Künstlertreff #3

Der Künstlertreff in Woche drei führt mich in ein Warenhaus. Dort will ich mich von irgendetwas inspirieren lassen, ohne eine Zielvorgabe, welche Abteilungen besucht werden sollen. Meine Intuition führt mich zu den Schreibwaren. Es wundert mich nicht.

Langsam und bedacht schlendere ich von einem Gang in den anderen und schaue mir alles an, was mein Interesse weckt. Passend zu den Kindheitserinnerungen dieser Woche, versuche ich das Gesehene mit einem kindlich naiven Auge zu betrachten. Stifte, Farben, Briefpapier, Hefte, Blätter. Liniert, Kariert, Blanco. Meine Gedanken versetzen sich zurück in die Kindheitstage, in denen ich kreativ tätig war.

Vor einem Regal mit farbigen und gemusterten Heften bleibe ich lange stehen. Zwei dieser fische ich mir aus der vielfältigen Anzahl an Heftmustern heraus. Das diese Hefte eigentlich Notebooks heißen, ist mir egal. In meinen Gedanken bin ich Kind und kenne den ausländischen Begriff nicht. Eins mit schwarzweiß geometrischen Mustern. Das andere mit bunten Streifen und Dreiecken übersät. Da beide Hefte eingeschweißt sind, kann ich nicht ersehen, wie die Blätter sind. Weder auf der Rückseite noch sonst wo ein Zeichen davon, wie der Inhalt aussieht. Beides möchte ich als Schreibheft nutzen und ich schreibe am liebsten auf kariertem Papier, weil ich den Abstand zwischen den Zeilen einfach ansprechender finde. Irgendwann fällt meine Entscheidung, sie zu nehmen, auch ohne zu wissen, wie der Inhalt sein wird. Eine Überraschung.

IMG_1203Mit beiden Heften fest vor meinem Oberkörper, gehe ich weiter und meine Augen erweitern sich, als ich ein Exemplar eines Ausmalbuches für Erwachsene entdecke. Ein Ausmalbuch! Juhuu! Als Kind liebte ich Ausmalbücher und da ich gerade eins bin oder mir vorstelle eins zu sein, freue ich mich wie Bolle, dass mein Weg zu einem Ausmalbuch geführt hat. Sechzehn Motive aus den 60ern. Gut, auch wenn ich Jahrgang 73 bin, werde ich nicht kleinlich sein. Nicht jetzt. Auf der Rückseite des eingeschweißten Ausmalbuches sind alle Motive abgebildet. Sie erinnern mich teilweise an die Tapeten aus meiner Kindheit. Jaaa, das ist absolut mein Ausmalbuch. Jetzt brauche ich Stifte. Viele Stifte.

An den Wachsmalstiften gehe ich gleich vorbei. Sie sagen mir nicht zu, dabei mochte ich sie früher, aber jetzt passt es irgendwie nicht. Filzstifte? Mehrere Marken und Farbzusammenstellungen schaue ich mir an, nehme sie in die Hand und lege sie nach einer Weile auch wieder zurück. Nein, auch keine Filzstifte. Die Wasserfarben erwecken auch nicht mein Interesse. Zumindest nicht für dieses Projekt. Bundstifte. Aquarellstifte. Ja, wir kommen der Sache schon näher. Das lässt mein Herz gerade höherschlagen. In dem Moment fällt mir ein, dass ich Aquarellstifte besitze, die ich bisher noch nie verwendet habe. Wann genau habe ich diese noch gekauft? Hm, es müssten schon ein paar Jahre her sein. Okay, also Stifte sind für das Ausmalbuch gefunden. Weiter geht es durch die Gänge.

