(Gast-)Freundschaft

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Ein Wochenende. Meine Freundin und ihr Teenager Sohn sind zu Besuch in der Stadt und finden in diese Zeit Unterschlupf in meiner kleinen Bude. Das Schlafzimmer für die beiden ist hergerichtet, ich selbst schlafe auf der Couch im Wohnzimmer.

Am Samstag sitzen meine Freundin und ich nach dem Abendessen weiterhin in meiner kleinen Küche, während der Sohn im Wohnzimmer fernsieht. Angeregt fließt die Konversation stundenlang von einem Thema zum anderen. Der Sohn meiner Freundin ist mittlerweile schon im Bett und meine Freundin will ein neues Thema anschneiden, findet aber – wie es scheint – noch nicht die richtigen Worte.

Sie hätte einer ihrer Freundinnen von mir und meinem Freund erzählt, beginnt sie. Diese Freundin will nun wissen, ob mein Freund ein Schläfer sei. Sie habe meine Freundin gebeten, mich zu fragen. Es ist die Zeit nach dem 11. September. Schon ein paar Jahre her, aber das Thema nach wie vor aktuell. Verdutzt schaue ich meine Freundin an und frage sie, ob sie jetzt von mir tatsächlich eine Antwort darauf haben möchte. Sie bejaht.

Vor mir sitzt eine intelligente und vor allem gebildete Frau mit Weitsicht, meinte ich bisher zu glauben. Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Meine Emotionen beiseiteschiebend und nicht darüber nachdenkend, dass hier eine vertraute Person vor mir sitzt, die ich bisher als Freundin erachtet habe, stelle ich die Gegenfrage:

„Glaubst du, dass er mir die Frage wahrheitsgemäß beantworten wird, wenn ich sie ihm stelle?“

„Ja, warum nicht? Frag ihn!“

„Weil die Tatsache, dass man Schläfer ist, ausschließt darüber zu sprechen.“

„Ja, aber ausschließen kannst du es nicht.“

„Selbstverständlich nicht. Kannst du ausschließen, dass ich eine sein könnte?“

Meine Freundin schaut mich fragend an.

„Auch ich könnte eine von denen sein.“

„Du doch nicht!“

„Warum er und nicht ich?“

„Na, weil er Islamwissenschaften studiert.“

„Und?“

„Na, da beschäftigt es sich doch mit der Materie …“

“ … um zum Schläfer ausgebildet zu werden?“

„Warum nicht?“

„Nach dieser Logik kann ich also auch dazu gehören, denn schließlich studiere ich auch an dem Institut.“

„Ja, aber du kannst es nicht sein.“

„Warum nicht? Es ergibt überhaupt keinen Sinn, was du gerade von dir gibst!“

„Na, warum kann dein Freund so viele Sprachen?“

„Weil er sprachbegabt ist und sich für Sprachen interessiert.“

„Vielleicht braucht er sie aber auch für seine Mission?!“

„Die Sprachen, denen ich mächtig bin, könnten die nicht alles Vorbereitungen für meine Mission sein?“

„Nein!“

„Es fällt mir wirklich schwer, dich zu verstehen. Mein Freund und ich studieren beide am Orientalischen Institut. Wir beide sind – alleine schon studienbedigt – mehreren Sprachen mächtig. Er beschäftigt sich mit Vorliebe mit Sprachen und Grammatiken. Ich hingegen schon seit Jahren mit einer Organisation, die verfassungsrechtlich beobachtet wird. Du selbst beklagst dich doch immer darüber, dass meine Telefonleitung so laut rauscht, dass kein ordentliches Gespräch möglich ist. Wie oft hast Du mir schon erzählt, dass mein Telefon abgehört wird? In meiner Wohnung, in der du jetzt bist, befinden sich ordnerweise Material über diese Organisation, von deren Originalpublikation, die sich in den Boxen stapeln, ganz zu schweigen. Ein gefundenes Fressen für alle, die daraus eine große Sache machen wollen.“

„Aber du setzt dich wissenschaftlich für deine Magisterarbeit mit diesem Thema auseinander!“

„Wenn ich das richtig verstehe, setze ich mich in deinen Augen wissenschaftlich mit Themen auseinander, die durch die Schlagzeilen gehen, aber mein Freund, der sich in Grammatiken vertieft, besitzt furchterregende Intentionen?“

Für einen Moment herrscht Stille zwischen uns beiden.

