Falsche Wahl

Geschichte lieber von mir vorlesen lassen? Dann bitte Play-Button drücken.

An einem Wochentag schlendere ich durch den Supermarkt wohl überlegt durch die Obst- und Gemüseabteilung und plane innerlich die Menüs für die nächsten Tage. Es ist Wassermelonenzeit und damals, als noch keine Miniwassermelonen angeboten werden, überlege ich lange, ob ich mir einer dieser drei bis fünf Kilo schweren Köstlichkeit mit nach Hause nehmen soll. Meine Entscheidung fällt dagegen und langsam wende ich mich ab und greife meinen Einkaufswagen, als mich eine weibliche Stimme von hinten anspricht:

„Entschuldigen Sie …“

„Ja bitte?“ reagiere ich und drehe mich zu ihr.

„Ich möchte gerne eine Wassermelone kaufen, würden Sie mir eine aussuchen?“

„Wer, … ich?“ frage ich erstaunt.

Eine, der Kleidung nach zu urteilen, betuchte Dame mittleren Alters steht vor mir. Auf den ersten Blick kann ich nicht erkennen, dass sie körperlich eingeschränkt ist, um nach einer Wassermelone zu greifen. Etwas zögerlich frage ich sie, welche Wassermelone ich ihr denn reichen kann.

„Das weiß ich nicht“, antwortet die Dame. „Sie sollen eine für mich aussuchen.“

„Sie möchten, dass ich Ihnen eine Wassermelone aussuche?“ frage ich, um sicher zu gehen, dass ich auch alles richtig verstehe.

„Ja.“

„Warum, wenn ich fragen darf?“

„Na, Sie sind doch in einem Land geboren, wo es Wassermelonen gibt. Sie kennen sich doch aus.“

„Ich bin in Deutschland, genau genommen im Ruhrgebiet geboren. Wassermelonen werde dort nicht angebaut.“

Die Dame lässt nicht locker.

„Aber, bei Ihnen liegt es doch in der Kultur. Sie kennen sich doch damit aus.“

Mein Sein ist zu perplext, um den Gedankengang der Dame zu folgen. Soll dies ein Scherz sein oder meint sie es wirklich ernst? Gibt es hier irgendwo eine versteckte Kamera und gleich springt das Team von „Verstehen Sie Spaß…?“ aus dem Wassermelonenberg hervor und wir liegen uns danach lachend in den Armen?

„Sie möchten wirklich, dass ich Ihnen eine Wassermelone aussuche?“ frage ich nochmals und will eine Bestätigung. „Obwohl ich kein Experte bin“, füge ich hinzu.

„Ja“ erwidert die Dame. „Das muss Ihnen doch im Blut liegen.“

Noch erstaunt und innerlich mit dem Kopf schüttelnd, greife ich zu der erstbesten Wassermelone und nehme den Koloss auf den Arm und klopfe quasi fachmännisch einige Male die Wassermelone ab.

„Nein, die nicht“ sage ich und lege die Wassermelone wieder zurück.

„Sehen Sie …“, spricht die Dame, „… ich hätte jetzt gar nicht gewusst, dass diese Wassermelone nicht gut ist.“

Um ehrlich zu sein, weiß ich auch nicht, was eine gute Wassermelone ausmacht und wie eine Wassermelone klingen muss, wenn ich (un-)fachmännisch als Zwangsexperte darauf klopfe. Welcher Ton gibt den Reifegrad der Wassermelone wieder? Ich habe nicht die geringste Ahnung. Auch die zweite Wassermelone lege ich nach dem Klopfvorgang wieder zurück. Die dritte klingt beim Klopfen gar nicht mal so schlecht und ich denke, dass die Dame sicherlich zufrieden ist, dass ich ihr nicht die erstbeste Wassermelone in die Hand drücke.

„Die ist jetzt gut?“ fragt sie mich.

„Die hat einen guten Klang“ antworte ich, ohne zu wissen, ob der gute Klang sich auch geschmacklich positiv niederschlagen wird. Die Dame bedankt sich und hievt die eigens für sie ausgesuchte Wassermelone hoch und legt sie in ihren Einkaufswagen.

Eine spätere telefonische Nachfrage bei anne – türkisch für Mutter – ergibt, dass eine hohlklingende Wassermelone noch nicht reif ist. Alle der beklopften Wassermelonen klangen für mich hohl. Somit bleibt zurück, dass die Dame eine falsche Wahl getroffen hatte, als sie mich zum Experten erhob und auch ich hatte als Zwangsexperte wohl ebenfalls eine falsche Wahl getroffen.

