Realitätscheck

Geschichte lieber von mir vorlesen lassen? Dann bitte Play-Button drücken.

An einem Nachmittag sitzen meine süße Nichte, damals um die vier Jahre alt, und ich gemeinsam eng aneinander gekuschelt auf dem Einsitzer im Wohnzimmer. Da ich lernen muss, sie aber entertaint werden möchte, schaut sie in meinem Beisein etwas kindgerechtes, was der öffentlich-rechtliche Sender ausstrahlt, während ich die dreißig Minuten nutze, um meine Unterlagen zur Klausurvorbereitung durchzugehen.

Vertieft in die Materie, nehme ich zwar wahr, dass meine sonst so ruhige Nichte sich neben mir hin- und herbewegt, lasse mich davon jedoch nicht stören. Sie erhebt sich von ihrem Platz, steht jetzt auf dem Sessel direkt neben mir und noch bevor ich irgendwie etwas realisiere oder gar reagieren kann, spüre ich einen harten Schlag von der Seite. Mein Kopf wird von irgendetwas schwerem getroffen und während sich alles anfängt zu drehen und ich wieder versuche klar zu denken, höre ich meine Nichte lachen.

Meine Hände lassen die Papiere fallen und wandern rauf. Durch das äußerliche Halten meines Kopfes versuche ich das Drehen in meinem Kopf zu verhindern und gleichzeitig gilt mein Halten als Reflex, welches mich vor weiteren Angriffen schützen soll, denn ich kann immer noch nicht einordnen, was gerade passiert ist. Während sehr langsam Klarheit in meinen Kopf zurückkehrt und meine süße Nichte immer noch lachend neben mir sitzt, drehe ich mich zu ihr und frage sie erstaunt: „Liebes, was hast Du getan?“ Während ich ihr die Frage stelle, sehe ich in ihren Händen auch die Tatwaffe: Das schwere überdimensionale Wörterbuch. Dies wurde mir wohl gerade an den Kopf geknallt. Meine süße Nichte bemerkt, dass hala – türkisch für Tante väterlicherseits – nicht die Reaktion von sich gibt, die sie wohl erwartete. Sie hört auf zu lachen und auch ihr Gesicht sieht nun fragend aus.

„Liebes, das hat weh getan. Warum hast Du das gemacht?“ frage ich meine süße Nichte.

Nach einem kurzen Überlegen kommt ihre kindliche Rechtfertigung: „Aber das macht Tom mit Jerry auch!“

Oh je. Meine süße Nichte überschritt die Grenze zwischen lustiger Fiktion und schmerzhafter Realität. Ihr das schwere Wörterbuch aus der Hand nehmend und sie auf meinen Schoss setzend, versuche ich mich an einer kindgerechten Erklärung der Unterschiede. Im Fernseher lief zwar nicht der Cartoon, welches als inspirierende Vorlage für meine süßen Nichte galt, jedoch wollte sie wohl mit ihrer Aktion mich dazu bringen, aufzustehen um mit ihr ‚Katz und Maus‘ zu spielen.

Nach so vielen Jahrzehnten frage ich mich, wer oder was eigentlich unsere Realität prägt. Vor allem frage ich mich, warum die Menschen einen so unterschiedlichen Umgang damit pflegen. Es fällt mir auf, dass für einige etwas Fiktives gar zur reellen Bedrohung werden kann. Gewisse Ängste zum Beispiel, die nicht auf einem reell erlebten Vorfall basieren, aber auf persönlichen Gefühlen.

Als Kind empfand ich Filme als das, was sie waren: bewegte Bilder in einem Kasten. Mehr nicht. Märchen waren einfach Geschichten. Mehr nicht. Weder kam ich je auf die Idee, eine derartige Fiktion, wie meine Nichte, in Realität umzusetzen, noch bekam ich Angst vor einem bösen Wolf, der mich auffressen könnte. Es war und blieb Fiktion. Einige von ihnen mehr oder weniger lustig, die anderen mehr oder weniger gruselig.

