Künstlertreff #5

Mein Künstlertreff in Woche fünf ist inspiriert durch die vergangenen Künstlertreffs. Während ich zu Hause meinen Tee schlürfe, überlege ich, welche unentdeckten kreativen Potentiale eigentlich in meinen eigenen vier Wänden stecken könnten? Der Künstlertreff der letzten Woche zeigte, dass es durchaus möglich ist, Neues zu entdecken, ohne die Wohnung zu verlassen. Der Künstlertreff #3 offenbarte, dass sich unbenutzte Aquarellstifte in den Tiefen meines Schranks befanden, bis ich sie Jahre später ans Tageslicht holte. Könnte es sein, dass hier noch einiges mehr rauszuholen ist? Mit dieser Frage und meinem Teebecher in der Hand, begebe ich mich auf die Suche.

Mein Weg führt als erstes in die Küche. Nachdem der Vorratsschrank geöffnet wird, schaue ich mir alles in Ruhe an. Jaaa, schön bunt, hat potential, aber Erbsen und Bohnen auf ein Blatt kleben möchte ich nicht, schließlich habe ich das bereits in der Grundschule schon gemacht. Mir geht es darum, etwas zu entdecken, was ich bisher noch nicht ausprobiert habe. In der Küche werde ich nicht fündig. Also geht es weiter ins Wohnzimmer.

Hinter den Türen der Highboards befindet sich allerhand, was brauchbar ist. Hängen bleibe ich an dem Inhalt einer Box, der mich besonders anspricht. Es ist eine Box gefüllt mit Stoffresten, einzelnen Knöpfen, sehr kurzen Stücken an Bordüren etc. Mein Interesse ist geweckt. Früher habe ich doch so gerne genäht. Außerdem passt das Ganze auch zu den Memoiren dieser Woche. Super, ich habe etwas gefunden. Auf dem Boden sitzend, suche ich aus den kleinen 8cm x 8cm kleinen Musterstoffen erst alle Baumwollstoffe heraus. Dann sortiere ich sie nach Farbgruppen, entscheide mich für einen Stapel und suche passende Bänder, Knöpfe und Garne heraus. Viel Stoff ist es nicht, aber es reicht für eine kleine Tasche für Stifte. Mich wie Bolle freuend, packe ich alle Materialien, die ich nicht benötige wieder in die Box und stelle sie zurück ins Highboard. Meine Fundstücke für jetzt-nähe-ich-gleich-ein-kleines-Täschchen lege ich auf den Tisch und kurz bevor ich starte spricht meine innere Stimme zu mir: Hey, nähen kannst Du doch. Ist doch gar nichts Neues. Dachte, Du warst auf der Suche nach etwas Unbekanntem?

Ähem, nun ja, dass stimmte tatsächlich. Dies war nicht mein Ziel und ich hatte mich von dem kleinen Schatz, der sich in der Box befand blenden lassen. Nachdem ich alles auf das Highboard stelle und verspreche, bald wieder zurückzukommen, um das Täschchen-Projekt zu verwirklichen, schnappe ich mir meine Tasse Tee und gehe Richtung Flur ins Bad. … Was wäre ich nur ohne meine innere Stimme?

Im Bad angekommen, öffne ich als erstes den Oberschrank. Hm, Zahnseide. Ob ich damit String Art starten sollte? Nein, spricht mich nicht wirklich an. Meine Augen wandern weiter am Regal hoch und bleiben an den Nagellacken hängen. Farbe! Meine Augen leuchten. Jaaaa, das ist gut … aber, was macht man mit Nagellack, außer Nägel lackieren? Mir fällt ein, dass ich mal gesehen habe, dass man mit Nagellack Papier marmorieren kann. Uuuuuuuuuuh, das habe ich noch nie gemacht. Okay, mein neues Projekt für den Künstlertreff für diese Woche ist gefunden. Jetzt geht es an die Vorbereitung.

Zuerst befülle ich eine rechteckige Glasschale mit Wasser, stelle sie auf den Tisch, setze mich hin und picke ein paar Nagellackfläschchen aus meiner kleinen Sammlung heraus und schüttle sie ganz kräftig. Mit ‚Blue It‘ starte ich mein Experiment. Der erste Tropfen der auf die Wasseroberfläche trifft, weitet sich auseinander und verbindet sich mit dem Wasser, dass mein Auge von der Farbe nichts mehr wahrnehmen. Bei den nächsten Tropfen bleiben einige auf der Wasseroberfläche und breiten sich kaum aus, wieder andere setzen sich auf dem Boden der Glasschale ab. Wenn ich noch so fit in Physik wäre, würde ich mir diese Phänomene jetzt sicherlich selbst erklären können. So weit geht es jedoch nicht und ich betrachte die unterschiedlichen Verbindungsformen jedes einzelnen Tropfen für sich selbst mit dem Wasser.

