Lachmeditation

Geschichte lieber von mir vorlesen lassen? Dann bitte Play-Button drücken.


Sonntag. 4:30 Uhr. Mein Wecker klingelt und ich hüpfe aus dem Bett, absolviere meine morgendliche Hygiene-Routine und widme mich so gegen 5:00 Uhr dann der Morgenmeditation. Heute soll es die angeleitete Body Scan Mediation werden. 33 Minuten und 33 Sekunden dauert sie ganz genau. Eine magische Zahl. So kann der Tag nur gut starten.

Wieder zurück im Bett, die Restwärme der letzten nächtlichen Stunden nutzend, beginnt nach dem Anklicken der Play-Taste die sanfte, tiefe männliche Stimme aus dem Laptop, mit der Body Scan Meditation, die ich bereits mehrfach in der Vergangenheit praktizierte. Schon nach gefühlter einer Minute, beginne ich zu frieren. Dabei liege ich nur wirklich warm eingekuschelt im Bett und es gibt gar keinen ersichtlichen Grund, warum es mich auf einmal so extrem fröstelt.

Die sanfte, tiefe männliche Stimme möchte, dass ich meine Aufmerksamkeit als erstes auf den linken großen Zeh richte. Das würde ich auch ganz gerne, wenn ich nicht damit beschäftig wäre, im wohlig warmen Bett unter der kuschlig warmen Bettdecke innerlich so schrecklich zu frieren. Als pflichtbewusste Person folge ich selbstverständlich der Anleitung, die durch meinen Laptop ertönt, aber die Frage, warum ich gerade friere stelle ich mir dabei noch zusätzlich.

Vom großen linken Zeh geht es weiter zu den restlichen Zehen am linken Fuß und mich überkommt das Bedürfnis, die Meditation abzubrechen. Bis ich mit der Aufmerksamkeit am Kopf anlange, bin ich sicherlich unter der warmen dicken Bettdecke mit Biberbezug längst erfroren.

Aber, was wäre mein Leben ohne mein Pflichtbewusstsein? Ein Abbruch einer morgendlichen Meditation? Wo kämen wir denn hin, wenn ich einfach aufstehen und etwas anderes machen würde? So etwas wie einen wärmenden Tee zu trinken zum Beispiel? Nein, weiter geht es mit meiner Aufmerksamkeit und wir sind gerade einmal bei der linken Fußsohle angelangt. Da meine Augen geschlossen sind, schließlich meditiere ich, kann ich nicht nachschauen, wie lange diese Meditation noch dauern wird. Wahrscheinlich sind grade mal 10 Prozent Meditationszeit vergangen und ich kann es kaum abwarten bis die Klangschale ertönt und somit das Ende der Medikation signalisiert. Aber bis dahin wird es wohl noch dauern, falls ich das Ende der Meditation ohne vorher zu erfrieren überhaupt noch erleben sollte.

Während die Aufmerksamkeit grade mal bei der linken Kniekehle angelangt ist, kramt meine Seele aus der tiefsten Ecke meiner Erinnerungen eine zu einer ehemaligen Nachbarin heraus. Sie, die Nachbarin, die zwei Häuser weiter wohnte, suchte mit ihren Verdauungsproblemen gerne und häufig bei mir Rat. Schließlich arbeitete ich in einer Apotheke. Das ich gerade einmal in der Ausbildung steckte und mehr mit Einkauf und Logistik beschäftigt war, interessierte sie so rein gar nicht. Sie versuchte mein nicht vorhandenes Wissen als nicht approbierte Apothekerin oder gar Ärztin mit Spezialisierung auf die Verdauungsorgane zu nutzen und ließ sich auch nicht davon abhalten, wenn ich ihr mehrfach versicherte, dass ich wirklich keine Ahnung besaß.

Als am linken Oberschenkel laut Meditationsablauf angekommen, sitzt vor meinem inneren Auge die ehemalige Nachbarin bei uns im Wohnzimmer, schiebt sich eine nach der anderen Köstlichkeit, die anne – türkisch für Mutter – für sie angerichtet hat und berichtet im Detail, wann und wie „ihr letztes Mal“ von statten ging. Sie lässt dabei nichts aus: Konsistenz, Farbe, Geruch. In der mitgebrachten Tüte allerlei Abführmittel, die ich für sie begutachten muss. Sie würden allen nicht helfen. Daher ist nun meine Erfahrung gefragt.  