Was ist also Realität und warum wird sie so unterschiedlich wahrgenommen? Wird sie durch bewusste oder unbewusste Anlernung geprägt und / oder durch unsere persönliche Interpretation? Ohne eine befriedigende Antwort darauf zu finden, stelle ich mir sogar noch eine weitere Frage: Was rechtfertigen wir Menschen alles unter dem Deckmantel der Realität?

Es herrscht keine Gerechtigkeit! – Also behandele ich alle ebenfalls ungerecht?
Mich respektiert niemand! – Also respektiere ich auch keinen mehr?
Das wird sowieso nichts! – Also brauche ich erst gar nicht anzufangen?

Wenn Menschen ähnliche Lebensschicksale teilen, also er- und gelebte Realität, sieht man den unterschiedlichen Umgang. Einige trifft es nur temporär und sie leben später weiter wie zuvor, wiederum andere versinken in dem Schicksalsschlag und kommen nicht mehr heraus, die Menschen in der dritten Gruppe nutzen es als Katalysator und ändern sich und ihr Leben zum positiveren. Liegt es also an uns selbst, wie wir unsere Realität interpretieren bzw. an unserer Bereitschaft Realitäten zu ändern und neue zu erschaffen? Falls es so ist, wäre Realität ein Festprodukt der eigenen Vergangenheit, deren Formbarkeit für die Zukunft in unserer Hand liegt.

© Serap Yıldırım / 2019

Beitragsbild: Photo by Christian Fregnan on Unsplash
Musik / Sounds für Audio:
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15 Comments

  1. Reiner

    Heftig. Erst schwanke ich beim lesen zwischen grinsen-müssen und Schockstarre. Bleibt zu hoffen, dass deine kleine Nichte deinen Schmerz gefühlt hat und nun zu unterscheiden weiß, zwischen der Comic-Welt und der Welt der Menschen aus Fleisch und Blut.

    Sei herzlich gegrüßt.

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    1. mynewperspective

      Sie hat es verstanden, nachdem ich es ihr erklärt habe, lieber Reiner. Glücklicherweise kannte meine Nichte kein geschlagen werden und Schmerz, daher konnte sie es wahrscheinlich auch nicht einordnen und dachte wohl, dass es genau so lustig ist, wie im Cartoon. Sie hat etwas dazugelernt.
      Herzliche Grüße
      Serap

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  2. finbarsgift

    Mir fällt da immer die Filmindustrie ein, liebe Serap, vor allem natürlich Hollywood (Sex and Crime for grown-ups) und Walt Disney (crazy violence acts for kids) …

    Da die ÜBERBEWERTUNG der gesamten Kinowelt (vergleiche auch jetzt wieder die Oscarprämierungen) durch fast alle Menschen so gigantisch ist, wundert mich nicht, dass für viele Menschen (vor allem aber wohl jüngere) immer mal wieder die Grenzen zwischen Realität auch im Alltag verschwimmen (verstärkt noch durch viele Computerspiele, vor allem Egoshooter) …
    eine gefährliche Entwicklung …

    Fein erzählt wieder, herzlichen Dank dafür!
    Liebe Morgengrüße
    vom Lu

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    1. mynewperspective

      Ich frage mich, ob es nicht ein Wechselspiel ist, lieber Lu. Würde es Hollywood & Co. geben, wenn wir die Filme nicht gucken würden? Angebot und Nachfrage sozusagen? Irgendwie finde ich es schwierig, da ich selbst (meine) bisher gut zwischen Realität und Fiktion unterschieden zu haben. Jedoch sehe ich selbstverständlich die Problematik und auch die Verantwortung dieser „Größen“ in der Industrie, doch wo zieht man dann die Grenze? Wäre dann nicht eine Rosamunde Pilcher ebenfalls verbannungswürdig, weil es diese Art von Liebe und Zueinanderfinden in der heutigen Tinder Generation gar nicht mehr gibt und uns nur etwas vorgaukelt? Schwierig …

      Gefällt 1 Person

      1. finbarsgift

        Zweifellos schwierig.
        Hier kommt auch wieder die vermaledeite Werbung ins Spiel. Sie gaukelt den Menschen eine Welt vor, die es so nicht gibt … Traumwelten, Filmwelten, Hauptsache nicht Alltag. Aber zu 90 Prozent besteht unser Leben aus Alltag. Es ist doch Kwatsch ihn andauernd zu verteufeln und zu ersetzen durch Träume und Schäume, Film und Fernsehen, Virtuelle Realität und Egoshooter. Und außerdem wo bleiben denn dann die menschlichen Beziehungen, vor allem auch von Eltern und Kindern?