„Ich will doch nur, dass es dir gutgeht und er dich nicht verletzt.“

Das Thema findet ein Ende, wir beide gehen zu Bett, es ist schließlich schon sehr spät. Die Basis der Freundschaft existiert nicht mehr. Da in meinem Kulturkreis der Gast als König gilt, geht meine Gastfreundschaft nach verlorener Freundschaft weiter. Am nächsten Tag stehe ich früh auf, bereite das Frühstück für uns vor und bis sich die Tür nach dem Abschied hinter meinen Wochenendgästen schließt, bin ich nur noch Gastgeberin. Monate später höre ich eine Nachricht von der ehemaligen Freundin auf dem Anrufbeantworter ab, melde mich aber nicht zurück.

Angst, die große Macht, die uns lähmt …

 

Viele, viele Jahre später, sitze ich in der Bahn und bin auf dem Weg zu einem wichtigen Termin. Meine Gedanken, die ich für den Termin sortiere, werden kurz unterbrochen, als der Herr, der neben mir sitzt auf Englisch den gegenübersitzenden jungen Mann höflich und mit einem Lächeln in seiner Stimme fragt, warum er ihn so streng anschaut. Der junge Mann antwortet in gebrochenem Englisch, dass sein Portemonnaie und Handy geklaut wurde, er sich Geld von seinem Freund leihen musste, um eine Fahrkarte zu kaufen und jetzt auf dem Weg sei, um alles Behördliche zu klären. Wahrscheinlich habe er so geschaut, weil er in seinen Gedanken versunken war. So entstehen Missverständnisse, erwidert der Herr und die beiden reden weiter. Wieder in meine Gedanken vertieft, werde ich erneut für einen kurzen Moment herausgerissen und bekomme einen Bruchteil von der Konversation der Beiden mit. Sie unterhalten sich darüber, wie trügerisch der erste Eindruck sein kann, wenn das Auge befangen ist.

Als die beiden aussteigen, schaue ich dem Herrn nach und sehe, dass er aus dem orientalischen Raum kommt. Mit seinen dunklen, schwarzen und dichten Haaren und seinem Bart fügt er sich ideal in das furchterregende Bild eines Menschen ein, dem man alles Mögliche andichten könnte, nur nichts Positives.

Wieder zu Hause, zurück von meinem Termin, erinnere ich mich durch das kurze Zusammentreffen mit dem Herrn in der Bahn an die Geschichte mit meiner damaligen Freundin. Die Bruchstücke der Konversation, die ich heute mitbekommen habe, führen mich zu Gedanken, die zum ersten Mal auftauchen. Es ist der Satz, den die Freundin damals gesagt hat, welches die Konversation zwischen und beiden zu Ende brachte. Jetzt sehe ich die Angst, die in dem Satz zur Sprache gebracht wurde. Die Freundin hatte auf einem sehr undurchsichtigen Weg zeigen wollen, dass sie Angst hatte.

Angst, die große Macht, die uns lähmt und dazu führt – wenn auch wie in diesem Fall ungeschickt – sich selbst und die, die man liebt zu schützen.

Angst vor dem Unbekannten.

Angst vor Menschen und Dingen, die anders sind.

Angst, sich etwas aussetzen zu müssen, was man nicht versteht.

Angst vor der Auseinandersetzung mit dem Fremden, welches uns zu entwurzeln scheint, von allem was uns vertraut ist.

Angst vor dem Verlust, von dem was man denkt, es zu besitzen oder ein Anrecht darauf zu haben.

Angst, die auf beiden Seiten besteht.

Angst davor, nicht verstehen zu können.

Angst davor, missverstanden zu werden.

Eine Angst, die sich ängstlich hinter einem anderen Beweggrund versteckt, sich selbst nicht zeigt, etwas anderes vorschiebt und durch diese Tarnung den Eigenschutz aufbaut.

Wie würde unser Leben aussehen, wenn wir in unserem Körper nicht nur Gast einer angstbesetzen und angstdominierten Seele wären?

Wie würde unser Leben aussehen, wenn wir diese Angst in uns besiegen und Freundschaft mit uns selbst und somit auch mit anderen schließen?

