Künstlertreff #2

Der Künstlertreff in Woche zwei war ein bereits vorgeplanter Termin im Tanzstudio und ich entschied mich aus Zeitgründen, diesen als Künstlertreff der Woche zu verbuchen.

In der Begleitung von fünf weiteren gleichgesinnten Frauen und einer anleitenden Tanzlehrerin beginnen wir nach sehr intensiven und guttuenden Aufwärm- und Stretchübungen, mit Authentic Movement. Dabei schließen sich zwei Frauen zusammen, während eine auf dem Boden liegt und die Augen schließt. Die Partnerin sitz am Kopfende und der erste Schritt beginnt damit, dass beide Personen, ganz mit sich selbst vereint sind, bevor die Session des Gebens und Annehmens beginnen kann.

Die sitzende Partnerin umfasst als erstes mit ihren Händen den Kopf der liegenden Partnerin, wiegt sich dann selbst langsam mit dem Oberkörper nach links und rechts, wobei der Kopf der liegenden Partnerin sanft mitschwingt und die sitzende Person durch das Hin- und Herwiegen des Kopfes, ihre Hände ganz runterschieben kann. Während die sitzende Partnerin ihren Körper ganz bewusst und wahrnehmend nach hinten schwingt, zieht sie aus dieser Bewegung heraus den Kopf und somit den Hals der liegenden Partnerin leicht in die Länge. Ein bis zweimal, so wie es sich gut anfühlt und dann geht es weiter mit den Schultern.

Noch mit einer Hand unter dem Kopf der liegenden Partnerin geht es mit der anderen Hand an die Schulter, die weg vom Kopf, nach unten geschoben wird. Durch diese Dehnung des Nackens, fällt auch der Arm auf dieser Seite ganz natürlich nach Außen und die Hand der liegenden Person öffnet sich nach oben hin und das Empfangen bekommt eine weitere Bedeutung. Weiter geht es mit dem Arm der bereits gedehnten Schulter-Nacken-Seite und die aktive Partnerin umfasst diesen mit der einen Hand am Ellbogen und mit der anderen an der Hand und bewegt den Arm, der idealerweise völlig unter ihrer Kontrolle ist, in diverse Richtungen. Ziehend, schiebend, kreisend, dehnend beschenkt sie die liegende Person unter Einsatz ihrer eigenen Körperverbundenheit, mit einem gegenseitigen Vertrauen. Danach schiebt sie ihre Hände unter das Schulterblatt und sobald die liegende Partnerin ihr Gewicht darauf ablegt, zieht sie sie, sanft das Schulterblatt nach außen mitdehnend, unter dem Körper heraus und fährt mit beiden Händen den gesamten Arm herunter.

Weiter geht es mit dem gegenüberliegenden Bein. Mit einer Hand unter dem Kniegelenk und der anderen Hand an der Ferse, dehnt, schiebt, streckt, kreist und zieht die aktive Partnerin das Bein in diverse Richtungen, zum Körper hin und auch wieder weg und streicht es abschließend, am Bauch beginnend, runter an den Oberschenkelaußenseiten, bis zum Knie und dann mit beiden Händen runter zu den Füßen hin, aus. Dann folgt der Arm auf dieser Seite und danach das gegenüberliegende Bein. Zum Abschluss werden beide Beine aufgestellt und der einizge aktive Teil der liegenden Person besteht darin, dass sie das Gesäß leicht anhebt, sodass die Partnerin ihre Hand unter das Steißbein schieben kann. Sobald das Gewicht der liegenden Person auf die Hand abgegeben wird, zieht die aktive Person langsam und somit auch dehnend ihre Hand unter dem Körper hervor. Danach beginnt die Zeit der liegenden Person mit sich selbst und ihrer eigenständig gesteuerten Bewegung, die weiterhin mit geschlossenen Augen erfolgt, während die andere Person diesen Prozess aktiv beobachtet.

Meine Hände erzählen tänzerisch eine Geschichte.

Meine Partnerin ist als erstes die liegende Person. Aus näherer Distanz beobachte ich, wie sie sich erst leicht streckt und dehnt und langsam zum Sitzen kommt. In dieser Position verweilt sie ein wenig und steht danach auf, wobei jetzt im Hintergrund bereits sanfte orientalische Musik ertönt. Es ist, als ob ich einem Frühlingserwachen beiwohne, denn genau so interpretiere ich die Bewegungen meiner Partnerin. Ihr Finger tanzen sanft und ihre Arme breiten sich aus und es gibt zwei ausgeprägte Flügelschläge. Mit beiden Beinen auf der Erde, spüre ich die Verwurzelung meiner Partnerin, wobei ihr Oberkörper sich der Musik hingebend mit einer Leichtigkeit hin- und herschwingt.