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        1. mynewperspective

          Absolut. Bei der Werbung spielt ja auch die Rolle, ob manipulativ oder informativ. Meistens ist es das erstere.
          Was generell die Fiktion betrifft, dann spielt wohl die Grenze von „generell harmlos“ zu „jetzt wird’s kritisch“ oder gar „die Grenzen sind überschritten“ eine Rolle. Die Diskussionen hier zeigen ja auch wie schwierig das Thema durch die Vielschichtigkeit ist.
          Liebe Grüße
          Serap

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  3. hummelweb

    Ich denke schon, dass die jeweilige „Realität“ von der Geschichte jedes Einzelnen abhängt und so auch von jedem einzelnen umgestaltet, geformt wird. Nicht zuletzt die Systemen/Familienstellen u. ä. Arbeiten ja mit dieser Art Realität. Das ist auch eine große Verantwortung, der wir uns oft gar nicht bewusst sind. Also die Gedankenpflege zugunsten der Allgemeinheit.
    Interessantes Thema hast du da begonnen!
    LG Hummel

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    1. mynewperspective

      Vielen Dank. Die Kombination des Charakters mit der eigenen Geschichte scheint es auszumachen. Bei den von Dir genannten Aufstellungen geht es ja darum, etwas „verrücktes“ oder unbewusstes, an die richtige Stelle zu rücken oder ins Bewusstsein zu holen. Eine Frage der Kollektiv- und Eigenverantwortung.
      Schwieriges Thema, aber schön, wenn es zum Denken anregt.
      Herzliche Grüße
      Serap

      Gefällt 2 Personen

  4. Jules van der Ley

    Filmische Realität ist ja auch Teil unserer Realität, wie deine Nichte für dich schmerzhaft bewiesen hat, liebe Serap. Doch auch wir Erwachsenen beziehen große Teile unserer Realität über die Medien, also aus zweiter Hand. Manche „informieren“ sich nur noch über Facebook und wissen nicht mal, wie diese zweite Hand beschaffen ist. Dabei fokussieren sie sich derart, dass die Idee „Die ganze Welt ist meiner Meinung“ aufkommen kann. Ähnliches schrieb Carl Christian Bry in Verkappte Religionen – Kritik des kollektiven Wahns bereits 1924: „Dem Hinterweltler schrumpft die Welt ein. Er findet in allem und jedem Ding nur noch die Bestätigung seiner eigenen Meinung.“ Von hier …
    Die Gegensatzpaare in deinem Text spiegeln die subjektiven Reaktionen auf Interpretationen der Welt – wodurch sich zeigt, wie hochkomplex das Thema ist.
    Beste Grüße!

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    1. mynewperspective

      Lieber Jules,
      auf Deinen wertvollen Kommentar antwortete ich gestern sehr ausführlich und stelle jetzt mit Entsetzen zufällig fest, dass nichts davon veröffentlicht wurde. Dies fällt mir öfters in letzter Zeit auf und ich frage mich, in welches Nirvana die Antworten verschwinden. Schade. Ab sofort werde ich mir angewöhnen, eine Kopie vor dem Absenden zu speichern.
      Meine tolle Antwort von gestern bekomme ich leider nicht mehr hin, vielleicht auch, weil mich der Umstand gerade sehr ärgert.
      Es tut mir wirklich sehr leid. Alle Kommentare sind für mich wichtig und werden beantwortet, auch wenn sie nicht auftauchen. Die Wertschätzung ist vorhanden, die technische Umsetzung scheint momentan problematisch zu sein.
      Viele Grüße
      Serap

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