Einmal Hochzeit, zweimal Scheidung

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Mehr als ein Jahrzehnt liegt es nun zurück. Es fühlt sich jedoch so an, als ob es gestern gewesen wäre. In einem Telefonat mit einem guten Freund erzählt dieser von den vielen für ihn momentan nicht beantwortbaren Fragen bezüglich seiner Beziehung. Er hat sich verliebt. Sie lebt im Ausland. Frage ist, wer von den beiden zu wem ziehen wird. Von Heirat ist die Rede. Der Freund fragt sich unter anderem, wovon er eine Hochzeit finanzieren soll, da die Finanzen knapp sind.

Um einen Lichtblick zu geben, bereite ich ihm ein Angebot unter: Falls er heiratet und seine Ehefrau, nach der angedachten standesamtlichen Trauung im Ausland, mit ihm nach Deutschland zieht, braucht er mir nur eine Gästeliste zu schicken und ich arrangiere die gesamte Hochzeit für ihn. Es würde keine First-Class Hochzeit werden, aber eine, die sich sehenlassen kann. Er und seine Ehefrau müssten nur zur Feier erscheinen und um die Kosten würde ich mich kümmern, indem ich alle Gäste irgendwie unterstützend einbinde. Es würde keine Geschenke geben, denn die Hochzeit an die beiden wäre das Geschenk von allen eingeladenen Gästen.

Die Stimmung des Freundes ändert sich zum positiven, als ich alle vorläufigen Ideen mit ihm teile. Er scheint erst einmal aus seinem tiefen Loch heraus zu sein. Seine Stimme klingt jetzt heiter. Die Hochzeitsfeier könnte auch eine Überraschung für seine baldige Ehefrau sein, schlägt er vor. An dem Tag könnte sie alle seine Freunde kennenlernen. Der Plan steht. Das Telefonat mit dem Freund endet beidseitig in (Vor-)Freude.

Monate vergehen und der Freund heiratet im Ausland und kommt mit seiner geliebten Ehefrau nach Deutschland. Die Planung für die Überraschungshochzeit beginnt. Mit einer Liste an ca. 60 Gästen mache ich mich an die Arbeit. In der Rundmail, die ich versende, frage ich alle eingeladenen Gäste nach ihren besonderen Kompetenzen und welchen Beitrag sie zu der Hochzeit leisten können. Fakt ist, dass kein Budget existiert, aber reichlich Ausgaben, die gedeckt werden müssen. Jeder muss etwas beitragen und zwar auf hochzeitlichem Niveau.

Jeder, dem ich von dem Projekt Null-Budget-Überraschungshochzeit erzähle, wird von mir angesteckt.

Unter den Gästen befindet sich eine Fotografin, die das professionelle Hochzeitsshooting übernimmt. Ein Gast will ein schickes Auto anmieten, die Schmückung übernehmen und bietet sich an dem Tag als Chauffeur für das Hochzeitspaar an. Ein Musiker und DJ mit eigener Anlage will für gute musikalische Laune auf der Feier sorgen. Die Kosten der dreistöckigen Hochzeitstorte übernimmt der Bruder des Bräutigams, der von weit anreist und sonst nicht viel zur Planung beitragen kann. Das Catering für die über 60 Gäste wird an diejenigen verteilt, die gute Kochkünste vorweisen und kulinarisch zu einem hochzeitswürdigem Buffett beitragen können. Getränke bringt jeder Gast selbst mit. Nach sehr langer Suche findet sich auch ein Raum, der auf alle verteilt, bezahlbar ist.

Für die gesamte Planung, Organisation, Koordination und Ausführung investiere ich ca. drei Monate. Fast jede Minute meiner Freizeit, die nach meinem Studium und Job übrigbleibt, verbringe ich mit der Vorbereitung der Hochzeit des Freundes. Jeder, dem ich von dem Projekt Null-Budget-Überraschungshochzeit erzähle, wird von mir angesteckt. Besitzer von kleinen Läden, indem ich nach guten und günstigen Hochzeitsdekorationen suche, sind gerührt von der Geschichte und holen kostenlose Deko aus dem Lager heraus und tragen so zur Hochzeit bei. Von einem in den anderen Laden rennend, suche ich die hochwertigsten, aber allergünstigsten Dekorationsmaterialien, um die Hochzeit in einheitlichen Farben zu halten.

