Summertime

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Ein lauer Sommertag. Mein Freund, der an Alzheimer erkrankt ist und ich sind auf dem großzügigen Balkon seiner Wohnung. Normalerweise ist er vom Fernseher nicht wegzubekommen. Heute aber konnte ich ihn dazu bringen, dass wir draußen sind. Er möge mir dabei helfen, die zahlreichen Pflanzen zu gießen. Dies ist meine Ausrede, um ihn raus zu locken und auch dort zu bleiben. Seine Ehefrau ist unterwegs und damit er nicht alleine ist und etwas tut, was ihn und vielleicht auch anderen das Leben kosten kann, verbringe ich mit ihm diese Zeit. Nicht so einfach dürfte man jetzt vielleicht meinen, aber ich genieße seine Gesellschaft, weil sie etwas ganz Besonderes ist.

Mit größter Sorgfalt kümmert sich mein Alzheimerfreund um die Pflanzen. Er gießt sie, während ich hin und her renne und immer wieder die Gießkanne für ihn auffülle, putzt die Pflanzen aus und richtet sie schön her. Eine geraume Zeit sind wir beide gut beschäftigt und ich, die so etwas wie einen grünen Daumen rein gar nicht besitzt, höre mir Lektionen an, wie man Pflanzen richtig pflegt. Mein Alzheimerfreund genießt es sichtlich, dass ihm jemand zuhört, er sein Wissen teilen und nützlich sein kann. Auch wenn ich mir alles doppelt und dreifach oder gar weitaus mehr als mehrfach anhöre, reagiere ich so, als ob alles zum ersten Mal gesagt wurde.

Nachdem wir fertig sind uns um die Pflanzen zu kümmern, schlage ich vor, dass wir diese Schönheit auch gebührend genießen. Wir lassen uns auf den bequemen Loungesesseln nieder, erfrischen uns mit Eistee, genießen die Blumenpracht und lauschen den sanften Klängen des Windes und den sommerlichen Tönen der Natur. Für eine längere Zeit herrscht Stille, nur das Zwitschern der Vögel, das Summen der Insekten und das Rascheln der Blätter sind zu hören. Weder mein Alzheimerfreund noch ich sagen etwas. Ungewöhnlich für uns beide, denn wenn ich nicht gerade plappere, tut er es. Stille Momente zwischen uns beiden sind rar. Dies ist einer dieser seltenen Momente. Es ist ein Genuss, bis er mit einem anderen Genuss ausgetauscht wird: Es wird wieder Zeit, miteinander ins Gespräch zu kommen.

„Was für ein friedlicher Tag, nicht wahr?“ unterbricht mein Alzheimerfreund die Stille.

„Absolut!“ antworte ich. „Schön, dass Du die Idee hattest, dass wir es uns auf dem Balkon gemütlich machen“, flunkere ich „es ist einfach herrlich hier draußen.“

„Ich habe immer gute Ideen“, prahlt mein Alzheimerfreund.

„Die hast Du wirklich“, bestätige ich ihn.

„Es ist ein schöner Tag, nicht wahr?“ fragt er erneut.

„Absolut! Und der leichte Wind und das Rascheln der Blätter klingt wie eine sanfte Melodie“, antworte ich.

„Wusstest Du, dass ich zu meiner College Zeit auch Musiker war?“ fragt er.

„Nein!“ antworte ich erstaunt, als ob ich diese Frage zum allerersten Mal hören würde. „Wie kommt es, dass wir noch nie darüber geredet haben? Du erzählst mir doch sonst fast alles“, füge ich hinzu.

„Ich bin eben ein Mann voller Geheimnisse“, charmiert mein Alzheimerfreund.

„Das ist wohl wahr“, erwidere ich schmunzelnd. „Aber jetzt erzähl! Hast Du in einer Band gespielt?“

„Jaaa … und wir waren echt gut“, prahlt mein Alzheimerfreund.

„Welche Musikrichtung?“ erfrage ich neugierig.

