Vaterunser

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7. Klasse. Schon lange Jahre bin ich vom schulischen Religionsunterricht befreit. Ist ganz schön praktisch, eine Freistunde zu bekommen, da ich weder katholisch noch evangelisch bin. Dabei sehne ich mich insgeheim an die Kindergarten- und Grundschulzeit zurück, wo regelmäßige Kirchengänge und Religionsunterricht auch für mich zum Pflichtprogram gehörten. Jetzt sitze ich hinten still auf meinem Platz im Klassenzimmer und widme mich meinen Mathehausaufgaben, währen sich ein paar Reihen vorne meine evangelischen Mitschüler dem Thema des Tages widmen: Das Vaterunser.

Die Religionslehrerin fordert auf, dass jemand das Vaterunser an die Tafel schreibt und will dann Zeile für Zeile das Gebet mit den Schülern durchgehen. Was bedeuten die einzelnen Zeilen für einen persönlich? Jeder soll seine Gedanken dazu äußern. Sie fragt, wer an die Tafel möchte. Es meldet sich kein Schüler. Ermunterung durch die Lehrerin. Einfach nur das Gebet auf die Tafel schreiben. Betroffenes Schweigen in der Klasse. Okay, sie wird schreiben. Wer diktiert ihr den Text? Immer noch schweigt die Klasse. Die Lehrerin ermuntert weiterhin. Nichts passiert. Sie ruft den Namen eines Schülers. Er möge den Text diktieren. Der Schüler möchte nicht. Er will abgeben. Eine Schülerin wird als nächstes aufgefordert. Sie beginnt, ist sich aber schon schnell nicht sicher und weiß nicht, wie es weitergeht. Dabei kam sie auch gar nicht weit. Die Lehrerin schreibt den ersten richtigen Teil schon mal an die Tafel. Doch langsam fängt sie an gereizter zu klingen. Ein weiterer Schüler wird aufgefordert. Er möge fortfahren. Er spricht das Gebet vor, wenn auch fehlerhaft und unvollständig. Die Lehrerin schreibt die richtigen Gebetsteile an die Tafel. Mittlerweile gleicht das Gebet einem Puzzlestück. Ein weiterer Schüler wird nun aufgefordert, auch er gibt sein Bestes, aber das Gebet ist nicht fehlerfrei. Anspannung breitet sich im Klassenraum aus. Die Schüler grübeln, schauen weg oder versuchen sich unsichtbar zu machen, während die Lehrerin verzweifelt in die Runde schaut.

„Gibt es den nicht jemanden, der das Vaterunser fehlerfrei und vollständig aufsagen kann?“ fragt sie leicht genervt in die Runde.

Meinen Füllfederhalter zur Seite legend, melde ich mich irgendwann von der hintersten Reihe, da es sonst keiner tut.

„Serap, Du kannst gerne auf Toilette gehen, dafür brauchst Du Dich nicht zu melden“, spricht die Lehrerein in meine Richtung.

„Nein, danke. Ich wollte gar nicht zur Toilette“ erwidere ich.

„Sondern?“ fragt die Lehrerin leicht genervt, so dass ich das Gefühl bekomme, ihren Unterricht zu stören.

„Sie fragten doch, ob hier nicht jemand das Vaterunser kann. Ich könnte, wenn sie möchten.“

Die Religionslehrerin schaut mich fragend an.

„Du kannst das Vaterunser?“ fragt sie unglaubwürdig.

„Ja!“ antworte ich.

„Warum?“ fragt sie.

„Weil ich es zur Kindergartenzeit von meinem Bruder beigebracht bekam“, antworte ich.

Warum mein Bruder das Vaterunser könne, möchte die Lehrerein wissen.

„Weil er Messdiener werden wollte. Aber man hat ihn nicht gelassen“, schmunzle ich.

„Na, dann mal los“ fordert die Lehrerein mich auf, aber ich meine zu spüren, dass sie mir nicht wirklich vertraut.

Ich spreche das Gebet, fehlerfrei und auch vollständig. So wie ich es einst lernte.

Die Lehrerin schaut mich erstaunt an. „Die Einzige, die das Vaterunser in dieser Klasse tatsächlich kann, ist eine Türkin?“ fragt sie unglaubwürdig in die Runde.