Die Blumendekoration für die Hochzeitfeier kommt aus dem Diskounter. Meine Arbeitskollegin, die nichts mit der Hochzeit zu tun hat, stellt ihre Zeit zur Verfügung und bereitet mit mir Hochzeitsblumengestecke für die Tische vor. Da keiner der Gäste bei der Zeremonie im Ausland dabei war, übernimmt meine beste Freundin, die die Person ist, die mich mit dem Freund damals bekannt gemacht hat, die Trauung vor, die wir nachspielen wollen. Die beiden Turteltauben sollen vor uns das Ja-Wort geben. Bis zur Trauungsurkunde ist an alles gedacht.

Die Organisation steht und alles ist bis ins kleinste Detail geplant. Tag der Überraschungshochzeit. Mein Freund übernimmt sämtliche Fahrangelegenheiten an diesem Tag und der enge Kreis an ca. zehn Freunden, steht für die Aufgaben vor-, während- und nach der Hochzeit bereit. Mit einigen üblichen Missgeschicken und unvermeidlichen Verspätungen sind die Gäste bereit, die Feierlichkeiten zu starten.

In Absprache erzählte der Bräutigam seiner Braut, dass die Fotografin-Freundin ein Fotoshooting mit ihnen geplant hat, sozusagen als Geschenk für die beiden. So hatte er sie dazu gebracht, sich wieder in ihr Brautkleid zu werfen und sich chic für den Tag zu machen. Während immer mehr Gäste an der Hochzeitlokation eintreffen, erhalte ich die Nachricht des Chauffeur-Freundes, dass die beiden das Fotoshooting hinter sich haben und auf dem Weg sind.

Danke für alles, kannst ja mal zum Kaffee vorbeikommen?!?

Nachdem das Brautpaar zur eigenen Hochzeit erscheint, wird allen Gästen schnell klar, dass die Braut ihre Anwesenheit auf dieser Hochzeit nicht wirklich zu genießen scheint. Eine Nachfrage beim Bräutigam ergibt, dass sie sich nicht wohlfühle, da sie sich nicht mit allen unterhalten könne. Dies ist selbstverständlich eine Notlüge, den mindestens fünfzig Prozent der Gäste sind der Landessprache der Braut mächtig und die meisten anderen sprechen die Fremdsprache, die die Braut spricht.

Ungeachtet der Laune der Braut, feiern die Gäste eine Überraschungshochzeit, die eine Überraschung für sie selbst wird. Mit dem Wenigen sarkastischen, was die Braut von sich gibt, erscheint es, als ob nun die Gäste unabhängig vom Anlass feiern. Am Ende des Abends, als fast alle Gäste gegangen und auch Braut und Bräutigam sich auf den Weg machen, bekomme ich zum Abschied vom Bräutigam ein „Danke für alles“ und ein „Kannst ja mal zum Kaffee vorbeikommen“ von der Braut. Nach der Hochzeit höre ich nichts mehr von den beiden.

Etwa ein Jahr später, treffe ich den Freund auf einer Geburtstagsparty einer gemeinsamen Freundin. Wir unterhalten und kurz und ich wundere mich, dass er die Hochzeit rein gar nicht erwähnt. Sollte das wirklich alles gewesen sein, was er zu sagen hat? Danke für alles, kannst ja mal zum Kaffee vorbeikommen?!? Im Ernst?!? Nicht mal eine offizielle Einladung?

Nach der Party mache ich mir Gedanken und entschließe mich, den Freund zu kontaktieren und erwische ihn sogar beim ersten Anruf alleine zu Hause. Im Telefonat stellt sich heraus, dass beim Freund der Eindruck entstanden ist, dass ich der Freundin, die uns bekannt gemacht hatte, also meiner beste Freundin(!), lediglich bei der Hochzeitsvorbereitung geholfen hätte. Sie hätte ihn stets auf dem Laufenden gehalten und ihm erzählt, was „wir“ schon alles erledigt hatten. … Mir fehlen die Worte!

Jedoch stellt sich mir die Frage, was eigentlich die Aufgabe in dem Erlebten ist.

