Künstlertreff #4

Mein Künstlertreff in Woche vier führt mich nicht einmal aus meiner Wohnung heraus, denn ich beschließe, Blog-Hopping zu betreiben. Einfach mal sehen, was es in der großen weiten Bloglandschaft im WWW zu entdecken gibt. Mich inspirieren lassen und sehen, wo die Reise hinführen wird.

Doch bevor ich loshoppe, will ich schnell noch den Post von finbarsgift anhören, Sonata in d-moll K. 9 (Scarlatti, verjazzt), dies wird eine gute musikalische Begleitung beim Hopping sein. Den Jazzklängen lauschend, entdecke ich beim runterscrollen des Posts den Kommentar von Random Randomsen. Oh, denke ich, diesen Blog kenne ich nicht, also gleich als Erstes hinhoppen.

Gesagt, getan und ich befinde mich auf dem Blog von Random Randomsen. Super, hier gibt es weitere und sehr interessante Musik zu entdecken. Mein Zeigefinger auf dem Mousepad fährt langsam runter und nach sehr kurzem runterscrollen bleiben meine Augen an einem Wort kleben und mein Herz beginnt höher zu schlagen: Kanun.

Wenn ich je ein Musikinstrument spielen lernen wollte, dann Kanun, denn kein anderes lässt mein Herz und meine Seele so schön erzittern, wie dieses Zitherinstrument. Ganz aufgeregt klicke ich auf den Post und beginne den Klängen zu lauschen. Es dauert nur ein paar Sekunden und ein sanfter Schauer läuft meinen Rücken herunter. Aşk ve İstanbul (Liebe und Istanbul) heißt das erste Stück. Liebe entsteht hier jedes Mal, wenn sich die Finger des Künstlers Aytaç Doğan mit den Saiten des Kanuns vereinen.

Längst sind meine Augen geschlossen. Bilder aus der Tiefe meines Herzens schwimmen, getragen von den Kanunklängen, an die Oberfläche und flimmern vor meinem inneren Auge. Ab und an singen meine Lippen zur Musik. Erinnerungen werden wach. Erinnerungen an ganz bestimmte Menschen, Erinnerungen an ganz bestimmte Ereignisse und Erinnerungen an ganz bestimmte Orte. Erinnerungen aus ganz unterschiedlichen Zeiten meiner Vergangenheit. Eine musikalische Zeitreise in meinem Inneren … und ich mittendrin.

Ein Dauerschauer, der lieblich-süß meinen Rücken herunterfährt. Ein Festival der Gefühle findet in mir statt. Mal sitze ich am Bosporus und der Geruch Istanbuls steigt mir in die Nase. Mal befinde ich mich auf der mehrtägigen Autoreise in die Türkei und spüre die Vorfreude. Mal füllen sich meine Augen mit Tränen und ich verabschiede mich von einer Liebe in meinem Leben. Mal sehne ich mich an den Ort zurück, den ich zu Hause nenne. Mal spüre ich den Kuss oder die Umarmung eines geliebten Familienmitglieds. Mal bin ich Kind. Mal bin ich Jugendliche. Mal bin ich Erwachsene.

Nach fast 50 Minuten ist die Musik und somit auch meine sehr persönliche Reise zu Ende. Noch am Tisch vor meinem Laptop sitzend, öffne ich meine Augen. Weit bin ich beim Hopping nicht gekommen, dafür bin ich tief eingetaucht. Noch über eine Stunde lang singe ich zu den Kanunklängen bis ich meinem Künstlertreff ein freudiges Ende setze.

© Serap Yildirim / 2018

Dieser Beitrag ist Teil einer 12-Wochen-Serie auf meinem Blog basierend auf dem Buch von Julia Cameron – Es ist nie zu spät anzufangen. Weitere Infos hier.