Wie würde unser Leben aussehen, wenn wir den inneren Feind eliminieren, um ihn somit nicht in der Außenreflektion zu finden?

© Serap Yildirim / 2018

Beitragsbild: Photo by Annie Spratt on Unsplash
Musik/Sound für Audio:
http://www.orangefreesounds.com/epic-battle-music/
https://freesound.org/people/rivernile7/sounds/234244/
http://www.orangefreesounds.com/train-sound-inside/
http://www.orangefreesounds.com/bach-cello-suite-1/

 

13 Comments

  1. castorpblog

    Danke für diesen tollen Bericht. Peter Gabriel hat rinmal gesungen „Fear is the mother of violence“. Da ist so viel drin. Angst kann lähmen. Angst kann Beziehungen zerstören und im Extremfall sogar Leben. Sie ist ein Relikt aus der Zeit als wir noch permanent von wilden Tieren bedroht waren und sorgt dafür, dass Adrenalin ausgeschüttet wird. Untetm Strich aber steht uns im Wege. Schade um deine Freundschaft aber nachvollziebar.

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    1. mynewperspective

      Vielen Dank für diese wertvolle Resonanz. Das Lied von Peter Gabriel sagte mir bisher gar nichts, daher danke für den Hinweis. Das Thema finde ich spannend und erschreckend zugleich (bin mir nicht sicher, wie ich es sonst ausdrücken soll). Um die Freundschaft ist es sicherlich schade, aber dafür bin ich für eine – für mich – wertvolle Erkenntnis reicher – wenn auch erst nach so vielen Jahren. Vielleicht war es genau das, was ich lernen sollte. 🙂

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      1. castorpblog

        Das Lied ist schon ziemlich alt, aus den 70ern. Es ist mir aber immer in Erinnerung geblieben. Deine damlige Freundschaft ist typisch für manche bewegte junge deutsche Frau wie ich auch welche kenne. Sehr selbst- aber noch mehr auf die eigenen Kinder bezogen, dabei relativ „gefühlsneutral“ gegenüber allem „anderen“. Zum Glück sind aber nicht alle so.😊

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  2. Random Randomsen

    Oft hört man die Behauptung „Ich glaube nur, was ich sehe.“ Der widerwärtige Haken dabei ist allerdings, dass man in aller Regel nur sieht, was man glaubt. Wenn sich eine fixe Idee erst in einem Kopf eingenistet hat, wird die „Wahr“nehmung entsprechend gefärbt. Deshalb ist es meines Erachtens, sich immer wieder darüber klar zu werden, durch welche Art von Brille die persönliche Wahrnehmung zustande kommt.

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    1. mynewperspective

      Wie ich heute erschreckend feststelle, ist meine Antwort zu Deinem wertvollen Kommentar nicht erschienen. Daher heute ein erneuter Versuch, während die andere im Nirvana herumschwirrt:

      Mal immer wieder die Brille putzen oder sie gar mal austauschen ist wahrscheinlich ein guter Anfang, um klarer zu sehen. Vielleicht wäre es gar nicht so schlecht, wenn wir Menschen hin und wieder mal ein Zwangsupdate machen müssten. Bei einigen wird dies sicherlich durch gewisse Ereignisse im Leben automatisch passieren, bei anderen selten/nie/nicht ausreichend.

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      1. Random Randomsen

        Das Wirken und Weben in der Kommentarsektion ist oft unergründlich. 🙂

        Ja, ich denke schon, dass es hilft, wenn man sich von Zeit zu Zeit bewusst wird, wie unterschiedlich die verschiedenen Brillen wirken können. Wer eine Sonnenbrille trägt, mag vielleicht manches etwas düsterer sehen, lässt sich aber weniger leicht blenden. 😉 [Dies nur als Beispiel]

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        1. mynewperspective

          Mir ist es mal passiert, dass mich eine E-Mail tatsächlich erst nach 21 Tagen erreicht hat. Snail E-Mail sozusagen. Wer weiß, vielleicht stehen bald unter Deinem Kommentar zwei Antworten 🙂

          Dein Beispiel finde ich sehr schön und denke wie Du, dass es nur eins von zahlreichen ist. Mir ist bei dem Gedanken ein Zitat von Marcel Proust eingefallen: The real voyage of discovery consists not in seeking new landscapes, but in having new eyes.

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