Einer fehlt immer

Geschichte lieber von mir vorlesen lassen? Dann bitte Play-Button drücken.

Meine Familie und ich befinden sich im Urlaub. Nach einem Zweiwochenaufenthalt am Stand fahren wir entlang des Taurus Gebirges und halten aus einem mir nicht mehr bekannten Grund an einem Teehaus am Straßenrand in einer kleinen Ortschaft an. Während alle aus dem Auto sich nun die Beine vertreten und baba – türkisch für Vater – sich mit einem Herrn unterhält, der im Teehaus arbeitet, fällt mir ein allein sitzender Mann auf, der weit weg von allen anderen Gästen ist. Er bringt ein kleines fast schon erzwungenes Lächeln über das Gesicht, als er sieht, dass ich in seine Richtung schaue. Zu der Zeit bin ich höchsten zwölf Jahre alt. Irgendetwas an dem Mann ist anders. Er passt hier so gar nicht rein. Als ich sein Lächeln erwidere, ruft er leicht zu mir rüber:

„Aus Deutschland“ und deutet mit seinem Kopf Richtung Autokennzeichen.

„Sie sind Deutscher?“ frage ich erstaunt und trete näher an ihn heran.

„Ja“, erwidert er.  

„Leben Sie hier?“ frage ich erstaunt.

„Ja.“

„Warum?“ frage ich kindlich naiv „Hier gibt es ja nicht einmal einen Strand!“

„Je weniger Menschen, umso besser.“

„Sprechen Sie denn türkisch?“

„Mit Händen und Füßen.“

„Wie lange leben Sie den schon hier?“

„Seit ein paar Jahren.“

„Warum?“ frage ich, denn mir ist nicht erklärlich, was man in so einer klitzekleinen türkischen Dorfgemeinde im Gebirge als Deutscher macht.

„Ich hatte ein schönes Leben. Dachte ich zumindest …“ beginnt er fast schon nachdenklich zu erzählen. Gute Freunde, mit denen ich seit meiner jüngsten Schulzeit unzertrennlich war. Sie waren meine Familie, verstehst Du? … “

Schweigend höre ich im zu.

„… Jede Woche haben meine Freunde und ich uns getroffen, um Skat zu spielen. Zu fünft. Nicht jeder war jede Woche dabei. Man hat ja immer mal etwas anderes zu tun. Jahrelang haben wir uns getroffen, nie ausfallen lassen, auch nicht wenn Urlaubszeit war. Irgendeiner hat aber immer gefehlt. Alle hatten wir unsere Familien, aber unsere Freundschaft war besonders. …“

Immer noch schweigend höre ich ihm zu.

„… An einem Abend, als der ein oder andere von uns etwas zu viel getrunken hatte, erfuhr ich, dass meine Kumpels, jeder von ihnen, an einem ganz bestimmten Ort waren, wenn sie nicht am Skat teilnahmen: In meinem Bett … mit meiner Frau. Jede Woche ein anderer. Immer abwechselnd. Jahrelang. …“

Mein jugendliches Ich versteht zu der Zeit nur, wie gemein diese Menschen zu diesem Mann waren. Weiterhin schweigend höre ich ihm zu.

„… Ich habe mich scheiden lassen. Von dem, was nach der Scheidung übrigblieb, kaufte ich mir ein Flugticket, kam in die Türkei und bin danach so lange durch die Gegend gefahren, bis ich mich hier niedergelassen habe. Ein klitzekleines Haus habe ich mir gekauft. Die Bewohner hier kochen für mich, dafür repariere ich für sie, was auch immer anfällt. Man hilft sich gegenseitig.“

Könnte es jedoch sein, dass er statt ‚nichts Böses‘ zu tun etwas ‚zu wenig‘ tut?

Anne – türkisch für Mutter – ruft mich, weil es wieder weitergeht für uns. Der Mann und ich verabschieden sich voneinander und ich winke ihm lächelnd aus dem Auto zu. Vergessen ist er und seine Geschichte auch heute noch nicht.  