40 Comments

  1. Random Randomsen

    Wie freue ich mich, dass Klangmagier Aytaç Doğan hier gelandet ist. 🌈🌟🎶 Seine Musik kann man ja gar nicht oft genug hören – denn jedes Mal, wenn das geschieht, wird die Welt ein hübsches Stück schöner und damit besser. 🙂
    Für mich ist es zudem sehr berührend, zu erfahren, welche Erinnerungen durch diese Musik geweckt wurden. So ergeben die emotionalen Dominoeffekte ja immer wieder neue, spannende Muster. 🌸
    Als klangliche Nachspeise (zudem mit ganz zauberhaften Bildern) würde ich noch das hier empfehlen:

    Gefällt 4 Personen

    1. mynewperspective

      Mich freut es, dass mein Künstlertreff so bedeutend ausgefallen ist. Ohne Deinen Post wäre es sicherlich anders verlaufen. Eine sehr bedeutende Reise war es für mich … plus, ich bin auf Deinen Blog gestoßen. Was wünsche ich mir mehr?
      Die klangliche Nachspeise ist köstlich. Danke Dir ganz herzlich! Vor allem, dass dieses Taksim seiner Tochter gewidmet ist, berührt mich zusätzlich sehr.
      Liebe Grüße
      Serap

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          1. Random Randomsen

            🙂
            Ja, die beiden sind musikalisch durchaus auf Augenhöhe (oder müsste man Ohrenhöhe sagen?). Aytaç Doğan und Hüsnü Şenlendirici habe ich faktisch gleichzeitig kennen gelernt. Durch den Gitarristen Eivind Aarset bin ich auf Dhafer Youssef aufmerksam geworden. Und der wiederum hatte die beiden bei einem Konzert in İzmir als Gastmusiker eingeladen. In der Folge bin ich dann auch auf das Taksim Trio (mit İsmail Tunçbilek) gestossen [und ich habe diesem Trio auch flugs eine „Kleine Nachtmusik“ gewidmet]. Ohne diese Verknüpfungen hätte es den Kanun-Beitrag nie gegeben. 🙂
            Hier noch eine Kostprobe aus dem İzmir-Konzert:

            Mit einem herzlichen Vormittagsgruß 🐻

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          2. mynewperspective

            Also wirklich, der Link zur Kostprobe führt zum „zu viel des Guten“ für mein kleines Musikgenießerherz. Vor lauter Musikhören und süßem Schmerz in der Brust, komme ich kaum zur Beantwortung von derartig wertvollen Kommentarbeiträgen. 😊 Hach …

            Deine Schilderung klingt für mich wie kostbare Perlen die sich nach und nach an einer Seidenschnur aneinanderreihen.

            Übrigens: Mich hat heute eine persönliche Nachricht von einer Leserin meines Blogs erreicht. Sie hat sich über die Gefühle geäußert, die die verlinkte Musik in meinem Künstlertreffbeitrag in ihr ausgelöste. Wollte Dich wissen lassen, was Du ins Rollen gebracht hast. 🙂

            Viele Grüße
            Serap

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          3. Random Randomsen

            Ja, manchmal kann so eine musikalische Erfahrung echt überwältigend wirken. Und Dhafer Youssef ist ja auch so ein magischer Musikmensch von unglaublicher Intensität, der zudem vor grenzenloser Spielfreude zu bersten scheint. 😀
            Ja, das Bild mit der Perlenkette trifft es sehr gut. Und auch wenn die Kette unaufhörlich wächst, wird sie nie zu lang oder zu schwer.
            Lieben Dank für die Mitteilung der Leserinnen(hörerinnen)reaktion. Auf der einen Seite ist das sehr beflügelnd. Zeigt es doch, dass es sich lohnt, schöne Lebensmomente zu teilen. 🙂
            Mit einem harmonisch schwingenden Abendgruß 🐻

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          1. Random Randomsen

            Letztlich sind das ja zwei unterschiedliche Arten von Nähe, die beide ihren Wert haben. Auf der einen Seite die physische Nähe zu den Musikern, die im besten Fall eine unglaubliche Intensität haben kann. Und auf der anderen Seite die Optik der Kamera, die eine ganze Bandbreite an Facetten vermitteln kann. Etwa diese völlige Hingabe an den musikalischen Moment. Oder manchmal kann ja auch die Handarbeit der Instrumentalisten sehr spannend und auch ästhetisch ansprechend sein.

