Seelennahrung

Geschichte lieber von mir vorlesen lassen? Dann bitte Play-Button drücken.

Nach einem fast dreiwöchigen Strandurlaub an unterschiedlichen Küstenorten, befinden sich meine Eltern und ich wieder auf dem Rückweg nach Istanbul. Es ist kurz vor Mittag und meine Eltern überlassen mir, was wir essen werden, denn zu der Zeit – gerade mal circa 10 Jahre alt – bin ich absolut wählerisch bei meiner Essensauswahl – ganz im Gegensatz zu meinen Eltern. Wir passieren mit dem Auto etliche Restaurants auf dem Weg und keins entspricht meinen Vorstellungen. Trotz des guten Essens an den verschiedensten Plätzen in den letzten Wochen, vermisse ich die Liebe im Essen, die ich bei anne – türkisch für Mutter – in ihrer Küche herausschmecke. Geduldig fährt baba – türkisch für Vater – an den zahlreichen Raststätten vorbei, bis es Zeit wird, an einer Tankstelle anzuhalten.

Während anne und ich nach der langen Fahrt die Beine vertreten und baba mit tanken beschäftigt ist, zieht es mich in Richtung eines provisorisch gebauten Mini-Nebengebäudes neben der Tankstelle.

„Bleib hier!“ ruft anne, aber die Anziehungskraft übertrifft ihre Autorität und ich gehe, wenn auch etwas langsamer als vorher, weiter.

„Serap! Komm zurück!“ fordert mich anne auf, aber da ich etwas entdecke, was mein großes Interesse weckt, denke ich gar nicht daran. Trotzdem bleibe ich stehen, um anne nicht zu verärgern und rufe mit Freude in ihre Richtung: „Anne, hier gibt es Oliven!“

Ja, Oliven. Ein Nahrungsmittel das massenweise von mir verputzt werden kann. Die Sorte ist mir egal. Hauptsache Oliven! Eine Kategorie an Nahrungs- bzw. Genussmittel, wo ich keine wählerischen Züge zeige. Schwarze bevorzuge ich zwar eher, aber die grünen tun es auch. Diese hier sind grün. In fünf Kilo durchsichtigen Plastikcontainern sind sie mit Zitronenscheiben dekoriert.

„Geht da nicht rein!“ fordert anne auf, während sie den Müll aus dem Auto entsorgt. „Warte auf uns.“

Ich bin brav und warte, aber nur, bis ich baba sehe, wie er aus der Tankstelle herauskommt. „Baba, hier gibt es Oliven!“ rufe ich in seine Richtung und marschiere in den Vorraum der Baracke. Ein Mann, etwa Mitte dreißig, sitzt auf einem Bett im hinteren Raum und ich sehe, wie er gerade Brot bricht, als er mich entdeckt.

„Hoşgeldiniz“ ein türkisches „Herzlich willkommen!“ ruft er, während er aufsteht und aus dem Zimmer heraus in meine Richtung kommt. Baba steht mittlerweile neben mir und auch er wird begrüßt:

„Herzlich willkommen! Bitte sehr, was kann ich für sie tun?“

„Meine Tochter hat Sie hier entdeckt! Sie verkaufen Oliven, wie ich sehe.“

Baba und der Herr kommen ins Gespräch, während anne und ich die Oliven in den Containern betrachten. Irgendwann bleibt mein Auge an dem kleinen Tisch vor dem Bett des Mannes hängen. Eigentlich sind es umgedrehte und übereinandergestapelte Obstkästen, auf den Zeitungspapier ausgebreitet wurde. Neben dem gebrochenen Brot, gibt es einen Teller mit kleingeschnittenen Tomaten und Gurken, ein kleines Schälchen mit Oliven, die hier im Vorraum verkauft werden und auf dem Gaskocher, welches sich auf dem Tischersatz befindet, eine verbeulte Pfanne mit zwei Spiegeleiern. Sie müssen in Butter angebraten worden sein, den der leicht nussige Butterduft steigt in meine Nase.

„Hast Du Hunger?“ fragt mich der Herr, dem trotz Konversation mit baba nicht entgangen ist, dass ich auf sein Essen starre.

„Ja“ erwidere ich.

„Dann lass‘ und gemeinsam essen“, spricht er und geht vom Vorraum in sein Zimmer, ich folge ihm, baba folgt mir und ich höre anne hinter uns Luft schnappen. Sie mag derartige Spontanität nicht und schon gar nicht, dass man anderen Menschen zur Last fallen könnte.

Aus Mangel an Sitzplätzen, holt der Mann eine Holzkiste und legt sein Kopfkissen darauf, damit ich mich an den Tisch setzen kann. Auch baba bietet er eine Kiste zum draufsitzen an und anne einen Platz auf seinem Bett. Anne lehnt freundlich ab und geht zurück zum Auto, während der Mann, baba und ich nun am aufeinandergestapeltem Obstkistentisch sitzen. Baba bedankt sich und möchte nicht mitessen, so dass der Mann mir ein großes Stück vom bereits halbierten Brot abbricht und es mir reicht. Gemeinsam tunken wir immer kleine Stücke davon in die Pfanne und nehmen damit ein Stück Spiegelei auf und genießen das geteilte Mittagessen. Ein paar Oliven, Tomaten- und Gurkenstücke runden das Ganze ab.