Nun, ein paar Jahrzehnte später, als ich mich wieder an die Geschichte erinnere, die mir als junger Teenager erzählt wurde, sehe ich etwas mehr als „Gemeinheit“ gegenüber diesem Mann im Teehaus. Selbstverständlich wünsche ich keiner Person solche Erfahrungen, aber geschieht derartiges tatsächlich einseitig? Ohne eine Frage der Schuld oder Moral zu diskutieren, frage ich mich, welchen Beitrag dieser Mann im Teehaus leistete, dass ihn fünf Menschen, die er zu seiner Familie zählte, jahrelang betrogen?

Mal generell gesprochen: Könnte es sein, dass wir Menschen, die wir als Familie bezeichnen, vernachlässigen, weil sie selbstverständlich sind? Könnte es sein, dass wir aufhören, aufmerksam zu sein, weil wir denken, dass Familie keine konstante Arbeit auch an sich selbst bedeutet? Könnte es sein, dass wir die Familie als Komfortzone nutzen, der Preis des Komforts aber von den Mitgliedern der Familie getragen werden?

Verständlich ist es, wenn man nach einem derartigen Betrug zunächst das Weite sucht. Jedoch frage ich mich, ob dieser Mann im Teehaus wohl die eine Komfortzone mit einer nächsten Komfortzone ausgetauscht hat. Mehrere Jahre in einem Land zu leben und sich immer noch mit Händen und Füßen zu unterhalten und nach wie vor von den Frauen in der Ortschaft täglich bekocht zu werden klingt nicht nach viel Arbeit. Wieviel Reparaturen fallen hier wohl an, dass sich das Tauschgeschäft jahrelang auszahlt? So, wie der Mann im Teehaus mir in Erinnerung geblieben ist, würde er wohl keinem anderen Menschen etwas Böses tun. Könnte es jedoch sein, dass er statt ‚nichts Böses‘ zu tun etwas ‚zu wenig‘ tut? Könnte es sein, dass er sich umdreht und geht, weil alles für ihn selbstverständlich ist und keiner Aktion bedarf, aber sein bewusstes oder unbewusstes Gehen eher ein Weglaufen als ein Dazulernen bedeutet?

Jedes einzelne Leben steckt voller Aufgaben. Es liegt an uns, was wir aus diesen Aufgaben machen. Wir können diesen den Rücken kehren und die Erledigung anderen überlassen oder sich diesen stellen. Die erste Variante könnte uns zu einem ständigen Opfer werden lassen, dass die Lösung im Wegrennen und die Schuld in anderen Personen sucht. Die zweite Variante könnte uns etwas sehr Wertvolles über uns selbst lehren, wenn wir es nur zulassen würden und daran wachsen.  

© Serap Yıldırım / 2019

Beitragsbild: Aditya Chinchure on Unsplash

Musik / Sounds für Audio:

https://www.zapsplat.com/music/restaurant-ambience-people-chat-and-laughter-speyer-germany/

https://www.zapsplat.com/music/classical-piano-music-taylor-howard-the-queen/



27 Comments

  1. Wicca Secret

    Was lehrt uns das Leben? Du bekommst nichts geschenkt in diesem Leben. Auch wenn du manchmal glaubst das dem so ist. Aber jedes Nehmen erfordert auch ein Geben. Ich denke das dieser Mann genau wie du schreibst, gerne nimmt, sich aber über das Geben wenig nachdenkt. Er bemitleidet sich lieber selbst. Wobei das Gleiche für seine Frau und seine Freunde gilt. Sie alle zusammen, hatten sich gegenseitig verdient, weshalb das Ganze auch jahrelang so lief. Die Frau hat es sich genauso bequem gemacht. Statt Konsequenzen aus ihrer Ehe zu ziehen und zu gehen, hat sie sich ins Bett gelegt und jeden der wollte da rein gelassen. Ihre Art der Lebensverweigerung. Statt selbst etwas aus sich zu machen, andere für das Selbstwertgefühl sorgen lassen. Ja und die 4 charakterlosen Mitspieler, am Skattisch wie im Bett, haben statt Verantwortung zu übernehmen und ihren Skatpartner aufzuklären, den Weg des Genusses gewählt. Den einfachen Weg. Skat und Frau. Was muss man für ein Mensch sein, um solch einen Weg zu gehen? Ich weis es nicht und möchte es auch gar nicht wissen. Zeigt es aber das Vertrauen nichts mit Blind oder geschenkt zu tun hat. Vertrauen ist eine Sache des Momentes, eines Momentes, der sich ständig aufs neue selbst überprüft. Wer da nicht mehr zuhört, wird mit den Konsequenzen leben müssen. Denn das Leben schenkt dir nichts ohne eine Kehrseite.Weil es nichts ohne Kehrseite gibt. Diese gilt es genauso anzuschauen, wie die funkelnde Vorderseite. Zur gleichen Zeit und nicht im Nachhinein.

