auf- und ab-

Geschichte lieber von mir vorlesen lassen? Dann bitte Play-Button drücken.

An einem Wochentag verabrede ich mich einem Kollegen zum Mittagessen, welches wir nicht in der Firmenkantine, sondern auswärts zu uns nehmen wollen. Nach einem schmackhaften Menü entschließen wir uns noch eine Weile spazieren zu gehen und flanieren genüsslich durch die Gegend. Es ist ein wunderschöner Tag im Spätfrühling, die Sonne scheint und das Wetter lädt zum Draußenbleiben ein. Mein Kollege stellt sich irgendwie selbst die Frage, warum wohl so wenig Menschen bei diesem Wetter zur Mittagszeit unterwegs seien. Es ist in der Tat sehr ruhig auf den Straßen, was sehr ungewöhnlich ist zu der Tageszeit und bei diesem tollen Wetter.

Als wir schon fast wieder am Gebäudeeingang unseres Arbeitgebers sind, schlägt der Kollege vor, dass wir noch eine Runde drehen, weil es so schön draußen ist. Also drehen wir noch eine Runde und führen eine äußerst nette Unterhaltung, wobei der Kollege einige Male die Frage stellt, warum so wenig Menschen unterwegs seien. Ja, auch ich wundere mich, denn auf unserer zweiten Runde treffen wir keinen einzigen Menschen. Wirklich sehr ungewöhnlich, aber viel Bedeutung lege ich persönlich nicht rein. Als auch die zweite Runde vor dem Bürogebäude bald ein Ende finden wird, möchte der Kollege noch eine Runde drehen, diesmal in eine andere Richtung.

Da wir die Länge unserer Mittagspause selbst bestimmen, gibt es kein zeitliches Problem und das Wetter ist nach langer Zeit mal wieder richtig traumhaft, so dass ich es aus dieser Hinsicht verstehen kann, dass der Kollege nicht wieder ins klimatisierte Büro zurückwill. Doch irgendwie stimmt etwas an der ganzen Situation nicht. Trotz Verwunderung starte ich mit ihm in die dritte Runde um den Block und auf dieser wird wieder die Frage gestellt, warum kaum Menschen auf den Straßen seien. Im Gegensatz zu den anderen Malen, spüre ich diesmal den Ärger des Kollegen über die Tatsache der fehlenden Menschen, bei unseren Rundgängen.

„Vielleicht machen die Menschen heute eher eine kurze Mittagspause, damit sie dieses traumhafte Wetter zum Feierabend genießen können“, lautet eine meiner Theorien.

Mein Kollege wird immer unruhiger und seine Verärgerung wird immer stärker.

„Was ist denn mir Dir?“ frage ich den Kollegen verwirrt. „Was spielt es für eine Rolle, wieviel Menschen heute auf der Straße sind oder nicht?“

„Na, dann sieht mich ja keiner mit Dir!“

Ich bin verwirrt! Der Kollege lebt schon sehr lange in einer festen gleichgeschlechtlichen Partnerschaft. Eine Anmache kann dies also nicht sein.

„Und?“ frage ich.

„Na, wenn ich mit Dir gesehen werde, dann wertet es mich auf!“

Nun bin ich völlig verwirrt! Was soll das bedeuten, dass das mit mir Gesehenwerden ihn aufwerten wird?

„Vielleicht solltest Du mir jetzt mal erklären, was das Ganze zu bedeuten hat!“ fordere ich leicht forsch.

„Na, Du strahlst etwas Besonderes aus! Dieses WOOOW … und wenn ich mit Dir gesehen werde, dann wertet mich das auf! Auch ich bin dann WOOOW!“

Auf dem Weg zurück zum Büro lasse ich den Kollegen freundlich wissen, dass ich derartige Aktionen nicht schätze und nichts Positives für beide Seiten darin sehe, aber meine Worte scheinen ihn nicht aus seiner Welt herauszubringen.

