Feste nicht feiern können

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Es ist der Monat Ramadan. Die Fastenzeit ist immer etwas Besonderes, denn sie ist von großer Bedeutung. In meiner Familie wird aus diversen Gründen nicht gefastet, aber anne – türkisch für Mutter – kocht mehrmals in diesem Monat für Freunde und Bekannte, denn das gemeinsame Fastenbrechen ist nicht nur ein besonderer Moment, sondern gilt als eine gute Tat für all die, die die Mühe der Vorbereitung für und die Bewirtung von Gästen auf sich nehmen.

Jede Einladung zieht mit sich, dass anne sich tagelang auf das Fastenbrechen mit den Gästen vorbereitet. Es wird eingekauft, gewaschen, geschnitten, eingelegt, frittiert, (vor-)gekocht, und, und, und … Mit sehr großem Aufwand, viel Einsatz und vor allem auch viel Herz bereitet anne Köstlichkeiten für die Gäste vor. Die letzten Minuten kurz vor dem Fastenbrechen sind genauso spannend und aufregend, wie die letzten Sekunden eines alten Jahres und der Beginn des neuen. Alle sitzen wir am Tisch, behalten die Uhr im Auge und besinnen uns gemeinsam auf den bedeutenden Moment der bevorsteht. Wenn die Zeit gekommen ist beginnt das Fastenbrechen entweder mit einer Dattel oder einer Olive.

Jahr ein, Jahr aus, bewirten wir zu Hause Gäste zu Ramadan mit einer Selbstverständlichkeit. Als ich Älter werde, fällt mir irgendwann auf, dass wir nicht zum Fastenbrechen bei Freunden und Bekannten eingeladen werden, sondern die Einladung immer nur einseitig erfolgt. Anne erklärt mir, dass es sicherlich daran liegt, weil baba – türkisch für Vater – meistens berufsbedingt nur am Wochenende anwesend ist und die anderen dadurch eingeschränkt sind, wenn sie uns einladen wollen. Mich befriedigt diese Erklärung absolut nicht. Schließlich laden wir auch Gäste ein, egal, ob baba anwesend ist oder nicht. Außerdem muss baba auch nicht eingeladen werden, wenn es gar nicht geht und anne und ich könnten unter der Woche zu Gast sein. Anne merkt, dass ich nicht lockerlasse. Sie erklärt mir fast schon widerwillig, dass wir wahrscheinlich nicht eingeladen werden, weil wir nicht fasten, wie die anderen. Dies ergibt Sinn, ist aber auch kein Grund für mich, nicht eingeladen zu werden. Schließlich geht es in diesem heiligen Monat nicht ausschließlich darum, wer fastet, sondern darum, dass ein Gefüge der Gemeinsamkeit gelebt wird. Wo bitteschön würde stehen, dass Menschen, die nicht fasten (können/sollen/müssen/wollen) ausgeschlossen werden dürfen?

Szenenwechsel.

Es ist Vorweihnachtszeit. Mir fällt auf, dass die Kollegen im Büro auch ohne dem sonst vorgegebenem Dresscode an einem Tag besonders schick gekleidet sind. Da ich an einem Prestigeprojekt der Abteilung arbeite und durch diese Planung nicht an das Tagesgeschäft gebunden bin, nutze ich selten gemeinsame Ressourcen, wie den Teamkalender. An diesem Tag schaue ich jedoch rein und entdecke, dass für den Abend ein Weihnachtsessen für die Abteilung eingetragen ist. Einladungen wurden versendet und alle Zusagen registriert. Nur ich fehle auf der Liste der Eingeladenen und somit auch der Zugesagten.

Mir den Hörer schnappend, wähle ich die Durchwahl der Assistentin der Abteilungsleitung, die mich sofort weiterverbindet. Spätestens jetzt bin ich mir sicher, dass ich absichtlich nicht eingeladen wurde, denn die Assistentin ist diejenige, die die Einladungen versendete und mir die Frage auch beantworten könnte, wenn es ein Versehen sein sollte. Da mich diese Art der Behandlung rein gar nicht mehr überrascht und auch kein Einzelfall mehr darstellt, bin ich schon ganz gespannt darauf, was mir wohl als Erklärung aufgetischt wird.