Wie sehr habe ich es als Kind geliebt, mit einem Füller zu schreiben? Sehr! Wie lange habe ich schon nicht mehr mit einem Füller geschrieben? Viel zu lange! Also muss ein Füller her. Schließlich habe ich zwei neue Schreibhefte, die ich befüllen kann. Nach sehr langem Suchen und Ausprobieren, fällt die Entscheidung. Ein anthrazitfarbener Füller ist gefunden. Er liegt gut in der Hand, ist schwer, aber nicht zu schwer, um damit auch längere Texte, ohne dass die Hand ermüdet, schreiben zu können. Vor dem geistigen Auge sehe ich schon die Zeilen in meinem Heft, die sich mit königsblauer Tinte füllen. Dabei fällt mir ein: Ich brauche unbedingt einen Tintenkiller. So wie damals in der Schule.

Als ich mit meiner Ausbeute und einem glücklichen Herzen Richtung Kasse gehe, fällt mir ein Pack Kugelschreiber in zehn verschiedenen Farben auf. Als Kind hatte ich einen, der vier unterschiedliche Farben in einem Stift hatte: königsblau, rot, schwarz und grün. Diese Kugelschreiber sind zwar alle separat, haben aber dafür sechs weitere Farben: lindgrün, orange, himmelblau, pink, braun und lila. Sie müssen unbedingt mit.

Aber Halt, da ist doch noch was … bei meinem Gang zur Kasse entdecken meine Augen etwas Weiteres: einen Bleistift, der fast doppelt so viel Umfang hatIMG_1207, als ein üblicher Bleistift. Jumbo. Er erinnert mich an den Riesenbleistift, der sich im Werkzeugkasten meines Vaters befand und viel zu groß für meine kleinen Hände war und sich zum Schreiben nicht wirklich eignete. Auf diesen von mir entdeckten Bleistift, gibt es sogar Platz für den eigenen Namen. Ja, das nehme ich mit und schreibe SERAP in das Feld. Vielleicht mache ich sogar eine Bleistiftzeichnung. Wer weiß … der Bleistift wird auf jeden Fall gekauft.

Zuhause angekommen, packe ich meine Schätze aus. Eins meiner Schreibhefte, das schwarzweiße mit den geometrischen Mustern, ist kariert. Juhuu. Das andere liniert. Auch darüber freue ich mich, denn die Abstände zwischen den Linien sind nicht so groß wie üblich und ganz nach meinem Geschmack. Zuerst kommt die Tintenpatrone in den Füller und es geht mit einigen Schreibübungen los. Jaaa, der Füller gefällt mir, aber jetzt will ich nicht schreiben, sondern malen! Meine unbenutzten Aquarellstifte aus der Tiefe meines Schranks herauskramend, suche ich mir ein Motiv aus meinem Ausmalbuch heraus. Bei einem Muster sehe ich vor meinem geistigen Auge eine Tapete, mit den Farben meiner Kindheit. Diese Farben picke ich aus dem Bündel an Aquarellstiften und male das vorgegebene Muster meiner Phantasietapete aus. Obwohl Pinsel und Wasser bereitstehen, kommen sie nicht zum Einsatz. Erst beim zweiten Muster, wo ich mich für andere Farben entscheide, geht es flüssig zu.  Stundenlang verliere ich mich in dem kreativen Prozess und erfreue mich an der Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart.

 

© Serap Yildirim / 2018

Dieser Beitrag ist Teil einer 12-Wochen-Serie auf meinem Blog basierend auf dem Buch von Julia Cameron – Es ist nie zu spät anzufangen. Weitere Infos hier.

18 Comments

  1. socopuk

    Danke für diese schönen Bilder im Kopf – ich kann mir dich richtig gut verträumt zwischen den Regalen vorstellen!
    Ich male auch sehr gerne mit Aquarell-Buntstiften. Tipp: Leg dir unbedingt noch einen Pinsel mit Wassertank zu!

    Gefällt 1 Person

    1. mynewperspective

      Sehr gerne. Freut mich, dass es so bildhaft rübergekommen ist.
      Vielen Dank für den Tipp. Wusste gar nicht, dass es Pinsel mit Wassertank gibt. 🙂 Male seit meiner Kindheit nicht mehr und mit Aquarellbuntstiften habe ich auch zum ersten Mal experimentiert. Aber definitiv nicht zum letzten Mal 😉

      Gefällt 2 Personen

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