Memoiren #5

15 – 18¾

Die letzten Jahre auf der Realschule sind qualvoll. Mein Entschluss, nach der zehnten Klasse abzugehen um erst einmal eine Ausbildung zu beginnen, steht fest. Meinen Eltern ist es wichtig, dass ich mich soweit bilde, wie ich es für mein Leben wünsche. Da beide trotz Abgang aus der Grundschule eine abgeschlossene Ausbildung vorweisen, legen sie mir dies besonders nah. Studium wäre ebenfalls in ihrem Sinne, aber die Entscheidung überlassen sie mir. Mein Weg ist offen, nur gehen muss ich ihn.

Da ich mit den (Fremd-)Sprachen nicht weiterkomme in der Schule, entschließe ich mich in der 9. Klasse für die Wahlschwerpunkte: Informatik, Biologie, Physik und Chemie. In den letzten Jahren meiner Realschullaufbahn sitze ich nur noch hinten in der Klasse und bin froh, wenn die Schultage vorbei sind. Da ich in Mathe ziemlich gut bin und auch Aufgaben schnell löse, versorge ich während der Klassenarbeiten trotz A und B Klausuren, die vorderen Reihen mit den Lösungen. Eine Herausforderung, die Spaß macht.

Die freiwilligen Arbeitsgemeinschaften, die wir uns aussuchen dürfen, gefallen mir besonders gut, was sich auch extrem in meinen Noten zeigt. Da anne – türkisch für Mutter – Schneiderin ist und mir vieles beibringt, kreiere ich in der Maschinennähen-AG meine eigene Kleidung. Spaßt macht ebenfalls die Schlagzeug-AG. Vor allem Rechtskunde, der von einem Anwalt unterrichtet wird, empfinde ich sehr praxisnah. Auch da schneide ich mit besonderem Erfolg ab.

Mit gerade einmal 15¾ Jahren, komme ich in den Vorteil, einen älteren Bruder zu haben, der Vater wird und ich somit hala – türkisch für Tante väterlicherseits. Monate vor der Geburt starten anne und ich eine langanhalte Einkaufskampagne. Keine Babykleidung ist vor uns sicher. Als ich meine süße Nichte zum ersten Mal in den Armen halte, spüre ich eine sehr starke Vertrautheit. Es ist, als ob wir uns bereits aus einem früheren Leben kennen.

Die qualvollen letzten zwei Jahre auf der Realschule neigen sich dem Ende zu. Mein Bestreben ist es, mit dem Quali abzugehen, um später das Abitur nachholen zu können. Den erforderlichen Durchschnitt erreiche ich nicht und erscheine, mit einer Klassenkameradin zusammen, zur Englischnachprüfung. Wir beide schneiden eher bescheiden ab, jedoch weise ich mehr Punkte als die Klassenkameradin vor, die aufs Gymnasium will. Die Lehrer entscheiden, dass sie die nötige Qualifikation bekommt, ich jedoch nicht. Auf meinen Protest hin, wird mir mitgeteilt, dass meine Klassenkameradin ihr Abitur abstrebt, ich hingegen hätte mich für die Ausbildung entschieden und müsse ja nicht noch später das Abitur nachholen. Beide Leistungen seien nicht zufriedenstellend gewesen, bei meiner Schulkammeradin gebe es aufgrund ihres Umstandes Kulanz. Zum Abschluss gibt mir mein Englischlehrer mit auf den Weg, dass ich nie Englisch lernen werde. Mit diesen Worten endet meine Realschullaufbahn.

Eine Ausbildung zur Apothekenhelferin strebe ich an. Fünf Bewerbungen versende ich, zu drei Vorstellungsgesprächen werde ich eingeladen, zwei Zusagen innerhalb einer Stunde des gleichen Tages erreichen mich. Nach gründlicher Beratung mit anne entschließe ich mich für die zweite Zusage des Tages. Meine zweijährige Ausbildung in der Apotheke beginnt. Mit meinem weißen Kittel starte ich stolz meinen ersten Tag und bekomme schnell eine Aufgabe: Kontrolle der „Verwendbar bis“ Daten. Meinen ersten Fehler begehe ich damit, nicht aufmerksam genug zu sein und davon auszugehen, dass alle gleichen Produkte, auch die gleichen Daten vorweisen müssten. Eine Lektion gelernt. Mir unterläuft dieser Fehler danach nie wieder.

