig einluden. Sie kam mich besuchen, ich tat was ich konnte, um ihr den Aufenthalt angenehm und interessant zu machen, fuhr mit ihr in der Gegend herum, bezahlte alle Benzinrechnungen, bezahlte auch alle Einkäufe (mir fehlte ihr Angebot, auch mal eine Rechnung zu bezahlen). Ich fühlte mich zunehmend beklommen, zumal von ihrer Seite auch nicht viel kam, was mich hätte interessieren können. Am letzten Tag fuhr ich sie zum Flughafen, brachte sie aber nicht an den Schalter, weil ich dafür extra auf den großen Parkplatz hätte fahren und erneut bezahlen müssen.
        Sie schrieb mir später patzig, Gastfreundschaft wäre für sie anders. Natürlich lud sie mich auch nie zu sich ein. Wir schrieben uns auch nicht wieder

        Ich fragte mich hinterher, ob ich blöd sei. Sie hätte sehr gut die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen können, und ich machte mir ein Gewissen, weil ich ihr nicht den Koffer bis an den Schalter getragen hatte ….
        In Griechenland ist man gerne sehr gastfreundlich, und ich bin es auch. Es macht mir Freude, die Gastfreundschaft anderer zu genießen und sie selbst anzubieten. Aber es ist manchmal schwierig, das richtige Maß zu finden. Das wollte ich sagen.

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        1. mynewperspective

          Liebe Gerda,

          lieben Dank für deine Ausführungen. Zu dem, was Du vorher schriebst, hatte ich nicht das Gefühl, dass Du mein geschriebenes in Frage stellst. Nur meinte ich zu merken, dass hinter Deiner Frage mehr steckt und deshalb wusste ich nicht so recht, ob die Antwort, die ich gab, ausreichend ist oder ich etwas noch weiter ausführen sollte.

          Jetzt verstehe ich Dich viel besser, auch wenn das natürlich meine Antwort nicht ändert. Wie gesagt, stelle ich derartige Anforderungen erst gar nicht an den anderen. Wenn ich Angebote bekomme, z.B. dass man mich nach Hause fährt, nehme ich nur an, wenn es keine Möglichkeit mehr gibt, mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause zu kommen und Taxi mein Budget bei weitem übersteigen würde. Aber das ist immer vorher abgesprochen und nichts, was ich grundsätzlich erwarte.

          Was Deine Geschichte betrifft, wurde (nach meiner ganz persönlichen Meinung) Deine Gastfreundschaft mehr als gebührend strapaziert. Bei allem Respekt, eine derartige Gastfreundschaft habe ich in Deutschland noch nie erlebt – nicht mal von engen Freunden. Dies ist natürlich nur meine persönliche Erfahrung, die ich grundsätzlich nicht pauschalisieren will. Deine Geschichte jedoch ist für mich ein klarer Fall, dass Du die sehr hohen Vorstellungen von einer Person, die sich deine Ressourcen zu nutzen machen wollte, nicht in Gänze erfüllt hast. Warum solltest Du auch?

          Ich denke, dass das richtige Maß nie gefunden werden kann, wenn bewusste oder unbewusste Erwartungshaltungen hinter etwas stecken. In Ländern oder Kulturen, wo Gastfreundschaft Gang und Gebe ist, besitzt man auch die nötige Sensibilität gegenüber den anderen, der gastfreundlich ist und reizt diese nicht aus.

          Derartige Bekanntschaften sind toxisch und es ist gut, wenn sie nicht weiterhin unser Leben belasten. Dies sagt ja nicht automatisch aus, dass diese Personen schlecht sind. Es passt einfach nicht und dabei sollte man es belassen und sich selbst gar nicht in Frage stellen.

          Danke Dir für einen sehr anregenden und interessanten Austausch.

          Herzliche Grüße
          Serap

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          1. gkazakou

            danke, Serap, für deine Antwort, die zeigt, wie genau du verstehst. „In Ländern oder Kulturen, wo Gastfreundschaft Gang und Gebe ist, besitzt man auch die nötige Sensibilität gegenüber dem anderen, der gastfreundlich ist und reizt diese nicht aus“ – genau das ist die Schwierigkeit bei deutschen Besuchern in Griechenland, der Türkei, Russland…, also in Ländern, wo Gastfreundschaft zu den verbreiteten Tugenden gehört. Ich könnte viele, sehr viele Geschichten erzählen.

            Eine möchte ich noch zum besten geben: ich traf, als ich in Frankfurt lebte, einen verhärmten Mann, der nicht aus und ein wusste. Er war Grieche aus Halkidiki, wo er eine Taverne betrieb. In seinem Notizbuch hatte er zig Anschriften von deutschen und holländischen Besuchern, die er ausgehalten hatte und die ihm gesagt hatten: komm doch mal vorbei, dann revanchieren wir uns. Er machte sich auf den Weg nach Deutschland und klapperte die Adresssen ab. Die einen ließen sich verleugnen, die anderen hatten grad keine Zeit. Niemand wollte ihn treffen. So irrte er durch Deutschland und verbrauchte sein Geld für Übernachtungen und Essen. Als ich ihn traf, war er pleite und verzweifelt. Ich ließ ihn bei mir übernachten und gab ihm das Geld für das Rückticket. Tja, so kann es einem gehen, wenn man aus dem Land des gastfreundlichen Zeus kommt.

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          2. mynewperspective

            Oh, liebe Gerda … die Geschichte vom Mann aus Halkidiki hat mich wirklich mitgenommen. Ja, so kann es gehen, wenn man unterschiedliche Auffassung von „Gastfreundschaft“ besitzt. Das ist wirklich bitter und ging mir sehr nah. Ich machte im Ausland ähnliche Erfahrungen, aber auch hier in Deutschland unter Freunden (die keine mehr sind).

            Ich glaube, wir beide könnten noch lange hin und her schreiben und uns weitere Geschichten dieser Art erzählen. Auch das stimmt mich traurig, weil es auch anderes sein könnte. Einige dieser Geschichten stehen schon auf meiner Liste und werden irgendwann auch mal auf dem Blog veröffentlicht. Aber einen kurze gebe ich hier auch noch mit: Eine langjährige Freundin aus Studienzeiten schwärmte immer davon, was ich für sie kochen/zubereiten werde, wenn sie mich besuchen kommt. Ich machte ihr immer die Freude, schließlich war sie Gast und Freundin. Als ich sie mal besuchte (sie wohnte am anderen Ende des Landes) zeigte sie mir, wo der Kühlschrank ist und meinte, dass ich mich wie zu Hause fühlen sollte. Hieß: Koch selber, nicht nur für Dich, sondern gleich auch für uns mit! Ich spielte nicht mit und machte ihr freundlich deutlich, dass ich genau das essen werden, was sie sowieso für sich und die Familie kochen würde. 🙂

            Sei herzlich gegrüßt
            Serap

            Gefällt 1 Person

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