Baba und der Herr unterhalten sich über das Thema Heimat. Weit weg von zu Hause sei er, erzählt der Herr. Würde hier mehrere Monate verbringen, um Geld für seine Familie zu verdienen. Der Mann kann sich nicht vorstellen, wie es ist, so weit weg von zu Hause zu sein, wie wir es sind. Alleine innerhalb des eigenen Landes wäre die Sehnsucht groß, wie schwierig es sein muss, wenn mehrere Länder einen von den Wurzeln trennen.

Genüsslich breche ich währenddessen ein kleines Stück nach dem anderen von meinem Brot ab und tunke es in die Pfanne. Mal bleibt etwas flüssiges warmes Eigelb daran hängen, wieder ein anderes Mal ein Stück Eiweiß und auch mit der flüssigen Butter saugt sich das Brotstück voll und ist ein wahrer Genuss. Viele, viele, viele Oliven esse ich und genieße kein Mittagessen, sondern ein Stück Liebe, welches in dieser unvergesslichen Geste dieses Mannes steckt. Dies schmecke ich aus jedem Bissen heraus. Dieser Mann ist mein ganz persönlicher Sankt Martin. Ohne Pferd, Umhang und Schwert, aber mit vielen Oliven und einem besonders großen Herz.

Als baba für das Essen aufkommen möchte, lehnt der Mann vehement ab. Wir seien Gottes Gäste und jederzeit herzlich willkommen. Als Dank kauft baba mehrere Container Oliven für sämtliche Verwandten. Wir verabschieden uns von dem Mann und ich danke ihm für das Essen, das bis heute nicht in Vergessenheit geraten ist.

Eine Begegnung die mich prägt und seither noch positive Früchte trägt. Trotz der Gegenbeispiele in meinem Leben, ist und bleibt es eine Geste, die ich in dieser Form gerne weiterpraktiziere. Jedoch beschäftigt mich fortwährend immer wieder die Frage, warum Menschen, die wenig Materielles besitzen wesentlich großzügiger im Geben und freiwilligem Teilen sind.

© Serap Yıldırım / 2019

Beitragsbild: Photo by Helena Yankovska on Unsplash

Musik / Sounds für Audio:
https://www.zapsplat.com/music/traffic-passing-by-recorded-from-inside-car-window-open-engine-idles/
https://www.zapsplat.com/music/petrolfuel-pump-operating/
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http://www.orangefreesounds.com/debussy-arabesque/

25 Comments

  1. finbarsgift

    Diese Frage hat mich im Lauf der Jahre auch immer mal wieder beschäftigt, liebe Serap, die Dagobert-Duck-Mentalität ist halt furchtbar verbreitet unter den Menschen in aller Welt, vor allem in den kapitalistischen nordwestlichen Reichländern … eine schlimme Sache, finde ich.

    Herzlichen Dank für deine feine seelennahrhafte Olivengeschichte! Sie ging mir runter wie (Oliven-)Öl *lächel*
    Wenn hier Wochenmarkt ist, dann gehe ich immer mal wieder hin und hole bei einem meiner Lieblingsstände mehrere verschieden angemachte Oliven — ein Gedicht dann zuhause mit Ciabatta von meinem Lieblingsbäcker 🙂

    Dir einen schönen Tag,
    herzliche Grüße
    vom Lu

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    1. mynewperspective

      Ja, diese Frage wird wohl nie erschöpfend beantwortet werden können, lieber Lu. Diese Geschichte ist auch ein schöner Kontrast zur Geschichte der letzten Woche. 🙂 Vielleicht können wir Menschen nicht gut mit Privilegien umgehen und/oder halten sie für selbstverständlich und/oder verlieren eine gewisse Sensibilität und/oder können sie erst gar nicht aufbauen.

      Ein türkisches Sprichwort besagt, dass man seinen Fokus nicht darauf legen soll, was man erreicht hat (hier geht es um Reichtum, Ruhm, Erfolg, Status), sondern darauf, was in der Zukunft sein könnte (gemeint ist hier, dass sich das Blatt schnell wenden kann). Sozusagen, ein „Flieg nicht zu hoch, die Landung könnte schmerzhaft sein“.

      Klingt sehr kulinarisch, deine Wochenmarktausbeute. Ich bin nach wie vor Olivenliebhaberin und genieße sie auch heute noch mit Vorliebe. Da kann ich seeehr gut verstehen, wie es Dir geht mit den eingemachten Oliven und frischem Ciabatta. Yummy … 🙂

      Danke und Dir ebenfalls einen schönen Tag.