Wie sehr ich auch versuche die ehemalige Nachbarin, im Sinne der Meditation selbstverständlich – nicht wertend -, aus meinen Gedanken zu verbannen, es gelingt mir nicht. Meine Aufmerksamkeit sollte nach Plan jetzt auf dem rechten großen Zeh liegen. Tut es auch. Jedoch bin ich multitaskingfähig und friere nicht nur ganz bitterlich, als ob ich im Bikini in der Tiefkühltruhe sitzen würde, sondern überlege gleichzeitig, warum ich wohl so friere. Da ich noch multitaskingfähiger bin, beschäftige ich mich natürlich weiterhin mit der ehemaligen Nachbarin. Nicht weil ich will, sondern weil sie sich im wahrsten Sinne des Wortes – man möge mir die Wortwahl verzeihen – mit ihrem Scheiß aufdrängt. Auch nach so vielen Jahrzehnten. Warum sie auf einmal in meiner Meditation auftaucht, ist mir ein Rätsel. Ob sie überhaupt noch lebt? So alt wie sie damals schon war, bezweifle ich es.

Natürlich könnte man meinen, dass ich unter diesen Voraussetzungen die Meditation abbrechen hätte können. Tja, wenn alles im Leben so einfach wäre. Es geht nicht, denn neben meinem Pflichtbewusstsein bin ich bereits im regungslosen Zustand, weil mein Körper praktisch erfroren ist. Nur mein Geist ist um diese Uhrzeit bereits hellwach, zu wach und wirklich gerade zu aktiv. Ob das im Sinne der Meditation ist, bezweifle ich.

Die sanfte, tiefe männliche Stimme möchte, dass ich meine Aufmerksamkeit nun auf den Magen- / Darmbereich lege. Hallo, was denkt die Stimme denn, wo ich die ganze Zeit schon gedanklich bin? Genau da bin ich schon parallel seit der Aufmerksamkeit auf dem linken großen Zeh. Okay, es war nicht mein Magen und Darm, aber die Aufmerksamkeit was diese Körperregionen und Organe betrifft sind das Thema es Heutigen morgens.

Eingefroren, mit den Verdauungsproblemen der ehemaligen Nachbarin beschäftigt, versuche ich mich auf den eigenen Körper zu fokussieren. Soweit es selbstverständlich möglich ist. Hier gibt es schließlich noch andere, die immer noch Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Je länger die Meditation nun dauert, desto ungeduldiger werde ich. Ob das Sinn der Meditation ist, bezweifle ich erst recht. Nur der Gong der Klangschale am Ende kann mich erlösen. In eingefrorenem hypnoseähnlichem Zustand, einem viel zu regen Geist und einer wachsenden Ungeduld in mir, sporne ich die sanfte, tiefe männliche Stimme an: „Na, komm schon. Ja, Schulterblätter, da bin ich schon, weiter, nicht so viele Pausen. Sonst liege ich noch bis morgen früh hier. Komm jetzt, hopp! Mach weiter!“

Es nützt nichts. Die sanfte, tiefe männliche Stimme lässt sich Zeit, nimmt seine Pausen sehr ernst und bestimmt das Tempo. Leider deckt es sich nicht mit meinem Tempo. Ich will raus hier, raus aus der eiskalten darmgesteuerten Situation.

„Mensch, mach hinne! So werden wir ja nie fertig!“ schreie ich innerlich die sanfte, tiefe männliche Stimme an.

Sie scheint mich nicht zu hören. Mein sonst so geduldiges Dasein wird mit jeder Sekunde dermaßen strapaziert, dass die Morgenmediation zur Qual wird. Und genau in dieser Qual höre ich, wie die sanfte, tiefe männliche Stimme das Wort Klangschale erwähnt.

„Juhuuuu! Gerettet!“ Die Erlösung ist nahe. Gleich ist die Meditation zu Ende. Eine Freude bereitet sich in mir aus. Nach dem Gong liegt alles hinter mir. In freudiger Erwartung fokussiere ich mich darauf, den Gong ja nicht zu verpassen. Gar nicht auszumalen, wenn ich nicht mehr aus dieser Situation herauskomme. Ich warte geduldig, aber der ersehnte Gong ertönt nicht. Ich warte etwas länger. Es gongelt immer noch nicht. „Ob ich ihn wohl überhört habe?“ frage ich mich innerlich selbst. Wieder breitet sich die Unruhe in mir aus. Ich meine sogar einen imaginären Gong zu hören, weißt jedoch, dass ich mich damit nur selbst belüge.