Auch noch Jahre später denke ich immer wieder mit Verwunderung an diese Geschichte zurück. Nicht nur, dass der Gedankengang der Dame im Supermarkt missverstanden werden kann, wie nützlich ist er tatsächlich? Wie nützlich ist es, in Kategorien zu denken, von denen man nicht abweichen möchte? Wie flexibel sind unsere Gedanken, wenn sie einmal festgefahren sind? Warum fällt es uns so schwer, einmal erlerntes in Frage zu stellen und ihre Dienlichkeit ernsthaft zu hinterfragen?

Ein ehemaliger Vorgesetzter sagte mir mal: „Ach Frau Kollegin, wissen Sie eigentlich wie viele Jahre ich gebraucht habe, meine Vorurteile aufzubauen? Gönnen Sie sie mir doch und kommen Sie mir nicht immer mit anderen Sichtweisen.“

Ist es tatsächlich die richtige Wahl, an dem festzuhalten, was wir einmal er- und gelernt haben? Warum sollte man jetzt nicht die Gelegenheit nutzen, um einen ordentlichen inneren Gedankenputz zu starten, um sich neuen Denkmustern zu öffnen? 

© Serap Yıldırım / 2019

Photo by Dmitry Bayer on Unsplash
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28 Comments

  1. Werner Philipps

    Gedankenputz. Innerlich. Einfach einmal aufräumen. Du bringst mich gerade auf einen Gedanken eine Erinnerung für einen Beitrag, den ich vor langer Zeit schon machen wollte. Danke! 🙂

    Wie viele schöne und wertvolle Erlebnisse wären mir verloren gegangen, hätte ich zeitlebens an meinen anerzogenen Vorurteilen festgehalten… 🙄

    Liebe Grüße, Werner 🙂

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    1. mynewperspective

      Hallo Werner,
      wie schön, wenn die Geschichte eine Erinnerung für einen eigenen Beitrag geweckt hat.
      Ja, wir Menschen ändern uns kaum/nie oder ständig, andere mehr und andere weniger. Jeder hat eben seine eigene Komfortzone, die er entweder gar nicht verlassen möchte oder immer wieder erweitert.
      Herzliche Grüße
      Serap

      Gefällt 1 Person

  2. TeteGina

    Ich habe mal recherchiert – ging ehrlich gesagt im Internet sehr schnell 😉

    Eine wohl geformte Größe

    Suchen Sie nach einer symmetrischen Melone – ohne Dellen, Schnitte oder Prellungen. Wenn die Wassermelone Klumpen oder Beulen vorweist, bedeutet das, dass sie unregelmäßig gegossen wurde oder Sonne bekam.

    Hat die Melone das „richtige“ Gewicht?

    Heben Sie die Melone hoch und vergleichen Sie das Gewicht mit einer anderen Melone ähnlicher Größe. Je schwerer, desto reifer und besser schmeckt die Frucht.

    Auf den „Feldfleck“ achten

    Die Unterseite der Wassermelone sollte einen gelben Fleck haben. An dieser Stelle lag die Frucht auf dem Boden und ist in der Sonne gereift. Wenn es keinen Fleck oder nur einen sehr hellen gibt, dann bedeutet es, dass die Wassermelone zu früh geerntet wurde – und noch nicht reif ist.

    Einmal klopfen, bitte!

    Nehmen Sie die Wassermelone auf den Arm und klopfen Sie. Bei einer reifen Melone ist der Klang heller und voller. Ein tiefer und dumpfer Sound: Die Wassermelone ist noch nicht reif.

    Der Stiel verrät viel

    Ist der Stil noch grün? Dann wurde die Wassermelone zu früh geerntet und die Frucht ist vermutlich noch nicht reif. Besser ist ein schon etwas dunklerer, brauner Stiel.

    P.S.: Diese Vorurteile sind echt schwer aus den Menschen „herauszuputzen“. Danke für den irgendwie erheiternden Beitrag. Liebe Grüße Tete

    Gefällt 2 Personen

  3. menuchaprojekt

    Das kommt immer wieder mal vor. Vor Jahren hatte ich mal in einer Kirche gepredigt. Wochen später klagen mir besorgte Mitbürger ihr Leid über die CDU. Aber dafür kann ich ja nun auch nichts. Schon gar nicht, wenn ich mich mit der Partei nicht identifiziere.
    Gruss Hendrik

    Gefällt 1 Person

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