Selbstwerterkennung

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Halloween. Ich befinde mich auf einem Konzert im Ausland. Bevor es losgeht unterhalte ich mich angeregt mit Freunden im Vorraum des Konzertsaals. Meiner Freundin und mir fällt auf, dass wir mittlerweile häufiger von einem Fotografen abgelichtet werden. Wir alle posieren daraufhin bewusst mit unseren Kostümen und kommen später mit dem Fotografen auch ins Gespräch. Unter all den kostümierten Konzertgästen fällt er mit seiner Alltagskleidung besonders auf, vor allem auch, weil ich in seiner Nähe ein ungutes Gefühl verspüre.

Nachdem die Türen des Konzertsaals öffnen, nehmen meine Freunde und ich in einem V.I.P. Bereich Platz und das Konzert beginnt kurze Zeit später. Als alles nun im vollen Gange ist und die Menschenmasse so richtig eingeheizt, spricht mich einer vom Security an, fragt ob ich den Mann dort hinten kennen würde und deutet in die Richtung V.I.P. Ein- und Ausgang, wo der Fotograf steht und vor sich hinzappelt, so dass ich ihn nicht übersehen kann.

„Kennen nicht, aber ich habe kurz vor dem Konzert mit ihm gesprochen. Was gibt es denn?“, frage ich.

„Er ist bereits zum fünften Mal hier. Jedes Mal wollte er rein, jetzt lässt er sich aber nicht mehr abwimmeln. Er besteht darauf, mit Dir zu sprechen und behauptet, dass er dich kennen würde.“

„Okay, ich spreche mal mit ihm. Danke sehr.“

„Er darf hier aber nicht rein!“

„Kein Problem, ich gehe kurz raus und schau‘ was so dringend ist.“

Verwundert gehe ich hinter dem Security-Mann her und verlasse den V.I.P. Bereich und frage den Fotografen, was es gibt. Dieser beschwert sich als erstes bei mir, dass er schon so lange versucht in diesen Bereich reinzukommen, aber immer wieder abgewiesen wird. „Jetzt bin ich ja hier“, lächle ich und will wissen, was er mit mir besprechen möchte. Mich leicht am Oberarm festhaltend, zieht es mich mit ein paar Schritten in die Menge hinein und meint, dass er mir etwas zeigen will. Noch völlig überrascht von diesem Schritt, gehe ich zwar mit, frage mich aber, ob das ein Scherz sein soll. Er deutet Richtung Bühne und fragt mich, ob ich den Sänger auf der Bühne sehen würde.

„Ja.“

„Das ist mein Freund!“

„Oh, das ist super!“

„Ich kann Dich nachher mit ihm bekanntmachen.“

„Danke sehr, dass ist nett, aber nicht nötig.“

Für mich ist die Konversation beendet und ich bin schon dabei, mich umzudrehen und wieder zu gehen.

„Hast Du mich verstanden? … Siehst Du den Sänger auf der Bühne? Das ist mein Freund. Ich kann Dich später mit ihm bekanntmachen.“

Da die Musik im vollen Gange ist, frage ich mich, ob er mich wohl nicht verstanden hat.

„Ja, ich habe Dich verstanden. Vielen Dank, aber das ist nicht nötig.“

Wieder bin ich dabei, an meinen Platz zu gehen, verabschiede mich und werde nun am Oberarm festgehalten:

„Nein, … Du verstehst nicht! Siehst Du den Sänger auf der Bühne? Das ist mein Freund. Ich kann Dich später mit ihm bekanntmachen.“

Mein Blick wechselt von ich-will-dich-nett-und-höflich-und-ich-nicht-abweisend-behandeln zu anscheinend-verstehst-du-nett-und-höflich-nicht, löse meinen Arm mit einem sanften aber bestimmten Ruck von seinem Griff, deute Richtung Bühne und frage: „Siehst Du die Musiker auf der Bühne?“

„Nein, nicht die Musiker. Der Sänger. Das ist mein Freund. Ich kann Dich mit ihm später bekanntmachen.“

„SIEHST DU DIE MUSIKER AUF DER BÜHNE?“ schreie ich nun noch lauter.

Er schaut mich verwirrt an: „Ja.“

„Gut. Das sind alles meine Freunde! Für sie bin ich extra aus dem Ausland angereist. Deinen Freund, den Sänger, kenne ich bereits durch die Bandproben, die ich in den letzten drei Tagen miterlebt habe. Übrigens, mein orangenes Armband hier bedeutet, dass ich Backstage darf. Es ist also nicht nötig, dass Du mich mit Deinem Freund, dem Sänger, später bekanntmachst.“

Mit einem Schwung dreht sich der Fotograf um und verschwindet so schnell in der Menschenmenge, dass ich gar nicht hinterherschauen kann. Wieder an meinem Platz fühle ich mich unwohl. Immer darauf bedacht, Menschen so zu behandeln, wie ich mir selbst wünsche behandelt zu werden, stoße ich niemandem gern vor den Kopf, wobei hier meine Grenzen überschritten wurden.