Ich widme mich schnell wieder den Mathehausaufgaben, um mich bei den Mitschülern nicht ganz unbeliebt zu machen. Die Lehrerin schreibt nun das Gebet in Gänze an die Tafel und fährt mit ihrem geplanten Unterricht fort.

Komisch denke ich, während ich an meinen Hausaufgaben arbeite. Fast alle wurden doch vor gar nicht allzu langer Zeit konfirmiert. Müssten meine Mitschüler da nicht das Vaterunser können? Nicht, dass ich eine Ahnung hätte, was bei einer Konfirmation so alles vorausgesetzt wird, jedoch fragt sich mein junges Dasein, warum sie nicht das wohl bekannteste Gebet aller Zeiten können. Bestand die Konfirmation nur aus tollen Kleidern und netten Geschenken? Das könne es doch nicht wirklich gewesen sein. Meine Vorstellung von Konfirmation und der Eintritt in die christliche Erwachsenenwelt war eine andere, als sich mir nun darbot. Wozu die ganzen Vorbereitungen und der Unterricht, wenn kaum was hängengeblieben zu sein scheint? Ich bin verwirrt, wahrscheinlich genauso verwirrt wie die Lehrerin es ist.

Irgendeine Integration schien hier schiefgelaufen zu sein. Naja, zum Glück war es nicht meine.

© Serap Yıldırım / 2019

Beitragsbild: Photo by Fischer Twins on Unsplash
Musik für Audio:
http://www.orangefreesounds.com/ave-maria-bach-gounod/

19 Comments

  1. macalder02

    Las historias de la niñez son las más llamativas. Debe de ser que tienen ese matiz inocente que nos acompañó en esos momentos. Algún día me podré explicar porque en algunos de tus escritos tienen coincidencias conmigo. Yo estudié en un Seminario de los 13 años hasta los 15. Y allí entra la Oración del Señor. En clase de religión di mi opinión personal y estuve castigado sin cenar y rezando tres rosarios. Cosas de la vida. Tu historia me pareció de lo más interesante por la manera de salir al paso de esa situación y hacerte reflexionar de la importancia de un Sacramento que era obligatorio pero sin sentido para los niños. Mis saludos.

    Gefällt 1 Person

    1. mynewperspective

      Muchas gracias por compartir sus pensamientos y experiencias. Sí, las historias de nuestra infancia son las más importantes, porque todavía nos moldean en nuestra vida adulta, aunque no siempre conscientemente. Creo que el significado de muchas cosas debe ser enseñado de una manera amigable para los niños y no porque algunos (religiosos) lo prescriben. Castigado porque expresé mi opinión libremente, a menudo he sido castigado. En la vida adulta esto incluso me ha costado mi trabajo varias veces. No voy a querer aprender nada sobre eso. Ya aprendemos demasiado rápido para no expresar nuestra propia opinión, y los demás también deberían aprender a permitir una opinión crítica y constructiva. Sólo a través de la reflexión constante podemos aprender. Gracias de nuevo por sus pensamientos que me acompañan aquí en este blog. Significan mucho para mí. Saludos cordiales.

      Gefällt 1 Person

    1. mynewperspective

      Liebe Susanne,
      ja, leider ist das Vaterunser auch in für uns nicht so schönen Situationen präsent.
      Ob gesunde Ernährung unsere neue Religion sein sollte? Hm, nach meinem Geschmack eine nicht sehr gelungene Wortwahl, auch wenn ich glaube zu verstehen, was damit ausgedrückt werden wollte.
      Ich persönlich wurde nicht religiös erzogen, außer was so kulturell mit religiösem Einfluss ebenso üblich war – um es mal sehr salopp auszudrücken. Trotzdem denke ich, dass mir der Wert hinter dem wenigen religiösen sehr gut vermittelt wurde. Das ist vielleicht wesentlich wichtiger, als das pure Auswendiglernen und schnell wieder vergessen.
      Herzliche Grüße nach Berlin
      Serap

      Gefällt 2 Personen

      1. Susanne Haun

        Ja, da hast du Recht. Auf die Werte kommt es an. Ich bin als Kind „relativ“ religiös (evangelisch) erzogen worden. Das hängt mir heute noch nach, obwohl ich schon lange aus der Kirche ausgetreten bin. Übrigens sehr zum Entsetzen meiner Mutter.
        LG nach Hamburg von Susanne

