Pure Gewohnheit

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Während ich an einem Wettbewerbsprojekt arbeite und die abschließende dreitägige Organisation um die Preisverleihung drumherum plane, fällt bei der Durchsicht der vergangenen Jahre auf, dass die Plakate, die für die Verleihung verwendet werden, ein kleines Vermögen kosten. Mein damaliges Jahresgehalt, um genau zu sein. Zuviel für meinen Geschmack und ich frage den Projektleiter, ob diese Summe tatsächlich sein kann. Er bestätigt. Für mich steht fest, dass ich eine Alternative suchen werde, die preisgünstiger ist. Mit Entsetzen entgegnet der Projektleiter, dass ich dies nicht machen kann. Die Plakate wären Bestandteil der Preisverleihung und der Chefredakteur würde auf sie deuten, während er die Preise vergibt. Da könnten wir kein Billigprodukt an die Wände hängen. Ob ich wüsste, für welches Unternehmen ich arbeite.

„Es geht mir nicht darum, ein Billigprodukt an die Wand zu hängen, sondern eine kostengünstigere Alternative zu finden. Der Preis für diese Plakate steht nicht im Verhältnis zu der Verwendung und sprengt zudem das Projektbudget. Und ja, ich weiß sehr wohl wer mein Arbeitgeber ist. Trotzdem werde ich nach einer Alternative suchen!“

„Das kannst Du nicht machen!“ entgegnet der Projektleiter.

„Natürlich kann ich das. Ein paar Telefonate und wir wissen mehr.“

„Serap, wir machen das schon seit Jahren so.“

„Und?“ frage ich „Soll das bedeuten, dass wir es so weiterführen müssen?“

„Du kannst nicht einfach etwas ändern, bevor Du die Abteilungsleitung fragst!“

„Du willst, dass ich die Abteilungsleitung frage, ob ich ein Vergleichsangebot einholen darf? Das kann doch nur ein Scherz sein!“

Es ist anscheinend kein Scherz. Der Projektleiter will keine Entscheidung fällen, obwohl es noch gar kein Fall für eine Entscheidung gibt. Dieses „Wir machen das immer schon so und bewegen uns nicht vom Fleck und denken gar nicht daran, etwas zu verändern“ ist nicht Fall. Mit einem Kopfschütteln gehe ich zur Abteilungsleitung, die mich sowieso nicht leiden kann. Mal sehen, was für ein Fiasko es diesmal wird.

Der Abteilungsleiter hört sich mein Anliegen an, lehnt sich selbstgefällig in seinen Sessel zurück und beginnt einen Monolog über die Wichtigkeit dieser Plakate, das Ansehen dieses Unternehmens et cetera pp. Meine Frage wird damit nicht beantwortet.

„Darf ich Vergleichsangebote einholen oder nicht?“ frage ich leicht genervt nachdrücklich.

„Frau Yildirim, ich weiß ja nicht, was sie denken, was für Kompetenzen sie besitzen, aber wenn sie meinen, sie könnten etwas erreichen, dann versuchen sie es!“

„Also ja! Danke!“ entgegne ich und drehe mich um und verlasse das Büro. Was mir durch den Kopf geht behalte jetzt erst einmal für mich. Diese Art von Behandlung bin ich mittlerweile gewohnt.

„Also ich sehe kein Unterschied.“

 

Im eigenen Büro angekommen telefoniere ich mit der Kollegin aus der Werbeabteilung und frage nach Alternativen. Sie ist erstaunt, die Jahre zuvor wäre der Prozess immer so abgelaufen, sie will jedoch mal nachfragen. Eine Idee hätte sie bereits. Keine zehn Minuten vergehen und sie bittet mich, zu ihr ins Büro zu kommen. Sie hätte mit der Druckerei telefoniert und kann mir eine Alternative zeigen, die um ein Drittel günstiger ausfällt. Schnell mache ich mich auf den Weg und im Büro der Werbeabteilung präsentiert mir die Kollegin zwei Plakate des vergangenen Jahres. Eins davon wäre der preisgünstigere Vordruck, eins das Endprodukt. Nachdem ich beide Plakate lange anschaue, sehe ich absolut keinen Unterschied. Die Kollegin sieht dies mit den fachmännischen Augen natürlich ganz anders. Sie erklärt mir die Farbunterschiede, die ich beim besten Willen nicht sehen kann. Ich lasse mir alles ganz genau ohne Fachbegriffe erklären. Ein Drittel Preisunterschied ist bei der Endsumme eine enorme Einsparung. Mir reicht das vollkommen, vor allem, weil ich immer noch keinen Qualitätsunterschied entdecken kann.

Mit den Plakaten geht es zurück zum Abteilungsleiter, der sein Augenverdrehen nicht einmal versucht zu unterbinden, als er mich wieder in seinem Büro stehen sieht. Erst halte ich den Enddruck hoch und nenne die bisher bezahlte übliche Summe, dann hebe

 

ich den Vordruck hoch und nenne die günstigere Summe. Der Abteilungsleiter schaut prüfend abwechselnd auf die Plakate.

„Und wo ist der Unterschied?“ fragt er mich.

„Wie, sehen Sie das nicht?“ entgegne ich erstaunt. „Der Unterschied ist doch nun wirklich deutlich!“ und führe aus, was die Kollegin mir erzählt hat, obwohl ich selber rein gar kein Unterschied sehe. Aber, warum sollte ich es ihm erzählen? Ich bin jetzt schließlich die Fachfrau. Der Abteilungsleiter schaut immer noch hin und her und kann meinen Ausführungen nicht folgen.

„Also ich sehe kein Unterschied.“

„Na, wenn Sie keinen Unterschied sehen, dann wird der Chefredaktion doch auch keinen Unterschied sehen!“ schmiere ich Honig um seinen nicht vorhandenen Bart. „Wir nehmen also das Vorprodukt?“ pusche ich hinterher.

„Ja, selbstverständlich, das werden wir tun.“

„Gut, dann danke für ihre Zeit.“

„Also, ich hätte nicht gedacht, dass es solch große Unterschiede gibt. Da war es gut, dass nachgefragt wurde.“

Ich nehme die Aussage als Kompliment an, auch wenn ich explizit nicht erwähnt werde. Jetzt ist meine Zeit der Revanche.  

„Nicht wahr?“ strahle ich ihm entgegen. „Und jetzt stellen Sie sich mal vor, wie hoch das Sparpotenzial gewesen wäre, wenn ich tatsächlich Kompetenzen besitzen würde.“

Auf seine Reaktion warte ich erst gar nicht, denn ich bin durchaus zufrieden mit meiner Performance und verlasse das Büro.

Derartige Behandlungen lasse ich nicht auf mir sitzen und warte auf meine Zeit. Eine Angewohnheit, die ich wohl doch nicht ändern werde. Einfach aus purer Gewohnheit.

© Serap Yıldırım / 2019

Beitragsbild: Jeff Sheldon on Unsplash

12 Comments

  1. TeteGina

    Liebe Serap, ich glaube eher, deinen Vorgesetzten fehlt die nötige Kompetenz, sorry aber wenn ich das lese, dann kann ich nur noch den Kopf schütteln…
    Die Geschichte hast du toll erzählt… sehr kompetent 😊alles Liebe Tete

    Gefällt 1 Person

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