Paradies

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So viele Jahre sind vergangen. Schon längst gehört das, was ich gerade tue, der Vergangenheit an. Früher war dies mein Alltag. So schein es mir und anderen zumindest. Jetzt lag alles so weit in der Ferne und obwohl ich mich leise erinnern kann, wie es einmal war, scheine ich es wieder neu erlernen zu müssen. Wie Fahrradfahren. Sicherlich werde ich mich wieder daran gewöhnen, auch wenn die ersten Meter etwas holprig sein werden.

Schon neun Jahre liegt es zurück, dass ich ein Flugticket buche. Schon neun Jahre liegt es zurück, dass ich an so etwas wie an Urlaub denken kann. Schon neun Jahre liegt es zurück, dass ich Vorfreude empfinde. Schon neun Jahre liegt es zurück, dass ich an einem besonderen Ort die Seele baumeln lassen kann. Schon neun Jahre liegt es zurück, dass ich überhaupt die finanzielle Möglichkeit besitze, dies zu tun, was ich jetzt tue. Schon neun Jahre liegt es zurück, dass ich ein Flugzeug betrete. Schon neun Jahre liegt es zurück, dass mein Aktionsradius auf dieser Welt weit genug ist, um frei und unbeschwert atmen zu können.

Noch relativ unbeholfen, buche ich mein Flugticket online. Daten checke ich mehrfach, um ja nichts falsch zu machen. Meine Unsicherheit spüre ich sehr deutlich in mir. Mein neuer Reisepass liegt schon seit Jahren unbenutzt wartend neben dem alten, durch Löcher ungültig gemachten. Eigentlich war die Zeit des alten noch gar nicht abgelaufen, als ich den neuen besorgte. Der alte und ich gingen jedoch nach dem schmerzlichen und unfreiwilligen Flug von vor neun Jahren getrennte Wege. Das war besser so. Als ich den brandneuen Reisepass aus der Klarsichthülle herausnehme, frage ich mich, ob und über was sich die beiden – der alte und der neue – wohl die letzten Jahre unterhalten haben. Erzählte der alten dem neuen wohl darüber, dass er vorzeitig exekutiert wurde oder berichtete er über all die kuriosen Ereignisse bei Ein- und Ausreisen in fremde Länder und genoss die Zeit mit mir, so lange wir es gemeinsam genießen konnten? Meine Hoffnung liegt auf letzterem.

Mit meinem Koffer, fühle ich mich am Flughafen verloren. Nichts erkenne ich wirklich wieder, obwohl sich der Flughafen gar nicht so sehr verändert hat. Mein unbeholfenes Sein bringt mich selbst zum Schmunzeln. Als ich erfahre, dass ich mich und meinen Koffer selbst am Automaten einchecken muss, merke ich, wie die Jahre an mir vorbeigezogen sind. Nach einem sehr langen Flug, erhält mein Reisepass am Zielort seinen ersten Stempel. Die Zeit des nutzlosen Herumliegens ist endlich vorbei. Gemeinsam fangen wir an, unsere eigene Geschichte zu schreiben. Ein weiterer Flug im Inland steht mir bevor und nach einer insgesamt sehr langen Flugreise, die sich über mehrere Tage erstreckt, bin ich endlich angekommen. Angekommen, auf einem Fleckchen Erde, das so aussieht, wie ich mir das Paradies vorstelle.

Meine Füße stecken in wärmendem goldgelbem Sand. Hinter mir ein sattes Grün an Flora. Der leichte Wind stimmt die Palmenblätter zum Naturkonzert ein, die vom Zwitschern der paradiesischen Vögel begleitet werden. Untermal wird dies von den kraftvollen Klängen des Ozeans, der vor mir liegt. Mit jedem Atemzug füllt sich mein Inneres mit der Sonnenwärme, der Windeskraft und der Ozeanweite. Jetzt, nach neuen langen Jahren stehe ich nicht nur im Paradies am anderen Ende der Welt, der mir den extrem großen Sprung aus meinem eingeschränkten Radius der letzten neun Jahre verdeutlicht, sondern blickte auf die Ferne, die mir bewusst macht, dass jeder Mensch seinen eigenen Radius beeinflusst und bestimmt. Äußerlich, wie auch innerlich.

Sieben Tage lang genieße ich das Paradies. Mit jedem Atemzug in diesen sieben Tagen rückt mein innerlicher Radius an den äußerlich möglichen heran. In den sieben Tagen fällt von mir ab, was ich die letzten neun Jahre mit mir herumtrage. Ein wenig verwandelt sich in goldgelbe Sandkörner, die bei der Berührung mit dem Wasser wie Kristalle glänzen und in der Sonne trocknend sagenhaft schillern. Ein wenig verwandelt sich in Wassertropfen, die sich mit dem Ozean verbinden und so zur klärenden Naturkraft werden. Ein wenig verwandelt sich in den sanften Wind, der Ton für Ton ein Konzert meines Lebens spielt.