Heute, auch nach so vielen Jahren frage ich mich, ob die Auf-Wert-Versuche des Kollegen, nicht auch eine Ab-Wertung seiner selbst und auch unserer kollegialen Beziehung, vielleicht sogar meiner Person gegenüber ist. Weder damals, noch heute sehe ich etwas Schmeichelhaftes darin, dass meine Person mit dem angeblichen WOW-Effekt in der Form instrumentalisiert wird. Vielleicht liegt dieser WOW-Effekt ja auch nur in den Augen des Kollegen, so dass andere Menschen keine tatsächliche Auf-Wertung seiner Person empfinden würden.

Nehmen wir mal an, es wäre so gelaufen, wie der Kollege es sich damals gewünschte. Welchen langfristigen Nutzen, wird er daraus ziehen, wenn er mal von ein paar Personen zur Mittagspause mit mir gesehen wird? Wie lange hält so ein Doping an, so dass der nächste Kick durch meine oder andere Personen im Stillen abverlangt wird? Wieviel Wert steckt in einer derartigen Situation in unserer kollegialen Beziehung?

Der einzige Mensch, der uns tatsächlich auf- oder ab-werten kann, steckt in uns selbst. Trotz äußerer Einflüsse und Prägungen, die jede einzelne Person mit und in sich trägt, entscheiden wir selbst über unseren Wert. Ein Wert, den wir ganz persönlich in uns sehen, ohne Auf- oder Ab-Wertung von jemand anderem.

© Serap Yıldırım / 2019

Beitragsbild: Photo by Liane Metzler on Unsplash

Musik / Sounds für Audio:

http://www.orangefreesounds.com/walking-gravel-sound-effect/

http://www.orangefreesounds.com/free-nature-sounds/

http://www.orangefreesounds.com/chopin-ballade-4/

43 Comments

    1. mynewperspective

      Vielen herzlichen Dank, lieber Lu.
      Ja, sehr merkwürdig war das Ganze schon.
      Wahrscheinlich gibt es dies wirklich öfters als gedacht, nur vielleicht nicht immer in dieser von mir beschriebenen Form. Wenn wir uns anschauen, dass Jugendliche in die coolen Cliquen wollen, damit sie selbst als cool gelten, die Modell Freunde mit dem Nerd abhängen etc. dann gibt es sicherlich eine Wechselwirkung beider Parteien. Vielleicht tragend wir dies alle irgendwie mehr oder weniger latent oder gar offensichtlich in/mit uns herum. Solange beide Parteien damit konform gehen, ist ja alles prima. In diesem Fall war dies nicht so. Wenn man von einer Person so weit nach oben katapultiert wird, kann der absehbare Fall für beide Personen(!) sehr schmerzhaft werden.
      Liebe Grüße
      Serap

      Gefällt 3 Personen

      1. finbarsgift

        So ist es, liebe Serap, denken wir auch mal noch an die vielen Fans und vor allem auch Groupies von Rockstars, die sich selbst relevieren woll(t)en durch ein enges, auch oft intimes Zusammensein mit Rockgrößen. Der Selfiewahn von heute geht auch nur zu oft in diese Richtung des sich selbst erhöhen wollens. Narzissmus pur oft.
        Liebe Grüße vom Lu

        Gefällt 1 Person

        1. mynewperspective

          Wie wahr, lieber Lu. So oder so ähnlich beschrieb es auch Gerda in ihrem Kommentar.
          Liebe Grüße,
          Serap

          PS: Schmunzeln musste ich dennoch, weil es so schön passend zum zweiten Kapitel meiner (passwortgeschützten) Geschichte passt. Bin mir nicht sicher, ob Du die Geschichte bereits gelesen hast und überhaupt darauf Anspielung nimmst (was ich nicht glaube), zu einem intensiven Lachen hat es mich doch verleitet und alleine das war schön herzerfrischend.

