Karabasan

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An einem Sonntagabend liege ich auf der Couch und lese zum Ausklang des Tages ein Buch. Müde lege ich es nach geraumer Zeit auf den Boden nieder und möchte mich noch etwas vom Fernseher berieseln lassen. Im öffentlich-rechtlichen Sender läuft gerade eine Dokumentation. Ein schwarz gekleideter und maskierter Mann entführt Kinder aus Schullandheimen und missbraucht sie. Abgesehen von der erschütternden Thematik, ähnelnd die Dokumentation eher einem Horrorfilm, die jedoch keine Fiktion ist. Eine Unruhe bereitet sich in mir aus, obwohl langsam meine Augen zufallen.

Plötzlich sehe ich eine schwarze Gestalt schwer auf meiner Brust sitzen. Panik breitet sich in meinem Körper aus. Mir fällt das Atmen schwer, falls ich überhaupt noch atmen sollte, denn die Gestalt umfasst mit beiden Händen meinen Hals und drückt zu. Regungslos liege ich auf der Couch und kann mich nicht rühren. Mein Körper ist gelähmt, mein Geist hellwach.

Würde ich mich bewegen können, so würde ich mit beiden Händen die Hände der schwarzen Gestalt ergreifen, um sie von meinem Hals zu befreien, um wieder atmen zu können. Würde ich mich bewegen können, so würde ich mit ganzer Kraft meinen Körper in Schwung setzen und versuchen, die schwarze Gestalt von mir abzuwerfen. Würde ich mich bewegen können, so würde ich um mein Leben kämpfen, dass unter Gefahr steht. Würde ich mich bewegen können, so würde das Adrenalin, welches in jeder einzelnen Körperzelle spürbar ist, wenigsten einen Nutzen bringen. Mein Körper ist jedoch gelähmt und ich bin der schwer auf meiner Brust sitzenden schwarzen Gestalt ausgeliefert.

Nach einer Weile lässt die schwarze Gestalt von mir ab und ich sehe sie rechts neben meinem Körper schwebend. Sie grinst, während ich versuche zu schreien. Vielleicht grinst die Gestalt, weil sie weiß, dass ich gar nicht schreien kann. Mein Körper ist nach wie vor gelähmt und die Möglichkeit mit einem Schrei, Hilfe herbeizuholen ist nicht im Geringsten gegeben. Wie lange die schwarze Gestalt mich grinsend beobachtet, bis sie endlich verschwindet, kann ich nicht sagen. Für mich wirkt es wie eine Ewigkeit.

Als irgendwann mein Freund die Treppen des Einfamilienhauses herunterkommt, sehe ich, wie sich sein Gesicht schlagartig verändert, als er mich sieht.

„Was ist mit Dir?“ fragt er mich, meine Hände in seine nehmend.

„Eine schwarze Gestalt“, stammele ich verängstigt.

„Eine was …?“

„Schwarze Gestalt“, wiederhole ich.

„Wo?“

„Sie ist weg.“

Mein Freund reagiert schnell. Schaut mich an und fragt:

„Weißt Du wer ich bin?“

„Ja.“

„Wer bin ich?“

„Mein Freund.“

„Genau. Gut. Weißt Du, wo wir hier sind?“

„Ja.“

„Wo sind wir?“

„Bei Euch im Haus. Im Wohnzimmer.“

„Genau. Gut. Was ist passiert?“

„Eine schwarze Gestalt hat sich auf mich draufgesetzt und mich gewürgt.“

„Wo ist die schwarze Gestalt jetzt?“

„Weg!“

„Gut, jetzt bin ich hier und keine schwarze Gestalt mehr.“

„Ich weiß, sie ist ja auch weg.“

Mein Freund nimmt mich in den Arm und hält mich fest.

„Alles gut. Vielleicht hast Du es nur geträumt. Kann das sein?“

„Ich glaube, es ist was passiert …“

„Was passiert? Was soll den passiert sein?“

„Ich weiß nicht, es fühlt sich an, als ob etwas passiert ist.“

„Mit Dir?“

„Nein, nicht nur mit mir. Ich glaube, es ist was passiert.“

Am nächsten Tag bleibt von dem Schreck nicht mehr viel übrig. Sicherlich einfach nur ein karabasan – türkisch für Nachtalp – mehr nicht. Meine Hoffnung liegt darin, dass ich etwas Derartiges nicht wieder erlebe.

