Verständigung geht durch den Magen

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Es ist mein dritter Tag in einem Unternehmen, indem ich vor über einem Jahrzehnt zeitweise Teilzeit eingesetzt bin. Eine SOS E-Mail eines Senior Ingenieurs erreicht mich am späten Nachmittag und er will wissen, wann ich in den Feierabend starte, denn er bräuchte dringend Unterstützung und würde gern bei mir vorbeischauen. „In einer halben Stunde bin ich weg“, schreibe ich als Antwort zurück und erhalte ein „Bin schon unterwegs zu Dir!“ als Rückmeldung.

Der Senior Ingenieur berichtet, dass es eine 10-tägige internationale Konferenz mit insgesamt 70 Gästen aus aller Welt geben wird und er dringend jemanden braucht, der ihn unterstützt. Welcher Art der Unterstützung frage ich und erfahre, dass neben anderen Vorbereitungen, Verpflegung für die Konferenz bestellt werden muss.

„Okay, übernehme ich“, beruhige ich meinen Kollegen.

„Gut das Du sitzt“, erwidert er.

„Naaa, jetzt bin ich gespannt was kommt.“ Anscheinend gibt es einen Haken.

„Die Konferenz ist am Montag!“

„Welcher Montag?“

„Der kommende Montag!“

„Na, ist doch super … wir haben ja auch nur Donnerstagnachmittag und es wird ein Kinderspiel sein, einen Caterer für Montag zu finden, der ganz spontan für 70 Personen kocht.“

„Mir ist bewusst, dass es eine Herausforderung sein wird.“ Der Senior Ingenieur erklärt mir die Umstände, wie es dazu gekommen ist und dass er genauso ins kalte Wasser springen muss, wie ich jetzt auch. Aufgrund einer großen Entlassungswelle fehlt die administrative Kraft und der Ingenieur, der für das Projekt verantwortlich war. Jetzt erreicht ihn aus dem Ausland die Frage, wer eigentlich zuständig für die Konferenz sei. Keiner! Also springt er ein.

„Dann lass uns besprechen, wer kommt und was ich bestellen soll, so dass ich loslegen kann.“

„Wie gesagt, 70 Gäste aus aller Welt. Bestellt werden muss Essen für die Frühstückspause, Mittagessen und Nachmittagssnacks.“

„Schon klar, aber wer genau sind die Gäste und was genau soll ich bestellen?“ frage ich.

„Na, das was ich gerade gesagt habe.“

„Okay, ganz von vorne. Aus welchen Ländern kommen die Gäste? Wie viele Gäste kommen aus welchem Land?“

„Keine Ahnung.“

„Kannst Du es herausfinden? Am besten noch mit einer Namensliste der Gäste, die nach Ländern aufgeteilt ist?“

„Ich kann anfragen. Wird wohl möglich sein. … Aber was soll uns das bringen? Wir wollen doch nur Essen bestellen.“

„Woher sollen wir denn wissen, was die Gäste essen werden?“

„Die können doch das essen, was wir ihnen vorsetzen oder etwa nicht?“

„Besorg‘ mir die Liste und ich erkläre Dir, warum ich sie brauche.“

„Du kannst nicht einfach Essen bestellen? Ich meine … was willst Du denn auf der Liste sehen?“ fragt mich mein Kollege verwirrt.

„Ich werde aus ihr herauslesen, was wir bestellen können.“

Mein Kollege schaut mich fragend an.

„Willst Du, dass ich Dir helfe oder nicht?“ frage ich ihn neckisch.

„Ja!“

„Dann her mit der Liste!“

Am nächsten Morgen steht der Kollege stolz mit einem Blatt Papier vor mir. „Ich hab‘ sie“, lächelt er, „aber ich will jetzt wirklich mal wissen, was Du aus ihr herauslesen willst.“

Die ersten Gäste, die auf der Liste stehen, kommen aus den Vereinigten Staaten. Sie bilden die größte Anzahl an Gästen. Mit einem Kugelschreiber in der Hand, setze ich Punkte hinter gewisse Namen.

