Memoiren #3

7½ – 11¼

Während meiner Grundschuljahre beginnt langsam der Ernst des Lebens. Auf die kulturellen und religiösen Fragen der deutschen Mitschüler, Eltern und Lehrer versuche ich mit meinem kindlichen Wissensstand, Rede und Antwort zu stehen. Was mich verwirrt, ist, dass ich einerseits wohl anders bin, aber andererseits nicht anders genug, um in das Bild zu passen, welches die Deutschen von meinesgleichen zu haben scheinen.

In der zweiter Klasse erhalte ich neben dem regulären Unterricht nachmittags zusätzlich auch muttersprachlichen Unterricht in Türkisch. Damit beginne ich, nicht nur in zwei Sprachen verbal zu kommunizieren, sondern auch lesen und schreiben zu lernen. Nachdem ich das türkische Alphabet auswendig kann und meines Erachtens auch schon gefestigt bin im Schreiben, schlage ich meinem deutschen Klassenlehrer vor, dass wir Veränderungen in der deutschen Sprache vornehmen sollten.

Den türkischen Buchstaben „ş“, der wie ein „sch“ ausgesprochen wird, könnten wir statt eines SCH’s benutzen und somit Wörter wie Şule (Schule) viel schneller bei Diktaten schreiben. Außerdem hätten wir an Buschstaben gespart. Meine kleine Liste an deutschen Wörtern, die ich mit türkischen Buchstaben verkürzt und vereinfacht habe, finden keinen Anklang bei meinem Vollblutklassenlehrer. Mir wird einfühlsam erklärt, dass ich beide Sprachen getrennt voneinander lernen und anwenden muss. In Diktaten wäre es wichtig, die Buchstaben zu verwenden, die in der jeweiligen Sprache auch tatsächlich benutzt werden.

Da es mit den Buchstaben nicht geklappt hat, versuche ich mein Glück mit den Zahlen. Ein Beispiel vorgebend, erkläre ich meinem Klassenlehrer, dass im Türkischen die Zahlen nach der Reihe gelesen werden und nicht wie im Deutschen „hin- und hergesprungen“. Damit meine ich, dass die Reihenfolge beim Lesen der Zahlen Hunderter, Zehner, Einer ist und nicht wie im Deutschen: Hunderter, Einer, Zehner. Das würde überhaupt keinen Sinn ergeben. Schließlich würden wir beim Lesen eines Textes auch nicht erst ein Wort überspringen, das nächste Wort lesen, um dann wieder zu dem vorherigen Wort zurückzuspringen. Aber auch hier muss ich lernen, dass es Regeln gibt, die ich nicht ändern kann, auch wenn meine Vorschläge mehr Sinn ergeben – zumindest für mich.

Sie fragt mich, ob ich eine Hure sei.

An einem für mich ganz besonderen Tag, führt uns eine kleine Exkursion mit meinem Klassenlehrer in die schuleigene Bücherei. Dort bekommen wir einen kleinen Ausweis, lernen das Konzept des Bücherausleihens und werden eingeweiht in die Kategorien von Büchern, die sich auf den Regalen befinden. Zwei Bücher dürfen wir uns ausleihen und wenn wir diese lesen und spätestens in zwei Wochen wieder zurückbringen, dürfen wir wieder zwei neue Bücher ausleihen. Noch nie in meinem Leben habe ich so viele Bücher gesehen. Zuhause liest keiner und bis zu dem Zeitpunkt kenne ich auch keine Büchereien. Eine ganz neue Welt eröffnet sich für mich. Zu Hause erzähle ich anne – türkisch für Mutter – mit großen Augen und in voller Aufregung, von dem Raum in der Schule, indem es nur Bücher gibt und wir diese ausleihen können, um sie zu lesen.