    Gefällt 2 Personen

    1. mynewperspective

      Vielen Dank für Deine differenzierten Gedanken, die durch die Geschichte ausgelöst wurden. Menschen kommen – meines Erachtens – zusammen, weil sie voneinander lernen sollen/müssen/können. Es liegt an uns, was wir daraus machen. Jede Person ist für die eigene Entwicklung selbst verantwortlich. Schön ist es, wenn wir dies (irgendwann) sehen, erkennen und für unser persönliches Wachstum ein- und umsetzen können.

      Gefällt 3 Personen

      1. Wicca Secret

        Es gilt als erwiesen, das Menschen im zwischenmenschlichen Bereich, durch die Worte Anderer nichts lernen. Es scheint sogar der Fall, das sie durch Ablehnung des gesagten, von ihrer eigenen Route abweichen, nur um dem Gegenüber keine Bestätigung zu geben. Scheinbar hat der Mensch einen Hang, bedingt wohl durch die Kindheit, niemandem Worte mehr folgen zu wollen. Egal wie richtig und logisch die Worte auch sind.Sie erbitten sich das Recht auf eigene Fehler. Ein sehr interessanter psychologischer Ansatz, weil daraus ein großer Teil der menschlichen Fehlentwicklung zu erklären ist. Vor allem die ganz finsteren.

        Gefällt 2 Personen

        1. mynewperspective

          Ausnahmen bestätigen hier hoffentlich die Regel, denn ich persönlich sehe alles nur als temporär „erwiesen“ an, bis jemand mit einer neuen Theorie in diesem Feld zu uns durchdringt.

          In einem anderen Kommentar habe ich es erwähnt: „Fehler“ sind für mich die Chance zur Entwicklung und verbergen Potenziale. Vielleicht besteht der Fehler in unseren Breitengraden darin, dass wir Fehler negativ besetzen und nicht als positives Werkzeug zur Entwicklung nutzen.

          Gefällt 2 Personen

    1. mynewperspective

      Vielen Dank. Freut mich, wenn es zum Nachdenken anregt. Selbstverständlich basiert alles auf den Erinnerungen, die nun über zwei Dekaden entfernt liegen, aber die Grundgedanken dahinter haben auch mich sehr lange beschäftigt, weitaus mehr, als in der Geschichte wiedergegeben wurde.

      Gefällt 2 Personen

  2. gkazakou

    eine abstruse Geschichte, die schwer zu glauben ist. Die Freunde – das ist schon der pure Wahnsinn, dass sie sich abgesprochen und sich nie verraten haben. einmal, als zu viel getrunken wurde, aber doch … Wurde denn vorher nicht auch getrunken? Hat er es in die falsche Kehle gekriegt? Hat der Mann denn seine Frau überhaupt nicht gekannt? Oder hat er der kleinen Serap einen Bären aufgebunden? Ist ja sowieso ein starkes Stück, eine solche Geschichte einem kleinen Mädchen zu erzählen.