„Was sind das für Punkte?“ fragt mich der Kollege.

„Das sind Namen mit eindeutig jüdischem Ursprung“, antworte ich und ernte ein Entsetzen.

„Also Serap! Das geht uns doch nun wirklich nichts an!“

„Natürlich geht es uns etwas an, wenn wir Essen bestellen wollen. Wenn das nicht alles säkulare Juden sind, werden sie kein Schweinefleisch essen. Da können wir ihn doch kein Schweinenackensteak vorsetzen!“ argumentiere ich. „Schau mal hier wie viele Gäste aus Indien kommen. Wenn sie muslimischen Ursprungs sind, werde sie auch kein Schweinefleisch essen. Wenn sie dem Hinduismus angehören, verzehren sie kein Rindfleisch und wahrscheinlich ernähren sie sich gar rein vegetarisch. Nur mal so grob gesprochen. … Also Schwein und Rind sind die ersten zwei Tage erst einmal vom Essensplan gestrichen, bist wir die Gäste hier vor Ort haben und besser einschätzen können. Da wir hier am Hafen sind, bietet sich Fisch an. Solange er nicht in einer sahnigen Sauce schwimmt, ist es hoffentlich koscher genug. Also, lass uns drei warme Mittagsgerichte bestellen: Fisch, vegetarisch und Geflügel. Die Gäste aus Europa werden unkomplizierter sein, viele kommen aus küstennahen Ländern. Da ist Fisch gut und Geflügel werden sie hoffentlich auch essen. Nach dem ersten Tag schauen wir dann, wie die Reaktionen sind.“

Mein Kollege schaut erstaunt und verwirrt: „So viel Gedanken habe ich mir noch nie uns Essen gemacht. Nimm es mir nicht übel, aber ist das nicht ein wenig übertrieben?“

„Nicht bei der Gästestruktur“, schmunzle ich. „Wollen wir so verfahren?“

„Das überlasse ich jetzt Dir. Ich bin raus. Ich dachte, die Zeit ist der größte Faktor, der gegen uns spricht, aber das scheint unser geringstes Problem zu sein.“

„Wird schon schiefgehen.“

Am Freitag finde ich nach zahlreichen Telefongesprächen, tatsächlich einen Caterer, der Kapazitäten frei hat und einen Essensplan nach unseren Wünschen anfertigt. Für die ersten zwei Tagen planen wir das Menü und für Frühstück und Mittagssnacks entschließe ich mich, täglich einen anderen Lieferservice zu nutzen, um Abwechslung in die Sache zu bringen.

Als am Montag die Gäste aus über drei Kontinenten anreisen, ist die Aufregung groß. Mein Kollege und ich tun so, als ob wir schon seit Wochen an der Planung für diese Konferenz arbeiten. Da am ersten Tag die Gäste während des Vormittags anreisen, fällt glücklicherweise die Frühstückspause aus. Ungefähr 20 Minuten vor dem Mittagessen, kommt die Senior Assistant und Konferenzverantwortliche aus den Vereinigten Staaten mir im Flur entgegen, während ich auf dem Weg bin, im Zimmer, das eigens für das Catering bereitsteht, die Schilder für die jeweiligen Gerichte aufzustellen.

„Entschuldigen Sie, sind Sie Serap?“

„Ja.“

„Ich wollte nur sichergehen, dass alles bezüglich des Mittagsessens geplant ist. Es kommen schon die ersten Nachfragen …“

„Selbstverständlich. Ich bin gerade auf dem Weg in den Cateringraum. Wollen Sie mitkommen, dann kann ich Ihnen alles zeigen, falls es Fragen von den Gästen geben sollte. Selbstverständlich können Sie aber auch gerne auf uns verweisen.“

Die Senior Assistant und ich gehen gemeinsam in den Raum, in dem alles schon aufgebaut ist. Während ich die englischsprachigen Essensschilder aufstelle, führe ich durch das kalte und warme Menü und teile mit, welche Gedanken bei der Zusammenstellung des Essensplans eine Rolle spielten und mache darauf aufmerksam, dass eine Liste mit Zutaten vorliegt, falls es Rückfragen geben sollte.

