Das letzte Mal

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Es ist Freitagabend. In der ersten kurzen Pause am Abendgymnasium, bittet mich ein Kommilitone darum, ihn für den Biologieunterricht nach der großen Pause zu entschuldigen.

„Das soll wohl ein Scherz sein … schon wieder?“ entgegne ich scherzhafz genervt.

„Ja, bitte. Erzähl‘ ihm einfach etwas, wie Du es sonst auch tust.“

„Na, dass ist ja das Problem. Mir fallen gar keine Ausreden mehr für Dich ein. Wenn Du eine Frau wärst, könnte ich wenigstens behaupten, dass Du Deine Tage hast.“

„Hoho ja, weil ich alle vier Wochen weg bin“, lacht er.

„Hört auf Dich lustig zu machen. Nenn‘ mir wenigstens einen Grund, den er von mir bisher noch nicht gehört hat.“

„Keine Ahnung, Serap. Lass‘ Dir bitte etwas einfallen. Du findest doch immer etwas.“

„Na super. Du willst Hilfe von mir, bist mir aber keine.“

„Mir fällt nichts ein.“

„Mir auch nicht. Frag‘ doch mal jemand anderen.

„Nein, Du bist am vertrauenswürdigsten, Dir glaubt man sofort.“

„Wie vertrauenswürdig bin ich eigentlich, wenn ich jeden Monat für Dich eine Lüge präsentiere? Du nutzt meinen astreinen Ruf und meine Gutmütigkeit aus. Das ist das letzte Mal, dass ich für Dich lügen werde!“

„Okay, versprochen. Wirklich Serap, wenn Du das heute für mich machst, dann wird es das letzte Mal sein, dass ich Dich darum bitte.“

„Versprochen?“

„Versprochen!“

„Gut, ich lasse mir etwas einfallen, aber wirklich zum letzten Mal!“

Wir beide lachen, der Unterricht geht nach der kurzen Pause weiter und am Anfang der großen Pause verlässt der Kommilitone das Abendgymnasium. Zwei Biologiestunden liegen vor der Klasse, bevor wir alle ins Wochenende starten können. Während mein Kommilitone sich auf dem Weg zum monatlichen Kegeltreff mit seinen Jungs befindet, erzähle ich dem Biolehrer eine Lüge über die Abwesenheit meines Kommilitonen.

Am Montag, als wir wieder in der Klasse sitzen, erreicht uns die Nachricht, dass der Kommilitone, der am Freitagabend den Unterricht früh verlassen hat, im Koma liegt. Er habe sehr viel getrunken am Freitag, übernachtete bei einem seiner Freunde im Wohnzimmer auf der Couch, als ein Schwelbrand ausbrach und die Wohnung später in Flammen stand. Sein Freund hatte ihn, so stark alkoholisiert wie er war, nicht wecken können. Aufgrund seiner stattlichen Größe und seines Gewichts, war es dem Freund auch nicht möglich, ihn aus der brennenden Wohnung herauszuziehen. Unser Lehrer berichtet von schweren Verbrennungen 3. Grades. Die Ärzte gehen aufgrund des hohen Alkoholpegels davon aus, dass er womöglich gar nichts gespürrt hat. Überlebenschancen wären so gut wie nicht gegeben. Die Hoffnung sollten wir aber nicht aufgeben.

An Unterricht ist absolut nicht mehr zu denken. Eher schlecht als recht hangeln wir uns von einer Stunde zur nächsten. Der Kommilitone gehört wie ich zu der jüngeren Generation auf dem Abendgymnasium. Wir alles wissen, warum er so alkoholisiert war. Er hatte sich unsterblich in eine von unseren Kommilitoninnen verliebt, die natürlich in jemand andern verliebt war, der an ihr nicht das geringste Interesse zeigte. Als uns ein paar Tage später die Todesnachricht erreicht, liegt der gesamte Unterricht für eine Woche brach. Wir reden, fluchen, weinen. Die Betroffenheit ist innerhalb des gesamten Abendgymnasiums zu spüren. In mir wiederholen sich die Worte, die wir uns gegenseitig sagten: „Zum letzen Mal!“

Heute, nach über zwei Jahrzehnten und etlichen ähnlichen Erlebnissen, stelle ich mir die Frage, ob wir Menschen in der Lage sind, die Zeichen, die uns das Leben sendet, zu sehen, zu verstehen und zu interpretieren. Ist das, was wir als „Zufall“ bezeichnen tatsächlich ein „Zufall“ oder interpretieren wir diese nur als solche, weil wir es sonst nicht einordnen können? Kann es sein, dass das Leben weitaus mehr mit uns kommuniziert, als wir es zu verstehen vermögen?

© Serap Yildirim / 2018

Beitragsbild: Photo by Guido Jansen on Unsplash
Musik / Sounds für Audio:
http://www.orangefreesounds.com/people-talking-in-a-hall/
http://www.orangefreesounds.com/adagio-for-strings/
http://www.orangefreesounds.com/sicilienne-for-violin-and-piano/

 

13 Comments

  1. gkazakou

    Liebe Serap, zu deiner Frage: die Einzelereignisse jeden Tages stellen wir ein in den Sinnzusammenhang, den wir unser Leben nennen. Ohne diesen aktiv von uns hergestellten Sinnzusammenhang zerfällt unser Leben in lauter sinnlose Teile. Wenn es für dich wichtig ist, wirst du das Erlebnis mit dem Kommilitonen einordnen, dann hat der Satz „das letzte Mal“ einen prophetischen Sinn. Sonst ist er halt nur Zufall. Es gibt ja keine kausale Beziehung zwischen den beiden Ereignissen.
    Es hängt von uns selbst ab, ob Ereignisse Sinn haben und welchen Sinn sie haben. Der Sinn liegt nicht in den Ereignissen selbst, sondern in uns, in der Sinnstiftung.
    Ich weiß nicht, ob das jetzt verständlich war – es ist spät, ich bin bettreif. Gute Nacht!