Außer mir gibt es eine zweite Auszubildende in der Apotheke, die sich im zweiten Lehrjahr befindet. Wir beide verstehen uns ziemlich gut, nicht nur weil wir zum jüngeren Gemüse unter den Kollegen gehören. Sehr strukturiert und tatsächlich auch einem Ausbildungsplan folgend, lerne ich nach und nach immer mehr von der Materie und liebe meine Arbeit. Die Kombination von Praxis und Theorie gefällt mir besonders gut. Die Berufsschule fällt mir fast schon zu leicht und bei meinem Notendurchschnitt befindet sich eine Eins vor dem Komma. Dem Ausbilder ist das nicht gut genug, nicht selten höre ich mir an, warum nicht eine Eins und nur eine Zwei unter der Klassenarbeit stehen würde, man hätte schließlich genug mit mir gelernt. Als ich es mal wage nachzufragen, warum ich so forsch auf meine Noten angesprochen werde und meine Kollegin trotz schlechterer Noten nicht, bekomme ich zu hören, dass mich der Vergleich mit anderen nie zum Erfolg führen wird.

Mein lieber Kukuschinsky, dat einzige wat hier Deutsch is, is dat Straßenschild.

Während meiner Ausbildungszeit werde ich in einem Vieraugengespräch darum gebeten, dass ich keinen so auffälligen Schmuck mehr tragen möge, womit meine langen goldenen Ohrringe gemeint sind. Ein Arzneimittelvertreter hätte sich darüber geäußert. Achten solle ich darauf, dass nichts mein Ausländischsein unterstreicht, wie z.B. auch die Sommerhosen mit weitem Bein. An mir würden sie ‚besonders auffallen‘. Ab dem nächsten Tag trage ich keinen Schmuck jeglicher Art mehr und achte auf noch neutralere Kleidung unter meinem Kittel. An einem Tag befinde ich mich im Keller der Apotheke und notiere die Wäsche, die von der Reinigung abgeholt werden soll. Aus dem Berg an Kitteln und sonstiger Wäsche, ragt ein weißer Stoff heraus und ich bin mir im ersten Moment nicht sicher, was es ist und ziehe es etwas mehr aus dem Wäscheklumpen heraus, frage mich selbst dabei laut, was es ist und notiere die Antwort leise auf den Zettel vor mir: 1 x Bettlaken. Eine Kollegin tritt währenddessen näher an mich heran und spricht: „Fräulein Serap, das ist ein Bettlaken. … Wissen Sie was ein Bettlaken ist?“ Verdutzt schaue ich meine Kollegin an und bejahe. Ob wir zu Hause auch Bettlaken benutzen würden. Ich bejahe. Sicherlich, weil meine Eltern in Deutschland gelernt hätten in Betten und somit auf Bettlaken zu schlafen. Ich verneine. Ob es in der Türkei auch Betten und Bettlaken geben würde. Ich bejahe.

An einem Sonntagmittag radle ich zu einem Grillfest, zudem mich meine türkische Klassenkameradin aus der Berufsschule eingeladen hat. Noch nie zuvor war ich in dem Stadtteil und orientiere mich daher nach dem Stadtplan. Es ist ein herrlicher Sommertag und ich trage ein blaues Trägerkleid mit kleinen weißen Blüten in Midi-Länge. Meine offenen hüftlangen Haare flattern im leichten Wind. Ich biege nach ca. 40-minutiger Fahrt in die Straße ein, in der meine Klassenkameradin wohnt, und nach circa 100 Metern sehe ich, wie sich die Köpfe von einem Haufen an Männern jeglichen Alters in meine Richtung drehen, während ich an ihnen vorbeifahre. Sie alle sitzen draußen auf dem Bürgersteig und teils schon auf der Straße vor einem türkischen Teehaus. Verwundert fahre ich die sehr lange Straße weiter und ziehe alle Blicke auf mich. Viele haben sich bei dem Wetter förmlich auf die Straße geworfen. Wat is dat denn? schießt es mir durch den Kopf. Mein lieber Kukuschinsky, dat einzige wat hier Deutsch is, is dat Straßenschild. Bei meiner Freundin angekommen und sämtliche Augen der Menschen noch nachträglich auf mir spürend, begrüßt diese mich herzlich und bietet mir als erstes etwas ‚angemesseneres‘ zum Anziehen an, ohne dass ich darum gebeten habe.

Noch während meiner Ausbildungszeit beschenkt mich das Leben mit einem weiteren Glück: Meine zweite Nichte kommt auf die Welt und mit gerade einmal 18 Jahren bin ich zweifache hala und meine hala-Liebe verdoppelt sich schlagartig. Die beiden zuckersüßen Erdlinge sind etwas ganz Besonderes in meinem Leben. Doppeltes Liebesglück.

Nach zweijähriger und erfolgreich abgeschlossener Ausbildung starte ich im wahren Berufsleben und schreibe mich zusätzlich am Abendgymnasium ein. Aufgrund der fehlenden Zugangsberechtigung, muss ich vor dem Start der dreijährigen Gymnasiumsphase ein Vorsemester absolvieren. Montags bis mittwochs, sowie freitags finden fünf Schulstunden ab 17:00 Uhr statt. Donnerstag ist ein kurzer Tag mit nur drei Schulstunden. Das Wochenende ist dem Lernen und den Hausaufgaben gewidmet. Mit meinen 18½ Jahren gehöre ich zu den allerjüngsten in der Klasse. Viele hier könnten altersmäßig meine Eltern sein. Zum ersten Mal in meiner Schullaufbahn sitze ich mit Menschen zusammen, die ihre wertvolle Zeit für etwas investieren, weil sie ein bestimmtes Ziel vor Augen haben. Es fasziniert mich, Teil einer solchen Gemeinschaft zu sein. Ein Privatleben mit Freunden existiert ab sofort für mich kaum mehr. Mit dem Ziel am Horizont, erscheint der sehr lange und mühsame Weg jedoch in einem ganz anderen Licht.