„Dem Herrn sei Dank, es wurde mitgedacht!“ platz es erleichtert aus dem Munde der Senior Assistant heraus.

„Wie bitte?“

„Jedes Mal, wenn wir im Ausland sind, wird das Essen zu einem Problem. Nicht alles, was landestypisch ist, stößt auf Begeisterung bei den Gästen. Viele verlassen die Tagung, um außerhalb essenstechnisch fündig zu werden und kommen selten pünktlich wieder zurück. Alles zieht sich in die Länge und es ist tagtäglich ein Kampf gegen die Zeit. Danke auch für die Schilder. Das hilft, keine Nachfragen aufkommen zu lassen. Das nimmt ja auch immer Zeit in Anspruch, wenn man Rücksprache halten muss.“

Zehn Werktage lang sieht kein Gast einen Grund, außerhalb zu essen. Die Gäste sind zufrieden und verlassen nicht mal das Gebäude, weil das Wetter es gut mit uns meint und alle auf der Terrasse mit Blick auf den Hafen ihre Speisen zu sich nehmen. Nur die, die Mal die Beine etwas länger vertreten wollen, drehen eine schnelle Runde um den Block. Auch Schwein und Rind gesellen sich zeitweilig zum Menu. Die Gäste mit den speziellen Essgewohnheiten, kommen trotz regionaler Gerichte, auf ihre kulinarischen Kosten. Mein Kollege berichtet am Tag zehn, dass bei der Abschlussrede und Danksagung die Bewirtung in den letzten zwei Wochen besonders lobend hervorgehoben wurde.

„Serap, das war echt ein Volltreffer!“ freut er sich nach dem die letzten Gäste gegangen sind. „Mir war gar nicht bewusst, was für eine Rolle Essen spielen kann. Ich esse einfach alles ohne es zu hinterfragen und daher fand ich Deine Gedanken recht übertrieben. Jetzt merke ich, wie wichtig es bei so einer internationalen Zusammenkunft ist.“

Kleine Dinge besitzen die Macht des großen Einflusses. Die kleinen Aufmerksamkeiten, die Menschen – auch aus den unterschiedlichsten Kulturen – zusammenbringen und zusammenhalten. Die kleinen Zusatzgedanken, die ein Entgegenkommen symbolisieren. Die kleinen Gesten, die uns und dem Anderen deutlich machen, dass wir alle gleich sind, trotz unserer Unterschiede.

© Serap Yıldırım / 2019

Beitragsbild: Katarzyna Pracuch on Unsplash

Musik für Audio: http://www.orangefreesounds.com/hunger-games-song-rues-whistle-piano/

19 Comments

        1. mynewperspective

          Wie wahr. Meinen Eltern (vor allem meiner Mutter) ist es zu verdanken, dass ich gelernt habe, dass eine ganz wichtige Zutat im Essen nicht fehlen darf: Liebe! Liebe im Detail, Liebe in den Grundgedanken, Liebe in der Ausführung, … Daran hatte ich gar nicht gedacht, als ich die Geschichte niederschrieb. Vielen lieben Dank für den Gedankenanstoß.