Bei dieser Art von Begegnungen frage ich mich immer wieder, warum Menschen mit etwas prahlen und zu imponieren versuchen, was gar nicht zu ihnen selbst gehört. Jeder Mensch ist einzigartig. In jedem Menschen steckt etwas Besonderes. Diese Einzigartigkeit ist nichts, was man von außen heranzieht, sondern das, was von innen herauskommt. Welchen eigenen Wert sieht ein Mensch in sich selbst, wenn dieser sich lediglich über die Erfolge einer anderen Person definiert? Egal ob damit Partner, Freunde oder gar die eigenen Kinder gemeint sind. Was sagt es über den Menschen aus, der sich imponieren lässt? Steckt nicht in jedem einzelnen Menschen etwas imposantes, das wert ist entdeckt zu werden, damit jeder für sich selbst seinen Selbstwert erkennt?

© Serap Yildirim / 2018

Beitragsbild: Photo by Edwin Andrade on Unsplash
Musik / Sounds für Audio:
http://www.orangefreesounds.com/people-talking-in-a-hall/
http://www.orangefreesounds.com/crowd-cheering/
http://www.orangefreesounds.com/if-you-wanna-vocal-pop-rock-song/
https://www.zapsplat.com/music/classical-piano-music-taylor-howard-you-will-know/

17 Comments

  1. gkazakou

    Eine sehr sehr interessante Frage, die in der Episode auch überzeugend präsentiert wird. Warum prahlt jemand mit den Erfolgen einer anderen Person, indem er auf eine Beziehung zu dieser hinweist? Vermutlich, weil er sich davon einen Prestigezuwachs verspricht, von dem er dann wieder Vorteile hat. Und vermutlich tun das am meisten die, die gelernt haben, dass ihr eigener Wert in der Welt gar nicht wahrgenommen wird. Sie müssen sich einen Ersatzwert beschaffen.Dein Fotograf hatte keine Hoffnung, jemals aufgrund seiner fotografischen Kunst in die VIP-Lounge eingeladen zu werden – er musste sich diese Vergünstigung auf anderem Weg erschleichen.

    Aus persönlicher Erfahrung kann ich anführen: Als ich in Deutschland lebte, war ich promoviert, hatte einen Uni-Job und war auf bestem Weg zu einer Professur. Als ich nach Griechenland zog, hatte ich all das nicht mehr, aber ich hatte einen Mann, der promoviert war, einen Unijob hatte und auf dem Weg zur Professur war – während ich einen unscheinbaren Job als Sprachlehrerin ausübte. Niemand interessierte sich für das, was ich tat, aber alle dafür, dass ich die Frau von dem Soundso war. Obgleich ich selbst meinen „sozialen Abstieg“ gewählt hatte, um bei meinem Mann sein zu können (er selbst wäre seinerseits dazu bereit gewesen, wenn wir in Deutschland geblieben wären), tat es weh, nur noch als Frau von jemandem wahrgenommen zu werden. Und zu merken: kein Mensch interessierte sich dafür, was ich evtl. für Meriten hatte. Ich musste seither stets um Anerkennung für mich selbst ringen, immer im Schatten der Anerkennung, die mein Mann erfuhr. Zum Glück funktionierte der Ausgleich in der Beziehung, aber in der Welt funktioniert er bis heute nicht. Kein Galerist wird sich meine Bilder überhaupt ansehen, wenn ich mich als anonyme ältliche Frau vorstelle. Aber als Frau vom Soundso habe ich durchaus Chancen, auch mit dem größten Mist in eine Super-Galerie aufgenommen zu werden, und die Kollegen werden meine Bilder kaufen, selbst wenn sie sie hinter vorgehaltener Hand als Mist bezeichnen. (Ich kenne etliche Malerinnen, die es so geschafft haben. Manche sind tatsächlich gut, aber auch die werden nicht als sie selbst wahrgenommen. Der Kollegenneid wird gleich sagen: naja, die ist ja auch die Frau bzw die Tochter vom Soundso).

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    1. mynewperspective

      Liebe Gerda,
      danke Dir ganz herzlich für den sehr ausführlichen und für mich sehr wertvollen Beitrag zu der dieswöchigen Kurzgeschichte.
      Deine Gedanken zum Prestigezuwachs teile ich voll und ganz. Ich persönlich hätte mir lieber die Fotos angesehen, auch ohne die Band persönlich zu kennen. Das war ja nun Zufall. Andere Personen hätten hier sicherlich eine Chance gewittert, die wiederum die Chance für den Fotografen gewesen wäre. Bei mir war er in jeglicher Hinsicht an der falschen Adresse.
      Deine persönliche Erfahrung hat mich sehr betroffen gemacht, daher musste ich erst einmal in mich gehen. Selbstverständlich verstehe ich, was Du schreibst, selbstverständlich, ist das nichts Neues und ich bin mir bewusst, dass es so ist in unserer Gesellschaft, selbstverständlich höre ich so etwas nicht zum ersten Mal … aber … es ist so gar nicht meine Welt. Der Status eines Menschen sagt nur ein Bruchteil über ihn aus, der Mensch dahinter ist mir bedeutend wichtiger. Solange die Ehefrau von Soundso nicht gerade am Hungertuch nagt (was sie bei dem Ehemann nicht tuen wird) würde ich nicht einmal ansatzweise darüber nachdenken, ein Kunstwerk von ihr zu kaufen, welches mich nicht anspricht. … Mir bleibt nichts anderes als großes Kopfschütteln.
      Nochmals Danke!
      Viele Grüße
      Serap

