Love you forever …

Geschichte lieber von mir vorlesen lassen? Dann bitte Play-Button drücken.

Es ist die Vorphase eines bedeutenden Kinderfestivals in der Stadt. Mein Auslandsjahr läuft schon lange nicht mehr nach Plan und ich werde bei dieser Organisation auf der Suche nach Alternativen fündig. Eine Sprachschule hatte ich sehr teuer dafür bezahlt, einen halbjährigen Intensivkurs und eine bezahlte halbjährige Tätigkeit bereitzustellen. Über ein dreiviertel Jahr und mit viel finanziellem Aufwand wurde von mir alles von Deutschland aus arrangiert. Visa und Arbeitserlaubnis im mühsamen Prozess beantragt und letztendlich erhalten, um vor Ort festzustellen, dass die renommierte Sprachschule das Angebot an qualifizierte Fachkräfte nicht wie geworben bereitstellen kann. Nach einer sehr langen und nervenaufreibenden Phase, die irgendwann ein Ende findet und ich es schaffe, mein Geld zurückzubekommen, führt mich der Weg zum Kinderfestival.

Als Ehrenamtliche biete ich mich an, vor und auch auf dem Festival unterstützend Hilfe zu leisten. Meine restlichen Monate in diesem Land will ich nicht sinnlos verstreichen lassen, auch wenn ich hier ’nur‘ arbeiten leisten kann, die eben übriggeblieben sind, weil sie sonst keiner übernehmen möchte. Im Eingangsgespräch werde ich von meiner Gesprächspartnerin gefragt, ob ich stressresistent sei. Ich bejahe. „Prima“, freut sie sich und ich bekomme eine Aufgabe auf dem Festival zugeschrieben, die anscheinend keiner haben will, denn es ist die einzige Aufgabe, die noch komplett unbesetzt ist. Es geht darum, in einem Zelt, in dem Kinder Drachen basteln können, die Managerin zu unterstützen. Ich willige ein. Es sei eine sehr beliebte Aktivität auf dem Festival und daher stark besucht. Für mich kein Problem. An wie vielen Tagen und für wie viele Stunden ich mich zur Verfügung stellen würde. Für die komplette Zeit. Ob ich mir sicher sei. Bin ich. Erstaunen und Freude im Gesicht meiner Gesprächspartnerin. Der gerade vorbeigehenden Kollegin berichtet sie, dass die Position im Drachenbastelzelt nun komplett besetzt wurde. Die Kollegin beugt sich zu mir und sagt: „Sie haben keine Ahnung, worauf Sie sich gerade eingelassen haben.“

Nach der Vorphase, in der ich planerisch aushelfe, kommt endlich die Festivalzeit. Meine Aufgabe besteht darin, dass ich in dem Zelt alle Ehrenamtliche einarbeite, beaufsichtige, koordiniere und dafür Sorge, dass alles reibungslos acht Stunden lang abläuft. 24 Ehrenamtliche befinden sich im großen Zelt. Viele sind nur für eine Schicht, die vier Stunden dauert, eingeplant. Bei Schichtwechsel gilt es, während des laufenden Festivals, die Neuen schnell einzuarbeiten, damit sie einsatzfähig sind. Die Ehrenamtlichen bestehen aus hauptsächlich aus College- und Sprachstudenten. Von Südamerika, über Europa bis Asien sind bis zu 20 Nationen insgesamt vertreten. Alle benötigen eine Einweisung und Unterstützung auf ihre kulturelle Art. Es gilt individuell auf alle Bedürfnisse einzugehen und dabei allen gerecht zu werden und Konsens zu finden, was die gemeinsame Mission betrifft.

Gesponsort wird diese Aktivität vom Gesundheitsministerium. Daher ist es die Aufgabe der Ehrenamtlichen nicht nur den Kindern beim Basteln von Drachen behilflich zu sein, sondern sie in einer altersgerechten Konversation über die Gefahren des Rauchens aufmerksam zu machen. Auch Ehrenamtliche des Gesundheitsministeriums sitzen im Zelt und sind einerseits Sponsor, die ihre Standards umgesetzt sehen möchten und andererseits auch wie jeder andere Ehrenamtliche Teil des Teams, welches gemanaged werden soll. Ein Spagat in alle Richtungen.

