Kleine Geste, große Wirkung

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Der kleine Schlüssel in meiner Hand öffnet das Postfach 929. Verwundert ziehe ich einen länglichen Zettel heraus. Die Nachricht darauf fordert mich auf, mein Paket an der Rezeption abzuholen. „Welches Paket?“ frage ich mich selbst, den ich erwarte keins. Wahrscheinlich handelt es sich wieder einmal um einen Fehler beim Verteilen in die Postfächer. Dies wäre das dritte Mal in dieser Woche.

Desinteressiert gehe ich mit der Notiz zur Rezeption. „Was kann ich für Sie tun?“ werde ich gefragt. Den Zettel über die Theke schiebend, antworte ich mit einem ungläubigen: „Angeblich soll ein Paket für mich angekommen sein.“ Die Rezeptionistin verschwindet mit dem Zettel kurz nach hinten und erscheint schnell wieder mit einem Päckchen in der Hand. „Sie müssen noch unterschreiben“, spricht sie und reicht mir ein Buch rüber, wo ich den Empfang neben meinem Namen bestätigen soll. Tatsächlich ist das Päckchen an mich adressiert.

Mit einem Lächeln im Gesicht schaffe ich es gerade mal bis zur nächsten Sitzgruppe und lasse mich nieder. Den kleinen Schlüssel als Schneidewerkzeug nutzend, ziehe ich die scharfen Schlüsselzähnchen über das Paketband. Nicht nur der Adressaufkleber verrät mir, dass dies die Oberseite des Päckchens ist, sondern auch das Wort „oben“ ist handschriftlich auf das Päckchen geschrieben worden. Noch bevor ich es ganz öffne, rieche ich erst einmal daran und erschnüffle nichts Ausschlaggebendes, was den Inhalt verrät. Danach schüttle ich das Päckchen sanft, doch leider höre ich nichts. Ich hebe es hoch und schaue unters Päckchen und siehe da: da steht wieder handschriftlich notiert „unten“. Mehr Hinweise finde ich nicht und entschließe mich das Päckchen endlich zu öffnen und finde ganz oben einen Brief. Mit blauer Tinte auf kariertem Papier wurde hier handschriftlich eine lange Botschaft hinterlassen. Die Botschaft liegt auf Stroh. Was sich wohl unter dem Stroh verbirgt? Zu Neugierig möchte ich nicht sein und entschließe mich erst die Botschaft zu lesen:


Liebe Serap,

wenn Du diesen Karton erhalten und geöffnet hast, dann kannst Du das hier lesen … wahrscheinlich.

Wenn wir uns kurz vorstellen dürfen!?

Wir sind fünf kleine Hasen von weit her. Ein Seraphase, ein Suzanahase, ein Lisahase, ein Ineshase und ein Heidihase. Jeder von uns ist für jemanden bestimmt. Kleiner Tipp: Ein Seraphase ist für Serap. Jetzt musst Du aber ganz allein herausfinden, für wen so alles die anderen Hasen sind. Da wir uns alle sehr ähnlich sind, ist im Grunde genommen auch wurscht, welcher Hase welcher Hase ist. Wir sind da flexibel und hoffen inständig, ihr mögt uns ein bisschen. Wir hätten uns ja eigentlich auch ganz gern so in echt vorgestellt. Da wir aber, wenn wir eingetroffen sind, eine lange Reise hinter uns haben und eventuell grad total weggetreten schlafen, naja … deshalb in schriftlich. Auch vorstellbar wäre, sollten uns die Reisetemperaturen zu stark zusetzen, dass wir in Form eines leckeren Schokofondue mit Holzspänen und glitzerigem Aluschnipsel aufkreuzen. Hauptsache ist, dass unser Reiseveranstalter irgendwie den Weg findet. Wie auch immer, wir freuen uns total auf Euch! – Also, auf eine schöne verbleibende Zeit mit lieben Rehabilitanten oder wie das heißt!

