Rache schmeckt süüß

Geschichte lieber von mir vorlesen lassen? Dann bitte Play-Button drücken.

Der Personalleiter des Unternehmens, für das ich mehrere Jahre tätig war, feiert seinen Geburtstag. Er lädt den Betriebsratsvorsitzenden, den stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden und mich, die vertretungsweise die beiden Herren unterstützt, am späten Nachmittag zu einer kleinen Feier ein. In seinem Büro angekommen, setzen wir uns zu den Kollegen der Personalabteilung und ich wundere mich über den sehr unförmigen Geburtstagskuchen der auf dem Tisch steht.

Wir erfahren vom Personalleiter, dass sein neunjähriger Sohn diesen Kuchen für ihn gebacken hat. Was als eine supersüße Geste für den Papa gedacht ist, wird uns jetzt vorgesetzt. Genau dies ist das Traurige an der Geschichte. Wir essen hier nicht ein Stück Kuchen, das mit viel Liebe von einem neunjährigen Sohn für den Vater gebacken wurde, der diesen nun stolz seinen Kollegen präsentiert. Nein, wir bekommen einen Kuchen, den der Vater eines Neunjährigen loswerden möchte und nun hier und jetzt seinen Mitarbeitern und Kollegen vorsetzt. Genau das schmeckt man heraus. Gabel für Gabel schieben wir alle also ein Stück fehlende Liebe aus einem mit Liebe gebackenem Kuchen in den Mund. Getoppt wird das Ganze noch damit, dass der Personalleiter nicht ausreichend Kaffee und Tee bestellt hat. Schon nach der ersten Runde herrscht Getränkeknappheit. Schluck für Schluck spülen wir mit Geiz einen Kuchen herunter, den es an väterlicher Liebe fehlt.

In Anbetracht der Tatsache, dass die Verpflegung in diesem Unternehmen stark vom Arbeitgeber subventioniert wird und pro Tasse Tee und Kaffee wir einen Beitrag von unglaublichen 0,20 Cent zahlen, stelle ich mir innerlich die Frage, warum der Personalleiter da nicht etwas großzügiger kalkulieren wollte. Ordnungshalber sei erwähnt, dass dieser Herr neben einem nicht unbedeutend hohen Gehalt, jährlich große Summen an Sonderzahlungen erhält und eine Ausschüttung an den Firmenanteilen genießt. Selbstverständlich gehen mich die Finanzen von anderen Personen gar nichts an, jedoch gehe ich ganz stark davon aus, dass eine zweite Runde Tee und Kaffee einmal im Jahr für die sechs Mitarbeiter und drei Kollegen doch nun wirklich drin sein müssten. Summa summarum reden wir hier von vier Euro!

Szenenwechsel.

Ungefähr eine Woche später trifft sich der Personalleiter mit dem Betriebsratsvorsitzenden in dessen Büro. An dem Tag brachte ich Trauben von zu Hause mit, die auf einem Teller auf meinem Schreibtisch darauf warten, von mir vernascht zu werden. Der Personalleiter entdeckt auf dem Weg zum Büro des Betriebsratsvorsitzenden die Trauben und aus Höflichkeit biete ich ihm welche an. Meine Geste veranlasst ihn dazu, dass er sich den Teller schnappt und damit im Büro des Betriebsratsvorsitzenden verschwindet und ich dabei zusehe, wie sich die Tür hinter meinen Trauben schließt. Völlig verdattert sitze ich da und kann es nicht fassen, was gerade passiert ist. Der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende kommt aus seinem Büro heraus und fragt: „Täusche ich mich oder hat er eben tatsächlich Dein Teller mit Trauben unter den Nagel gerissen?“

Es vergeht eine geraume Zeit, bis ich wieder zu mir komme. Selbstverständlich ahne ich nicht, was noch bevorsteht. Nach Abschluss des Gespräches kommt der Personalleiter mit dem Teller in der Hand heraus, legt ihn auf meinen Schreibtisch und verlässt wortlos das Büro. Ich sehe dabei zu, wie sich die Bürotür hinter ihm schließt, nehme fassungslos den Teller, gehe schweigend Richtung Büro des stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden und gemeinsam schauen wir entsetzt auf die Rispen. Weit und breit keine einzige Weintraube mehr.

