Himmlische Hilfe

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Schnellen Schrittes schreite ich zu meinem Termin. In mir eine Wut, über das, was gerade im Berufsleben passiert. Irgendwas scheine ich nach fast drei Jahrzehnten in der Arbeitswelt immer noch nicht zu verstehen. Vielleicht ist es auch die Schuld meiner Eltern, die mir so etwas wie Pflichtbewusstsein vorgelebt und beigebracht haben.

Meine Gedanken reden sich in Rage und meine schnellen Schritte werden noch schneller. Mit der Wut in mir, die vor allem gegen mich selbst gerichtet ist, eile ich zu meinem Termin, obwohl es überhaupt keinen Grund zur Eile gibt. Auch wenn ich bemerke, dass ich gerade in einer Spirale an Gedanken stecke, die ins Unendliche reicht, schaffe ich es nicht, mein körperliches und geistiges Tempo zu drosseln. Ampeln und Kreuzungen überquerend, stelle ich einen Rekord in – was auch immer – auf.

Mir kommt eine Fußgängerin entgegen. Bevor wir einander passieren, treffen sich unsere Blicke für eine Sekunde und ich wende meinen Blick danach wieder geradeaus.

„Wow, was für eine Energie!“ ruft die Fußgängerin während wir aneinander vorbeigehen, „Himmlisch!“ und bleibt stehen. Ich brauche noch zwei Schritte, um alles zu realisieren, bleibe ebenfalls stehen und drehe mich zur Fußgängerin um.

„Wie bitte?“ frage ich erstaunt.

„Ihr Blick! Sie blicken himmlisch! Ihre Augen funkeln!“

Etwa Flammen meiner Wut? schießt es mir durch den Kopf.

„Bin mir nicht sicher, was Sie genau meinen, aber trotzdem vielen Dank!“ erwidere ich noch staunend.

Die Fußgängerin schaut mich an und fragt zu meiner Überraschung, ob ich ein Engel sei. Nun bin ich komplett verwirrt. Diese Frage wurde mir bereits schon einmal im Leben gestellt, aber damals war die Situation eine völlig andere, nicht vergleichbar mit dem innerlichen Chaos, den ich gerade durchlebte.

„Nicht, dass ich wüsste“, antworte ich komplett verwirrt.

„Gut, ist auch schön. So haben Sie sich wenigstens beim Herunterfallen nicht verletzt.“

„Das ist wohl wahr“, erwidere ich leicht lachend.

„Tschüss.“

„Tschüss.“

Die Fußgängerin und ich drehen uns fast gleichzeitig um und gehen weiter auf unserem Weg. „Ich, ein Engel?“ frage ich mich selbst, kopfschüttelnd. „Was für ein Quatsch!“, beantworte ich meine eigene Frage schmunzelnd. „Aber was, wenn sie …?“

Ich bleibe stehen und drehe mich um und schaue der Fußgängerin, die einen schwarzen Kaputzenshirt mit einem Totenkopf aus Strasssteinen auf dem Rücken trägt, kurz nach. „Was, wenn sie ein Engel ist oder eine Gesandte des Himmels?“ Wieder drehe ich mich um und gehe weiter. Mein Tempo ist jetzt um einiges langsamer als zuvor. Fast jeden Schritt bewusst wahrnehmend, denke ich über das kurze Zusammentreffen nach.

Vielleicht war es wirklich eine himmlische Fügung? Von meiner Wut spürte ich absolut nichts mehr. Die Gedankenspirale hatte sich irgendwann, ohne dass ich es bemerkte, aus mir herausgedreht. Mit einer Leichtigkeit und einem Lächeln im Gesicht, schlendere ich weiter und erscheine – trotz Entschleunigung auf halben Wege – viel zu früh zu meinem Termin.

Das Leben steckt voller Wendungen. Von der einen zur anderen Sekunde kann sich viel verändern. Auch in Zeiten, in denen wir es nicht schaffen, auf die Bremse zu treten, können unbewusste Rufe erhört werden. Vor allem dann, wenn unsere Beschleunigung überhaupt keinen Nutzen mit sich bringt.

© Serap Yildirim / 2018

 

Beitragsbild: Photo by 小胖 车 on Unsplash
Musik für Audio:
http://www.orangefreesounds.com/heroic-drums/
http://www.orangefreesounds.com/edvard-grieg-morning-mood/

17 Comments

  1. Jules van der Ley

    Schöne Geschichte und danke fürs Vorlesen! Das ist wohl geschickt abgemischt, – in der Wutphase mit dumpfem Wummern im Hintergrund und im Schluss bei der quasi himmlischen Lösung des inneren Konflikts die verhalten auftönende Musik. Toll!
    „Fast drei Jahrzehnte in der Arbeitswelt“ mag ich gar nicht glauben, bei der quasi glockenhellen jungen Stimme. Ist wohl ein Rechenfehler. Du müsstest schon als Kleinkind zu arbeiten begonnen haben 😉

    Gefällt 1 Person

    1. mynewperspective

      Danke sehr, Jules. Freut mich sehr, dass Dir die Audioversion gefallen hat. Mein kleiner Versuch, die Dienstagsgeschichten auch als ‚Hörspielversion‘ zu veröffentlichen, wenn ich die richtigen Sounds und die passende Musik dafür finde.
      Nein, kein Rechenfehler … wenn man meine zweijährige Berufsausbildung mitzählt, dann sind es jetzt genau 29 Jahre und 19 Tage in der Arbeitswelt. 🙂 oder eben zwei Jahre weniger. Trotzdem fasse ich „glockenhelle junge Stimme“ als Kompliment auf und nehme es hiermit feierlich und dankend an.

      Gefällt 1 Person

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