Es ein türkischer Festtag und ich bin chic gekleidet und darf runter zum Spielen, bis die erwarteten Gäste zu Besuch kommen. Zur Feier des Tages, lackiert meine Mutter sogar meine Fingernägel. Jetzt sind sie rot, genauso wie ihre. Es gefällt mir. Draußen spiele ich mit einem türkischen Mädchen, welches im Haus gegenüber von uns wohnt. Sie fragt mich, ob ich eine Hure sei. Ihre Mutter hätte ihr erzählt, dass nur Huren Farbe auf den Nägeln tragen. Zu Hause frage ich anne, ob wir Huren sind und erzähle, was das Mädchen von gegenüber gesagt hat. Anne erklärt mir, dass diese Familie aus einem ländlicheren Kreis der Türkei kommt und großstädtische Gewohnheiten für sie befremdlich sein können. Meine Großmutter in der Türkei würde doch auch ihre Nägel lackieren. Das stimmt. Was mich in dieser und in ähnlichen zahlreichen Situationen verwirrt, ist, dass meine Familie und ich wohl anders sind, um in das türkische Bild der uns umgebenden Türken zu passen.

Mit meiner Schulklasse geht es eines Tages zum Hafen. Meine erste Hafenrundfahrt. Mich begeistert das Wasser, die Schiffe und vor allem faszinieren mich die Container, die es dort zu sehen gibt. Was da wohl alles drinsteckt? Woher sie wohl kommen? Wohin sie wohl gehen? Einige von ihnen reisen von ganz weit her. Meine kindliche Wissbegierde, was es wohl noch alles auf dieser Welt gibt, ist geweckt. Als einzige Schülerin in der Klasse habe ich einen Fotoapparat mit und schieße während der Fahrt ein paar Bilder, so, wie es mein Vater mir beigebracht hat. Später, als die Filmrolle entwickelt wird, bringe ich die Fotos mit in die Schule und die Referendarin und ich erstellen mit all den Fotos eine kleine Hafenzeitung. Zum ersten Mal in meinem Leben werde ich Redakteurin und Mitherausgeberin einer Zeitung.

Diese Technik des Eierfärbens kennt sie aus ihrer Kindheit, von ihren armenischen und griechischen Nachbarn in Istanbul.

Eine ganz besondere Zeit des Jahres ist die St. Martins Zeit. Jaaa, ich gehe mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir … und zwar hinter St. Martin her. Er reitet langsam voran auf seinem Pferd, gefolgt von einer Musikkapelle und hinter ihnen her alle Grundschüler, Eltern und Lehrer meiner Grundschule. Mit unseren selbstgebastelten Laternen ziehen wir singend durch die Straßen. Der lange Weg führt uns letztendlich wieder zurück auf den Schulhof, wo es ein echtes Feuer gibt. In der Nähe des Feuers sitzt ein Bettler und St. Martin steigt von seinem Pferd herab und teilt mit dem Schwert seinen Umhang und gibt die eine Hälfte dem Bettler. Das berührt mich sehr und ist jedes Jahr ein besonderer Moment für mich. Später gibt es dann in St. Martin Geschenktüten jeweils einen Weckmann mit Pfeife, Obst, Nüsse und sogar Schokolade für uns.

Ebenfalls besonders ist in unserer Familie auch die Osterzeit. Auch wenn dies kein türkisches oder gar muslimisches Fest ist, zelebrieren wird zu Hause unsere eigene Version davon. Baba – türkisch für Papa – bläst den Inhalt aus rohen Eiern heraus, damit wir die Eierschalen später bemalen können. Neben den üblichen Farben und Stickern für die Eier, stellt anne farbigen Sud jeweils aus Zwiebelschalen, Tee, Spinat und roter Bete her. Diese Technik des Eierfärbens kennt sie aus ihrer Kindheit, von ihren armenischen und griechischen Nachbarn in Istanbul. Diese Geschichten werden jedes Jahr aufs Neue erzählt, während wir um den Tisch herumsitzen und Eier färben.

Nach den schönen und lehrreichen Grundschuljahren verabschiede ich mich – wie alle anderen in der Klasse auch – tränenreich von einem Bilderbuchklassenlehrer, der nicht nur bei den Schülern, sondern auch bei den Eltern sehr beliebt ist. Meine Noten sind gut genug für die Realschule, obwohl man empfiehlt, dass ich die Hauptschule besuchen soll, um es leichter zu haben, weil Deutsch nicht meine Muttersprache ist. Das kommt für meine Mutter gar nicht in Frage. Mit den Noten und dem Ergebnis des IQ Tests sieht sie keinen Grund, mich zur Hauptschule zu schicken. Meine Realschulzeit startet Dank ihrer Hartnäckigkeit in einem anderen Stadtteil und ein neuer Lebensabschnitt für mich beginnt.