Noch in einem Schockzustand, sehe ich wie der Betriebsratsvorsitzende seinen Kopf aus seinem Büro heraustreckt und fragt, ob wir mit der Sitzung beginnen können. Während der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende sich Richtung Büro begibt, rufe ich, dass ich noch ein paar Minuten brauche, weil ich noch etwas bestellen möchte. Den Hörer schnappend, wähle ich die Durchwahl vom Service.

„Hallo Frau Yildirim, was möchten Sie bestellen?“

„Hallo Frau Kollegin, gibt es noch Weintrauben?“

„Ja.“

„Prima, dann hätte ich gerne Weintrauben.“

„Möchten Sie sonst noch etwas bestellen?“

„Ja, es kommt noch einiges hinzu.“

Neben den Weintrauben bestelle ich noch eine Banane und einen Apfel für meine Kollegen. Für die bevorstehende Sitzung noch einen doppelten Espresso und einen Darjeeling Tee, ebenfalls für die Kollegen, sowie einen grünen Tee für mich.

„Auf welche Personalnummer darf ich das buchen, Frau Yildirim?“

Die Unterzuckerung, die bei mir zur Unkonzentriertheit führt, veranlasst mich dazu, fälschlicherweise die Personalnummer der Person zu nennen, der ich meine Unterzuckerung zu verdanken habe.

© Serap Yıldırım / 2019

Beitragsbild: Anh Nguyen on Unsplash

Musik / Sounds für Audio:

https://www.zapsplat.com/music/in-his-own-way-pizzicato-based-track-with-oboe-and-marimba-staccato-slightly-awkward-bumbling-posh/

https://freesound.org/people/rivernile7/sounds/234244/

42 Comments

    1. mynewperspective

      Vielen Dank, mein lieber Lu.
      Nein, ein Donnerwetter gab es nicht. Auch ich habe es tatsächlich erst im Nachhinein realisiert, da es nicht auf der Abrechnung aufgetaucht ist. 🙂 Da hat das Unterbewusstsein wohl selbst bestimmt. 🙂
      Herzliche Grüße
      Serap

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          1. mynewperspective

            Oh, danke sehr! Freut mich wirklich, dass diese Effekte gut angekommen sind. Nicht jede Geschichte bringt das Potential mit und nicht immer ist es einfach, etwas passendes zu finden. Vielleicht gibt es in der Zukunft sogar ein Vorlesevideo? 🙂 Vielleicht wäre das auch interessant. Aber dafür bräuchte ich wesentlich mehr Equipment. Mal sehen. Das wäre tatsächlich Zukunftsmusik.

            Gefällt 3 Personen

    1. mynewperspective

      Das mein Unterbewusstsein so kriminell reagiert, ist schon etwas erschreckend, liebe Gerda. *LACH*
      Im Nachhinein ist es schon erstaunlich und einen Schmunzler wert, auch wenn die Strafrechtlerin in mir das gaaaaanz anders sieht.
      Hoffe, Dir gefällt die Geschichte in vorgelesener Form ebenfalls. Wie schön zu wissen, dass sie doppelte Aufmerksamkeit bekommt.
      Herzliche Grüße
      Serap

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      1. gkazakou

        Vorgelesen, nachdem ich sie schon gelesen habe, ist ein besonderer Genuss. Wenn mich die Neugier nicht vorantreibt, achte ich mehr auf die Feinheiten des Ausdrucks und Arrangements, auf die Textverwebungen, Brüche…. Du hat ja schon eine kleine Hörspiel-Kulisse eingebaut, mit Musik die an- und abschwillt, Türenschlagen… Und deine Betonungen,, Pausen. Stimmwechsel – all das gibt der Geschichte noch mal eine neue lebendige Note.

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        1. mynewperspective

          Das freut mich ganz besonders, liebe Gerda. Das ich die Idee des Vorlesens, mittlerweile derartig umsetze, hätte auch ich nicht gedacht. Als Studentin hatte ich mal einen Kurs für Aussprache und Vertonung belegt, aber nie angewandt. Jahrzehnte später kommt es jetzt zum Einsatz.

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          1. gkazakou

            So was gefällt mir besonders: alte Impulse wieder aufgreifen und ins Gegenwärtige integrieren. Es ist, als ob man eine Masche, die runtergefalllen war, für ein neues Muster verwendet. Und am Ende, wenn man das wieder und wieder tut, kommt einem das Leben nicht mehr vor wie ein Flickenteppich, sondern wie aus einem Stück gewebt.