          Gefällt 1 Person

  1. gkazakou

    Tatsächlich zeigt der Kollege hier ein Verhalten, das in anderer Form eher häufig als selten ist. Anstatt den Wert darin zu sehen, mit dir spazieren zu gehen und mit dir eine angenehme Unterhaltung zu führen, möchte er vom Glanz profitieren, den du (vielleicht) auf andere ausstrahlst. Das ist eine Abwertung deiner Person, denn er ist gar nicht wegen dir, sondern wegen deiner Außenwirkung an dir interessiert, während du gutgläubig und herzlich um seinetwegen deine Zeit mit ihm teilst.
    Ich kenne das und fühle mich nach solchen Erfahrungen völlig entleert. Wie ist es nun aber bei berühmten Leuten, die ständig mit Menschen zu tun haben, die sich in ihrem Glanz sonnen wollen? Die grundsätzlich nicht als der Mensch, der sie sind, ernst genommen werden, sondern deren Kontakt die Menschen suchen, damit jemand sie mit ihnen zusammen sieht? Es muss furchtbar sein. Eine schreckliche Einsamkeit.
    Außer den Berühmtheiten, die es deshalb wirklich schwer haben, denke ich auch an den umgekehrten Fall von Menschen mit einer Behinderung oder einem deutlichen sozialen Mangel. Wenn du ihre Nähe suchst, werden sie meist misstrauisch reagieren: Hat der oder die tatsächliches Interesse oder handelt er/sie, um sich als guter mitleidiger Mensch darzustellen? Solche Instrumentalisierung ist nicht minder unangenehm und entleerend, denn auch der Behinderte legt keinen Wert auf Beziehungen, die nicht ihm selbst gelten, sondern seiner Behinderung.

    Gefällt 4 Personen

    1. mynewperspective

      Wie treffend, liebe Gerda. Es gibt beide Seiten, wie ich auch schon in meiner Antwort zu Lu’s Kommentar schrieb. Beides ist fraglich. Die Intentionen dahinter sind wichtig und sollten die richtigen sein und keine, die zur Instrumentalisierung der anderen Personen führen.
      Dieses entleert sein, kenne und verstehe ich nur zu gut. Ich gehe mal davon aus, dass jede Person in seiner Essenz gesehen, geliebt und respektiert werden möchte. Es wird sicherlich auch genügend Menschen geben, denen es schmeichelt, so auf einen Thron gesetzt zu werden … ich selbst bin gerne auf Augenhöhe mit den Menschen, egal welchen Rang, Status oder Glanz ihnen zugesprochen wird.
      Was auch sehr schade ist, dass der Kollege gar nicht den Faktor sah, dass er für mich ein interessanter Gesprächspartner war und ich viele Seiten an ihm schätze und deshalb auch gerne Zeit mit ihm verbrachte. Es ist so traurig den eigenen Wert nicht zu sehen und damit auch den Wert des anderen abzuwerten, indem man derartige Aktionen unternimmt und gar nicht versteht, was daran so schlimm sein soll, schließlich wird man ‚emporgehoben‘. Aber um welchen Preis? Wirklich sehr traurig.
      Was davon zurückbleibt ist eine wertvolle Erfahrung; eine Geschichte, die geschrieben und erzählt wurde, sowie wertvolle Kommentare und Gedanken, die in einem wunderbaren Austausch münden. Was will ich mehr? 😉
      Vielen Dank für Deinen tiefgreifenden Zeilen.
      Liebe Grüße
      Serap

      Gefällt 4 Personen

  2. TeteGina

    Liebe Serap, also irgendwie hat dein Kollege den „Schuß“ nicht gehört (sorry aber über sowas rege ich mich schon auf). Wahrscheinlich hätte ich ihm eine Ohrfeige verpasst. Gut, dass du ein sanftes Gemüt hast. Meine Emotionen drehen manchmal mit mir durch ;-)….kommt natürlich immer auf die Situation an. Aber das war sowas von daneben. Dieser armselige „Möchte-Gern-Gesehen werden Mann“ mit so einer tollen Frau, wie du es bist.