    Ich habe als sehr junge Frau (vielleicht 19) beim Trampen mal einen Fahrer gehabt, der war irgendwie außer sich. Ich fragte, was los sei. Er holte eine Pistole aus dem Seitenfach und fuchtelte damit herum, aber ich hatte keine Angst, höchstens dass er einen Unfall machen könnte, denn wir fuhren auf der Autobahn. Er begann stockend zu erzählen: er war Handelsvertreter und immer viel unterwegs. Mit dem Geld, das er verdiente und brav nach Haus trug, möblierte er die Wohnung. Bis er eines Tages heimkam und in dem mühsam abgezahlten Bett ein anderer lag. Nun wollte er jemanden erschießen, offenbar war ihm nur noch nicht klar, wen: seine Frau oder den Nebenbuhler. Die anschließende Unterhaltung tat ihm gut, er beruhigte sich ein bisschen und wird wohl nicht zum Täter geworden sein. So hoffte ich damals.

    Gefällt 3 Personen

    1. mynewperspective

      Liebe Gerda,

      Deine Trampgeschichte hat es in sich. Dein Instinkt scheint Dir gesagt zu haben, wie Du Dich in der Situation zu verhalten hast. Wir können nur hoffen, dass der Mann sich später nicht dafür entschieden hat, jemanden umzubringen. Mit dem kühlen Kopf fragt man sich, ob es sich lohnt, dafür auch noch ins Gefängnis zu kommen, aber wer behält bei so einer Situation schon einen kühlen Kopf? Von Starre und Schockzustand bis Durchdrehen ist in solchen Situationen wahrscheinlich alles drin. Je nachdem, welcher Typ Mensch man ist.

      Zu meiner Geschichte … sie ist bis heute auch für mich schwer zu glauben, aber ich genoss eine andere Erziehung. Der Mann hat mir sicherlich keinen Bären aufgebunden, weil auch der Mann im Teehaus, der sich mit meinem Vater unterhalten hat, die gleiche Geschichte erzählt hat. Genauso wie Du habe ich mich im Nachhinein auch gefragt, ob das eine Geschichte für ein kleines Mädchen ist und mir ist dabei aufgefallen, dass mir tatsächlich schon seit Kindesbeinen von Menschen (Erwachsenen) Dinge erzählt werden, die nicht kindgerecht sind. Anscheinend strahle ich etwas aus, dass man mir die tiefsten Geheimnisse in den ersten Minuten der Bekanntschaft zu erzählen zu können scheint.

      Zu Deiner Frage, warum der Mann so lange gebraucht hat, bis anscheinend „genug getrunken“ wurde, fiel mir eine Geschichte ein, die ich mal im türkischen Fernsehen gehört habe. Ein junger Mann in den Zwanzigern erzählte dort, dass ab einem bestimmten Zeitpunkt seine Freundin ihn „koçum“ genannt hat. Dies bedeutet Mein Schafbock und steht für: „Mein Bester“ oder wie in Liebesbeziehungen auch genutzt für Männlichkeit. Dem jungen Mann hat es gefallen, er hat sich bestätigt gefühlt. Nach zwei Jahren, als er sich morgens das Gesicht gewaschen und in den Spiegel geschaut hat, kam ihm „plötzlich“ der Gedanke, dass er tatsächlich zu einem koç geworden ist. Seine Freundin hatte ihm die Hörner aufgesetzt! Dieser junge Mann sagte selber, dass er nicht zugehört hat. Er hatte anders interpretiert, nicht darüber nachgedacht, warum sie anfing, ihn auf einmal so zu nennen, für ihn die schmeichelhafteste Interpretation gesucht und darin lange verweilt, bis der Groschen gefallen ist.

      Jeder für sich wird dies jetzt anders deuten. Naiv? Gutgläubig? Selbstverliebt? Volltrottel? Blind? Vielleicht eine Mischung aus allem, vielleicht vertrauen wir als Menschen gerne und können es uns nicht leisten? Die Liste der Fragen und Antworten ist wahrscheinlich genauso zahlreich, wie es Menschen geben wird.

      Danke für Deinen Beitrag und das Teilen deiner Gedanken und Erfahrungen.