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    1. mynewperspective

      Ach ja, liebe Almuth … die unglaublichen Geschichten des Lebens. Es gibt Dinge, die verstehe ich Jahre später und blicke mit anderen Augen darauf. Dann gibt es wieder Geschichten, wo es auch nach Jahrzehnten ein Kopfschütteln gibt. Diese ist so eine. *LACH*
      Liebe Grüße
      Serap

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      1. pflanzwas

        Gut, wenn man im Nachhinein über eine Geschichte lächeln oder lachen kann. Sonst tut man sich selbst nichts Gutes. Aber ich fand es schon krass (es gibt Schlimmeres, auf jeden Fall), wie der drauf war. Der ist mit Sicherheit kein glücklicher Mensch. LG, Almuth

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  1. dieterkayser

    Da es ja nur um Text geht, sehe ich in einem Video keinen Mehrwert. Deinen Text kann man lesen und hören, mehr braucht es doch nicht. Ich hatte den Text auf dem Bildschirm und Deine Vorlesung eingeschaltet, das war praktisch Stereo und ich konnte abwechselnd oder gleichzeitig hören und lesen. Bei einem Video können optische Eindrücke nur ablenken, finde ich. Aber kannst es ja mal versuchen. Bist sicher hübsch anzusehen.

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    1. mynewperspective

      Danke für Dein Feedback, lieber Dieter.
      Auch wenn ich noch gar nicht so weit bin mit dem Video und/oder es vielleicht auch gar nicht umsetzen werde, denke ich – generell gesprochen – dass der Mehrwert in der Vision liegt. Zumindest für all die, die diesbezüglich diesen Sinn (eher) einsetzen. Einen Roman z. B. gibt es ggfls. auch als Hörbuch und ggfls. als Verfilmung. Die Geschichte mag sich nicht großartig ändern, die Wahrnehmung damit schon. Spielt wahrscheinlich eine Rolle, ob man Leser und/oder Zuhörer und/oder Zuschauer sein möchte. So lange es gut umgesetzt wird, spielt das ggfls. hübsche Ansehen der Person sicherlich bzw. hoffentlich auch keine entscheidende Rolle. … Wir werden sehen, ob/wie es sich entwickelt. Auf jeden Fall gibt mir Dein Feedback Anlass zum kritischen Überdenken.
      Herzlichen Dank!
      Schöne Grüße
      Serap

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      1. dieterkayser

        Ich dachte vor allem daran, dass es Situationen gibt, bei denen man gut einen Ohrhörer benutzen aber nicht so gut auf einen Bildschirm gucken kann. Beispiel Bahn- oder Autofahren. Wir können es ja beide noch kritisch überdenken. Liebe Grüsse!

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        1. mynewperspective

          Verstehe Deinen Gedankengang, jedoch könnte/sollte man einen Text ebenfalls nicht während einer Autofahrt lesen. Ein Hörspiel, bzw. einen Podcast, wie Du es neuerdings auf Deinem Blog hast, bietet da schon mehr Flexibilität. Es gibt ja auch Blogger, die z. B. ihre Anleitungen aufnehmen und es auf YouTube reinstellen und auf dem Blog fotografisch und in Textform ihren DIY festhalten. Beides ist möglich und spricht unterschiedliche Gruppen / Wahrnehmungen an. Wie z. B. Gerda schreibt, liest sie erst immer die Geschichten auf meinem Blog und hört sich dann das Hörspiel an. Andere lesen parallel zum Audio (wie Du es geschrieben hattest), wiederum gibt es andere die gar nicht mehr lesen, sondern vorlesen lassen und dann noch die vierte Gruppe, die tatsächlich „nur“ liest. Die Frage stellt sich natürlich, ob sich der Aufwand eines Videos lohnt, denn alleine die Vertonung kostet mich sehr viel Zeit mit dem Schneiden und der Auswahl der Hintergrundgeräusche und Musik etc. Wahrscheinlich ist ein Video dann um so einiges aufwendiger, vor allem, weil weitere Aspekte mit ins Spiel kommen und es kein Video sein würde, wo man durch die Kamera zu den Zuschauern spricht. Die Geschichten wären ja ein Skript, an das ich mich auch inhaltlich im Video halten müsste. Eine Option könnte es aber sein. Wenn vielleicht auch nicht unbedingt für meine Zwecke (Geschichten vorlesen) geeignet. Herzliche Grüße, Serap
          PS: Vielleicht sehen wir Dich ja bald vor der Kamera?

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