„Jazz.“

„Holla die Waldfee! Du bist Jazzmusiker?“

„Ich war“, prahlt er weiterhin. „Jetzt spiele ich nicht mehr!“

„Welches Instrument hast Du den gespielt?“ frage ich neugierig.

„Trompete!“

„Wow. Nicht schlecht, Herr Specht! Das hätte ich jetzt gar nicht gedacht.“

Er lacht. „Ich bin eben ein Mann voller Geheimnisse.“

„Das glaubst auch nur Du!“ ärgere ich ihn.

„Sei nicht so frech!“

„Wer ich?“, frage ich erstaunt und ohne seine Antwort abzuwarten rede ich weiter: „Bin ich immer! Und weißt Du warum?“

„Warum?“ fragt er.

„Ich muss mit Dir mithalten“, foppe ich ihn.

„Frechheit!“ grinst er.

Wir schweigen gemeinsam für eine kurze Weile.

„Ein wunderschöner Tag, nicht wahr?“ unterbricht mein Alzheimerfreund die Stille.

„Ja, ein wirklich sehr schöner Tag“, antworte ich ihm.

„Der leichte Wind gefällt mir.“

„Herrlich, nicht wahr? Wie ein sanftes Musikstück.“

„Habe ich Dir schon mal erzählt, dass ich während meiner College Zeit in einer Band gespielt habe?“ fragt mich mein Alzheimerfreund.

„Neeeeiiin“, erwidere ich erstaunt. „Das ist ja was ganz Neues! Du in einer Band! Das sind ja ganz neue Seiten, die ich da von Dir erfahre! … Welches Instrument spielst Du denn?“

„Trompete. Aber ich spiele schon lange nicht mehr.“

„Wow. Imposant! Singst Du auch?“ frage ich weiter.

„Klar!“ prahlt mein Alzheimerfreund.

„Du hast also eine gute Stimme?“

„Diese Frage ist eine Frechheit“, antwortet er lachend. „Selbstverständlich singe ich gut!“

„Prima, dann sing mal was vor!“ fordere ich ihn auf.

„Nein, jetzt nicht.“

„Warum nicht?“

„Halsschmerzen“ antwortet er mit einer kratzigen Stimme und grinst dabei.

„Du hast keine Halsschmerzen, Du bist einfach ’ne Mimose!“ kommentiere ich trocken.

„Frechheit!“ schleudert er mit empört entgegen.

„Wahrheit!“ schleudere ich zurück.

Wir schweigen gemeinsam und genießen die natürliche Stille.

Mein Alzheimerfreund atmet tief ein und aus. „Was für ein wunderschöner Tag, findest Du nicht auch?“ fragt er, die Stille unterbrechend.

„Ja, es ist wirklich sehr schön heute!“ bestätige ich ihn.

„Und dieser leichte Wind. So angenehm!“

„Ja, wirklich bezaubernd.“

„Es klingt wie Musik …“ spricht er.

„Ja, genau. Wie Musik“ bestätige ich ihn erneut.

„Weißt Du, zu meiner College Zeit habe ich musiziert.“ beginnt er.

„Und Du erzählst mir erst jetzt davon?“ frage ich erstaunt.

„Ich kann Dir schließlich nicht alle meine Geheimnisse erzählen“, schmunzelt mein Alzheimerfreund.

„Her mit den Details!“ fordere ich ihn auf. „Welche Musikrichtung? So mit Band und so oder warst Du Alleinunterhalter?“

„Mit Band“, prahlt mein Alzheimerfreund. „Wir haben Jazz gespielt. Kam bei den Mädels gut an.“ Er zwinkert mir zu.

„Ah, Du Charmeur! Die Musik war also Mittel zum Zweck um Mädels zu beeindrucken.“

Er grinst.

„Sing mir doch mal was vor!“ fordere ich ihn auf.

„Heute nicht“ erwidert er, „ich muss meinen Hals schonen“ und redet wieder mit einer kratzigen Stimme.