So viele glückliche Kinderaugen gehen durch unser Zelt.

Die ersten zwei Tage verlaufen mit 500 – 600 Gästen pro Tag eher ruhig. Es gilt, die Kinder in gewisser Zeit durch das Zelt ‚zu schleusen‘ und dabei die wichtige aufklärende Information während des Bastelns eines Drachens rüberzubringen. Es ist herrlich, wie die strahlenden Kinderaugen mit ihren Eltern, Großeltern, älteren Geschwistern oder Lehrern vor dem Zelt in der Schlange stehen und darauf warten, dass sie an der Reihe sind. Jedes Kind, das fähig ist, eine Schere zu benutzen, ist hier gut aufgehoben. Nach Anleitung der Ehrenamtlichen basteln sie ihre Drachen, führen ihre Gespräche über die schlimmen Folgen des Rauchens und lassen später draußen die Drachen steigen.

Das Wetter meint es zu gut mit uns und wir können uns in den Folgetagen an Besuchern nicht retten. Der Rekord liegt bei 1100+ Besuchern an einem Tag. So viele glückliche Kinderaugen gehen durch unser Zelt. Die Koordination zwischen der Managerin und mir läuft reibungslos. Von Stunde eins an ist es, als ob wir bereits seit Jahrzehnten diesen Job gemeinsam machen würden.

An Tag sieben, als wir tatsächlich mal für eine ganz kurze Zeit Leerlauf haben, stehe ich vor dem Zelt und sehe, die Mitarbeiterin, die am Tag meines Vorstellungsgespräches mitteilte, dass ich keine Ahnung hätte, worauf ich mich einlasse, in Richtung unseres Zeltes marschieren. Ich springe auf der Stelle auf und ab und winke mit beiden Händen und nach oben ausgestreckten Armen ihr entgegen. Von weitem höre ich sie rufen:

„Unfassbar, es ist also wahr!“

„Was ist wahr?“ rufe ich zurück.

„Das sie immer noch lächeln! … Man hat es mir erzählt und ich konnte es kaum glauben! Aber Sie lächeln tatsächlich immer noch, auch nach so vielen Tagen.“

„Es ist herrlich hier, warum sollte ich nicht lächeln?“

„Woher nehmen sie den so viel Energie?“

„Na, von den tausenden Knopfaugen, die hier einen ansehen und den tausenden lächelnden Kindergesichtern. Die reinste Energiequelle.“

„Sind sie denn gar nicht erschöpft?“

„Selbstverständlich bin ich erschöpft. Ich setze mich nicht hin, weil ich meine Beine nicht mehr spüre und es nicht schaffen könnte, wieder aufzustehen. Aber das bedeutet nicht, dass es keinen Spaß macht.“

Am letzten Tag findet das Kinderfestival in meinem Zelt für mich ein Ende und ich ziehe mich zurück in ein anderes, welches leer steht und lege mich auf eine der zahlreichen harten Bänke, die Erschöpfung der letzten zehn Tage ganz tief in den Knochen spürend. In ungefähr einer dreiviertel Stunde wird es hier die abschließende Veranstaltung mit einem berühmten Kinderbuchautor und eines seiner bekanntesten Bücher geben. Mir sagt weder der Autor, noch das Buch etwas. Für die Kinder meiner Gastfamilie habe ich Karten besorgt und wir wollen diese Veranstaltung gemeinsam erleben. Zugegeben bin ich an diesem Punkt nur noch daran interessiert, dass ich nicht nach dreimaligem Umsteigen und eineinhalb Stunden Fahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause fahren muss. Meine Gastmutter wird mich nach der Veranstaltung im Auto mitnehmen.