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          2. mynewperspective

            Schön, wenn man die Kombination erleben kann. Mir persönlich fällt auf, wie unterschiedlich meine Empfindungen sind, je nachdem, worauf mein Fokus liegt. Auch ich sehe gerne die „Handarbeit“, die Musik fällt dann eher – wenn auch leicht – in den Hintergrund oder ich schließe meine Augen und höre nur die Musik … auch wieder eine andere Wahrnehmung als das Zusammenspiel.

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          3. kopfundgestalt

            Es gibt verschiedene Facetten des Zuhörens und Beobachtens. Jede hat ihre Berechtigung und Stärken.
            Wenn drei Musiker zusammenwirken, dann nehme ich manchmal den Einsatz des einen oder anderen nicht wahr oder nur unterschwellig. Zu sehen, jetzt greift er in die Tasten und mischt sich mit seinem Beitrag zum Gesamtbild hinzu, ist schon recht wertvoll.
            Ist man nahe dran am Geschehen, kann man nicht so leicht abdriften in Allerweltsgedanken, wie es mir manchmal passiert. Immer wieder passiert mir das bei Konzerten oder auch Ballett – und jedes Mal tut das eigentlich weh.

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    1. kopfundgestalt

      Das sogenannte Hopping, dafür hat meine Frau absolut kein Verständnis. 🙂 Sie „schimpft“ mich dann immer.
      Im Moment habe ich so 80 Blogs auf dem Radar, die ich mit RSSOWL im Zugriff habe. Manche Blogeinträge erfordern recht viel Befassung damit, sodaß am Tag einige Stunden zusammenkommen. Immerhin erspare ich mir damit ein reges TV-Leben 🙂 🙂

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      1. ellen

        Hehe….kommt mir nur zu bekannt vor. Ich versuche mich einzuschränken, was mittels des Smartphones leider dann doch nicht so hinhaut. Die böse Technik hat einen fest im Abhängigkeits- Griff.
        Ja…ich denke so zahlreich sieht meine Bloggemeinde auch aus. Ich besitze erst seit 2 Jahren einen eigenen TV….kommt eh fast nur Mist. 😎

        Gefällt 2 Personen

  2. kopfundgestalt

    Sehr schön beschrieben! Einfühlsam und lyrisch.

    Das Taksim-Trio kenne ich, habe ich live erlebt und gehört zu den etwa 5,6 Highlights der sog. Hafensommer Würzburg.
    Das Taksim-Trio wurde mir übrigens durch einen Gitaristen aus Istanbul nähergebracht. So kannte ich es schon, als es in Würzburg auftrat.
    Ich konnte damals den Künstler aus der Nähe zusehen – es war atemberaubend, wie er sich mit seinem Instrument verband.

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    1. mynewperspective

      Istanbul ist eine SEHR interessante Stadt, auch das Land ist sehenswert. Mich persönlich hat es auf meinen Reisen nie interessiert, wer gerade wo regiert. Wenn ich hin will, will ich hin und mache mir ein eigenes Bild. Selbstverständlich verstehe ich Deinen Gedanken, der auch absolut nachvollziehbar ist.

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  3. gkazakou

    Liebe Serap, wie du vielleicht in meinem Kommentar zu Randoms Beitrag gelesen hast, spielt das Kanun auch fürmich eine Hauptrolle unter den Instrumenten. Ich habe in meinem Romanfragment „Schwanenwege“ sehr vieles geschrieben, das deinen Erinnerungen ähnelt. Bei uns heißt es Santuri..

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