„Man Typ, jetzt hau den Klöppel doch endlich gegen diese verdammte Klangschale!“ schreie ich innerlich die sanfte, tiefe männliche Stimme an. Sie scheint mich nicht zu hören. Vielleicht ignoriert sie mich sogar. Wer weiß? Kurz bevor ich in meinem Gedankenchaos völlig versumpfe, ertönt der ersehnte Gong!

„Erlöst!“ schreie ich innerlich und brauche ein paar Sekunden um mich zu sammeln.  

„Und was war das jetzt?“ frage ich mich innerlich selbst.

Ohne die Frage zu beantworten, ziehe ich mir die Decke über den Kopf und fange unter der Decke schallend an zu lachen. Mein Körper ist nicht mehr eingefroren, sondern krümmt sich jetzt und ich komme aus dem Lachen nicht mehr heraus. Zwischendurch gibt es ein paar Atempausen, aber die halten nur kurz und das Lachen beginnt von vorne. Nicht alle Meditationen in meinem Leben waren von Erleuchtung geprägt, aber diese hier schien eine denkwürdige zu sein.

Was soll ich sagen? Es fühlt sich herrlich an! Auch wenn ich versuche, mein Umfeld mit meinem Gelächter nicht zu wecken. Mir wird warm und meinen Körper spüre ich bewusster als je zuvor. Nach geraumer Zeit luge ich wieder unter der Bettdecke hervor und wische mir die Lachtränen vom Gesicht.

Vielleicht sollte ich morgen früh mit einer Lachmediation den Tag beginnen, ist meine Überlegung.

Ich schlüpfe aus dem Bett und beginne innerlich noch weiterhin freudig quietschend einen brandneuen Tag.

© Serap Yıldırım / 2019

Beitragsbild: Jared Rice on Unsplash
Musik/Sounds für Audio:
http://www.orangefreesounds.com/meditation-music-free/
http://www.orangefreesounds.com/singing-bowl-sound/

20 Comments

  1. finbarsgift

    Herrlich zauberhaft schön erzählte Lachmeditationsgeschichte. Wundervoll versiertes Vorlesen!
    Nur … warum solch ein eisiger bodyscan? Und … warum ein solch aufgeregter Geist? Gerade ER soll doch meditieren, also die Klappe halten *lach*
    Herzliche Morgengrüße vom Lu

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  2. pflanzwas

    ^^ Eine herrliche Geschichte, toll vorgelesen 🙂 Warum denkt man bei Meditationen eigentlich an so merkwürdige Dinge oder an so nervige, aber an die Nachbarin mit Darmproblemen???!!! Prust!! Und dann das nicht folgende Ende der Meditation, „jetzt hau den Klöppel“! ^^ Herrlich! Ich schmeiß mich weg! Wahrlich eine Lachmeditation 🙂

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    1. mynewperspective

      Oh, wie Du mich zu verstehen scheinst, liebe Almuth. *LACH* … Ich muss gestehen, dass ich die Stelle mit dem Klöppel mehrfach lesen musste, weil ich nicht nur beim Schreiben, sondern auch beim Vorlesen immer noch lachen musste. So nachhaltig war eine Meditation noch nie.
      Hab‘ einen freudig vergnügten Tag
      Serap

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  3. Susanne Haun

    Liebe Serap,
    ich habe mich köstlich amüsiert. Diese Art der Medition verwende ich auch oft, Muskeln anspannen, Muskeln loslassen! So kann ich gut nachvollziehen, welch‘ obskure Gedanken einen bisweilen dabei in den Kopf schiessen.
    Ich fürchte, dass ich bei meiner nächsten Medition sofort mit dem Lachen beginne, nicht erst am Ende 😉
    Einen sonnigen Tag wünscht dir Susanne

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  4. merleskunststuecke

    Wow, ich bewundere Dich für’s Durchhalten und danke, dass Du diese Erfahrung mit uns teilst, und dann noch so schön geschrieben! Ich meditiere morgens nicht aber ich bin sicher, die nächsten Morgende werde ich an diese Geschichte denken und auch lachen 😀 Liebe Grüße, Merle

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    1. mynewperspective

      Liebe Merle,
      vielen Dank. Das Durchhalten hat sich diesmal wirklich gelohnt. Man weiß eben nie, wie sich was entwickelt und so einen schönen und erfrischend lustigen Ausgang hätte ich nicht erwartet. Vielleicht sollte man eben alles nicht so ernst nehmen.
      Herzliche Grüße
      Serap

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