Ein besonderer Zauber verbreitet sich im Zelt, der Zauber der Liebe, …

Die Lesung beginnt, wobei der Autor den Inhalt seines Buches eher frei erzählend vorträgt. Es geht um die Geschichte zwischen einer Mutter und dem Aufwachsen des Sohnes. Der Autor erzählt, über die erste Zeit der beiden miteinander. Er demonstriert, wie die Mutter ihr Baby in den Armen hält und es leicht auf und ab, auf und ab, auf und ab wiegt und singt:

I’ll love you forever, I’ll like you for always.
As long as I’m living, my baby you’ll be.

Weiter geht es in der Geschichte und der Junge wächst, läuft unkontrolliert durch die Wohnung, zieht alles aus Regalen und Schränken heraus und schmeißt Mamas Sachen in die Toilette. Die Mutter ist verzweifelt und schreit: „Dieser Junge bringt mich noch um meinen Verstand“, dabei fasst der Autor an seinen Kopf, bewegt ihn hin und her und verzieht sein Gesicht. Aber in der Nacht, erzählt der Autor weiter, wenn der Junge schläft, dann nimmt die Mutter den Sohn wieder auf den Arm, wiegt ihn auf und ab, auf und ab, auf und ab und singt:

I’ll love you forever, I’ll like you for always.
As long as I’m living, my baby you’ll be.

Die Geschichte geht weiter und der Autor erzählt über das Heranwachsen des Jungen und jedes Mal, wenn die Mutter wieder schreit: „Dieser Junge bringt mich noch um meinen Verstand“, wächst die Anzahl der begleitenden Stimmen aus dem Publikum. Groß und Klein fassen sich an die Köpfe, schüttelt ihn hin und her und verziehen Gesichter. Es ist dermaßen ansteckend, dass keiner dieser Magie zu entkommen scheint. Spätestens beim nächsten Mal, sind wieder mehr dabei, als zuvor. Kinder, Eltern und Großeltern fangen an, das imaginäre Kind auf ihren Arm zu nehmen und es auf und ab, auf und ab, auf und ab zu wiegen und zu singen:

I’ll love you forever, I’ll like you for always.
As long as I’m living, my baby you’ll be.

Ein besonderer Zauber verbreitet sich im Zelt, der Zauber der Liebe, der mit jedem ‚auf und ab‘ wiegen einer geliebten Person auf dem Arm zu wachsen scheint. Hunderte von Kindern und Erwachsenen kreischen: „Dieser Junge bringt mich noch um meinen Verstand“, um kurz danach gemeinsam zu singen:

I’ll love you forever, I’ll like you for always.
As long as I’m living, my baby you’ll be.

Von der völlig erschöpften, ausgelaugten, ihre Beine nicht mehr spürenden und vor einer dreiviertel Stunde noch auf der harten Bank nach Erholung suchenden Person, ist nichts mehr übrig. Mit einer sagenhaften Energie in mir bin ich Teil dieses magischen Momentes. Die Anstrengungen der letzten zehn Tage sind in meinem Körper gar nicht mehr zu spüren. Die Strapazen der letzten Monate völlig belanglos. Ein ganz besonderes Geschenk des Lebens sind die letzten 10 Tage mit diesem krönenden Moment. Manchmal sagt das Leben „Ja“ zu unseren Plänen und erfüllt sie. Doch manchmal sagt das Leben „Nein“ und beschenkt den Menschen mit etwas, was er sich nicht einmal erträumt hätte.

© Serap Yildirim / 2018

Beitragsbild: Photo by Yang Shuo on Unsplash
Musik / Audio:
http://www.orangefreesounds.com/jason-shaw-acoustic-guitar-instrumental-background-music/
https://www.zapsplat.com/music/ambience-pre-school-children-and-adults-talking/
http://www.orangefreesounds.com/little-waltz-happy-children-song/
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14 Comments

  1. hummelweb

    Oh welch wunderbares Erlebnis! Und so schön beschrieben, ich habe schon selbst das Baby in meinen Armen gespürt und gesungen „I’ll love you forever, I’ll like you for always. As long as I’m living, my baby you’ll be.“
    Aber auch meine Hochachtung vor deiner Leistung und deinem Engagement.

    Gefällt 1 Person

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