Mich komplett naiv stellend, erzähle ich dem Abteilungsleiter, dass ich leider erst jetzt sehe, dass es ein Weihnachtsessen für das gesamte Team gibt und ich nicht zusagen konnte, weil es wohl ein Versehen gab, als die E-Mail-Einladungen an alle herausgingen. Der Abteilungsleiter räuspert etwas vor sich hin und erklärt, dass es kein Versehen gäbe.

„Ach so, ich wurde bewusst nicht eingeladen? frage ich vorgespielt irritiert.

„Jaa, … weil Sie eine Teilzeitkraft sind.“

„Verstehe, aber warum wurden dann die beiden anderen Kolleginnen eingeladen, die ebenfalls nur Teilzeit arbeiten?“

Ein kurzes Schweigen am anderen Ende der Leitung.

„Wissen Sie, Frau Yildirim, Sie müssen das so sehen: Das ist keine Weihnachtsfeier, die vom Arbeitgeber bezahlt wird. Für diese Einladung werde ich persönlich die Rechnung übernehmen. Da darf ich mir schließlich aussuchen, wenn ich einladen möchte.“

„Oh, wenn es um das finanzielle geht, schlage ich vor, dass ich heute Abend als Teil des Teams dabei bin und meine Rechnung selbst begleiche. Das gemeinsame Erleben im Team und der Zusammenhalt im weihnachtlichen Sinne sind doch schließlich die Grundgedanken dieses Essens.“

„Nein, Sie haben das missverstanden. … Dies ist eine private Feier, zu der ich einlade.“

„Sie laden, die Ressourcen des Arbeitgebers nutzend, noch zur regulären Arbeitszeit zu einer privaten Abteilungsfeier ein und nennen es ‚Teamweihnachtsessen‘?“

Wieder kurze Stille am anderen Ende der Leitung.

„Ach, Frau Yildirim, was soll denn das? Sie feiern ja nicht einmal Weihnachten!“

„Sie scheinen eine ganze Menge an Gründen zu haben, warum Sie mich nicht zu einem Teamweihnachtsessen einladen. Je länger wir reden, desto länger wird die Liste.“

Erneutes Schweigen an anderen Ende.

Okay, ich hatte meinen Spaß. Minutenlang genoss ich, dass mein Vorgesetzter am anderen Ende der Leitung auf seinem gepolsterten Abteilungsleiterstuhl hin- und her rutschte und mir versuchte zu erklären, warum er mich als Einzige vom Weihnachtsessen ausschloss. Ihm und dem Team eine schöne gemeinsame Zeit beim Abendessen wünschend, setze ich einen Termin für die kommende Woche mit ihm an, in der wir nicht nur meine Rolle im Team und in der Abteilung, sondern auch die dadurch resultierenden Pflichten des Abteilungsleiters mir gegenüber zu besprechen. Er willigt widerwillig ein.

Szenenwechsel.

Heute, wenn ich zurückblicke und mir diese Erlebnisse wieder ins Gedächtnis rufe, stelle ich mir – nach wie vor – folgende Fragen: Was möchten Menschen tatsächlich damit erreichen, wenn sie andere ausschließen? Welche Form von Moral rechtfertigt, etwas von anderen Menschen anzunehmen, wenn diese Personen unseren Vorstellungen gar nicht entsprechen? Welche Botschaft senden Menschen über sich selbst aus, wenn sie mit fadenscheinigen Begründungen andere nicht teilhaben lassen? Welchen Sinn ergibt das kollektives Denken, wenn unsere Gedanken von vornherein eine Integration verhindern? Welchen Gewinn ziehen wir aus Ritualen jeglicher Art, wenn der Grundgedanke dieser zweckentfremdet wird?

© Serap Yildirim / 2018

Beitragsbild: Photo by rawpixel on Unsplash
Musik/Sound für Audio:
http://www.orangefreesounds.com/dusty-track-middle-east-sound/
http://www.orangefreesounds.com/vivaldi-four-seasons-winter-movement-1/
http://www.orangefreesounds.com/meditation-music-for-relaxation-and-dreaming/