© Serap Yildirim / 2018

Dieser Beitrag ist Teil einer 12-Wochen-Serie auf meinem Blog basierend auf dem Buch von Julia Cameron – Es ist nie zu spät anzufangen. Weitere Infos hier.

17 Comments

  1. Major Tom

    Ich halte es für eine sehr schöne Erfolgsgeschichte. Meine Eltern haben auch nur die Grundschule besuchen können. Aber die sind immer motivierter als ich, wenn ich davon erzähle, was ich bei dem nächsten Schritt von meiner Bildung machen würde. Deswegen verstehe ich Dich ganz gut. Und sehe, dass Du es trotz vielen Schwierigkeiten geschafft hast. Viele Menschen würde schon aufgeben. Tante zu sein war offensichtlich auch eine stärke Motivation 🙂 Am besten finde ich aber lebenlanges Lernen, weil Studium/Master/Promotion irgendwann fertig ist. 🙂

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    1. mynewperspective

      Vielen Dank für Deine schöne Rückmeldung. Nichts scheint unmöglich zu sein, wenn der eigene Antrieb immer wieder da ist. Einfach ist es nicht, aber auch nicht unmöglich. 😉 Lebenslanges Lernen ist auch meine Devise. Auch nach dem Studium habe ich nie aufgehört, mir etwas Neues anzueignen. Auch heute ist es nicht anders. … Tante zu sein ist wirklich etwas wunderbares. Ein ganz besonderes Gefühl, was unbeschreiblich schön ist.

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  2. finbarsgift

    Nach dem interessierten Lesen dachte ich mir sogleich, liebe Serap, wie nahe doch glückliches und unglückliches zusammenliegen können, überhaupt, aber vor allem auch in deinem geschilderten Zeitraum …
    Dankeschön fürs Erzählen!
    HG vom Lu

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  3. richardhorn1963

    Liebe Serap;

    Wäre das heute noch so möglich, dass Du Vorschriften bezüglich Schmuck oder Kleidung einhalten musst? Würde Dir heute noch ein Arbeitgeber Klingelgoldohrschmuck verbieten können oder „türkische Hosen“?

    Du bist eine sehr schöne Frau und bestimmt drehen sich noch heute die Männer nach Dir um – ärgert Dich das oder freust Du dich darüber? Oder ist es Dir einfach egal? Meinst Du heute noch manchmal, Du müsstest Dich „angemessen“ oder „angemessener“ anziehen?

    Männer denken meistens gar nichts „Unanständiges“ dabei, wenn sie so gucken, meist nur: „Boah, ist DIE hübsch!“

    (Entschuldige, dass ich so „Intimes“ frage, aber es interessiert mich, und Du hast es ja zuerst ganz offen angesprochen…)

    Oah, und KRASS!!! Gab das echt mal Leute, die geglaubt haben, türkische Frauen wüssten nicht, was ein Bettlaken ist?

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    1. mynewperspective

      Lieber Richard,
      danke für Dein Interesse und die tiefergehenden Fragen.
      Warum sollte es heute nicht möglich sein, dass ein Arbeitgeber dies zu einem Arbeitnehmer sagt? Dies oder ähnliches ist damals, wie auch heute möglich.
      In meiner Geschichte auf dem Weg zu meiner Schulfreundin, geht es nicht darum, wie ich empfinde, wenn mich Männer anschauen, sondern was für eine Reaktion es (von Männern und Frauen) gab, als ich dort durch die Straße fuhr. Ich fiel auf … und das (wie ich empfand) nicht im positiven Sinne.
      Bzgl. der Intimität, die Du ansprichst: Ich habe mir selbst die Frage gestellt, in wieweit „mein Interesse“ es berechtigt, einer anderen Person Fragen zu stellen, die ich selber bereits als intim einstufe. Eine Antwort für mich selbst habe ich noch nicht gefunden, aber meine Gedanken dazu sind angeregt. Vielen Dank dafür.
      Herzliche Grüße
      Serap

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  4. kopfundgestalt

    Das Fahrrad-Erlebnis ist sicher etwas Denkwürdiges gewesen.
    Weißt Du, ich habe letztes Jahr ein wunderbares Buch üb eine Weltumradelung einer jungen Frau gelesen. Veileicht interessiert dich das auch?!

    Juliana Buhring: „Mein Weltrennen“.

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