Memoiren #4

11¼ – 15

Meine Jahre auf der Realschule verlaufen eher schlecht als recht. Als Schülerin mit einem Notendurchschnitt im unteren Mittelbereich, schaffe ich es trotzdem jedes Jahr versetzt zu werden. Der Unterricht langweilt mich, bis auf wenige Ausnahmen, zu Tode.

Meine Englischlehrerin ist eine sehr engagierte. Sie unterrichtet die Sprache nicht, sie lebt sie. Diese Art zieht mich eher mit, als das langweilige Auswendiglernen. Sie peppt die Stunden mit zahlreichen Anekdoten über ihre Großbritannienbesuche und den kulturellen Missgeschicken auf. Wir bereiten in der Schulküche English breakfast vor, führen kleine Theaterstücke auf und lernen zahlreiche neue Lieder. Ein spannender und lebhafter Unterricht und eine Unterrichtsmethode, die mich anspricht und auch motiviert.

Die größte Ausnahme unter den Lehrern bildet meine Deutschlehrerin. Eine promovierte Dame aus gutem Hause, in einem sehr noblen Teil der Nachbarstadt lebend. Immer akkurat gekleidet, die Haare zum Dutt zusammengesteckt und stets dezent geschminkt. Eine Lehrerin der ‚alten Schule‘. Wir alle haben Angst vor ihr. Auch die Schüler, die nicht von ihr unterrichtet werden. Nicht ausgeschlossen von der Angst-Gruppe sind sämtliche Eltern und Lehrer, sowie der Schuldirektor. Wir Jugendliche nennen es ‚Schiss‘, die Erwachsenen ‚großen Respekt‘. Fakt ist, wie alle stehen stramm, wenn sie den Raum betritt. Von ihr lerne ich, dass man die schönsten Momente im Leben nicht mit einem Fotoapparat, sondern mit dem Herzen ablichtet.

Meine promovierte Lehrerin unterrichtet mich ab der 7. Klasse auch im Französischen. Eine vierte Sprache fängt an, mein Leben zu bereichern. Mit viel Freude entdecke ich die Gemeinsamkeiten meiner Muttersprache mit dem Französischen, wobei das Türkische mit wesentlich weniger Buchstaben auskommt um ein und das gleiche Wort zu verschriftlichen. Der Französischunterricht bringt Freude und wie auch im Deutschunterricht gleicht keine Stunde vom Aufbau her der letzten. Abwechslung pur, trotz riesenschiss vor der Lehrerin. Ganz besonders die Momente, wenn wir mit ihr ausgelassen und lautstark Lieder wie Alouette, gentille alouette, Alouette, je te plumerai singen.

Als meine beiden Sprachlehrerinnen in den höheren Klassen durch anderen Lehrer ersetzt werden, endet mit dem Stil dieser mein Interesse am Unterricht. Wieder pures Auswendiglernen von Vokabeln. Es ist zum Mäusemelken.

„Du musst das nicht können. Das ist schließlich nicht Deine Muttersprache.“

Meine Noten im Deutschunterricht, vor allem für die Aufsätze, können sich nicht mehr sehen lassen. Auch wenn ich mal ganz stolz auf das Geschriebene bin, sieht es der Lehrer anders. Auf Nachfragen, was ich besser machen könnte, erhalte ich Totschlagargumente, wie: „Mach Dir nicht so viele Gedanken darüber. Du musst das nicht können. Das ist schließlich nicht Deine Muttersprache. Da musst Du nicht alles verstehen.“ Was ich nicht verstehe, ist, warum ich etwas nicht können muss, nur weil es nicht meine Muttersprache ist. Den Sinn meines gesamten Schulbesuches stelle ich in Frage.

In der 8. Klasse steht für mich fest, dass ich die Realschule irgendwie durchziehe, einen Notendurchschnitt erziele, der mich später fürs Gymnasium qualifiziert, mir aber erst einmal einen Ausbildungsplatz suchen werde, denn die Schule ist für mich nicht mehr tragbar. Wie wunderbar, dass ich mit Einverständnis meiner Mutter, ab und zu offiziell einen Tag schwänzen darf. Die Entschuldigung für die Schule schreibe ich schon seit Jahren selbst und unterschreibe sie auch mit der gefälschten Unterschrift meiner Mutter, aber immer und ausnahmslos in Absprache mit ihr.

Meine Entschuldigungen für die Schule, sind nicht die einzigen Schriftstücke, die ich in der Zeit verfasse. Schon längst habe ich die Korrespondenz der Familie als Aufgabe übernommen. Meinen Eltern fehlt es an nötigen Sprachkenntnissen und meinem Bruder, der schon lange nicht mehr bei uns wohnt, an Interesse. Bankangelegenheiten, Korrespondenzen und Übersetzungen werden jetzt von mir erledigt. Wenn ich etwas nicht verstehe, frage ich mich durch und lerne schnell, auch wenn diese Aufgaben nicht gerade altersgemäß sind.

Ebenfalls nicht altersgemäß ist mein Musikgeschmack. Neben der türkischen Musik in jeglicher Form, die ich über alles liebe, findet man mich wochentags, nach der Schule, nicht selten in einem der schalldichten Räume in der Stadtbücherei zu der Musik Mozarts Zauberflöte träumend. Damit kann sich keiner meiner Freunde wirklich anfreunden. Weder die deutschen, noch die türkischen.

Spätestens jetzt wird mir bewusst, dass ich mir etwas vorgenommen habe, was ein paar Nummern zu groß für mich ist.