Circa eine Woche später, als mein Freund und ich an der Uni sind, hören wir von Ableben unserer Professorin. Sie war schon sehr lange krank und nun weilte sie nicht mehr unter uns. Als wir erfahren, an welchem Datum sie verstorben ist, schaue ich instinktiv im Kalender, um herauszufinden, um welchen Wochentag es sich wohl handelt. Es ist der Sonntag, an dem mich karabasan heimgesuchte.

© Serap Yıldırım / 2019

Beitragsbild: Mads Schmidt Rasmussen on Unsplash
Musik / Sounds für Audio:
http://www.orangefreesounds.com/horror-creepy-background-sound/
http://www.orangefreesounds.com/horror-ambience-sound/
http://www.orangefreesounds.com/schubert-ave-maria/

22 Comments

  1. finbarsgift

    Einer der schlimmsten Alpträume, die es gibt. In einem anderen Kontext hatte ich mal einen ähnlichen …
    Ihr Sterben hat sich dir zeitnah mitgeteilt. Warum auf so gruselige Weise … ich weiß es nicht …
    Toll erzählt, liebe Serap!
    Liebe Morgengrüße vom Lu

    Gefällt 2 Personen

  2. gkazakou

    Du hast ja eigentlich die Verbindung zur TV-Doku aufgebaut, die mir auch einleuchtet. Den Tod deiner alten, schon lange kranken Professorin kann ich nicht mit dem Alp in Verbindung bringen, auch wenn das Datum stimmt. Für sie ist der Tod doch eher eine Befreiung gewesen.
    Liebe Grüße! Gerda

    Gefällt 1 Person

  3. Christine F. Behrens

    Liebe Serap,
    jetzt hatte ich wirklich Gänsehaut! Deine Beschreibung empfand ich sehr real. Es gibt so viele Dinge zwischen Himmel und Erde, deshalb würde ich mich nicht einmal an eine Definition für das Beschriebene herantrauen wollen…
    Als ich dann den Dialog las, entfernte sich für mich das Unheimliche, als würdest Du das Beängstigende so verschließen, dass es nie wieder kommen kann. Die Fürsorge Deines Freundes legte sich wie ein wohltuendes Tuch über die vorherige Aufregung. Ein wirklich mitnehmender Text! Danke!
    Lieben Gruß
    Christine

    Gefällt 2 Personen

    1. mynewperspective

      Das wir ein inniges Verhältnis hatten, kann ich jetzt nicht behaupten, aber an einem Fachbereich, wo es nur eine handvoll an Studenten gibt, da ist man doch wesentlich mehr miteinander verbunden, als in den studentenstarken Fächern. … Wenn auch nicht gerade Alpträume dieser Art, ist meine Mutter z. B. durch ihre Träume immer schon im Voraus informiert, was passieren wird – ob nun negativ oder positiv. Solange sie die Personen kennt, wenn auch nur flüchtig, tauchen sie in ihren Träumen auf. An der Nähe der Verbindung liegt es nicht wirklich. Bei mir übrigens auch nicht. In den kommenden Geschichten im passwortgeschützen Bereich wird diesbezüglich noch so einiges in dieser Art kommen. 🙂

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  4. TeteGina

    Liebe Serap, vielleicht hat auch der Wachtraum mit deiner Professorin nichts zu tun sonden eher mit dieser Doku. Das Datum könnte zufällig sein…hm..schwierig. Du hast bestimmt eine Gabe sonst würdest du das, wie du es erlebt hast, nicht erleben. Nur du kannst in dich hineinhören und schauen was diese negative Kraft in dir ausgelöst hat.
    Solche Erlebnisse kenne ich auch – aber sie zeigen sich mir eher als Bilder. Alles Liebe Tete

    Gefällt 1 Person

    1. mynewperspective

      Liebe Tete,
      ich denke, dass es sehr unterschiedliche Modelle gibt, wie derartige Informationen an uns herangetragen werden. Oder wie immer das man auch nennen kann. Mir offenbaren sich z.B. viele Dinge im Traum oder aber auch gesprochen. Da wird dann immer wieder z. B. ein bestimmter Satz wiederholt, bis ich es dann tatsächlich begreife. 😉 Ich denke, dass wir alle derartige Fähigkeiten haben, wie z. B. unser Bauchgefühl. Nur verlernen wir so etwas auch schnell, beziehungsweise hören nicht drauf, weil es nicht mit dem Verstand greifbar ist.
      Ob dieser Wachtraum tatsächlich mit der Prof. zu tun hatte weiß ich selber nicht. Der „Zufall“ ist jedoch schon sehr groß.
      Herzliche Grüße
      Serap

      Gefällt 1 Person

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