„Erst angeben und dann keine Leistung bringen! Typisch!“ reagiere ich gespielt schroff.

Er lacht und so lange er lacht und die Zeit mit mir genießt, genieße auch ich die Zeit mit ihm.

„Sing‘ Du doch!“ dreht er den Spieß um und fordert mich auf.

„Warum ich?“ frage ich ihn erstaunt. „Ich sitze doch nicht hier und behaupte, Musiker und Sänger zu sein und spiele dann Diva.“

„Du kannst einfach nicht singen!“ ärgert er mich weiter.

„Behaupte ich auch gar nicht! Aber ich bin wenigstens keine Mimose, die zur Diva wird, so wie Du es bist!“

„Komm, sing‘ was Schönes“, fordert er mich auf, „ich werde mir auch die Ohren dabei zuhalten“ ergänzt er und fängt schallend an zu lachen.

„Na gut, Du wolltest es nicht anders!“ Ich setze meinen Kampfblick auf und bereite mich auf meinen Rachesong vor. „Weißt Du“, sage ich, „Du magst zwar der Sänger mit der guten Stimme sein, aber dafür besitze ich Mut! Ich werde es Dir zeigen! Lass‘ mich doch von einem wie Dich nicht unterkriegen!“

Mein Alzheimerfreund hält sich während ich Rede schon die Ohren zu und grinst. Seine heraufordernden Blicke, erwidere ich auf meine herausfordernde Art.

„Ja, schön zuhalten …“, rufe ich zu ihm laut herüber „damit Du auch ja nichts hören kannst!“

Er sitzt mir wir ein Lausbub gegenüber und grinst immer noch unverschämt mit seinen Händen auf seinen Ohren.

Ich beginne mit den Fingern zu schnipsen, gebe mir selbst den Takt an und fange an zu singen:

Summertime, and the livin‘ is easy
Fish are jumpin‘ and the cotton is high
Oh, your daddy’s rich and your mama’s good-lookin‘
So hush, little baby, don’t you cry

One of these mornings you’re gonna rise up singing
And you’ll spread your wings and will fly to the sky
But till that morning, there ain’t nothin‘ can harm you
With you mammy and daddy standing by

Oh, Summertime, and the livin‘ is easy
Fish are jumpin‘ and the cotton is high
Oh your daddy’s rich and your mama’s good-lookin‘
So hush, little baby, don’t you cry
Hush, little baby, don’t you cry
Hush, little baby, don’t you cry

Oooooh, Summertime“*

„Naja, nicht schlecht“, kommentiert mein Alzheimerfreund. „Aber Du solltest das Singen lieber den Profis wie mir überlassen“, lacht er.

„Oh, Du hast also doch zugehört. Deine Hände waren doch auf Deinen Ohren, hat wohl nicht viel geholfen!“ entgegne ich schnippisch.

Wir lachen gemeinsam und schweigen danach wieder.

„Zu meiner College Zeit habe ich auch gesungen“, unterbricht mein Alzheimerfreund nach geraumer Zeit die Stille.

„Tatsächlich?“ frage ich erstaunt.

„Ja, ich spielte sogar Trompete.“

„Das hast Du mir bisher noch gar nicht erzählt“, behaupte ich und ermuntere ihn, mir mehr darüber zu berichten.

© Serap Yıldırım / 2019

*Summertime: Songwriter: Du Bose Heyward, George Gershwin, Ira Gershwin; Songtext von Summertime © T-Series
Beitragsbild: Artur Aleksanian on Unsplash
Musik / Sounds für Audio:
http://www.orangefreesounds.com/calm-garden-sounds-for-relaxation/
https://www.zapsplat.com/music/middle-aged-man-laugh-hysterical-1/
https://www.zapsplat.com/music/middle-aged-man-laugh-chuckle-with-mouth-closed-short/