      Viele Grüße
      Serap

      Gefällt 3 Personen

  3. Ulli

    Deinen Fragen und Antworten folge ich gerne und nicke ihnen auch teilweise zu. Diese aber über diesen Mann allein zu stülpen scheint mir nicht richtig zu sein. Was ist mit der Frau, die sich, statt scheiden zu lassen, lieber jede Woche mit einem seiner Freunde vergnügt? Und was sind das für Freunde? Keine in meinen Augen. Kein Mensch ist fehlerfrei, aber hier haben weder Ehefrau, noch die sogenannten Freunde den Dialog gesucht und das finde ich fatal. Bei solch einem Schlag ins Gesicht würde ich auch gehen! Hier kann ich keine Flucht im klassischem Sinne erkennen, nur ein tiefes Verletztsein.
    Was nun Reparaturen gegen Essen angeht, da scheint es eine Übereinkunft zu geben und wenn alle damit ihren Frieden haben, dann ist das doch in Ordnung und wenn nicht alle, dann müssen eben diese dies lassen und/oder zur Sprache bringen. Zu gelebten Abmachungen gehören immer alle Parteien, im Fall der Ehefrau, den „Freunden“ und ihm genauso wie zu den Dorfbewohnern und ihm. Du weißt nicht und ich auch nicht was der Mann aus dem Ganzen wirklich gelernt hat. Mein Motto ist, dass meine Maßstäbe meine sind, ich kann sie nicht über andere stülpen!
    herzliche Grüße
    Ulli

    Gefällt 3 Personen

    1. mynewperspective

      Danke für Deine sehr wertvolle Rückmeldung, liebe Ulli.

      Sehr gerne würde ich wissen wollen, in welcher Form ich Deines Erachtens hier etwas übergestülpt habe.

      Bei dieser Geschichte lag mein Fokus auf der Frage, welcher Anteil dieser Mann an diesem Geschehnis haben könnte. Gerade bei dieser Geschichte habe ich sehr viel Wert daraufgelegt, im Konjunktiv zu schreiben, keine Frage von Schuld und Moral (alle Seiten betreffend) aufzunehmen und meine Fragen / mögliche Antworten von der beleuchteten Seite (Ehemann) aufzuschreiben. Andere Fragen und Antworten sind durchaus möglich, schließlich basieren meine Gedanken auf den Bruchstücken einer Geschichte.

      Vielleicht liegt es auch an unseren unterschiedlichen Betrachtungsweisen. Grundsätzlich gesprochen betrachte ich „Fehler“ (weiß sonst nicht, wie ich es anders benennen soll) als Entwicklungspotential und nicht als Fehler, wie wir es im negativen Sinne oftmals beigebracht bekommen. Dies ist kein Zeigefinger, sondern Ansatz zum Bessermachen.

      Vielleicht wirft dies ein anderes Licht auf meinen Ansatz. Deine Rückmeldung dazu interessiert mich sehr (wenn Du Zeit und Lust hast), denn das Letzte, was meine Geschichten enthalten sollen, ist ein gehobener Finger! Wenn dem so ist, lerne ich gerne dazu … schließlich ist das die Richtung, aus der ich komme. 😊