15 Comments

    1. mynewperspective

      Es gibt meines Erachtens für alles eine Erklärung, auch wenn es schwer ist, dies in den Einzelfällen zu ergründen.
      Es ist immer die eigene Entscheidung, wie man mit etwas umgeht. Ich kann die Handlung einer anderen Person mir gegenüber durch „das Schlucken“ zu eigen machen oder durch „das Ausspucken“ für den anderen sichtbar werden lassen.
      Die Geschichte mit dem Abteilungsleiter zeigt, dass ich „nur“ nicht zum Teamweihnachtsessen eingeladen wurde. Dafür musste er mir (wesentlich länger als in der Geschichte wiedergegeben) Rede und Antwort stehen und das nicht nur am Telefon, sondern auch später in der von mir(!) angesetzten Besprechung. … Wenn hier jemand „geschluckt“ hat, dann nicht ich. 😉

      Gefällt 5 Personen

  1. Antje aus dem Norden

    Wieder eine toll dargebrachte Geschichte, liebe Serap. 😊 Deine Texte lese und höre ich so gern. 🤗 Der Inhalt stimmt mich traurig – Wir wollen immer alle so wahnsinnig tolerant und aufgeschlossen sein. Aber viele Menschen sind es eben nicht. Wir beschäftigen uns nicht mit dem für uns Fremden, sondern Grenzen von vornherein aus, weil das natürlich viel einfacher ist. Aber ich finde es Klasse, dass du in der geschilderten Situation so souverän warst und deinem Gegenüber den Spiegel vorgehalten und nd es nicht persönlich genommenen hast. So eine Situation ist nicht schön, aber du hast drüber gestanden 👍🏻 Ich drück dich aus der Ferne 🤗

    Gefällt 3 Personen

    1. mynewperspective

      Herzlichen Dank für Deine Rückmeldung, liebe Antje. Auch wenn die Geschichte traurig stimmt, zeigt sie – wie Du auch geschrieben hast – dass man über den Dingen stehen kann, wenn man nicht alles persönlich nimmt. Nicht alles muss man sich zu eigen machen 😉
      Traurig ist natürlich auch, dass sonst keiner im Team etwas gesagt hat. Schweigen bring einen so lange weiter, bis man selber betroffen ist und sich wundert, dass keine Unterstützung kommt. Wichtig ist es, nicht nur für sich, sondern auch für andere zu sprechen.
      Fühl‘ Dich herzlich umarmt.

      Gefällt 4 Personen

    1. mynewperspective

      Diskriminierung in jeglicher Form ist leider aus der Gesellschaft/ Arbeitswelt nicht wegzudenken. Zumindest ist dies meine Erfahrung, nicht nur, was mich persönlich betrifft. Nicht selten musste ich erleben, dass Mitarbeiter eines Unternehmens aus Seminaren wie Anti-Diskriminierung / interkulturelle Kompetenzen herauskamen, um genauso weiterzumachen, wie sie es nun mal gewohnt waren. Veränderungen in der Denkweise scheinen leider nur sehr schwer und/oder sehr langsam realisierbar zu sein. Dies bedeutet jedoch nicht, dass alles hingenommen werden muss. Derartiges Verhalten trägt meines Erachtens erst recht nicht zur Veränderung herbei, so klein der Fortschritt und langsam der Prozess auch sein mag.

      Gefällt 1 Person

  2. finbarsgift

    Was für ein fadenscheiniges Gekwatsche des Herrn Abteilungsleiters, liebe Serap, anstatt einfach glasklar seine Meinung kundzutun!
    So musst du ihm alle Würmer einzeln aus der Nase ziehen — wie eklig!

    Deine Herz-zu-Herz-Vorlesung habe ich wieder begeistert genossen!
    Und:
    Das Fastenbrechen stelle ich mir sooooo wundervoll vor!

    Liebe Grüße zur Nacht
    vom Lu

    Gefällt 1 Person

    1. mynewperspective

      Tja, lieber Lu, Menschen sind nun mal merkwürdige Wesen. 😉

      Vielen Dank, dass Dir die Herz-zu-Herz-Vorlesung so gut gefällt. Der Zeitaufwand lohnt sich immer wieder, vor allem, wenn ich dieses Feedback bekomme.

      Ramadan ist eine sehr schöne Zeit und das gemeinsame Fastenbrechen tatsächlich etwas ganz Besonderes. Ich mag den Grundgedanken des Monats und der Rituale und das Teilen erinnert mich auch immer wieder an die Sankt Martins Umzüge aus meiner Schulzeit, wo mir bildhaft die Bedeutung des Teilens vermittelt wurde.

      Liebe Grüße zum heutigen Tag
      Serap

      Gefällt 1 Person

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