21 Comments

  1. macalder02

    Le di al botón de reproducción sólo para escuchar tu voz. Es melodiosa y llena el espacio para arrullar el silencio de la noche sin estrellas. La historia es conmovedora a pesar de los diálogos entretenidos. Dejas que uno se sumerja en el mundo de estas personas en un diálogo a todas luces, de una sutileza increíble que nos hace olvidar la enfermedad. Tendremos otros VERANOS y recordaremos que tienes el talento para hacer vibrar tu pluma y dejarnos este extraordinario relato. Celebró leerte. Saludos

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    1. mynewperspective

      Estoy muy contento de que haya podido disfrutar de la grabación de audio a pesar de la falta de conocimientos lingüísticos. Es la melodía la que nos lleva y da otra dimensión a la historia. Muchas gracias por ello.
      Qué „SUMMER“ experimentaremos todos es todavía incierto. Nunca sabemos qué esperar. Pero si tenemos a personas a nuestro lado que nos dejan dignidad, entonces cada envejecimiento es seguramente algo especial, si no sólo otros aspectos lo hacen doloroso.
      Son personas especiales que nos dan momentos especiales y esta es una de ellas. Gracias por permitirme compartir esto con todos ustedes y por esta conmovedora resonancia. Un abrazo.

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        1. mynewperspective

          Muchas gracias. Estoy contento. Fue uno de los momentos más hermosos e importantes de mi vida. ¿Sabes qué es lo interesante de esto cuando constantemente te hacen la misma pregunta? En algún momento te preguntarás tu propia respuesta! ¿La respuesta que siempre das es realmente lo que sientes, piensas o quieres? ¿O es simplemente lo que estás acostumbrado a dar como respuesta? Tuve que hacerme esta pregunta una y otra vez en conversaciones con este amigo especial. Fue un tiempo muy valioso con él, que no sería pagadero con todas las riquezas del mundo. Saludos

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  2. Karin Hartel

    Liebe Serap, endlich nahm ich mir mal wieder die Zeit, eine Deiner Geschichten anzuhören und wurde belohnt mit ganz großer Kunst. Mein Blog liegt ein wenig auf Eis, weil das reale Leben so viel spannender ist als der Computer. Doch der Blick in Deinen wunderbaren Blog hat mich angeregt auch wieder aktiver zu werden im Netz. Liebe Grüße von Karin, die mit der Kunst vom HOf

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    1. mynewperspective

      Liebe Karin,
      wie schön, von Dir zu lesen. Auch ich war in einer Blogpause und heute gibt es seit langem wieder mal eine neue Geschichte. Schön, dass sie Dir gefallen hat.
      Wenn mein Blog eine Inspiration für Dich war, dann freut mich das natürlich sehr. Die kalte Zeit bricht an und da ist es vielleicht gar nicht so schwer, sich wieder dem Blog zu widmen.
      Ganz liebe Grüße
      Serap

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    1. mynewperspective

      Wen ein Mensch immer noch in Würde leben kann und ein entsprechendes Umfeld hat, dann ist es vielleicht sekundär, in welcher „Situation“ man ist. Es sind unsere Gedanken, die eine derartige Situation bewerten und genau auf diese kommt es meines Erachtens an.
      Vielen Dank für Deinen Beitrag.
      Herzliche Grüße
      Serap

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  3. pflanzwas

    Eine schöne Geschichte, ich mußte mehrmals schmunzeln, und es ist toll, mit welcher Freude und Gelassenheit du mit deinem Freund in Gespräch kommst und ihn dabei so fröhlich machst! Ich nehme Anregungen aus deiner Geschichte mit 🙂

    Gefällt 3 Personen

    1. mynewperspective

      Puh, da bin ich ja ganz froh, lieber Jules, dass mein dilettantischer Gesang Dich nicht in den tiefsten Winter geschickt hat. 🙂
      Ja, die Gespräche mit meinem Alzheimerfreund und mir waren immer sehr witzig. Die Geschichte gibt nur einen kleinen Bruchteil von stundenlangen Gesprächen wieder. Es war eine bezaubernde Zeit mit ihm.
      Herzliche Grüße
      Serap

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