© Serap Yildirim / 2018

Dieser Beitrag ist Teil einer 12-Wochen-Serie auf meinem Blog basierend auf dem Buch von Julia Cameron – Es ist nie zu spät anzufangen. Weitere Infos hier.

14 Comments

  1. finbarsgift

    Das mit den Zahlen fiel mir in der Grundschule auch sofort auf und monierte es bei der Lehrerin, die mich aber abwies mit den Worten: es ist nicht alles logisch im Leben…
    Fein erzählt, liebe Serap, erneut, herzlichen Dank für den Einblick in deine zweisprachige Welt als Kind.
    Liebe Grüße zur Nacht vom Lu

    Gefällt 3 Personen

      1. finbarsgift

        *lächel* Das klingt verlockend, liebe Serap, aber die anderen Völker haben ja auch so ihre Eigenheiten damit.

        Schau dir zum Beispiel mal die Franzosen an, die zu 80 Quatre-Vingt sagen, also 4 mal Zwanzig, das ist doch abartig, oder??!!
        Oder zu 90 Quarte-Vingt-Dix, 4 mal 20 plus 10, also eine Rechenaufgabe als Zahlenname! *hehe*
        Irre, finde ich 😆

        Das mache ich seeehr gerne, weil deine Memoireneinträge ganz wundervoll (zu lesen) sind …

        Herzliche Morgengrüße vom Lu

        Gefällt 2 Personen

        1. mynewperspective

          Oh, ja … die Zahlen im französischen. Schrecklich, auch wenn ich die Sprache wirklich sehr liebe. Wer kommt nur auf solche Ideen? 😊 Klar ist alles historisch bedingt … aber ich bin eher für die einfachen Dinge im Leben 😉.

          Bei so einer netten Wegbegleitung, bekommt das Verschriftlichen der Erinnerungen einen besonderen Wert. Bin sehr dankbar für diese schöne Erfahrung.

          Einen schönen Start in die Woche wünsche ich Dir, lieber Lu

          Gefällt 2 Personen

    1. mynewperspective

      Sicher bin ich mir nicht, aber ich glaube, dass es damit zusammenhängt, dass die indisch-arabischen Zahlen, die römische ersetzten, aber die Leserart der römischen Zahlen beibehalten wurde … oder so ähnlich.
      Hoffe, dass Adam Ries sich jetzt nicht im Grabe umdreht.

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    1. mynewperspective

      Danke sehr. Eine Kultur besitz in jedem Land unterschiedliche Facetten. In der Hinsicht, unterscheiden sich die Länder untereinander nicht. Es gibt meines Erachtens auch nicht die deutsche Kultur. Der Süden bringt andere kulturelle Begebenheiten mit, als der Norden, der Westen wiederum andere, als der Osten … und natürlich sämtliche Nuancen dazwischen. Kulturelle Vielfalt besteht in jedem Land, auch ohne ausländisch kulturellem Einfluss.

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  2. Jules van der Ley

    Ganz schön clever ist die Idee mit der Sparschreibung. Tatsächlich hat es in Deutschland in den 1920-er Jahren solche Reformansätze gegeben, nur nicht mit diakritischen Zeichen aus der türkischen Orthographie wie ş für sch. Dass du als Kind Einsichten aus der einen Sprache auf die andere übertragen hast, gefrällt mir gut. Unverständlich ist mir die Empfehlung Hauptschule durch die Grundschule. Auch deine Kritik an der dt. Lesart der Zahlen zeigt, dass du sogar zu klug für die Realschule warst.

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    1. mynewperspective

      Mittlerweile habe ich mich damit abgefunden, dass meine Ideen zur Sparschreibung keinen Anklang gefunden haben. 😉 Scheinen ja auch schon andere daran gescheitert zu sein, wie Du schreibst. Interessant war es für mich zu entdecken, dass ich damals schon dafür war, Dinge zu vereinfachen und zu optimieren. Hat sich bisher auch so gehalten. Warum die Hauptschule empfohlen wurde, ist tatsächlich verwunderlich. Die Noten waren gut genug. Damals hieß es, dass ich es sprachlich nicht schaffen werde. Ob ich zu klug für die Realschule war? Vielleicht. Es würde erklären, warum ich mich dort zu Tode gelangweilt habe.

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