      Liebe Grüße
      Serap

      Gefällt 4 Personen

      1. Ulli

        Liebe Serap, erst einmal finde ich es gut, dass du nachfragst, nur so können Missverständnisse ausgeräumt werden.
        Ich schrieb am Anfang meines Kommentars, dass ich zu vielem nicken, als ja sagen kann, bzw. auch die eine und andere Frage berechtigt finde. Meins bezieht sich hauptsächlich auf den vorletzten Absatz: „Verständlich ist es, wenn man nach einem derartigen Betrug zunächst das Weite sucht. Jedoch frage ich mich, ob dieser Mann im Teehaus wohl die eine Komfortzone mit einer nächsten Komfortzone ausgetauscht hat. Mehrere Jahre in einem Land zu leben und sich immer noch mit Händen und Füßen zu unterhalten und nach wie vor von den Frauen in der Ortschaft täglich bekocht zu werden klingt nicht nach viel Arbeit. Wieviel Reparaturen fallen hier wohl an, dass sich das Tauschgeschäft jahrelang auszahlt? So, wie der Mann im Teehaus mir in Erinnerung geblieben ist, würde er wohl keinem anderen Menschen etwas Böses tun. Könnte es jedoch sein, dass er statt ‚nichts Böses‘ zu tun etwas ‚zu wenig‘ tut? Könnte es sein, dass er sich umdreht und geht, weil alles für ihn selbstverständlich ist und keiner Aktion bedarf, aber sein bewusstes oder unbewusstes Gehen eher ein Weglaufen als ein Dazulernen bedeutet?“
        Zum Beispiel kannst du doch gar nicht wissen, ob er in einer Komfortzone gelebt hat und die jetzige Situation als eine solche begreift. Insgesamt finde ich hier einige Bewertungen, es gibt Menschen, besonders in höherem Alter, die sich sehr schwer tun eine neue Sprache zu lernen. Dann wissen wir nicht wieviel er wirklich arbeitet fürs Essen und wie er sonst noch hilfreich ist. Auch wissen wir nicht was er gelenrt hat, was nicht. Du setzt aus meiner Sicht hier deine Maßstäbe ans Leben an, aber nicht alle Menschen handeln nach den selben Maßstäben. Ich sehe in der Geschichte vor allen Dingen einen Verrat von fünf Freunden und seiner Ehefrau und dies kann eine so große Verletzung sein, die vielleicht Jahre braucht, um zu heilen. Auch möchte ich zu bedenken geben, dass du damals 12 Jahre alt gewesen bist und die Begegnung nur kurz, daraus all das abzuleiten ist zwar okay, wie geschrieben, auch deine Fragen daraus, aber die Bewertungen darin, in meinen Augen nicht.
        Soweit erst einmal.
        Ich wünsche dir Gutes,
        herzlichst, Ulli

        Gefällt 1 Person

        1. mynewperspective

          Danke für Deine Rückmeldung, liebe Ulli.
          Deine Ausführungen verstehe ich, jedoch konnte ich für mich die Frage nicht beantworten, warum es bewertend ist, wenn ich eine andere Möglichkeit in dieser Geschichte aufzeige, die so sein könnte(!), aber nicht sein muss. Deshalb alles im Konjunktiv. Keiner kann wissen, ob es so war, wie ich es geschrieben habe oder wie jeder einzelne Leser der Geschichte es für sich gedeutet hat. Aus Deinen Ausführungen entnehme ich, dass ich ggfls. eine andere Wortwahl hätte wählen sollen, bzw. es deutlicher schreiben sollen, dass es nur Hypothesen sind, die auch möglich sein können. Daher danke sehr für Deinen Input.
          Viele liebe Grüße
          Serap

          Gefällt 1 Person

  4. finbarsgift

    Dass das in deiner Erinnerung sooo sehr hängengeblieben ist, liebe Serap, kann ich sehr gut verstehen. Und ebenso, dass all das enorm gewichtige Fragen und Antworten bei dir ausgelöst hat. Immer noch. Im Laufe meines Lebens habe ich lernen müssen, dass Menschen unvorstellbar grausame Dinge tun, vor allem auch insgeheim. Was bei mir dazu geführt hat, dass ich kaum mehr jemandem über den Weg traue, selbst innerhalb der Familie nicht (mehr).
    Herzlichen Dank dir erneut für’s feine Erzählen!
    Liebe Morgengrüße vom Lu

    Gefällt 2 Personen

    1. mynewperspective

      Es gibt Geschichten und Erfahrungen, die man wohl nie vergisst, lieber Lu. Egal, wie sehr die Details mit der Zeit auch verblassen.
      Wir Menschen lernen (hoffentlich) mit unseren Erfahrungen, so schmerzhaft und traurig es manchmal auch sein mag.
      Danke Dir für Deinen Beitrag.
      Herzliche Grüße
      Serap

      Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.