Der Wert der Wertschätzung

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Kurz vor 8:00 Uhr. Mit einem breiten Lächeln im Gesicht betrete ich das Foyer meines damaligen Arbeitgebers und begrüße die drei Kollegen am Empfang mit „Einen wunderschönen Guten Morgen, die Herren“ und werde freundlich zurückgegrüßt.

An einem der drei Aufzüge steht ein mir unbekannter Kollege, der seinen Kopf wegdreht, als ich in seine Richtung schaue. „Guten Morgen“ strahle ich dem mich nicht ansehenden Kollegen entgegen. Als Reaktion erhalte ich einen sich blind und taub stellenden Menschen. Mich direkt neben ihn stellend, warte ich nun gemeinsam mit ihm still auf den Aufzug. Vielleicht täusche ich mich, aber ich meine wahrzunehmen, dass mich der Kollege von der Seite aus bemustert.

Der erwartete Aufzug hat seinen Weg endlich ins Erdgeschoss gefunden und öffnet nun seine Türen. Der junge Kollege geht selbstverständlich schweigend vor und drückt den Etagenknopf, der mir verrät, für welche Abteilung er arbeitet. Nach dem Kollegen trete auch ich in den nun mit Ignoranz befüllten Aufzug und drücke den Knopf, der mich in die Etage bringen wird, in der ich tätig bin.

Immer noch schweigend bemerke ich, dass der junge Kollege auf den leuchtenden Etagenknopf schaut, den ich gedrückt habe. Was diese Etage bedeutet ist folgendes: Entweder arbeite ich für seinen direkten Vorgesetzten oder für den Vorgesetzten seines Vorgesetzten. Letzteres ist der Fall. Schweigend schmunzle ich innerlich vor mich hin, während ich bemerke, dass der Kollege immer unruhiger wird.

„Entschuldigung“, unterbricht er plötzlich die bisherige Stille zwischen uns beiden, „haben Sie nicht letzte Woche angefangen, für die Geschäftsführung zu arbeiten?“

„Ja, das habe ich“, antworte ich freundlich und mich ihm zuwendend.

„Ich, ich hatte es in der Mitarbeiterzeitung gelesen. Sie sind Frau …“

„Yildirim“

„Ja, genau. Lag mir auf der Zunge. … Glückwunsch.“

„Vielen Dank, sehr freundlich von Ihnen.“

„Entschuldigung, ich war gerade etwas abwesend … habe Sie irgendwie nicht wahrgenommen“, erklärt der junge Kollege seine bisherige Ignoranz mir gegenüber.

„So etwas kommt vor“, entgegne ich lächelnd. „Wie gut, dass ich Sie durch das Drücken des entsprechenden Etagenknopfes in die Anwesenheit zurückholen konnte.“

Der junge Kollege ist verlegen. Zu seinem Glück öffnet sich die Aufzugstüre und er kann mit einem schnellen „Einen schönen Tag“ auf seinen Lippen die Flucht ergreifen.

***

Heute, noch viele Jahre später, frage ich mich folgendes: Nach unten treten, nach oben buckeln? Was ist es, was den Menschen dazu veranlasst? Warum bin ich einen Smalltalk wert, nur weil ich den richtigen Etagenknopf drücke? Ist die entgegengebrachte Wertschätzung des kurzen Gespräches überhaupt eine Wertschätzung meiner Person gegenüber? Oder ist es eine Wertschätzung lediglich der Position gegenüber? Ist diese Wertschätzung überhaupt eine Wertschätzung, wenn sie nicht gegenüber meiner Person, sondern gegenüber dem beruflichen Status gewidmet ist? Welchen Wert hat die Wertschätzung, wenn sie lediglich dem vermeintlichen Rang aber nicht gegenüber dem eigentlichen Menschen gilt?