Die Schönheit, die mir dargeboten wird, fühle ich tief in meinem Herzen. Ein süßlicher Schmerz, der meine Augen leicht mit Glückstränen befeuchtet. Zeuge von den inneren Impulsen, Bewegungen, spontanen Gesten und manchmal auch von dem kurzen Stillstand zu werden, veranlasst auch mich dazu, meine innere Wahrheit zu erspüren. Als meine Partnerin nach Ende der Musik langsam die Augen öffnet, liegen wir uns schnell in den Armen und tauschen uns danach kurz über die eigenen Empfindungen aus. Ein besonderer Moment des gegenseitigen Gebens und Nehmens.

Danach bin ich die Person, die sich erst vertrauensvoll den vorgegebenen Bewegungen der Partnerin und danach den eigenen innerlichen Impulsen hingibt. Aus dem liegenden Zustand heraus, komme ich in der Stille nach ein paar Dehnungen und leichten Drehungen in den Schneidersitz. Dort verweile ich die gesamte Zeit, während sich meine Hände und Arme ausbreiten und zur Musik tanzen. Mir wird bewusst, wie stark der Einfluss des ersten Künstlertreffs meine Bewegungen beinflussen. Meine Hände erzählen tänzerisch eine Geschichte. Mal fliegen sie gemeinsam in eine Richtung, mal gehen sie getrennte Wege, mal verweilen sie eine kurze Zeit miteinander, mal wollen sie längerfristig beisammen sein. Während sich die eine Hand hin und wieder auf das Herz legt, fliegt die andere einige Runden, um die auf dem Herz liegende wieder abzuholen und gemeinsam in die Lüfte zu schweben.

Manchmal möchte mein Oberkörper sich mitbewegen. Beim Brustkorb kreist ab und an leicht mit, meine Bauchmuskeln schlagen leichte Schlangenwellen, mein Kopf dreht sich in die Richtung der Hände und schaut ihnen mit geschlossenen Augen hinterher und beobachten sie mit dem inneren Auge. Die Energie meiner Partnerin nehme ich irgendwann deutlich wahr. Sie setzt sich etwa ein Meter schräg rechts vor mir hin. Ihre Anwesenheit und ihre Blicke spüre ich und fühle mich geborgen und sicher in dem Prozess des Gesehenwerdens. Als die Musik zu Ende kommt und ich in meinem Tempo langsam meine Augen öffne, sitzt meine Partnerin genau am dem Ort, den ich mit geschlossenen Augen wahrgenommen habe. Auf einem Meditationskissen ruhend, blickt sie mich liebevoll an und sagt: „Deine Hände haben eine Geschichte erzählt.“ Ein besonderer Moment der Verbundenheit.

© Serap Yildirim / 2018

Dieser Beitrag ist Teil einer 12-Wochen-Serie auf meinem Blog basierend auf dem Buch von Julia Cameron – Es ist nie zu spät anzufangen. Weitere Infos hier.

7 Comments

  1. kopfundgestalt

    Ich kenne solche Erfahrungen von Gruppenkörpertherapien, die ich vor jetzt 16-18 Jahren machte.
    Auch vom Aqua-Healing. Einen solchen Nachmittag verbrachte ich einst in einem Bad. Dabei führte ich sacht eine Partnerin, die auf dem Wasser lag, durch das Wasser. Sie lässt es geschehen, ganz wunderbar. Man vertraut, lässt es geschehen, es ist sehr nah.
    Ich erinnere mich gerne daran.
    Einer älteren Kursteilnehmerin war es zu nah, sie stieg vorher aus. Das kann natürlich passieren.

    Ich freue mich, daß Du solche Erfahrungen machst, sie sind das Salz dieser Erde!

    Gefällt 1 Person

    1. mynewperspective

      Deine Erfahrungen beim Aqua Healing klingen sehr interessant. Davon habe ich noch nie etwas gehört. Das so etwas auch zu nah sein kann, ist verständlich. Vor allem denke ich, dass es auch immer darauf ankommt, mit welchem Partner man sich zusammenschließt. Vielen Dank, dass Du Deine Erfahrung hier mit mir teilst. Ein derartiger Erfahrungsaustausch erachte ich als sehr bereichernd und auch horizonterweiternd.

      Gefällt 1 Person

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