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    1. mynewperspective

      Liebe Gerda,
      es ist absolut verständlich, was Du geschrieben hast. Vielen Dank für deine Zeilen.
      Grundsätzlich stimme ich Dir zu, frage mich persönlich jedoch, ob es nicht auch etwas geben kann, was außerhalb meiner bekannten Kategorien liegt? Bedeutet es, wenn wir den kausalen Zusammenhang nicht sehen, es keinen kausalen Zusammenhang gibt? Wenn sich „Zufälle“ häufen, wie zufällig sind sie dann? Abschließend hatte ich erwähnt, dass es etliche ähnliche Erlebnisse in meinem Leben gab. Daher die Frage, ob dies jedes Mal ein Zufall ist oder einen prophetischen Sinn ergibt oder etwas ist, was noch nicht als Kategorie entdeckt/erforscht/verstanden wurde. Alles einzeln betrachtet, gehe ich mit Dir gedanklich mit, was zufällig oder prophetisch ist. In der Gesamtsumme komme ich etwas ins philosophische Grübeln. Dieses wollte ich mit der Geschichte auch bei anderen Personen anregen.
      Wünsche Dir einen schönen Tag.
      Viele Grüße
      Serap

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      1. gkazakou

        Liebe Serap, ich verstehe deine Frage so: gibt es zwischen verschiedenen Ereignissen Beziehungen unabhängig von unserer Wahrnehmung? Sind sie „als solche“ aufeinander bezogen oder entsteht dieser Bezug erst durch unsere Wahrnehmung und Interpretation? Auch ich finde dies eine sehr wichtige Frage, die ich allerdings nicht beantworten könnte, da ich ja tatsächlich nicht aus meiner eigenen Wahrnehmung „aussteigen“ und die Dinge „als solche“ betrachten kann.
        Wenn ich einen Stein in der Hand halte und die Hand öffne, fällt der Stein runter. Das finden wir „normal“, denn wir kennen es nicht anders. durch das „Gesetz der Schwerkraft“ wurde es uns zudem erklärt, und wir würden uns sehr wundern, wenn der Stein an der Hand kleben bliebe.
        Wenn ich eine Feder in der Hand halte und die Hand öffne, segelt die Feder davon. Auch das finden wir normal, denn wir kennen es nicht anders. Es ist allerdings physikalisch schon etwas schwerer zu „erklären“, wir müssten uns die Gesetze, die wir vielleicht in der Schule lernten, erst wieder in Erinnerung rufen.
        Wenn jemand einem anderen flucht und ihm zB wünscht „zu zerplatzen“ (was hier täglich oft passiert, denn es ist eine Redensart), so wird er nicht erwarten, dass sein Gegenüber tatsächlich zerplatzt. Tut er es doch – zB indem er aus dem 5. Stock fällt – dann ist das Entsetzen groß und es beginnt das Grübeln: inwieweit hat mein Wort dies ausgelöst?
        In manchen afrikanischen Kulturen, so las ich, kann ein Fluch viel schlimmere körperliche Folgen haben als zB eine Wunde. Ein Mensch kann an einem Fluch (du sollst krepieren!) tatsächlich sterben, weil seine Seele den Fluch als Todesurteil interpretiert.
        Jung hat unser Augenmerk auf Synchronizität gelenkt, und wer mit diesem Konzept vertraut ist, sieht in seinem Leben womöglich merkwürdiges Zusammentreffen. Und je mehr er sich damit beschäftigt, desto mehr her Koindidenzen solcwerden ihm auffallen. Wer mit dem Konzept nicht vertraut ist – und also auch nicht auf synchrone Ereigneisse achtet – der wird sie auch nicht erleben.
        Dies sind so Diskussionsansätze.

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        1. mynewperspective

          Liebe Gerda,
          meine Frage lautet dermaßen: Gibt es zwischen Ereignissen im Leben eines Menschen Zusammenhänge, die nicht bewusst wahrgenommen werden (aber die Handlung unbewusst danach erfolgt)? In der Geschichte mit dem Kommilitonen z. B. unser scherzhafter Austausch „Das letzte Mal“ oder das sich (zum ersten Mal) bewusstlos trinken, so dass er die Katastrophe um sich herum (laut Arztaussage) gar nicht mitbekommen zu haben scheint. Zufall? Prophetisch? Sehr guter Instinkt? Ich persönlich komme auf unterschiedliche Ergebnisse, je nachdem, wie ich es betrachte und es gibt sicherlich noch einige andere Betrachtungsweisen. Wer das Augenmerk auf Synchronizität lenkt, wird sie sicherlich finden, wie auch anders herum – genauso, wie Du es auch geschrieben hast. Ergänzen möchte ich: Nur weil jemand keine Synchronizität in „merkwürdigen Zusammentreffen“ erlebt, muss es nicht bedeuten, dass sie nicht existieren (können) und somit gar nicht so merkwürdig sind/sein können.
          Danke Dir sehr für diese anregenden Gedanken! Es gibt sicherlich noch etliche.
          Viele Grüße
          Serap
          PS: Das mit dem „Zerplatzen“ ist auch im Türkischen eine bekannte Redensart.

          Gefällt 1 Person

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