      Herzliche Grüße,
      Serap

      Gefällt 2 Personen

      1. menuchaprojekt

        Datteln habe ich auch erst vor zwei Jahren entdeckt und gemerkt, dass mir über die Jahre da etwas sehr gutes entgangen ist. Aber in einem bin ich mir treu geblieben, dass ich an Oliven bis heute nichts besonderes finden kann. Außer dein tolles Erlebnis hat mir Oliven symphatischer gemacht.

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          1. menuchaprojekt

            Das hat doch neben einem sympathischen Aspekt auch einen sagen wir mal ironisch egoistischen. Dann bleiben mehr Oliven für dich.
            Mir geht das so mit dem echt Dresdner Stollen. In meinem Umfeld gibt es wenig Liebhaber für diese Köstlichkeit. Eine Zeitlang wollte ich meine Mitbewohner überzeugen davon, was ihnen entgeht, wenn sie keinen Stollen essen. Mittlerweile bin ich dankbar, dass es nicht so viele Liebhaber gibt. Da bleibt mehr für mich übrig, obwohl ich gerne teilen würde.

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  2. pflanzwas

    Wieder sehr schön vorgelesen liebe Serap, und die passende Musikuntermalung finde ich auch sehr gut. Was für ein schönes Erlebnis! In der Einfachheit liegt die Kraft – sagt man doch so 🙂 Genauso wie ein einfaches Essen oft mehr Freude bereiten kann, als ein Galadinner mit 10 Gängen. Wie du sagst, die Liebe, die drin steckt oder auch das Würdigen des Wenigen.
    Ich denke, diese spezielle Frage beschäftigt viele Menschen. Ich könnte mir vorstellen, je weniger man zu verlieren hat, umso großzügiger ist man, auch wenn das erst mal widersprüchlich klingt. Oder im Umkehrschluß: wer viel hat, hat Angst viel zu verlieren (nicht umsonst haben teure Häuser einen großen Zaun, Sicherheitsanlagen etc) und ist deshalb zurückhaltender oder geiziger (natürlich nicht immer). Verallgemeinerungen stimmen nie. Aber es ist schon erstaunlich, daß selbst Menschen die so gut wie nichts haben, noch ihr letztes Brot teilen. Vielleicht leben sie mehr im Hier und Jetzt?? Wer weiß schon, was morgen sein wird. Und dann gibt es Menschen, bei denen Gastfreundschaft ein sehr hohes Gut ist. Ach, ich weiß auch nicht. Man müßte mal jemanden fragen 🙂 Vielen Dank für den erneuten Denkanstoß und die schöne Geschichte! LG, Almuth

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    1. mynewperspective

      Vielen herzlichen Dank, liebe Almuth.
      Ja, das Wertschätzen des Wenigen. Vielleicht auch ein Hinweis darauf, dass das Teilen und Geben sich durchaus positiv auswirken kann.
      Deine Gedanken zu dem Thema teile ich. Es gibt so viele Aspekte, die eine Rolle spielen werden und wahrscheinlich gibt es so viele unterschiedliche Antworten, wie Menschen, die befragt werden. 😉 Wir alle können uns wahrscheinlich nicht gänzlich davon freisprechen, dass wir gerne unseren Besitz „beschützen“ wollen. Der eine Mensch mehr, der andere eben weniger. Vielleicht liegt es auch auf dem Fokus, was wir als wertvoller erachten: das Behalten oder Teilen. Ach, ich weiß auch nicht. Man müsste mal jemanden fragen. 😉
      Nochmals herzlichen Dank, für Deine wertvolles Feedback.
      Liebe Grüße
      Serap

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  3. kopfundgestalt

    Von einem italienischen Bauern bin ich einst auch spontan zum Essen in seine Gärtnerlaube eingeladen worden. Während er weiter auf dem Feld arbeitete, aßen wir zu dritt Fisch, Brot und Käse und tranken Wein. Und das alles in einer wunderbaren Spätnachmittagsstimmung.

    Gefällt 1 Person

  4. Jacqueline

    Hallo liebe Serap, eine schöne Geschichte und wirklich Seelennahrung. Außerdem hast Du eine schöne, angenehme Stimme. Habe mir die Geschichte vorlesen lassen. 🙂
    Ich mag Oliven gerne, mein Mann eher nicht. Wenn irgendwo welche drauf sind, z.B. auf einer Pizza, kriege ich sie immer. 😉
    Lieben Gruß
    Jacqueline

    Gefällt 1 Person

    1. mynewperspective

      Liebe Jacqueline,
      herzlich Willkommen und vielen lieben Dank für Deinen Kommentar.
      Wie schön, dass Dir die Geschichte gefallen hat und vielen Dank für das sehr nette Kompliment bezüglich meiner Stimme.
      Es scheint, dass ihr in Eurer Ehe die richtige Balance gefunden habt, was die Olivenaufteilung betrifft. 😉
      Wünsche Dir ein schönes Wochenende.
      Herzliche Grüße
      Serap

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