        Gefällt 2 Personen

  2. abenteuer50

    Liebe Serap , ja vielleicht hast du recht , die Konfirmation ist nicht der Eintritt in die geistige Welt sondern ein Fest , für schöne Kleider . Leider ….
    Meist kommt der Glaube erst viel später , in jungen Jahren wird dies nicht so angenommen . Wenn das Elternhaus kein Vorbild ist , dann können die Kinder dies auch nicht als wert annehmen .
    Ich find es klasse , dass du es konntest 😄ein super Beispiel für Integration 😊
    Liebe Grüße Mona

    Gefällt 3 Personen

    1. mynewperspective

      Liebe Mona,
      vielen Dank. Ja, es wäre wirklich schön, den Kindern/Jugendlichen auch den Sinn dahinter zu erklären. Vorher… und nicht irgendwann zufällig in einer Lehrstunde, die frustrierend für alle Seiten ist. Was das pure Auswendiglernen im Nachhinein bringt, scheint nicht viel zu sein.
      Herzliche Grüße
      Serap

      Gefällt 4 Personen

  3. Jules van der Ley

    Dass ein Gebet wie das Vaterunser nicht mehr geläufig ist, verweist darauf, dass es im Alltag keine Rolle mehr spielt, dass also kaum noch gebetet wird. Aber zu deiner grundsätzlichen Frage: „Wozu die ganzen Vorbereitungen und der Unterricht, wenn kaum was hängengeblieben zu sein scheint?“ Daran könnte man als Lehrer verzweifeln. Tröstlich ein Zitat von Georg Christoph Lichtenberg: „Ich vergesse das meiste, was ich gelesen habe, so wie das, was ich gegessen habe, ich weiß aber so viel, beides trägt nichts desto weniger zu Erhaltung meines Geistes und meines Leibes bei.“
    Lieben Gruß,
    Jules

    Gefällt 3 Personen

    1. mynewperspective

      Schade eigentlich. Zu meiner Schulzeit (die Geschichte liegt ja doch gut 30 Jahre zurück) hätte ich gedacht, dass es anders ist. Zumal die Regelmäßigkeit (Schulunterricht + Kirchenbesuche) noch üblich war.
      Sehr schön finde ich das Zitat, welches Du geteilt hast. Danke Dir dafür. Da ist sicherlich etwas Wahres dran.
      Herzliche Grüße
      Serap

      Gefällt 1 Person

  4. diespringerin

    Ich bin zwar aus der Kirche aus Gründen ausgetreten, aber ich wurde konfirmiert, und für mich war das ein sehr bedeutsamer Akt, ist es noch heute. Nur weil ich mit gewissen Dingen aus dem System nicht übereinstimme, heißt das nicht, dass ich nicht im tiefsten Herzen spirituell bin, und Gott ist mein Zeuge, möge er Jehova, der liebe Gott oder Allah heißen … Gott erkennt die Gläubigen und weiters liebt er auch die die Ungläubigen, denn wir sind alle in ihrer Hand. Schlicht und ergreifend.
    Wie Rilke es so treffend beschrieb:
    “ … Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
    Und sieh dir andre an: es ist in allen.

    Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
    unendlich sanft in seinen Händen hält.“
    Allerherzlichste Grüße aus Wien, Silvia

    Gefällt 2 Personen

  5. sl4lifestyle

    Ich freue mich sehr darüber, dass Du meinem Web-Magazin sl4lifestyle folgst. Vielen Dank? Wie kam es dazu? Hat Dir ein Beitrag besonders gut gefallen. Ich bin daran sehr interessiert, um meine Inhalte weiter zu verbessern. Hab einen schönen Tag.
    Herzlichst, Sabine

    Gefällt 1 Person

    1. mynewperspective

      Hallo Sabine,
      herzlich Willkommen auf meinem Blog.
      Einer Deiner Beiträge (Beton Cake) hat meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen, dann mochte ich die Mischung und den Inhalt den Du anbietest, also war es für mich ein Grund, Deinem Blog zu folgen.
      Hoffe, dass Dir auch mein Blog gefallen und es Deinen Geschmack triffen wird.
      Ein schönes Wochenende wünsche ich Dir.
      Herzliche Grüße
      Serap

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