Übersehene Helden

Geschichte lieber von mir vorlesen lassen? Dann bitte Play-Button drücken.

Während eines Auslandsjahrs, das nicht wie geplant läuft, verbringe ich das letzte halbe Jahr notgedrungen mit ehrenamtlichen Tätigkeiten. Diesmal ist es ein kurzer Tageseinsatz für eine Organisation und ein Event mit prominenten Rednern, welches sich dem Thema Die innere Kraft widmet. Mit 19.000 Sitzen und einer ausverkauften Arena gibt es eine Menge an Dingen, die hier gemanaged werden müssen. Meine Aufgabe als interne Einlasskontrolle ist es, nur die Gäste in den Bereich einzulassen, die ein grünes Armband tragen.

Die Redner, die hier heute einen Vortrag halten werden, sind fast ausschließlich national bekannte Persönlichkeiten. Mir sagen nur die zwei internationalen Redner etwas, denn es gibt wohl kaum jemanden, der sie nicht kennen wird. Nach den halbstündigen Motivationsreden und den vielen Pausen mit sehr viel Einlasskontrolle, kommt der Redner, auf den die gesamten 19.000 Gäste und wohl auch alle anderen in der Arena warten. Spätestens mit der Ankündigung des Ehrenredners, ist auch die Einlasskontrolle erst einmal vergessen, denn bereits im Vorfeld wurde uns mitgeteilt, dass es zu der Zeit besondere Vorkehrungen gibt und somit fällt die Verantwortung von uns ab.

Unter einem rasenden Applausregen, welches von Pfiffen und Zurufen begleitet wird, tritt der Ehrenredner von links auf die Bühne und begibt sich winkend langsam zum mittig platzierten Pult. Der Applaus, die Rufe, das Pfeifen, die Schreie reißen nicht ab. Ein standing ovation das minutenlang andauert und kein Ende zu nehmen scheint. Der Ehrenredner spricht immer wieder ein „Thank you“ ins Mikrofon, welches bei der Lautstärke der Audienz kaum hörbar ist. Obwohl das Fotografieren strengstens untersagt ist, tauchen die Fotokameras die Arena in ein Blitzlichtgewitter, welches ebenfalls minutenlang anhält.

Nach zahlreichem Danken des Ehrenredners und Versuchen, die Rede zu starten, kommen die Gäste langsam zu Ruhe und auf einmal herrscht eine absolute Stille. Da steht er nun, mitten auf der Bühne und mittig in meinem Sichtfeld: Der 42. Präsident der Vereinigten Staaten. William Jefferson Clinton.

Während seiner 30-minütigen Motivationsrede scheint sich keine Person auch nur im Geringsten zu bewegen. Nicht einmal sicher bin ich mir, ob irgendjemand in dieser Arena atmet, außer der Präsident selbst. Es ist so erschreckend still, dass die Worte des Präsidenten einen Raum einnehmen, der gigantisch ist. Die Energie hier ist eine, die ich weder vorher, noch nachher in meinem Leben je erleben durfte. Jede Person hier scheint gefesselt zu sein. Entweder gefesselt von den Worten des Präsidenten oder gefesselt von der kollektiven Energie in dieser Arena. In mir stellt sich die Frage, ob ich das wirklich so gut finde.

Zweifelsohne ist es ein Ereignis, mal einen Präsidenten live mitzuerleben. Jedoch … Warum gibt es ein standing ovation für einen Präsidenten, der eine Arbeit leistet, für die er bezahlt wird? Kam irgendjemand schon mal auf die Idee, wenn auch nur einmal im Leben, sich zum Beispiel frühmorgens an den Straßenrand zu stellen und die Mitarbeiter der Stadtreinigung zu beklatschen, weil sie den stinkenden Müll mitnehmen?

Wir bezahlen Eintritt, um Menschen auf der Bühne zu sehen und übersähen sie mit Applaus, weil sie etwas geleistet haben, für das Geld, was wir zahlten. Warum also nicht einmal den Mitarbeiter der Stadtreinigung feiern und ihm ein standing ovation zuteilwerden lassen, wenn dieser sogar in den Sommermonaten bei himmelhochstinkendem Abfall weiterhin die Arbeit verrichtet, für die gezahlt wird.