    Naja, heute kannst du hoffentlich darüber etwas schmunzeln. Alles Liebe Tete

    Gefällt 2 Personen

    1. mynewperspective

      Danke Dir, liebe Tete.
      Traurig habe ich es eher empfunden, für ihn und für mich und natürlich auch für unsere kollegiale Beziehung.
      Schade, wenn man den eigenen Wert nicht erkennt und die des anderen (wenn auch sicherlich ungewollt) derartig mit runterzieht.
      Liebe Grüße
      Serap

      Gefällt 2 Personen

  3. Ulli

    Liebe Serap, das hätte mich wohl auch unangenehm berührt! Man ist ja nicht auf der Welt, um andere mit seiner Anwesenheit aufzuwerten. Überhaupt, was ist das für eine Denke? Da können nur massive Minderwertigkeiten eine Rolle spielen und ich ahne auch eine gewisse Diskrepanz zu seiner Ehefrau – ja, wahrlich seltsam.
    Herzliche Grüße
    Ulli
    Das Foto ist wunderbar, auch wenn es nicht von dir ist 😉
    Da mein reader spinnt, noch eine Frage, gibt es eigentlich schon eine Fortsetzung im Geheimen?

    Gefällt 3 Personen

    1. mynewperspective

      Liebe Ulli,
      traurig fand ich es. Weniger um mich, sondern eher um ihn. Schade natürlich auch, dass man (hoffentlich nur in diesem Moment) auf etwas runterreduziert wird, auch wenn es ein WOOOOW ist 😉
      Danke, dass Foto fand ich auch klasse, war gar nicht so einfach etwas sinnbildliches für so ein Thema zu finden.
      Liebe Grüße,
      Serap
      PS: Ja, letzte Woche ist Teil zwei erschienen. Leider scheint dies wohl nicht zu klappen. Du bist nicht die Einzige die gefragt hat. Hier erst einmal der Link: https://mynewperspective.site/2019/01/31/2/ … Donnerstag gibt es dann wieder ein weiteres Kapitel.

      Gefällt 1 Person

  4. Jules van der Ley

    Zunächst einmal ist es in gewissen Kreisen üblich, sich mit einer schönen Frau zu schmücken. Das fängt an beim Prolet, dem die Blondine am Handgelenk baumelt wie das Goldkettchen und geht bis zum Wiener Baulöwen Richard Lugner, der seit 1991 prominente Schönheiten bucht, um mit ihnen beim Wiener Opernball zu glänzen. Das Frauenbild ist die wirtschaftlich abhängige, käufliche Frau – und seit Frauen arbeiten dürfen, längst überholt. Trotzdem ist es doch für dich und dein Äußeres schmeichelhaft, dass der Kollege mit dir glänzen wollte, liebe Serap, gemäß dem gestaltpsychologischen Prinzip „Paarung wirkt auf die Partner.“

    Gefällt 1 Person

    1. mynewperspective

      Lieber Jules,
      die von Dir erwähnten Beispiele haben m. E. einen Nenner: Es besteht eine stille oder gar vertragliche Einigung darüber, dass diese Konstellation so sein darf/soll/muss. So lange es Menschen auf diesem Planeten gibt, wird es diese oder derartige Verbindungen für kurze oder lange Zeit immer wieder geben. Die Männer suchen sich die hübschen Damen, die Damen die einflussreichen Männer – mal sehr verallgemeinernd gesprochen. Solange beide Parteien ihrer Rolle bewusst sind, sollte es kein Problem geben. Das entscheidet jeder für sich selbst. Diese Dynamik besteht genauso bei Freundschaften, innerhalb Familien, etc. Solange eine bewusste unterstützende Rolle vorhanden ist, ist dies sogar sicherlich positiv. In meiner beschriebenen Geschichte fehlt mein Einverständnis, wenn auch nur im Stillen. Da hinterlässt das ansonsten so nette Kompliment doch einen sehr faden Beigeschmack.
      Liebe Grüße
      Serap

      Gefällt 1 Person

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