Unter den zahlreichen türkischen Videos, die wir zu Hause förmlich verschlingen, weckt eine Romanverfilmung mein Interesse: Çalıkuşu. Goldhähnchen. Die Geschichte ist fesselnd und ich leihe mir das Buch aus der Stadtbücherei im Original aus. Der Roman von Reşat Nuri Güntekin, veröffentlicht Anfang der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts, handelt von der Vollwaise Feride, die in Istanbul in einem französischen Internat ausgebildet wird. Den Spitznamen Çalıkuşu bekommt sie von den Nonnen des Internats, da Feride aufgrund ihrer kindlichen und rebellischen Art stets in Baumwipfeln anzufinden ist. Mich fasziniert die Geschichte der jungen türkischen Frau. Sie zieht zu Zeiten kurz vor und während des Ersten Weltkrieges nach ihrem Schulabschluss als Lehrerin von einer anatolischen Stadt in die andere. Zwei Kulturen, Sprachen und Religionen in sich vereint, stets mit einem naiven Blick auf alle Menschen die sie umgibt, wird sie abermals im Leben enttäuscht, um danach gestärkt wieder aufzustehen und einen Neuanfang zu wagen.

Mein erster türkischer Roman. Wie gut, dass ich die Handlung bereits kenne, denn die Sprache im Buch verstehe ich kaum. In meinem Wörterbuch Türkisch – Deutsch sind die Wörter, die ich suche, nicht einmal vorhanden, also geht es wieder in die Stadtbücherei. Ein türkischsprachiger Bibliothekar kennt der Roman, versteht mein Anliegen und drückt mir einen kiloschweren Wälzer in die Hand: Osmanlıca-Türkçe Ansiklopedik Lûgat (Osmanisch-Türkisch Enzyklopädisches Lexikon) von Ferit Devellioğlu. Es ist das dickste Buch, was ich bis dahin gesehen habe. Als mir der Bibliothekar erzählt, dass ich damit sicherlich auch meine Schwierigkeiten haben werde, legt er noch ein dickes Wörterbuch der türkischen Sprache drauf und wenn das nicht helfen sollte, dann möge ich im dicken Wörterbuch Türkisch-Deutsch, welches sich zu den anderen hinzugesellt, nachschlagen. Damit wäre ich gut ausgestattet. Er lobt, dass ich mich in meinem Alter an so ein Unterfangen wage. Spätestens jetzt wird mir bewusst, dass mein Vorhaben ein paar Nummern zu groß für mich ist.

Insgesamt fünf Mal lese ich das Buch und führe ein Vokabelheft: Osmanisch – Türkisch – Deutsch. Beim fünften Durchlauf sitzt alles und ich verstehe nun jedes einzelne Wort im Buch. Die Vokabeln, denen ich jetzt mächtig bin, bringen mich zwar im Alltag nicht im Geringsten weiter und interessieren auch sonst keinen Menschen, aber ich bin glücklich darüber, dass ich meinen Lieblingsroman in seiner Gänze verstehe.

© Serap Yildirim / 2018

Dieser Beitrag ist Teil einer 12-Wochen-Serie auf meinem Blog basierend auf dem Buch von Julia Cameron – Es ist nie zu spät anzufangen. Weitere Infos hier.

12 Comments

    1. mynewperspective

      Danke sehr, lieber Lu. Wusste gar nicht, dass ich so früh damit angefangen habe. 🙂 … Interessant, was man so alles entdeckt, wenn man sich auf die Reise in die Vergangenheit begibt. 😉 … Zur Zauberflöte Mozarts träume ich nach wie vor noch sehr gerne.
      Hab‘ einen wunderschönen Start in die Woche.
      Liebe Grüße
      Serap

      Gefällt 1 Person

  1. gkazakou

    Liebe Serap, wie gern ich das wieder gelesen habe. Vieles erinnert mich an meine eigenen Schuljahre, trotz ganz anderer Ausgangsbedingungen. Vor allem ist es dies einsame Lesen und Lernen außerhalb des abgedroschenen Lernstoffs der Schule. In meinem kleinen Wohnort gab es nicht mal eine richtige Buchhandlung, auch kein Theater, natürlich auch keine Bibliothek, keine Schallplatten… Alles alles musste ich selber herausfinden, und das tat ich dann auch, las den ganzen Shakespeare im Original (ohne freilich alles zu verstehen), auch zum Schrecken meiner Mitschüler den Faust II … Liebe Grüße dir!

    Gefällt 2 Personen

    1. mynewperspective

      Liebe Gerda,
      besten Dank!
      Meine Eltern konnten „nur“ die Grundschule besuchen und mir später keine Unterstützung bei schulischen Belangen sein, aber sie haben mir etwas vorgelebt, das weitaus wertvoller war als Hausaufgabenhilfe: Ausdauer, Wille und kreative Lösungen, die zielführend sind. Genau das lese ich ebenfalls aus Deinen Zeilen heraus. Die Grenzen des „Unmöglichen“ ausreizen. 😉 Wirklich sehr beeindruckend und auch inspirierend, liebe Gerda. Vielen Dank, dass Du diese besonderen Erinnerungen an Deine Kindheit mit mir teilst.
      Viele liebe Grüße
      Serap

      Gefällt 2 Personen

  2. Ulli

    Erst einmal danke, dass du all diese Erinnerung mit uns teilst, liebe Serap.
    An die Langeweile in der Schule erinnere ich mich auch nur zu gut und auch an die Willkür der Benotungen, wenn es z.B. um Aufsätze ging.Eigenwillig war nicht erwünscht, nur blöd, dass ich es gewesen bin 😉
    Auch du bist deinen Weg inmitten des vorgeschriebenen gegangen, gut so!
    Herzliche Grüße, Ulli

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s