Mir ist bewusst, dass ein Präsident mehr nationale, wie auch internationale Verantwortung trägt, als zum Beispiel ein Mitarbeiter der Stadtreinigung. Wenn beide ihre Arbeit nicht so ausüben, wie es unserer Vorstellung entspricht, reagieren wir jedoch gleichermaßen mit Frust und Ärger. Wenn beide ihre Arbeit gut machen oder sogar besser als gedacht, bekommt aber der eine ein standing ovation, für das wir sogar Eintritt zahlen und der andere unsere Selbstverständlichkeit, mit der wir den Grad der Leistung – nicht noch extra gebührend – voraussetzen.

Eine herausragende Leistung ist selbstverständlich ein standing ovation wert. Gibt es jedoch nicht übersehene und für selbstverständlich gehaltene Helden in unserem (Alltags-)Leben, die ebenfalls beachtliche Arbeit leisten und wir diese genauso wertschätzen sollten?

© Serap Yıldırım / 2019

Beitragsbild: Ronda Darby on Unsplash

Musik / Sounds für Audio:

http://www.orangefreesounds.com/rock-concert-crowd-applause-cheer-whistle/

http://www.orangefreesounds.com/chopin-ballade-4/

25 Comments

  1. Reiner

    Wenn das Spiel zu Ende ist, kommen König und Bauer wieder zurück in die gleiche Schachtel.
    Aus Italien

    Ich bemühe mich darum, jedem Menschen die gleiche Achtung zu schenken. Bei Straßenreinigern gelingt mir das zugegebener Weise besser. Weil Macht an sich schon etwas unanständiges hat …

    Grüße & einen guten Morgen Dir !

    Gefällt 4 Personen

    1. mynewperspective

      Vielen Dank für Deinen Beitrag, Reiner.

      Wie wahr, wie wahr. Ein ähnliches Sprichwort gibt es auch im türkischen Raum und wahrscheinlich auch in vielen anderen Kulturen.

      Macht haben und diese auszuüben ist eins, Macht einem zuzusprechen ist wieder etwas anderes. Das ist meines Erachtens problematischer. Je mehr Macht ich meinem Gegenüber direkt oder indirekt gebe, desto höher wird das Gefälle. Dieses „Konzept“ wurde mir im Elternhaus nicht beigebracht. Ich habe gelernt, dass alle nur Menschen sind, die unterschiedlich eingesetzt ihre Arbeit verrichten und es in der Art der Wertschätzung keinen Unterschied geben darf, trotz Hierarchien.

      Viele Grüße
      Serap

      Gefällt 3 Personen

  2. finbarsgift

    Wie recht du doch hast, liebe Serap. Was Gerechtigkeit angeht, insbesondere berufliche Wertschätzung und Bezahlung, da befindet sich die menschliche Gesellschaft in einer unglaublichen Schieflage …
    (Aktuelles Beispiel: das „Ruhegehalt Dieter Zetsches“, ein großer Schlag ins Gesicht des Fließbandarbeiters).
    Liebe Morgengrüße vom Lu

    Gefällt 3 Personen

    1. mynewperspective

      In jedem von uns steckt ein kleiner oder gar auch großer Held … 😉
      Vor langer Zeit arbeitete ich mal in einem Unternehmen, dass sogar die Enkelkinder(!) der früheren (längst verstorbenen) Manager lebenslang(!) mit einer Firmenrente belohnte. Weiterer Worte bedarf es wohl nicht.
      Das jährliche Ruhegehalt der einen wäre die Rettung für etliche Familien in Not. … Aber, auf mich hört ja keiner.
      Viele liebe Grüße
      Serap

      Gefällt 3 Personen

  3. Jules van der Ley

    Erneut eine lesens- und hörenswerte Geschichte, liebe Serap. Bei aller Wertschätzung für den Mann von der Müllabfihr, kaum jemand käme zu einer Veranstaltung, um ihm beim Stemmen und Leeren von Mülltonnen zuzusehen, obwohl das eine hübsche Performance wäre, wenn man es als Kunstaktion deklariert, eine Erweiterung des Objet trouvé der Dadaisten. Die Rede eines Müllmanns über seine Erfahrungen bei der täglichen Müllabfuhr würde mich auch interessieren, aber wen noch? Die Leute rennen in Bill Clintons hochbezahlten Vorträge, einmal weil sie die Aura von Macht und Prominenz spüren wollen und weil sie sich von seiner Rede einen Erkenntnsgewinn erhoffen, den sie im Alltag nicht glauben finden zu können.