Ach so … liebe Grüße auch von Ralf

Ein großes Schmunzeln auf meinem Gesicht und eine unüberfühlbare Menge an Tränenflüssigkeit in meinen Augen. Langsam hebe ich das Stroh hoch und da liegen sie: fünf Seitenschläferschokohasen friedlich und ruhig schlummernd umringt von Schokoostereiern. Behutsam lege ich das Stroh wieder auf die Häschen und Eier und begebe mich auf mein Zimmer. Dort stelle ich das Päckchen auf den Tisch, hebe langsam die Strohdecke wieder hoch, wecke sanft den Seraphasen, picke danach die Serapostereier heraus und decke die anderen Seitenschläferschokohasen und Eier wieder zu. Der Seraphase und die Serapostereier bekommen einen besonderen Platz auf dem Tisch und bevor ich das Zimmer wieder verlasse, flüstere ich Ihnen zu, dass ich jetzt in den Wald wandern gehe und in zwei, drei Stunden wieder zurück bin.

Nach einem herrlichen Streifzug durch den Wald, getragen von der wunderbaren Energie des Tages, kehre ich in mein Zimmer zurück und lächle als ich den Seraphasen und die Serapostereier wiedersehe. Da ich meine mal irgendwo gelesen zu haben, dass Seitenschläferschokohasen nur eine kurze Lebensdauer besitzen, weil sie schnell von gemeinen Schokoosterhasenbakterien zersetzt werden, entschließe ich mich, die durch die Wanderung verlorene Energie in meinem Körper versüßend auszugleichen, bevor die gemeinen Schokoosterhasenbakterien ihre Arbeit verrichten.

Am frühen Abend schreite ich mit dem Päckchen zu den weiteren bald Seitenschläferschokoosterhasenbeitzerinnen, die noch nichts von ihrem Glück ahnen, lese den Brief vor und beobachte, wie aus den verwunderten Gesichtern vor Glück lächelnde Gesichter werden. Alle erkennen auf Anhieb ihren Seitenschläferosterhasen. Das mein Seitenschläferosterhase gar nicht mehr unter den Lebenden verweilt, führt nicht selten zum weiteren Schmunzeln.

Am späten Abend, als ich im Bett liege und das mittlerweile leere Päckchen auf dem Tisch beobachte, frage ich mich, was übriggeblieben ist. Der schokoladige Inhalt war nicht mehr vorhanden. Der Karton würde von mir ordnungsgemäß recycelt werden. War dies nur ein kurzer Genuss in meinem Leben, eine schöne Episode, die schnell wieder in Vergessenheit geraten wird? Sogar der Hüftspeck, der jetzt hinzugekommen ist, würde durch regelmäßiges Training hoffentlich(!) wieder abtrainiert werden. Was würde also bleiben?

Bleiben wird, dass in der Kathedrale meines Herzens eine fortwährende Kerze für den Menschen brennen wird, der ich dieses unvergessliche Erlebnis verdanke. Bleiben wird, dass in der Kathedrale meines Herzens eine fortwährende Kerze für die Menschen brennen wird, mit der ich dieses Erlebnis teilen durfte. Bleiben wird, dass die Flamme dieser Kerze ein Licht darauf scheinen lassen wird, was tatsächlich einen Wert besitzt im Leben: Die spürbare Liebe in den kleinen Gesten, die in ihrer Wirkung nicht größer sein können.

© Serap Yıldırım / 2019

Beitragsbild: Kira auf der Heide on Unsplash
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17 Comments

  1. pflanzwas

    Es braucht so wenig, was uns glücklich macht, doch oft übersehen wir es. Es sind die Gesten und nicht so sehr die Geschenke, auch wenn sie, wie in diesem Fall, so süß sind und so schmecken 😉 Sehr schöne Geschichte liebe Serap. Danke fürs Erzählen!

    Gefällt 1 Person

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