Mit dem Freund hatte ich beim damaligen Telefonat abgemacht, dass es auch eine Überraschung für ihn sein sollte und ihm deshalb nichts erzählen werde. Außer den Themen, die mit ihm abgesprochen werden müssen, sollte er keine Details bekommen. Dies wurde auch genauso mit allen Gästen kommuniziert, auch mit meiner besten Freundin. Die Freundin, die die Trauungszeremonie auf der Hochzeit übernommen und sonst keinen weiteren Beitrag geleistet hatte. Warum sollte sie auch? Nach außen hin hatte sie den Eindruck hinterlassen, dass sie alles verantwortlich organisierte.

Wie sich später herausstellt, wurde die gemeinsame Freundin sogar vom Brautpaar als Dankeschön zum Abendessen eingeladen, für die Mühe, die sie sich gegeben hatte. Warum man sich unter diesen Umständen überhaupt bei mir bedankt und mir halbherzig einen Kaffeebesuch anboten hat, frage ich mich heute noch. Der Freund versucht sich zu erklären. Mag sein, dass ein falscher Eindruck entstanden ist, aber vieles von dem, was er mir erzählt wirft mehr Fragen auf, als er beantworten kann. Da ich gerade am Telefon bin und für ihn eine gute Freundin, erzählt er mir von den Problematiken in seiner Ehe. Sie interessieren mich nicht. Ich belasse es dabei und wünsche ihm in seiner Ehe und bei seinen zukünftigen Freundschaften viel Glück.

***

Während sich die Wege zweier Menschen kreuzten und zu einem gemeinsamen wurden, trennten sich meine von zwei Menschen: Einem ‚guten Freund‘ und meiner ‚besten Freundin‘. Das Leben schickt uns so viele Menschen an unsere Seite. Einige begleiten uns ein Leben lang, einige nur für einen gewissen Abschnitt. Heute, fast eineinhalb Jahrzehnte später, ist von der Enttäuschung und vom dem Schmerz von damals längst nicht mehr übrig. Jedoch stellt sich mir die Frage, was eigentlich die Aufgabe in dem Erlebten ist.

Sollte ich meine Freunde sorgfältiger auswählen? Sicherlich! Sollte ich mich nicht mehr so ins Zeug für andere Menschen legen? Absolut! Sollte ich dafür sorgen, dass meine Leistungen auch gesehen und honoriert werden? Bingo! … Wie oft leistete ich etwas – ob nun beruflich oder privat – und eine andere Person bekam dafür das Lob, den Bonus oder, wie in diesem Fall, das Abendessen spendiert? Verdammt oft!

Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, den eigenen Wert zu erkennen und diesen nicht unter den Scheffel zu stellen. Wie? Keine Ahnung, aber die Erkenntnis ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Wenn ich nicht zulasse, gesehen zu werden, dann schmücken sich andere mit meinen Federn. Es liegt einzig und allein in meiner Hand. Na dann, auf in unbekannte Gefilde.

© Serap Yildirim / 2018

 

Beitragsbild: Photo by Nathan Walker on Unsplash
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11 Comments

  1. kopfundgestalt

    Oje!
    Dazu lässt sich viel sagen.

    Die eine Antwort hast Du Dir selbst gegeben: Den eigenen Wert erkennen .
    Man hat den Eindruck, Du glaubst, Du müsstest unendlich viel leisten, um geliebt zu werden.
    Nein, Du musst garnicht viel leisten, um geliebt zu werden. Es ist keine Sysiphos-Anstrengung nötig.
    Wer in Deinem Aufwachsen hat Dir vermittelt, daß Du nur etwas wert bist, wenn Du dafür rackerst.

    Eine gängige, oft vorkommende psychologische Erklärung ist, daß man erfahren hat, daß manals Kind nicht wirklich geliebt wurde. Nicht wirklich beachtet. Also verdoppelt man als kleines Kind seine Anstrengungen, in der Hoffnung, jetzt geliebt zu werden. Aber es reicht offenbar nicht. Das Kind fragt sich, wieso? Was ist an mir falsch? Und verdreifacht die Anstrengung.

    So oder so könnte es gewesen sein.

    Aus dem Rad muß man als Erwachsener irgendwann aussteigen, auch wenn es sehr schwer fällt. Es aushalten, das nächste Mal kaum zu helfen, sich einzubringen, da zu sein.
    Dem armen kleinen Mädchen in sich sagen, daß es liebenswert ist. Immer liebenswert. Es an die Hand nehmen und es trösten und seinen Wert versichern.

    Gefällt 2 Personen

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