    Gefällt 2 Personen

    1. mynewperspective

      Vielen Dank, lieber Jules.
      Die „Aura von Macht und Prominenz“, die war deutlich zu spüren. Auch stellte ich mir damals die Frage, ob man sich hier auch nicht selbst applaudiert. Dieser Gedanke, dass man ganz persönlich dabei ist und alles hautnah erlebt. Was ich aus dem Erlebten mitnehme ist weniger „ICH habe den Präsidenten der Vereinigten Staaten live erlebt!!“ sondern eher „Ein kollektives Gefesseltsein kann auch ganz schön schiefgehen.“ Beispiele aus der (jüngsten) Vergangenheit gibt es ja etliche.
      Was die Wertschätzung – hier exemplarisch an den Mitarbeitern der Stadtreinigung dargestellt – angeht, muss es nicht ein standing ovation am Straßenrand sein. Aber ein bewusstes Entsorgen des Abfalls, so dass ein Mitarbeiter auch tatsächlich seine Arbeit verrichten kann, ist meines Erachtens eine schon eine Wertschätzung. Hoffe ich zumindest.

      Gefällt 2 Personen

  4. gkazakou

    In den Kommentaren ist schon all das gesagt, liebe Serap. was ich zur Sache kommentierten könnte. Ein Applaus für all die, die im Dunklen arbeiten. Ich denke ott, wenn ich mir zB den Pullover überziehe, meine Hände wasche oder eine Banane esse, mit Dankbarkeit an die Menschen, die ihn gefertigt haben, die die Seife herstellten und das Wasser in meinem Wasserhahn laufen lassen, die die Bananen anbauten und ernteten, und von denen ich nichts weiß, und hoffe inständig, dass sie ebenfalls wärmende Kleidung, fließendes Wasser, Seife, etwas zu essen haben.
    Zum Applaus für Clinton: Er ist der Boss gewesen, von dem sehr viele Menschen abhingen, als er Präsident war. Die da so begeistert klatschen, taten es sicher nicht wegen seiner Leistungen, sondern wegen der Vorteile, die ihnen seine Präsidentschaft verschafft hat. Aus diesem Grunde jubeln die Menschen ihren Führern zu. Auch waren es ja geladene Gäste, also Leute seiner Partei, seine „Anhängerschaft“, die Lohn und Aufträge seinem Wohlwollen bzw dem von ihm gestützten und ihn stützenden Apparat verdanken. Idealismus ist, so glaube ich, weder auf der Seite des Präsidenten noch auf der Seite seiner Anhänger ein vorherrschendes Motiv. Sondern Eigennutz. Und wenn der nicht zustande kommt, dann buhen sie denselben Mann aus und wählen einen anderen.. Bzw buhen den Präsidenten aus, der andere Leute als sie selbst in Amt und Würden hievt. Viele verlassen dann den Abgewählten, ärgerlich, weil sie aufs falsche Pferd gesetzt haben.

    Und dann gibt es, wie du ja auch schreibst, den Effekt der jubelnden Masse, zu dem die Menschen gern gehören. Sie möchten gern auf der Gewinnerseite sein. Die Verliererseite fühlt sich nicht gut an. Wenn ich einem Straßenkehrer applaudieren würde, täte ich es ebenfalls aus der Position eines Gewinners, denn ich bin in einer privilegierten Lage ihm gegenüber.

    Gefällt 3 Personen

    1. mynewperspective

      Danke für Deine tiefgreifende Resonanz, liebe Gerda.

      Was Du beschreibst bezüglich der Dankbarkeit ist in meinem Auge eine Wertschätzung gegenüber den Menschen, die all dies was Du isst, benutzt und/oder trägst möglich machen. In meiner Vorstellung wird diese wertschätzende Energie, die Du aussendest sicherlich dort landen, wo es hingehört. Wünschenswert ist es, dass jede Person für sich diese kleinen Dinge und Gedanken in den Alltag integrieren.

