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Während eines Auslandsjahrs nach dem Studium werde ich Teil einer Gastfamilie, die mich gerne in alle Aktivitäten einbindet und mir durch ihre kulturelle und sprachliche Vielfalt neue Türen zu neuen Perspektiven eröffnet. Eines Tages fragt mich meine Gastmutter, ob ich Interesse daran hätte, am Sonntag mit in die Kirche zukommen. Selbstverständlich bin ich interessiert und freue mich schon darauf, dass ich zum ersten Mal einen Gottesdienst in einem fremden Land miterleben kann.

Als wir am Sonntag an der Kirche ankommen, staune ich nicht schlecht, über die Größe des Gebäudes. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, dass dies ein Einkaufszentrum ist. Wie viele Personen hier wohl reinpassen? frage ich mich, während ich mich mit meinen Gasteltern und meinen zwei Gastgeschwistern in die Eingangshalle der Kirche begebe. Alleine diese besitzt schon die Größe einer Kirche und es tummeln sich hier ein paar hundert Menschen herum. Von Ehrenamtlichen werden wir ‚Herzlich Willkommen‘ geheißen und jeder von uns bekommt eine kleine Flasche Wasser mit 0,5 Liter Inhalt angeboten. Die Banderole auf der Flasche enthält das Logo der Kirche. Wow, eine Kirche mit eigenem Wasser! Das ist etwas ganz Neues. Zumindest für mich. 

Mehrere Stände befinden sich in der Eingangshalle dieser gigantischen Kirche und ich staune nicht schlecht, als ich eins entdecke, wo massenweise Kopfhörer mit einer weiteren Apparatur daran darauf fein säuberlich platziert sind. Links auf dem Tisch ein aufgestelltes Plakat, etwa in einer Größe, die dem A3 Format entsprechen würde, mit sieben bis acht Sprachen, die draufstehen. Mein Interesse ist geweckt und ich begebe mich zu dem Stand und frage, was es mit den Kopfhörern und den Sprachen auf sich hat. Eine Dame erklärt mir mit einer himmlischen Freundlichkeit, dass der Gottesdienst simultan übersetzt wird, für all die, die der Landesprache nicht mächtig sind. Alle Achtung, was hier an Service angeboten wird! Richtige Kundenbindungsstrategien und Marketingaktivitäten. Der Gläubige scheint hier König zu sein.

Völlig überwältig von dieser neuen Erfahrung und das auch noch bevor der Gottesdienst überhaupt losgeht, versuche ich das Neue und Unbekannte so gut wie möglich aufzunehmen. Andere Länder, andere Sitten. Selbstverständlich findet mein Staunen kein Ende. Diese Kirche besitzt einen separaten Bereich, in dem Kleinkinder, Kinder und auch Jugendliche in eigenen Gruppen einen altersgerechten Gottesdienst für sich genießen. Meine Gastschwestern kommen in die passenden Gruppen und meine Gasteltern und ich begeben uns zum Gottesdienst im Inneren der Kirche … oder sollte ich eher sagen, zu der Arena, die sich in der Kirche befindet … oder die Kirche, die eher einer Arena gleicht? Abertausende von Plätzen umfasst diese Kirche und sie ist proppenvoll. Soviel Menschenmasse sehe ich zum ersten Mal in einem Gotteshaus. Ich bin verblüfft, von allem, was mir hier geboten wird. Mehrere Stunden dauert der Gottesdienst, unter Anwendung sämtlicher aktuellen Technologien und es gibt sogar mehrere kleinere und eine große Pause zur Erholung und geistigem Austausch. Viele Menschen mit mitgebrachten Pausensnacks unterhalten sich über das soeben gehörte und / oder begeben sich in den Kantinenbereich der Kirche, um sich etwas zum Essen und zu Trinken zu holen, während sie sich angeregt unterhalten. Eine ganz besondere Erfahrung für mich.

„Ich hasse Gott!“

Am Sonntag darauf begleite ich meine Gastfamilie erneut zur Kirche und kurz vor der großen Pause im Gottesdienst, gibt es Schwierigkeiten mit der Technik. Die Pause wird daher vorgezogen und zieht und zieht sich in die Länge. Unsere Pausensnacks sind schon längst verdaut, eine gewisse Unruhe bereitet sich mitteile aus und meine Gastmutter, die neben mir sitzt, wird ungeduldig.

„Irgendwie nervig, dass das so lange dauert!“ spricht sie leise zu mir.

Mich leicht zu ihr drehend, frage ich sie, was wir hier eigentlich tun. Sie schaut mich fragend an.

„Was meinst Du denn damit? Wir sitzen hier und warten, weil es technische Probleme gibt.“

„Das ist mir klar“, antworte ich „ich meine eher: Warum sind wir überhaupt hier?“

„Ich verstehe Deine Frage nicht!“ spricht meine Gastmutter und schaut mich immer noch fragend an.