Am vorletzten Tag meines Paradiesaufenthaltes genieße ich einen Spaziergang am Strand, der fast nur mir zu gehören scheint. Ein Felsen spricht mich an und meine Füße tragen mich vom warmen Sand durch das kühle Wasser zum nassen Felsen, auf dem ich Platz nehme. Kerzengrade in meditativer Position, den starken Untergrund wahrnehmend, streckt sich mein gesamter Rücken, Hals und Kopf in die unendliche Weite des Himmels, während mein Blick über den tiefblauen Ozean auf den Horizont gerichtet ist. Mich überkommt das Bedürfnis zu singen. „Ander Sevdaluk“, ein türkisches Lied aus der Schwarzmeerregion. Vielleicht weil der Ozean mich an das Schwarze Meer erinnert? Sicher bin ich mir nicht. Der Grund ist auch irrelevant. Das was zählt, ist der Impuls. Ich gehe ihm nach, nehme einen sehr tiefen Atemzug durch die Nase, halte inne, atme tief durch den Mund aus und beginne zu singen:

Ha bu akan dereler
Denizlere dolacak
Söylesena güzelum
Sonumuz ne olacak

Ha bu akan dereler
Denizlere dolacak
Söylesena güzelum
Sonumuz ne olacak

Ah duman kara duman
Sardi dört yanımızi
Ander kalsun sevdaluk oy
Alacak canımızi

Ah duman kara duman
Sardi dört yanımızi
Ha bu ander sevdaluk oy
Alacak canımızi

Dere akar taş ile
Gözüm doldi yaş ile
Nerelere gideyim
Ha bu garip baş ile

Dere akar taş ile
Gözüm doldi yaş ile
Gurbet mi gideyim
Bu sevdali baş ile

Oy gidi Karadeniz
Sardi dört yanımızi
Ander kalsun sevdaluk oy
Alacak canımızi

Oy gidi Karadeniz
Sardi dört yanımızi
Ha bu ander sevdaluk oy
Alacak canımızi
Ha bu ander sevdaluk oy
Alacak canımızi
*

Immer noch in meditativer Haltung nehme ich nach dem Lied wieder einen tiefen Atemzug durch die Nase, halte inne, atme über den Mund vollständig aus und spüre eine Transformation. Achtsam, jeden Schritt genießend, begebe ich mich von meiner kurzfristigen Einsamkeit zurück in die Zweisamkeit.

Auch noch lange, lange, lange Zeit nach meinem Paradiesaufenthalt, spüre ich sie in mir: die unendliche Weite. Es ist nicht notwendig, um den Globus zu reisen, um sie zu finden. Ein kleiner Schritt auf den Balkon tut es auch oder einfach nur einen gezielten Blick in den Himmel, der uns zeigt, dass unser Gedanke das Einzige ist, was uns limitiert. Das Paradies lebt in uns.

© Serap Yıldırım / 2019


* Ander Sevdaluk: Text: Anonym
Beitragsbild: Photo by Chor Hung Tsang on Unsplash
Musik / Sounds für Audio:
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35 Comments

  1. Wicca Secret

    Das Paradies lebt in uns. Ein wahrlich schöner Gedanke. Ihn umzusetzen sollte man als erstrebenswert ansehen. Mit etwas Übung sollte das möglich sein. Könnte das eigene Innenleben langfristig sehr positiv beeinflussen. Danke für’s teilen.

    Gefällt 4 Personen

  2. gkazakou

    Sehr genossen habe ich deinen Text und dein nun schon recht professionelles Arrangement mit wechselnder lautlicher Untermalung. Das Lied ist herrlich gesungen. Ich wurde mit ihm ans Schwarze Meer getragen. Zweimal war ich an seiner Küste: einmal in Bulgarien, aber das habe ich schon fast vergessen, und ein zweites Mal von Istanbul aus: wir fuhren mit dem Linienboot hinaus bis zu den alten Wehranlagen. Seither denke ich immer: ich möchte das Schwarze Meer erkunden. Das Lied hat mich dran erinnert.
    Und was du sagst: von unseren Gedanken hängt es ab, wie weit oder eng unser Horizont ist …, da kann ich dir nur zustimmen. Wenngleich, es ist in der freien Natur und am Ozean leichter, sein Denken zu weiten, als im Großstadt-Zimmerchen.

    Gefällt 3 Personen

    1. mynewperspective

      Liebe Gerda,

      herzlichen Dank. Die kleinen Hörspiele zu arrangieren bringt viel Freude, vor allem, wenn die passende Hintergrundakustik auch tatsächlich zugänglich ist. Es freut mich sehr, dass Dir das Lied gefallen hat. Es ist ein besonderes und ich singe es sehr gerne. Meine Familie kommt aus der Schwarzmeerregion, auch wenn schon Opa und Oma in Istanbul gelebt haben. Wurzeln bleiben eben Wurzeln. 🙂

      Was unsere Gedanken betrifft … Es ist sicherlich einfacher, in der freien Natur den inneren Horizont zu erweitern. Sie lädt förmlich dazu ein. Wenn ich jedoch an Menschen wie Nelson Mandela denke, der aus seiner Gefängniszelle über die Mauern hinausdachte, dann hilft es zumindest mir, mich mit weniger abzugeben, z.B. einfach mal in den Himmel hinaufzuschauen. Vielleicht warten wir Menschen immer auf den „perfekten Umstand“ und limitieren uns damit selbst. Was ist schon perfekt und wer von uns führt ein perfektes Leben? Zu meckern gibt es immer etwas und es ist genau dann wichtig, mal alles von einer anderen Seite zu betrachten. Schließlich zeigt das Imperfekte, dass etwas nicht stimmt. Das sind gute Zeiten, sich neu zu orientieren. Einfach ist es nicht, aber was ist schon einfach im Leben? 😉

      Herzliche Grüße
      Serap

      Gefällt 3 Personen

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