      Auch ich stehe nicht am Straßenrand und applaudiere der Stadtreinigung zu, aber zumindest werfe ich z. B. meinen Müll immer so in den Container, dass er nicht nur im vorderen Teil vollbeladen und hinten noch massenhaft Platz frei ist. Gelesen habe ich mal im Infoblatt der Stadtreinigung, dass die Container z. B. geschlossen sein müssen, damit die Arme am Waagen diesen ergreifen können. Ein Container der also offen steht und überquillt, bedeutet Extraarbeit für die Mitarbeiter. Nicht selten steht Klein Serap vor den großen Containern und verteilt den Müll (der Nachbarn), damit Platz geschaffen wird, auch wenn ich dann in der Wohnung mich erst einmal gründlich waschen muss. Um einfach mal beim Beispiel Abfall zu bleiben.

      Was den Präsidenten betrifft: Hier war er zwar nicht im eigenen Land, sondern bei den charmanten Nachbarn im Norden und auch schon Ex-Präsident, aber grundsätzlich stimme ich Dir zu. Auch Jules hat in den Kommentaren dazu sehr treffende Worte gefunden, wie Du auch. Diese Gewinnerseite, das Dabeisein und darüber reden zu können, um vielleicht auch den Eigenwert aufzupolieren?

      Das Erlebnis an sich war schon besonders, aber ehrlichgesagt auch etwas ‚erschreckend‘ … wenn man das so nennen kann.

      Gefällt 2 Personen

    1. mynewperspective

      Auch ich würde so ein Amt nicht freiwillig übernehmen wollen und sehe die Schwere der Aufgabe bei denen, die diese Art von Positionen auch wirklich ernst nehmen. Aber, genau wie Du auch schreibst, auch andere leisten beachtliche Beiträge und sollten nicht vergessen werden.

      Gefällt 1 Person

  5. Ulli

    Liebe Serap, ich kann nur ebenfalls sagen, dass die Diskrepanz in Bezahlung und Wertschätzung gegenüber unterschiedlichen Arbeiten schlichtweg zu groß ist. Hier wohnt auch meiner Meinung ein Teil der Unzufriedenheit – es gibt so viele Menschen, die mit einem Job nicht mehr über die Runden kommen, während andere mehr verdienen als sie jemals ausgeben können. Es gibt nur sehr wenige Reiche, die teilen, die fördern, die sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen einsetzen, leider gilt für die meisten reichen Leute, dass sie geizig sind.
    Du hast diese Geschichte ganz wunderbar geschrieben, die ganze Atmosphäre ist spürbar gewesen. Chapeau!
    Herzliche Grüße
    Ulli

    Gefällt 3 Personen

    1. mynewperspective

      Danke liebe Ulli,
      leider ist es so, wie Du es schreibst. Das jährliche Ruheeinkommen eines Herren, von dem Lu in seinem Kommentar schreibt, könnte so vielen Menschen ein bedingungsloses Grundeinkommen verschaffen, was fast schon utopisch klingt. Mir ist klar, dass mit gesteigerter Verantwortung auch das Gehalt steigen sollte, aber wer, wie, was in diesem Fall als fair definiert ist oftmals fraglich.
      Trotz schwerer Kost, freut es mich, dass ich eine Geschichte daraus kreieren konnte, die bei so vielen von Euch inhaltlich, wie auch stilistisch gut angekommen zu sein scheint. Das ist eine besondere Freude.
      Viele liebe Grüße
      Serap

      Gefällt 2 Personen

  6. TeteGina

    Liebe Serap, es ist in der Tat sehr schwer Arbeit gerecht zu definieren, liegt es nur an der Verantwortung? Am akademischen Grad? Was ist mit Menschen, die sehr stark körperlich arbeiten? Existiert eine gerechte Bezahlung? Danke für deine Gedanken. Ich habe zu diesem Thema keine abschließende Meinung. Aber ich achte jeden Menschen vom „Müllmann“ bis zum Manager für die geleistete Arbeit. Liebe Grüße Tete

    Gefällt 1 Person

    1. mynewperspective

      Absolut, liebe Tete. Wo verlaufen die Grenzen von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit?
      Eine abschließende Meinung habe ich auch nicht. Genauso wie Du versuche ich jedoch alle Menschen zu schätzen. Inwiefern es mir gelingt, ist natürlich auch fraglich.
      Liebe Grüße
      Serap

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s