„Nun, ich bin hier,“ beginne ich, „weil ich euch begleite. Er“ und deute dabei auf meinen Gastvater, der neben meiner Gastmutter sitzt „ist hier, weil er uns hierhergefahren hat. Du bist hier, weil deine sehr gläubige große Schwester dir nahegelegt hat, dass es gut wäre, wenn deine Töchter spielerisch gewisse Werte vermittelt bekommen könnten und du sie deshalb in den Gottesdienst bringst.“

Meine Gastmutter scheint mir folgen zu können, aber ihr Gesichtsausdruck verrät mir, dass sie noch nicht wirklich weiß, worauf ich hinauswill. Ich werde deutlicher:

„Du bist Atheist. Mein Gastvater ist Buddhist. Ich bin Moslem. Wir sitzen hier nur, weil wir die Zeit, die die Kinder im Gottesdienst verbringen, überbrücken müssen. Warum müssen wir drei unsere Zeit dafür in der Kirche verbringen?“

Meine Gastmutter schweigt nachdenklich, während mein in sich ruhender Gastvater langsam aufsteht und uns beide mit einem: „Lasst uns gehen!“ auffordert, ihm zu folgen. Den Rest der Gottesdienstzeit verbringen wir im nahegelegenen Einkaufszentrum, bis es Zeit wird die Kinder abzuholen. Die Älteste, damals fünf Jahre alt, wirkt verstimmt. Sie gibt kein Wort von sich und während wir alle im Auto sitzen und nach Hause fahren, frage ich sie, wie der Gottesdienst war. Meine sonst ohne Punkt und Komma redende Gastschwester blickt schweigend aus dem Fenster heraus. Wir warten darauf, dass sie etwas sagt, nicht ahnend, dass ihre Antwort uns schockieren wird.

„Ich hasse Gott!“

Mein Gastvater blickt erstaunt kurz in den Rückspiegel zu ihr. Meine Gastmutter dreht sich vom Beifahrersitz nach hinten links und schaut geschockt Richtung ihrer Tochter. Meine jüngere Gastschwester sitzt rechts von mir auf dem Rücksitz und ist an unserer Konversation rein gar nicht interessiert. Da ich die Frage stellte und damit einen Stein ins Rollen brachte, fühle ich mich in der Verantwortung.

„Welcher Grund veranlasst dich denn, Gott zu hassen?“ frage ich meine Gastschwester, die immer noch aus dem Fenster schaut.

Sie dreht sich langsam zu mir und fragt: „Wusstest du, dass Gott für den Regen verantwortlich ist?“

Nun, mein Wissen über den Regen ist ganz und gar nicht göttlicher Natur, aber ich meine zu verstehen, worauf meine Gastschwester hinauswill, die den Regen nicht sonderlich mag. Also versuche ich ihr zu erklären, warum der Regen so wichtig ist. Meine Gastschwester interessiert es nicht im Geringsten.

„Ich hasse den Regen! Verstanden?“

Klare und unmissverständliche Worte. Ich bin erfahren genug, um mich nicht mit der Logik einer Fünfjährigen anzulegen. Außerdem stellte ich heute bereits schon einiges in Frage. Es ist höchste Zeit zu schweigen.

© Serap Yıldırım / 2019

Beitragsbilder: Photo „Faith“ by Rachel Pfuetzner on Unsplash
Musik/Sound für Audio:
http://www.orangefreesounds.com/church-bell-tolling-in-the-city/
http://www.orangefreesounds.com/people-talking-in-a-hall/
http://www.orangefreesounds.com/choir-singing/
https://www.zapsplat.com/music/traffic-passing-by-recorded-from-inside-car-window-open-engine-idles/
https://www.zapsplat.com/music/heavenly-delayed-harp-glissando-with-soft-choir/

8 Comments

    1. mynewperspective

      Ja, da kann man so einiges herausholen 🙂

      Namen, Orte und Länder nenne ich in meinen Geschichten ja sehr selten, mit einigen wenigen Ausnahmen. Das Land in dieser Geschichte finde ich persönlich irrelevant, aber interessant, dass es Deine Aufmerksamkeit erweckt hat. Warum? Die Erwähnung des Auslands fand meinerseits nur statt, weil ich damit verdeutlichen wollte, dass ich mich außerhalb des Gewohnten befand.

      Herzliche Grüße
      Serap

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      1. miesvandenbergh

        Ja, Serap, die Vorgänge, die Du beschreibst, liegen weit außerhalb dessen, was hierzulande in Kirchen geschieht. Ganz weit. 😊 In Panama beispielsweise sehen die Gottesdienste auch anders aus, als hier in Deutschland. 😊 Liebe Grüße 😊🙋🐛🍀

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        1. mynewperspective

          Ja, genau so ist es, lieber Olaf. … Ich saß schon mal in einem christlichen Gottesdienst, wo ein längerer Teil eines s/w Films in den Ablauf eingebettet war. Da gab es dann auch Popcorn und Coke in den kleinen Glasflaschen(!). Mir wurde versichert, dass dies nicht oft vorkommt, aber es kam vor und ich war an dem Sonntag dabei. 😉

          Gefällt 1 Person

  1. Jules van der Ley

    Deine Beschreibung der Kirche hat mich etwas irritiert. Wo gibt es solch riesigen Kirchen, in den USA? Und dann auch noch „proppenvoll.“
    Gott als Verursacher der guten wie der schlechten Dinge hat mich schon als Kind irritiert. Daher verstehe ich „Ich hasse Gott“ für den Regen.

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    1. mynewperspective

      Über dem großen Teich ist alles etwas überdimensioniert, auch wenn diese besagte Kirche nicht in den USA war. 🙂
      Tja, das mit Gott und mir ist ähnlich wie bei Dir. Früher standen während der Kindergarten- und Schulzeit noch wöchentliche Kirchenbesuche auf dem Stundenplan. Da fing ich schon an, in der Grundschule Fragen zu stellen, die mir nicht hinreichend zufriedenstellend beantwortet wurden. Eine Affinität für Religionen besitze ich immer noch, nur habe ich nicht aufgehört, Dinge in Frage zu stellen. 😉

      Gefällt 1 Person

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