      Gefällt 2 Personen

      1. gkazakou

        Ich denke genau wie du, Serap. Ich hasse es. mich auf meinen Mann zu beziehen,der übrigens seinen Status auch nie ausspielt. Er ist Uni-Prof, aber wenn man ihn fragt, sagt er „Lehrer“. Mein Dr-Diplom habe ich an keiner Wand hängen und werbe nicht damit, es ist mir nicht wichtig. Aber anderen ist es wichtig, das ist das Problem, und dann spiele ich es auch aus. Es ist meine Rüstung. Am liebsten habe ich mit solchen Menschen nichts zu schaffen, aber leider lässt es sich nicht immer vermeiden. Ansonsten freue ich mich, als ich selbst geschätzt zu werden, so wie ich auch die Menschen als sie selbst schätze, egal was sie für einen Status haben. Der ist mir wirklich vollkommen egal. (Und meinem Mann auch, glücklicherweise).

        Gefällt 2 Personen

        1. mynewperspective

          Den Trumpf „ich-erzähle-ihnen-jetzt-mal-wer-vor-ihnen-steht“ musste ich hin und wieder auch schon ziehen, was ich aber auch nicht gerne mache. Verstehe Dich also sehr gut. Wobei ich auch denke, dass nichts Falsches dabei ist, sich zu positionieren, wenn es anders anscheinend nicht geht.

          Gestern habe ich noch lang darüber nachgedacht, wie erfüllend es tatsächlich sein kann, den Status eines anderen für sich zu nutzen. Vielleicht kann dies tatsächlich der Sprung für eine Person bedeuten, warum auch nicht? Falls das Ergebnis aber so wird, wie Du es beschrieben hast, würde es mich als Künstler sehr treffen, wenn meine Kunst nur aus einer Verpflichtung heraus gekauft, aber der Wert meiner Kunst überhaupt nicht gesehen wird. Mich persönlich würde dies auf langer Sicht nicht befriedigen.

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    1. mynewperspective

      Sehr gerne, lieber Lu.
      Die Beharrlichkeit empfinde ich eigentlich als ganz imposant. Er wollte etwas erreichen und hat nicht lockergelassen. Nur an der sinnvollen Ausführung hat es dann doch gehapert, um es mild auszudrücken. Auch noch ‚handgreiflich‘ werden, weil ich nicht so reagiert habe, wie er es sich erwünscht hat, ist über das Ziel hinausgeschossen.
      Aber, es ist eine kleine, feine Geschichte daraus entstanden. Das ist doch etwas wert. 😉
      Herzliche Grüße
      Serap

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  2. Jules van der Ley

    Logisch war sowieso nicht, was der Fotograf veranstaltete. Wenn er mit dem Sänger befreundet wäre, dürfte er ja wohl auch hinter die Bühne. Das ganze Verhaltern ist das eines Unglücksvogels. Seit seiner Kindheit findet er nicht den richtigen Dreh. Er macht bim, und die Welt macht bam. Man kann da kaum helfen.

    Gefällt 2 Personen

    1. mynewperspective

      Mit Logik kommt man glaube ich bei dem Herren nicht weit. Er hat versucht, es ‚zu versuchen‘, dabei etliche Grenzen überschritten und ist damit gescheitert. Vielleicht hätte sich eine andere Person beeindrucken lassen. Bei mir war er nun ganz falsch aufgehoben.

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  3. gann uma

    Das soll kein Genörgel sein, aber: Die Frage warum er „nicht rein darf“ wird nicht beantwortet. Er hätte ja eine Karte kaufen können?
    Außerdem hätte ich gerne was über die Kostüme erfahren, da die Nichtkostümiertheit des Fotografen erwähnt wurde.

    Die Personen, die plötzlich verschwinden, wenn sie mit ihren Stories nicht durchkommen, kenne ich auch aus eigener Anschauung.

    Gefällt 1 Person

    1. mynewperspective

      Vielen Dank für Deine Fragen.
      Der Fotograf hatte eine Karte für das Konzert, aber nicht für den V.I.P. Bereich, der nur für geladen Gäste vorgesehen war.
      Was die Kostüme betrifft, war es – wie erwähnt – Halloween und demnach waren alle in ihren Halloweenkostümen.

      Gefällt 1 Person

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