© Serap Yildirim / 2018

 

Beitragsbild: Photo by Ricardo Mancía on Unsplash
Sounds / Musik für Audio:
https://www.zapsplat.com/music/elevator-door-closes-starts-ascent-ride-stop-doors-open-2/
http://www.orangefreesounds.com/requiem-piano-mozart/

15 Comments

    1. mynewperspective

      Vielen Dank, lieber Lu.
      Gegen die Rollen im (Berufs-)Leben habe ich persönlich nichts. Nur bin ich der Ansicht, dass alle Rollen wichtig sind und dementsprechend auch Wertschätzung verdienen. Um einen Gruß zu erwidern bedarf es meines Erachtens auch keine Statusabfrage 😉
      Herzliche Morgengrüße
      Serap

      Gefällt 3 Personen

  1. gkazakou

    Liebe Serap, die beiden Wertschätzungen (Person – Status) decken sich selten, da sie sehr verschieden motiviert sind. Ein Beispiel aus meinem Leben. Neu in Athen, fragte ich telefonisch bei der deutschen Schule an, ob sie in ihrer Sprachabteilung eine Lehrerin brauchen. Antwort: Nein, alles besetzt. Ich: Na, ich schicke Ihnen auf jeden Fall mal meine Unterlagen, vielleicht dass später …. Am nächsten Tag ein Anruf der Sekretärin: Es wäre uns eine Ehre, wenn Sie bla bla. Sie hatte meinen Doktortitel zur Kenntnis genommen. Persönlich habe ich überhaupt nicht vorgesprochen. Obs auf der persönlichen Ebene geklappt hätte? Wohl eher nicht. Liebe Grüße!

    Gefällt 1 Person

    1. mynewperspective

      Liebe Gerda,
      wie bedauerlich, dass sich, wie Du auch treffend schreibst, die beiden Wertschätzungen nicht decken. Dein persönliches Beispiel zeigt dies ebenfalls sehr deutlich. Nach wie vor kann ich mich mit dem Gedanken nicht anfreunden, nicht erst den Menschen, sondern den Status zu sehen, um meine Höflichkeit dem anzupassen.
      Herzliche Grüße
      Serap

      Gefällt 1 Person

  2. Heidrun Regina

    Echte Wertschätzung kommt von Herz zu Herz.
    Jetzt von meinem zu Deinem!
    Wenn es endlich normal wird, dass in der Arbeitswelt auch das Herz da sein darf, dann ändert sich auch der Umgang der Angestellten untereinander und mit den Chefs…

    Das ist so wertvoll!

    Gefällt 2 Personen

  3. Jules van der Ley

    Liebe Serap Yildirim,
    die Tonaufnahme hat mir diesmal besonders gefallen, denn du hast den Text nicht einfach vorgelesen, sondern mit Geräuschen unterlegt, was die Fahrstuhl-Szene noch eindringlicher macht. Auch die Art wie du die Pausen im Vortrag gesetzt hast, ist mir erneut positiv aufgefallen. Klasse! Diese meine Wertschätzung bringe ich dir entgegen, obwohl ich nicht weiß, welchen Aufzugknopf du gedrückt hast. 😉
    Deine Schlussfragen beantworten sich aus dem Umstand, dass die meisten Unternehmen hierarisch organisiert sind, wo nach oben zu buckeln und nach unten zu treten das erfolgversprechende Sozialverhalten ist.

    Gefällt 1 Person

    1. mynewperspective

      Lieber Jules,
      es freut mich wirklich sehr, dass die Tonaufnahme Dir gefallen hat. Nicht immer ist es möglich, die passenden Geräusche / die passende Musik zu finden, aber diesmal bot es sich tatsächlich gut an. Danke Dir sehr, für diese wertvolle Rückmeldung, die mich natürlich motiviert, in der Hinsicht vielleicht auch noch mehr dazuzulernen.
      Was das Thema der Geschichte betrifft, hast Du (leider) recht. … Gegen Hierarchie habe ich persönlich nichts, denn ich habe gelernt, dass auch in der Hierarchie ein Gleichgewicht, also gegenseitiger Respekt und ein Miteinander, durchaus möglich ist.
      Schöne Grüße
      Serap

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