Weiter geht es mit ‚Ivy League‘. Einige der Tropfen setze ich in die Mitte von ‚Blue It‘, einige ganz nah dran und wieder andere weiter weg. Dazu gesellen sich mehrere Tropfen von ‚Ocean Breeze‘. Bisher wirklich eine gelungene Kombination. Damit alles nicht zu sehr Ton in Ton wird, kommen einige Tropfen ‚Purple Potion‘ und mit der Leuchtfarbe ‚Crushed‘ gebe ich dem Ganzen noch den richtigen umpf. Jupp, dass sieht gut aus. Mit einem Zahnstocher bewaffnet, mache ich mich daran, die Farben nun miteinander zu vermischen. Hmmm, das funktioniert nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe. Die Farben bleiben am Zahnstocher kleben und lassen sich, wenn, nur auf der Wasseroberfläche hin und herschieben. Das ist natürlich nicht das, was ich mir vorgestellt habe. Einen Marmoreffekt erziele ich dadurch nicht. Nach kurzer Überlegung entschließe ich mich, trotzdem mein Blatt aufs Wasser zu legen, denn auch ohne das Vermischen der Farben ist auf der Wasseroberfläche ein schönes Farbtropfenspiel entstanden, welches ich nun auf Papier sehen möchte. Mein Blatt lege ich aufs Wasser, drücke es an, auch die Ecken, die etwas hochragen, hebe mit einem Zahnstocher an einer Ecke leicht, ziehe es erwartungsvoll hoch, drehe es um und … bin total enttäuscht. Hm, das sieht aber gar nicht so aus, wie ich es mir vorgestellt habe. Der Nagellack ist total verrutscht. Ob das vielleicht am Papier liegt?

Also geht es in die nächste Runde. Mit einem Zahnstocher versuche ich die Reste des Nagellacks aus dem Wasser zu fischen und führe dabei den Zahnstocher durch das Wasser und drehe aufgefangene Nagellackreste um diesen herum. Als ich den Zahnstocher wieder aus dem Wasser herausziehe, habe ich Nagellackzuckerwatte an meinem Zahnstocher. So sieht es zumindest aus. Mein inneres Kind quietscht vor Glück und freut sich über diese Entdeckung. Mein Erwachsenes Ich macht sich auf zur zweiten Runde: Ein wenig ‚Frankly Scarlet‘, etwas ‚Lavender Marquis‘, getoppt von ‚Posh Plum‘, hier und da etwas ‚Wild Strawbeery‘, ein paar Tropfen ‚Rosy Future‘, nicht zu vergessen ‚Diamonds‘ und als Kontrast ‚Black Out‘. Wow, das ist wirklich fantastisch. Also schnappe ich mir diesmal eine andere Papiersorte und presse es auf mein Kunstwerk, ziehe es erwartungsvoll hoch und … wieder nichts geworden. Hm, verstehe ich nicht. Irgendetwas scheine ich falsch zu machen, aber wofür gibt es das Internet? Auf Jutjub wird es sicherlich reichlich Filmchen darüber geben, was auch stimmt. Aber die machen auch nichts anderes als ich, bloß das Resultat ist wesentlich besser aus. Marmoriert eben, genau dass, was ich auch gerne möchte.

Mehrere weitere Versuche starte ich. Unterschiedliche Nagellackfarben und Papiersorten. Es funktioniert nicht. Nach über einer Stunde herumexperimentieren, entschließe ich mich, dass mein Künstlertreff nun ein Ende finden soll. Nachdem ich alles wegpacke und sich nur noch meine Ich-marmoriere-Papier-Versuche auf dem Tisch vor mir befinden, überlege ich, dass ich, wenn ich alles in ein bis zwei Zentimeter Quadrate schneiden würde und daraus ein kleines Kunstwerk zusammenstelle, durchaus behaupten könnte, dass das alles so gewollt war. Wer würde mir das Gegenteil beweisen können, wenn ich gar keinem darüber berichte? Mit meiner Tasse Tee in der Hand lehne ich mich zurück und überlege: Was wollte ich heute mit meinem Künstlertreff erreichen? Es galt etwas in der eigenen Wohnung zu entdecken, was ich vorher noch nie ausprobiert hatte. Dieses Ziel hatte ich erreicht und es machte Spaß, herumzuexperimentieren.

© Serap Yildirim / 2018

Dieser Beitrag ist Teil einer 12-Wochen-Serie auf meinem Blog basierend auf dem Buch von Julia Cameron – Es ist nie zu spät anzufangen. Weitere Infos hier.

6 Comments

  1. Ulli

    Zahnstocherkunstwerke sind nun aber wahrlich besonders! Herrlich finde ich deine Experimentierfreude und staune über so viele verschiedene Nagellacksorten, bei mir finden sich nur zwei: blau und rot…
    herzliche Grüße, Ulli

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    1. mynewperspective

      Vielen Dank, liebe Ulli.
      Jaaa, Experimentierfreude scheine ich zu haben 😉 Hat Spaß gemacht und meine Nagellackzuckerwatte Entdeckung war schon special.
      Jupp, eine kleine Kollektion an Nagellack habe ich tatsächlich. Die Namen finde ich dabei besonders cool. 🙂

      Gefällt 1 Person

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