          Gefällt 3 Personen

  1. finbarsgift

    Hab ich mir vorhin schon im Bettchen noch von dir vorlesen lassen und danach dann meinen Tag gestartet …
    was für eine feine, tiefsinnige Gourmetgeschichte, liebe Serap, voller Menschlichkeit und Verständnis für die anderen Menschen in der Welt, die einfach anders und anderes essen, als wir hier in D.
    Herrlich vorgelesen, herzlichen Dank dafür!
    Liebe Morgengrüße
    vom Lu

    Gefällt 2 Personen

      1. puzzleblume

        Ich fürchte, dieses „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt“, ist nicht nur in der älteren Generation in Deutschland noch sehr verwurzelt. Ein Machtmittel in der Erziehung der Kinder, selbst unter jungen Eltern, und auch eines um unter Erwachsenen ein Statement zu setzen. Unangenehm, aber leider nicht zu leugnen. Politische Gäste auf Staatsbesuch in Deutschland wurden in der Vergangenheit damit schon allzu häufig konfrontiert, und da sollte man doch wirklich ein Problembewusstsein und diplomatischen guten Willen voraussetzen.

        Gefällt 1 Person

        1. mynewperspective

          Dafür gibt es sicherlich sehr unterschiedliche Gründe. Die von Dir genannte und noch diverse andere. Es könnte z.B. sein, dass man – wie der Kollege – sich nie Gedanken darüber gemacht hat, weil man selbst „alles isst“. Dann stelle ich mir vor, dass das Fehlen von interkulturellen Kompetenzen eine Rolle spielen kann. Vielleicht hat man auch nur im Blick, dass man etwas Nationales den Gästen servieren möchte, ohne Blick auf kulturelle / religiöse Essgewohnheiten. Eigentlich meint man es gut, will sich / sein Land (re-)präsentieren. Ignoranz kann eine Rolle spielen. Menschliches „einfach nicht mitgedacht“. Und sicherlich auch noch weitere Gründe, die hier nicht stehen. … Solange wir dazulernen (auch erst nach peinlichen Vorkommnissen) sind wir auf dem richtigen Weg. 🙂

          Gefällt 4 Personen

  2. gkazakou

    Das ist ein wundervoller Betrag über die Bedeutung der Symbole. Da kommt dein türkischer Hintergrund zum Tragen, denn in Deutschland ist man da eher unsensibel und denkt, es käme einzig auf die Substanz und nicht auch auf die Geste an. Dadurch haben deutsche Politiker und Unternehmer im Ausland oft den Ruf von Barbaren.
    Darf ich dir eine Geschichte erzählen? Wir waren in Istanbul zu einem internationalen Treffen von Universitäts-Rektoren, mein Mann (Grieche) vertrat den Rektor der Uni Athen. Beim Kaffee kam er mit einem Kollegen aus Ankara ins Gespräch. Mein Mann rühmte Istanbul, wie schön und interessant Istanbul sei … benutzte ausdrücklich sehr oft das Wort Istanbul. Der Kollege aus Ankara bedankte sich und antwortete schmunzelnd, ja, er stimme zu, Konstantinopel sei wirklich eine zauberhafte Stadt, er komme auch immer gern nach Konstantinopel . … Beide fühlten sich äußerst wohl in dieser menschlich-humorvollen Kommunikation, bei dem ein möglicherweise heikles Thema symbolisch zu einer Freundschaftsbekundung wurde.

    Gefällt 4 Personen

    1. mynewperspective

      Liebe Gerda,
      wie sehr ich Deine Geschichten liebe, die in den Kommentaren stehen. Diese hier berührt mich ganz besonders. So sollte es meiner Meinung nach grundsätzlich sein. Wertschätzend, mitdenkend und gerne mit einer Prise Humor. So ist das Leben doch viel angenehmer und die zwischenmenschlichen Beziehungen im positiven Sinne auch nachhaltig.
      Mein türkischer Hintergrund kommt hier definitiv zum Vorschein und auch die Werte, die mir durch meine Eltern vorgelebt wurden. In Ländern, die eher als Einwanderungsland gelten, sind die Menschen wesentlich sensibilisierter, was dies betrifft. Da aber auch wieder vorausgesetzt, dass man mal über den eigenen Tellerrand geschaut hat. 🙂
      Liebe Grüße
      Serap

      Gefällt 2 Personen

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